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In Memorandum Andersen

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Von Stefan T. Pinternagel
(29. 04. 2005)


   Ich möchte zu der Schwester des berühmten Schriftstellers Andersen«, sagte der Fleischklops.
»Sie empfängt gerade einen Gast, wenn Sie verstehen, was ich meine«, sagte sein Gegenüber, lässig an die Wand des Hauses gelehnt, die Kappe noch tiefer in das verhärmte Gesicht ziehend. Nur die Augen, kalt und blau, schienen aus dem dunklen Schattenwurf herauszuleuchten. »Wenn Sie sich noch etwas gedulden wollen«, sagte der Lude, »es kann nicht allzu lange dauern.«
Christian, der Fleischklops, nickte und entfernte sich von dem Mann. Er entfernte sich gerade weit genug, um das Haus auch weiterhin beobachten zu können. Er wartete darauf, dass sein Vorgänger, Karens jetziger Kunde, das zweistöckige Gebäude verließ und ihm endlich – endlich! – nach so langer Zeit des Suchens, Einlass in die Gefilde der Lüste gewährt wurde.
Christian ging auf und ab, fünf Meter die Gasse entlang nach Norden, drehte dann um, wieder fünf Meter zurück, am Luden vorbei, ihn anlächelnd, der dreckig zurückgrinsend, sieben oder acht Meter nach Süden, die abschüssige enge Gasse hinunter.
   Endlich kam ein Mann aus dem Haus, etwa 17 Jahre alt, Student, vermutlich. Kaum den Gehrock wieder richtig zugeknöpft, mit tierischen Blicken nach links und rechts; es mochte ihn doch keiner gesehen haben?
Christian ließ sich noch eine kleine Weile Zeit, tat so, als betrachtete er interessiert die architektonische Tristesse des Viertels, und trat dann vor den hageren Mann hin.
»Kann ich jetzt …?«
»Aber gerne doch, der Herr«, sagte der Lude und streckte ihm die Hand entgegen. »Sie kennen den Preis?«
»Natürlich.«
Christian kramte umständlich das Geld aus seiner Hosentasche. Er atmete schwer. War es die Vorfreude auf die erwartende Lust oder die Anstrengung, seine dicken Finger in die enge Tasche zu stecken. Seine Fingerkuppen trafen auf die Münzen, fischten sie heraus und drückten sie dem Mann in die schmutzig-fahlen Hände.
»Zweiter Stock links«, sagte der und schob das Geld ein, nicht ohne vorher einen prüfenden Blick darauf zu werfen.
Zweiter Stock! Was für eine Tortur!
Christian wälzte seinen massigen Körper die Stufen hoch und höher, hielt sich am Handlauf des Treppengeländers gestützt und gönnte sich im ersten Stock eine kleine Verschnaufpause, er war nicht sehr sportlich, und der Jüngste war er auch nicht mehr.
Dann, oben angekommen, die Türe, schäbig, ein paar dünne Holzlatten. Er klopfte. Die Tür, der Verschlag, schwang unter seinen Knöcheln auf, war nur angelehnt.
»Wer da?«
Die Stimme, ihre Stimme, die Stimme der Schwester des berühmten Schriftstellers Hans Christian Andersen! Ein leichter Schauder befiel ihn.
»Ein Mann«, sagte er vage und schloss die Tür hinter sich. Man konnte sie von innen mit einem krumm geschlagenen Nagel fixieren; was er tat.
»Dann nur herein, dann nur heran!« rief Karen aufmunternd, routiniert, gelangweilt.
   Sie saß auf dem Bett, noch nicht einmal wieder richtig angekleidet. Ihr Oberkleid lag noch auf dem Boden. Sie trug ihren Mieder, ein schmutziggraues Stück, rosa Blütenstickereien, die seit Langem ausgeblichen waren.
Als sie ihn angrinste, sah er ihre schlechten Zähne. Ihr Haar war verfilzt. Das Gesicht in die Länge gezogen, die Nase zu groß und kantig, die Augen saßen eng beieinander.
»Immer rein in die gute Stube«, sagte sie und blickte obszön zwischen ihre Beine.
»Wie heißt du denn?« fragte sie und fügte, mehr zu sich selbst, hinzu, »Nicht, dass es eine Rolle spielen würde.«
»Christian«, sagte der Fleischklops und setzte sich neben Karen auf das marode Bett. »Wie Ihr Bruder.«
Sie bewegte ihre Hand in einer abfälligen Geste. »Mein Bruder! Pah! Was für ein Bruder?«
»Der berühmte Schriftsteller und Märchenerzähler!« sagte Christian.
Karen schnürte ihr Mieder auf. Wie oft an diesem Tag mochte sie die Handbewegung schon ausgeführt haben?
Als ihre Brüste frei lagen, ließ sie sich rückwärts aufs Bett sinken.
»Willst du mich ausziehen?« fragte sie.
»Ich möchte…« stotterte Christian und griff in die rechte Seitentasche seines Gehrocks. Er erfühlte die harten Kanten des Buches darin.
»Was für eine kleine Schweinerei möchte denn mein lieber Christian?« Karen spie seinen Namen in den öden Raum. »Christian, der so heißt wie mein Bruder.«
Er zog das Buch mit einem Ruck heraus. Jetzt oder nie!
»Ich möchte, dass Sie mir das Märchen von der Kleinen Meerjungfrau vorlesen«, brachte er hervor.
»Lesen soll ich?«
»Ja, lesen«, sagte Christian. »Vorlesen!«
Sie wollte sich wieder vom Bett erheben, aber er drückte sie sanft zurück.
»Bleib liegen!« sagte er und schlug den Erzählband an der eingemerkten Stelle auf. »Fang an« sagte er und heißer geiler Schweiß bildete sich auf seiner Stirn.
Karen zuckte mit den Schultern, nahm das Buch, überflog einige der Sätze. Druckerschwärze brannte sich in ihre Augen.

Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als sie des Prinzen Schloss erblickte und die prächtige Marmortreppe emporstieg. Der Mond schien wundersam klar. Die kleine Meerjungfrau trank den brennend scharfen Trank und es war ihr, als ob ein zweischneidiges Schwert durch ihre feinen Glieder ging. Sie wurde darüber ohnmächtig und lag wie tot da. Als die Sonne über die See schien, erwachte sie und fühlte einen schneidenden Schmerz, aber gerade vor ihr stand der schöne, junge Prinz. Er heftete seine kohlschwarzen Augen auf sie, so dass sie die ihren niederschlug, und nun sah sie, dass ihr Fischschwanz fort war und sie die niedlichsten kleinen, weißen Füßchen hatte, die nur ein Mädchen haben kann. Aber sie war ganz nackend, darum hüllte sie sich in ihr langes, dichtes Haar.

   Christian hörte Karen zu, wie sie holprig den Text vortrug, als hätte sie ihn niemals zuvor gelesen, dabei kannte ihn die ganze zivilisierte Welt in- und auswendig, aber vielleicht, dachte Christian, war er hier nicht in der zivilisierten Welt. Vielleicht war er hier irgendwo am Rand des bekannten Universums, hier in diesem heruntergekommenen Zimmer, in diesem heruntergekommenen Haus, bei dieser heruntergekommenen Frau.
Er machte es sich bequem, lehnte sich auf seinem linken Ellenbogen auf das Bett und sah zwischen den Beinen der Frau hindurch auf das Gesicht, das aus einem Buch zu bestehen schien. Christian konnte nicht anders, als bedächtig seine flache Hand auf die Unterwäsche der Frau zu legen, gerade an der Stelle, wo sie ihr Geschlecht hatte. Sie stoppte für einen Moment. Dann fuhr sie fort.

Der Prinz fragte, wer sie wäre und wie sie hierher gekommen sei, und sie sah ihn mild aber doch so traurig mit ihren dunkelblauen Augen an; sprechen konnte sie ja nicht. Da nahm er sie bei der Hand und führte sie in das Schloss. Jeder Schritt, den sie tat, war, wie die Hexe es ihr vorausgesagt hatte, als ob sie auf spitzige Nadeln und scharfe Messer träte, aber das erduldete sie gerne; an des Prinzen Hand stieg sie so leicht wie eine Seifenblase empor, und er und alle anderen verwunderten sich über ihren anmutig dahinschwebenden Gang.

Christians Hand, seine Finger, schienen sich nun selbstständig zu machen. Forscher und ungehemmter drückten sie sich nun gegen das Höschen, seine Finger suchten die feuchte Spalte, die schwülstigen Lippen ihrer Scham, fuhren und tasteten und bohrten sich schließlich in und über den Stoff. Er hätte sich gewünscht, dass sie stöhnte, aber sie tat es nicht. Las stattdessen weiter, weiter stockend, weiter holprig und ohne jede Melodie.

Mit köstlichen Kleidern aus Seide und Musselin wurde sie nun bekleidet. Sie war die Schönste im Schlosse, aber sie war stumm, konnte weder singen noch sprechen. Wunderschöne Sklavinnen, gekleidet in Seide und Gold, traten hervor und sangen vor dem Prinzen und seinen königlichen Eltern. Eine von ihnen sang schöner als die anderen, und der Prinz klatschte in die Hände und lächelte ihr zu. Da ward die kleine Meerjungfrau traurig, sie wusste, dass sie selbst weit schöner gesungen hatte…

»Ich kann das nicht«, sagte Karen schließlich und ließ das Buch auf ihre entblößte Brust fallen. »Was für ein schwülstiger Scheißdreck! Was für eine verlogene Welt!«
Christian sah ihr an, dass sie das Buch am liebsten in die nächste Ecke geworfen hätte, es aber nicht tat, weil sie sein Eigentum achtete oder, zumindest, die Kosten oder Schläge fürchtete, die sie dann auf sich zukommen sah.
»Hör nicht auf«, sagte, nein, bettelte, er.
Und Karen hob das Buch hoch und begann erneut, nur um nach wenigen Worten wieder abzubrechen.

Und sie dachte, o, wüsste er nur, dass ich, um in seiner Nähe zu sein, meine Stimme für alle Ewigkeit hingegeben habe!

   Christian löste seinen Kragen. Ihm war heiß. Heißer als jemals zuvor. War es nicht gerade ihre Verweigerung, ihre Spröde, die ihn so sehr erregte?
»Sie kennen Ihren Bruder nicht?« fragte er.
»Der Bastard kann mir gestohlen bleiben!« sagte sie. Nun gab sie ihrem Trieb nach, wenn auch nicht vollständig, schmetterte das Buch nicht von sich, sondern warf es lässig zu Boden, vom Bett herunter, wie ein Schrei, der verstummte.
»Was bist du nur für ein komischer Vogel?« fragte sie.
»Ich … ich schreibe selber«, sagte Christian. »Märchen. Ich wurde, wenn Sie so wollen, von ihrem Bruder dazu inspiriert.« Er setzte sich wieder auf, kramte in der anderen, linken Tasche nach den verknitterten Seiten, trächtig von seiner eigenen unleserlichen Handschrift. Heilige Zeilen. Seine Gedanken.
»Wollen Sie eine davon hören?«
»Nein!«, sagte Karen. »Ihr Schreiberlinge, ihr seid doch alle Verrückte. Träumer! Lebt in einer Welt, aus der ihr die Realität aussperrt. Das hier«, sie deutete auf sich, auf das Zimmer, auf ihn, »das ist das wahre Leben!«
»Aber …«
»Nichts Aber«, sagte sie und ihre Stimme wurde zu einem Keifen. »Mein Bruder verleugnet mich, will nichts vor mir wissen. So hat er es schon mit meiner Mutter gehalten. Mein Vater war ein Schuhmacher, das war dem feinen Herrn zu wenig. Er musste hoch hinaus, Er hat uns verraten und verkauft, Er hat sich hinter dem Reichtum einer anderen Familie verkrochen. Bleib mir bloß vom Leibe, du …«
Sie ließ den Satz unausgesprochen. Stattdessen schrie sie. Schrie, als würde Christian mit einem Messer auf sie losgehen. Schon hörte er die schweren schnellen Schritte auf den Stiegen, schon flog die Türe auf, schlug gegen die Wand, schon stand der Lude im Zimmer und packte Christian am Kragen und zerrte ihn aus dem Haus.
  
D
as Buch, die Märchensammlung, blieb auf dem Boden liegen und Karen nahm sie, und legte sie, ohne einen weiteren Blick darauf zu werfen, unter das Kopfkissen ihres Bettes. Es sollte ihr von einem ihrer nächsten Freier gestohlen werden und zu einem günstigen Preis an einen Antiquar verschachert werden. Karen vermisste das Buch nicht; so wie sie auch ihren Bruder nicht vermisste, der ihr ganzes Leben kein Bruder gewesen war.

 



Bisherige Veröffentlichungen:


"AcidHead - Visionen im Dunkeln"
(ISBN 3-932325-28-1)

"Türen" - Gedichte
(ISBN 3-934852-06-8)

"Fragmente" - Roman
(ISBN 3-936742-28-6)

"CyberJunk" - SF-Noir
(demnächst im Atlantis-Verlag)

"... und morgen der ganze Weltenraum"
(TrashFiction, Edition Solar-X)
...

...
(c) Geest-Verlag

Buchbestellung:
http://www.geest-verlag.de/

pinternag.html

E-mail an Stefan Pinternagel:
der_skribent@yahoo.de
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