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Die Ohrfeige

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______________ Von Markus Murauer _____________


        Erinnerung. Umkämpft und verhindert, jahrelang. Du wolltest nicht mehr dorthin, wo es weh tat. Immer noch, immer wieder. Und doch zieht es dich zurück, willst du über etwas sprechen, worüber man zu schweigen aufhören sollte. Die kleinen Verletzungen, von deiner Erinnerung aufgebläht. Trauma? Keine zu großen Worte. Frag lieber, wer du bist. Bist du zum Beispiel dieses Kind, das mit B. streitet?

Mit jenem B., der gefürchtet und geachtet war, der stahl und die Mädchen küsste, der die Lehrer beleidigte und dafür die Anerkennung der Klasse hatte, der seinen braungebrannten Körper im Freibad ausstellte, auf den Drei-Meter-Turm kletterte und mutig ins Wasser köpfelte, jener furchtlose und allgegenwärtige B., der dir in jeder Hinsicht überlegen ist.

Du hörst wieder das unvermittelte Klatschen der Ohrfeige. Du siehst, wie deine zuschlagende Hand zurückzuckt, erschrocken über ihre (deine) Unbedachtheit. Ist das Staunen der anderen Kinder, das jetzt auftaucht, ein verzerrtes Bild deiner Erinnerung? Willst du sehen, was niemals war? Willst du für einen Augenblick der Held sein, auf den du als Erwachsener mit falschem Stolz verzichtest?
Du hast B. für eine Sekunde aus der Fassung gebracht. Du siehst wieder die Überraschung in seinem Gesicht. Sind ihm die Augen über- und der Mund aufgegangen vor lauter Staunen? Das weißt du nicht mehr, aber es würde dich freuen. Du willst diesen Moment noch jetzt genießen, weitest ihn aus, kehrst immer wieder zu ihm zurück. B., den du zum Staunen gebracht hast.

Doch Augenblicke lassen sich nicht festhalten, sie müssen in jedem Moment neu erobert werden. B. muss nicht nachdenken, B. schlägt zurück. Klatsch. Klatsch. Klatsch. Seine dumpfen Hände prasseln in dein Gesicht, in dem soeben noch ein Hauch von Triumph stand. Du weißt, dass er stärker ist und dass du diesen Kampf verlieren wirst. Aber du wehrst dich. Du hältst zumindest deine Hände schützend vors Gesicht, bewegst deinen Kopf nach unten, nimmst eine Schutzstellung ein. Als er nahe genug ist, umklammerst du ihn, bis ihr beide auf dem Asphalt liegt. Natürlich liegt er auf dir und hält dich im Schwitzkasten. Ihr stöhnt - du selbstverständlich lauter, weil du dich mehr anstrengen musst. Der Kampf ist verloren. Du kannst nur noch Schadensbegrenzung betreiben. Also schreist du, dass es genug ist, dass du aufgibst. Aber B. ist rachsüchtig, so schnell lässt er nicht von dir ab. Er will die Situation noch auskosten, hält dich weiter in seinen zähen Oberarmen, bis du zu husten anfängst. Jetzt ist er zufrieden. Langsam erhebt er sich, mit dem Stolz des siegreichen Kriegers. Wie seine Augen leuchten...

Sei froh, dass du dein Gesicht nicht sehen kannst. Das ist erbärmlich. Und keiner der anderen Buben hat Mitleid mit dir. Du bist schwach, das sagen ihre Blicke. Du bist nicht einmal der Rede wert. Sie fragen B., was sie jetzt machen sollen. "Gehen wir Fußballspielen", sagt er und nimmt sich den Ball von W.
Du liegst auf dem Asphalt und weißt nicht, was du denken sollst. Du darfst jetzt wenigstens nicht zu weinen anfangen, so viel ist klar. Und du darfst auch nicht nach Hause gehen. Denn dann werden sie sagen, dass er jetzt zu Mami läuft, um sich auszuweinen, diese Heulsuse. Du gehst also mit ihnen und spielst Fußball. Reiß dich zusammen.

Ihr bildet zwei Mannschaften. Du spielst gegen B. Er ist noch immer verärgert. Als er das erste Mal den Ball bekommt, versucht er dich absichtlich anzuschießen. Das misslingt. Beim dritten Mal jedoch trifft er dich. Es waren zwar nur die Beine, aber er hat mit voller Wucht geschossen. Du weißt, dass es ihm egal gewesen wäre, wenn er dich im Gesicht getroffen hätte. So viel rücksichtslose Brutalität macht dir Angst. Dieser Härte bist du nicht gewachsen. Jetzt schießen die Tränen hervor. Das war zu viel.

B. wollte dich weinen sehen. Er wollte den absoluten Triumph. Das hat er nun erreicht. Er blickt dir unverhohlen ins Gesicht. Überirdisch groß erscheint er dir in diesem Augenblick. Seine braune Haut, seine braunen Augen, sein überlegener Blick... das bleibt für immer in dir, das vergisst du nicht mehr. Der Ausdruck eines Menschen, der dich erniedrigt hat, der dich gedemütigt hat. Er hat dir seine Macht aufgezwungen. Das hast du auch getan, als du in sein Gesicht geschlagen hast. Wer jemandem ins Gesicht schlägt, dringt gewaltsam in dessen intimste Körperpartie vor. Er verschafft sich Zugang zum charakteristischsten Körperteil des anderen. Damit verletzt er dessen Selbstbewusstsein auf das Tiefste. Das tut weh. Man spürt, wie ausgesetzt man diesem Leben ist.

Du weißt jetzt, dass du keinen Einfluß darauf hast, ob man dir weh tun will oder nicht. Dein Weltvertrauen ist zusammengebrochen. Du spürst, dass dich deine Hautoberfläche nur ungenügend vor dieser Welt abschirmt. "Ach, meine Haut ist zu dünn", denkst du. "Sie werden mir weh tun, wenn sie mir weh tun wollen." Weißt du jetzt, was Ohnmacht ist? Und Gedemütigt-werden? Weißt du, was es heißt, in die Leidensform, in den Passiv, gebracht zu werden?

Was für ein sprachlicher Anschauungsunterricht. Was für eine Ohrfeige...


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