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"Denn ich war immer in der Obdachlosigkeit
des Schreibens zu Hause
...
"

Ein literarisches Gespräch

Villa Roccamont. Neapel

"Aber was erzähl ich Ihnen all dies. Als Literaturwissenschaftlerin haben Sie
ja keine Ahnung von all dieser Einsamkeit all dieser Schreibarbeit. Und unsere Kinder
sind die Opfer unserer Verrücktheit... Mein Gott. Unsere Töchter. Unsere Töchter... Paula.
Pauline. Und Augustine. Dumm... Dumm aber hübsch. Mein ganzer Stolz."

Von Martin K. M. Menzinger


    Die Kulturjournalistin Anna Katharina Belcanto führte anlässlich der Uraufführung des Theaterstückes "Die Spitzenklöpplerin zu Zermatt" des Dramatikers Lars Leander Lilienfeldt von Rompoldt am Burgtheater Wien ein Gespräch mit Lars Leander Lilienfeldt von Rompoldts Ehefrau Anna Maria Theresia Lilienfeldt von Rompoldt. Die Schriftstellerin Anna Maria Theresia Lilienfeldt von Rompoldt gilt mit ihren 98 Jahren in der Größe ihres Werkes als Granddame der Literatur.

Sehr geehrte Frau Lilienfeldt von Rompoldt... Die Uraufführung des Theaterstückes "Die Spitzenklöpplerin zu Zermatt" Ihres Ehegatten Lars Leander Lilienfeldt von Rompoldt am Burgtheater Wien war ein Ereignis. Die Kritik sprach in Hymnen des Lobes von Ihrem Mann als Magier des Theaters. Was sagen Sie zu diesem großen Erfolg?

Ach... Erfolg. Ja welche Bedeutung hat denn schon Erfolg. Der Trugschluss des Erfolges war uns immer bloß Langeweile. Denn die Arbeit allein... Mein sehr verehrtes Fräulein Belcanto... Ja die Arbeit allein ist das Ziel unseres Schaffens. Die Arbeit auf dem Feld. Die Arbeit im Stall. Und die Arbeit am Tisch in der Arbeit dieser unserer Schreibarbeit... Wenn Sie verstehen was ich meine.

Ja aber selbstverständlich... Verzeihung. Weshalb konnten Sie der Uraufführung des Theaterstückes Ihres Mannes am Burgtheater Wien nicht beiwohnen?

Mein liebes Fräulein Belcanto... Seit 98 Jahren lebe ich dieses mein Leben auf Erden und der Zustand meiner Gesundheit ist ein Zustand der Zerrüttung... Ja um nicht von einem Zustand der Zerstörung zu sprechen. Denn das Leid meines Nervenleides kennt keine Grenzen. Das Omen des Wahnsinnes... Wenn Sie verstehen was ich meine. Und überhaupt. Was... Ja was interessiert mich schon all dies Theater um all dies Affentheater.

Affentheater... Ja aber Sie haben doch selbst einen großen Teil Ihrer Arbeit als Schriftstellerin dem Theater gewidmet. Ihr Name zeichnet für 33 Theaterstücke, die in der Kraft ihrer Dramatik von den größten Regisseuren unsrer Zeit in Szene gesetzt wurden.

Na und?

Ich spür im Klang Ihrer Worte ein gewisses Maß an Resignation.

Resignation? Das ist ja lächerlich. Denn ich bin voller Tatendrang und mein Schreiben steht in der Blüte meines Lebens.

An welchem Projekt arbeiten Sie denn gerade so...

Projekt? ... Ja was um Himmels Willen meinen Sie denn nun auf einmal mit Projekt?

Projekte... Sprachprojekte. Kunstprojekte. Sprachkunstprojekte sozusagen. Was... Ja was schreiben Sie denn so zurzeit?

Mein liebes Fräulein Belcanto... Ich mache keine Projekte. Und ich mache keine Kunstprojekte. Und im Sinne dieser meiner Kunstprojektverweigerung mache ich auch keine Sprachkunstprojekte... Denn das ist Mumpitz. Projekte. Stumpfsinn. Und im Hinblick der Erweiterung Ihres journalistischen Horizontes lassen Sie sich nun ein für alle Mal das Folgende gesagt sein. Ich schreibe nicht irgendwo irgendwie irgendwas... Denn mein Schreiben ist ein Schreiben des Begehrens. Mein Schreiben ist ein Schreiben des Verzehrens. Und mein Schreiben ist ein Akt der Fleischlichkeit... Denn mein Schreiben ist ein Schreiben der Zerfleischung und der Selbstzerfleischung... Wenn Sie verstehen was ich meine.

Das haben Sie nun aber wirklich sehr schön gesagt... Worin liegt der Grund für die Leidenschaft Ihres Schreibens?

Leidenschaft? Ja wer spricht denn hier schon von Leidenschaft?

Nun... Viele Schriftsteller und Schriftstellerinnen sprechen in bezug auf ihre Schreiberei von eben dieser ihrer Leidenschaft des Schreibens...

Das wiederum versteh ich nicht. Ich bitte Sie um Erklärung.

Der Sprachwissenschaftler und Schriftsteller Dr. Kaspar Schacherberger erzählte mir mal im Rahmen der Kitzbüheler Literaturtage, dass sein Schreiben auf dem Prinzip Lust, Last und Leidenschaft beruhe.

Oh Gott oh Gott oh Gott... Das Prinzip Lust, Last und Leidenschaft in der Leidenschaft des Schreibens. Das ist vollkommener Unsinn. Und dieser Dr. Kaspar Schacherberger ist ein Scharlatan. Diese Schreibexistenz ist für jeden Schriftsteller eine Kränkung. Denn diese seine Wortjonglage verliert sich in der Hülse eines Luftblasglasperlenspiels... Schrott. C’est tout. Lust. Last. Leidenschaft. Lächerlich. Schreiben und Leidenschaft ist wie gesagt vollkommener Unsinn. Denn Schreiben... Ja denn das Wesen des Schreibens ist das Wesen der Selbstverständlichkeit.

Das Wesen der Selbstverständlichkeit?

Ja... Das Wesen der Selbstverständlichkeit. Denn es ist das Wesen der Selbstverständlichkeit in der Selbstverständlichkeit des Schreibens in der Selbstverständlichkeit des Atmens... Wenn Sie verstehen was ich meine. Schaun Sie... Schreiben ist wie Fische fangen. Tauchen. Tiefseetauchen wohlverstanden. Denn Sie machen’s immer und immer wieder. Ohne Rücksicht auf Verluste. Und so manches Mal gibt’s Tote. Amen. Oh... Diese Hitze... Diese gottverdammte gottvergessene neapoletanische Sommerhitze. Whiskey?

Danke... Ich trinke nicht.

Oh... Sie Unglückselige. Bourbon Whiskey. Welch Geschenk von Getränk. Die Betäubung des Alkohols ist mein einziger Trost. Ihr Sommerkleid gefällt mir... Lagerfeld?

Danke. Nein. Dior. Christian Dior. Sie sprechen von Ihrer Schreiberfahrung als Selbstverständlichkeit ihres Daseins. Wussten Sie in diesem Zusammenhang schon als Kind, dass Sie eines Tages eine der größten Schriftstellerinnen der Gegenwart sein würden?

Als Kind... Mein liebes Fräulein Belcanto. Ja als Kind wusste ich gar nichts. Denn die Zeit meiner Kindheit war eine sehr harte Zeit. Es war eine Zeit der Entbehrung. Es war eine Zeit der Erniedrigung. Und es war eine Zeit der Entblößung. Die ersten Jahre meines Lebens verbrachte ich als Waisenkind auf dem Hof des Großbauern Pirmin Althysbühl im Emmental in der Schweiz. Und eben dieser Großbauer Pirmin Althysbühl ließ uns Kinder und Verdingkinder Tag für Tag Sommer und Winter in den Pantoffeln dieser unserer Holzpantoffeln auf dem Feld die Feldarbeit machen. Als Lohn gab’s Wasser und Brot. Und die Peitsche. Denn der Großbauer Pirmin Althysbühl vollzog im Lächeln dieser seiner Gattin Rosemarie Althysbühl die Tradition der Züchtigung. Und es war gut so...

Ich verstehe. In Ihrem Roman „Katjas Tod " lassen Sie das Gehöft des Altbauern Ferdinand Felicitas Dürnstein in einer... Ich zitiere „... noch von keiner einzigen Menschenseele jemals gesehenen Feuersbrunst " zu Grunde gehen. War diese Zerstörung in Bezug auf die Dramatik Ihrer Jugend eine Notwendigkeit?

Die Zerstörung als Notwendigkeit? Ach... Über solcherlei Dinge hab ich mir noch nie den Kopf zerbrochen. "Katjas Tod" war mein elfter Roman und die Rezeption der Literaturkritik war mir eine große Beschämung... Wenn Sie verstehen was ich meine.

Beschämung? Dieses Buch „Katjas Tod " war doch in Frau Doerte von Looydenfelsdt Verfilmung ein großer Erfolg.

Erfolg... Weshalb Sie mein Haupt immer wieder mit diesem Lorbeerdornenkranz von Erfolg schmücken. Schaun Sie... Das Ergebnis all dieser Besänftigung von Erfolg war Unglück. Mein Mann Lars Leander erhielt vor über 20 Jahren den Nobelpreis für Literatur der Schwedischen Akademie. Von diesem Zeitpunkt an war für uns die Öffentlichkeit bloß mehr Belastung. Und Bedrohung. Denn unser aller Dasein stand auf dem Spiel. Im Rahmen einer Safari in Kenia flog unser Jeep in tausend Teilen in die Luft. Ein Hinterhalt. Das Lächeln des Freundes im Angesicht des Feindes. Mein Mann Lars Leander und unsere Kinder lagen Monate im Krankenhaus in Mombasa. Der Kampf der Ärzte um das Leben meiner Lieben schien aussichtslos. Doch Gott der Allmächtige ließ Barmherzigkeit walten. Das Wunder der Genesung. Seit dieser Safari sitzt mein Mann mit Kunstfüßen im Rollstuhl. Und unsere Kinder tragen Holzprothesen... Die Holzprothesen vom Holze Mahagoni wohlverstanden. Grund für diesen Terroranschlag auf meine Familie war eben diese unsere Aussetzung auf der Bühne Welt. Denn unsere Literatur war immer auch eine politische Literatur... So denken Sie bloß an Lars Leanders Komödie „Der König der Narren".

Ein Meilenstein der Theaterliteratur...

Danke. Das ist lieb von Ihnen. Lars Leanders Theaterstück „Der König der Narren " in der Regie von Gabriel Klaus Maria Brunello am Burgtheater Wien. Ein Skandal... Denn der Staat stand Kopf. Der Bundeskanzler verlor ob dieser Darstellung den Verstand. Steinhof die Folge. Welch Tragödie. Doch schlussendlich zählt der Samen der Liebe im Schoße der Erde... Wenn Sie verstehen was ich meine.

Ja. Der Samen der Liebe im Schoße der Erde. Im Alter von 20 Jahren verließen Sie Ihre Heimat Schweiz und...

Heimat Schweiz? ... Kindchen. Nun werden Sie mal nicht allzu pathetisch. Denn die Schweiz war mir niemals Heimat. Nein. Die Schweiz war mir immer Fremde. Denn die Schweiz ist ein Krebsgeschwür, das sich in der Perfektion ihrer Organisation in Vernichtung wähnt. Und das Leben auf dem Hof des Großbauern Pirmin Althysbühl war alles andere als ein Honiglecken. Das Gebot Grausamkeit. Weltuntergang Alpenglühen... Lars Leander war meine Rettung.

In Ihrer Erzählung "Die Madonnenlilie" entwerfen Sie das Bild einer Frau, die in der Folge von Pinochets Folter nach Grönland auswandert, um, wie Sie selbst schreiben „...im Eis der Berge und in der Kälte der Meere das Wundmahl der Erinnerung in einem Ritual der Auslöschung zu besänftigen." Könnte man hier von einem ichbezogenen therapeutischen Schreibprozess sprechen?

Mein liebes Fräulein Belcanto... Die Geschichte meiner Biographie ist für die Entwicklung meines Schreibens vollkommene Nebensache. Denn im Zentrum meiner Arbeit steht der Mensch in der Verfänglichkeit seines Daseins. Mein Interesse gilt einzig und allein der Befindlichkeit eines Charakters, um in der Erfahrung der Erschütterung Erzählung zu beschwören. C’est tout. Es ist Knochenarbeit... Denn Schreibarbeit ist Knochenarbeit. Der Körper und Textkörper Sprache unterliegt dem Skalpell des Schriftstellers, der in der Akribie dieser seiner Sprachchirurgie... Aber was erzähl ich Ihnen all dies. Als Literaturwissenschaftlerin haben Sie ja keine Ahnung von all dieser Einsamkeit all dieser Schreibarbeit. Und unsere Kinder sind die Opfer unserer Verrücktheit... Mein Gott. Unsere Töchter. Unsere Töchter... Paula. Pauline. Und Augustine. Dumm... Dumm aber hübsch. Mein ganzer Stolz.

In Ihrem Roman "Margots Mutter Maria" erzählt Maria als Mutter und Kunstmalerin von ihrer Tochter Margot. Wie gelang Ihnen das Kunststück Familienleben und Kunstleben unter einen Hut zu bringen?

Diese Frage ist Schwachsinn... Denn ich hab gar nichts unter einen Hut gebracht. Als Mutter bin ich gescheitert. Denn die Mutter unserer Kinder war unser Kindermädchen. Swetlana. Eine Russin. Das Mädchen ging ins Wasser. Der Schmerz der Liebe... Wenn Sie verstehen was ich meine. Und in dieser meiner Erzählung „ Margots Mutter Maria " ging es mir um das Verhältnis von Mutter und Tochter in einem Verhältnis der Verstörung. Das Ziel meines Schreibens war diese Untersuchung. Der Roman "Margots Mutter Maria" führte mich an den Rand meiner Existenz... Die Nervosität. Die Hysterie. Der Nervenzusammenbruch. Und schließlich und schlussendlich die Nervenheilanstalt. Kirsch?

Danke. Die Verfilmung Ihres Romans "Margots Mutter Maria" in der Regie von Inman Stan Kollossowski schrieb Filmgeschichte...

Ja. Dieser Film ist ein Meisterwerk der Filmkunst. Denn dem Regisseur Inman Stan Kollossowski gelang in der Sensibilität dieser seiner Sprache eine gekonnte Interpretation meines Stoffes. Der Oscar steht auf meinem Nachtkästchen... Und der Schauspieler und Burgschauspieler Johannes Jonathan Sulzbacher stand in der Meisterschaft dieser seiner Mimenkunst in der Rolle seines Lebens. Sulzbachers Ende als Künstler war für uns Freunde alle sehr traurig. Die Windmühle der Klapsmühle... Schrecklich.

Die Regenbogenpresse sprach von einem Verhältnis zwischen Ihnen und dem Schauspieler Johannes Jonathan Sulzbacher...

Nun... Die Ehe mit Lars Leander ruht auf den Säulen Respekt und Toleranz. 77 Jahre Zeit der Ehe ist eine lange Zeit. Lars Leander vergleicht oftmals die Tiefe unserer Liebe mit dem Abgrund eines Ozeans. Denn die Treue unserer Seelen ist unser Grundsatz. Aber selbstverständlich gab’s im Ringelspiel dieser unserer Liebelei immer und immer wieder Liebhaber und Liebhaberinnen. Der Mime Johannes war mein Erlkönig. Und Moorprinz. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Zeichnet in der Folge der Freizügigkeit Ihres Liebeslebens Ihr Mann Lars Leander Lilienfeldt von Rompoldt als Vater aller Ihrer Kinder?

Mein liebes Fräulein Belcanto... Was tut’s zur Sache. Gott gibt. Und Gott nimmt. Der Mann ist Jäger und das Weib des Jägers Wild und Freiwild. Und so haben wir uns in der Familie in Bezug auf die Frage der Vaterfrage noch nie groß den Kopf zerbrochen. Denn wir haben andere Sorgen... Wenn Sie verstehen was ich meine. Wir sind Künstler. Und als Künstler liegt uns ausschließlich die Sorge um das Wohl der Kunst am Herzen.

Ihre Kinder sind Schauspielerinnen und der Name Lilienfeldt von Rompoldt ist Etiquette. Verbinden Sie mit diesem Ruhm so manches Mal das Gefühl von Belastung?

Belastung? ... Aber nein doch. Diese Etiquette ist vielmehr Grundstein und Herausforderung für unsere Arbeit. Denn als Schriftstellerin möchte ich das Konzentrat. Und vom Konzentrat das Destillat. Und vom Destillat das Konzentrat. C’est tout. Leider Gottes ist die Leistung unserer Kinder im Theater in der Darbietung ihrer Schauspielkunst bloß Mittelmaß. Minderes Mittelmaß wohlverstanden. Diese Tatsache bedeutet mir als Mutter so manches Mal Verbitterung... Und doch ist es für uns Eltern immer wieder eine große Freude, unsere Töchter in den Rollen unserer Theaterstücke auf der Bühne zu sehen.

Im Drama "Die Spitzenklöpplerin zu Zermatt" spielen Ihre Töchter die Kinder der Spitzenklöpplerin Justine. Die Kritik sprach von der Auffälligkeit der Tollpatschigkeit dieser Ihrer Kinder und...

Wie gesagt... Die Leistung unserer Kinder in der Kunst ihrer Schauspielkunst ist bloß Mittelmaß. Im Prinzip eine Katastrophe. Was ihnen fehlt ist die Strenge der Stringenz der Regie. Denn man müsste unsere Mädchen wie Dressurpferde im Diktat der Reitgerte in der Zügelung ihrer Zügellosigkeit über die Bühne führen. Dennoch war die Inszenierung dieses Theaterstückes meines Mannes ein Fest. Denn die Stümperei der Schauspielerei mindert in keiner Hinsicht die Genialität Lars Leanders Kunst der Dramatik... Wenn Sie verstehen was ich meine.

Ja durchaus. Denn das Theaterstück "Die Spitzenklöpplerin zu Zermatt" ist in der Formulierung des Theaterkritikers Roland Kloosenberghs eine Praline der Theaterliteratur. Ein Teil dieses Stückes spielt in Österreich und in Bild 44 gibt Ihr Mann Lars Leander Claus Peymann auf dem Pöstlingberg eine Szene.

Ja. Das ist eine Hommage an den großen Theatermacher Claus Peymann. Denn meinen Mann Lars Leander und Claus verbindet schon seit Jahrzehnten eine tiefe Freundschaft. Und in der Zeit der Sommerzeit gingen Claus und Lars Leander so manches Mal Hand in Hand auf den Pöstlingberg Pilze suchen und Schmetterlinge fangen. Und dann fuhren sie Grottenbahn.

Wie bitte? Der Schriftsteller Lars Leander Lilienfeldt von Rompoldt und der Regisseur Claus Peymann in der Linzer Grottenbahn? Ja aber das ist ja vollkommen...

Grotesk. Richtig... Mein liebes Fräulein Belcanto. Das ist vollkommen grotesk. Und dennoch war das Denkmahl der Linzer Grottenbahn für meine Männer ein Ort der Geborgenheit. Denn das Meer der Lichter war ihnen im Zauber dieser Grotte ein Quell an Inspiration... Künstler. Im Rahmen der Politkasperliade um den Neubau des Linzer Landestheaters sprach Claus von der Sprengung der Pöstlingbergkirche, um somit den Grundstein für ein neues Linzer Schauspielhaus über den Dächern der Stadt Linz zu legen. Peymanns Traum war der Traum eines Theaterhauses auf dem Olymp Pöstlingberg. Doch kein einzig Mensch dieser Stadt schenkte dem Visionär Claus Gehör... Ganz im Gegenteil. Es kam zu einer Hetzkampagne. Und die Niedertracht der Öffentlichkeit war Zeugnis der Kulturlosigkeit Österreichs. Welch Schande für dieses Land. Und in der Enttäuschung ob dieser Schmach zogen die Freunde Claus und Lars Leander wiederum auf den Pöstlingberg, um auf der Spitze eben dieses Pöstlingberges Grottenbahn zu fahren. Das Ausmaß ihrer Begeisterung kannte keine Grenzen. Sommer für Sommer. Jahrzehnte. Lars Leander sprach oftmals von Trance.

Trance?

Ja. Trance... Denn Claus und Lars Leander fielen in der Gondelei dieser ihrer Grottenbahnkreislerei in ein Gefühl der Glückseligkeit. Die Entrückung... Wenn Sie verstehen was ich meine. Mir selbst fehlte oftmals ein ganz klein wenig der Bezug zu dieser Form des Vergnügens und so saß ich in der Zwischenzeit im Gasthaus Freiseder. Das Gasthaus Freiseder... Welch Offenbarung von Gastronomie. Denn Freiseders Schnaps von der Vogelbeere ist ein Kunstwerk der Schnapsbrennerei. Thomas leistete mir so manches Mal Gesellschaft.

Der Schnaps von der Vogelbeere... Ich verstehe. Sie sprachen von Thomas?

Ja. Mein Kind. Thomas. Eine wahrhaft wahrhaftig gute Seele...

Thomas. - Thomas Bernhard ?

So ist es... Liebes. Thomas. Thomas Bernhard.

In welchem Verhältnis standen Sie zu dieser Jahrtausendbegabung Bernhard?

Ja was heißt denn hier schon Jahrtausendbegabung. Das ist doch Unsinn. Schaun Sie... Der Thomas war im Grunde seines Wesens in der Vielschichtigkeit seiner Charakterlichkeit ein äußerst einfach gestrickter Mensch. Thomas war oft bei uns zu Gast. Und Thomas nannte unser Anwesen in der Weite des Dattelhains die Frucht seines Schreibens. Denn im Morgengrauen ging Thomas mit dieser seiner Schreibmaschine Hermes Baby in den Hühnerstall...

Thomas Bernhard im Hühnerstall?

Ja. Thomas verbrachte oft ganze Tage und Nächte im Hühnerstall, um in der Abgeschiedenheit dieser Örtlichkeit zu schreiben. Immer und immer wieder bloß zu schreiben. Zum Abendbrot stahl er sich dann so manches Mal aus dem Hühnerstall durch den Hof in das Haus und setzte sich in der Gemächlichkeit seiner Gestalt zu Tisch. Und dann spielten wir Tarock. Thomas. Claus. Lars Leander. Und ich. - Mein Gott... Was... Ja was wir da doch alle immer gelacht haben. Und jetzt entschuldigen Sie mich. Denn... Ja denn ich kann nicht mehr. Die Erschöpfung... Mein Kind. Denn das Gebrechen der Erschöpfung zeichnet meinen Körper. Die Flasche... Ja so reichen Sie mir doch um Himmels Willen die Whiskeyflasche.

Eine letzte Frage noch Frau Lilienfeldt von Rompoldt...

Bitte. Aber fassen Sie sich kurz.

Welche Wünsche hat eine Schriftstellerin von Weltformat wie Sie für die Zukunft?

Wünsche... Kind. Ruhe. Stille. Und Obdach. - Obdach. Denn... Ja denn ich war immer in der Obdachlosigkeit des Schreibens zu Hause.


 

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