Malheur
...
Von Stefan T. Pinternagel


    Während wir die "Zigarette danach" rauchten,
sagte sie mir, daß sie nie mit mir zusammen
leben könnte.
Ich antwortete "Das mußt du auch nicht"
und fragte sie nicht, warum es so wäre. Ich konnte es mir
ohnehin denken –
es war wie immer, bei jeder Frau;
ich war zu sehr Eigenbrötler
um mein Brot und mein Bett und mein Leben
mit jemandem teilen zu können.
Das Faszinierende an ihrer Feststellung war,
das sie mein Manko schon frühzeitig
bemerkt hatte.
Die anderen Frauen waren am Ende
immer sauer auf mich, benahmen sich, als
hätten sie einen Gebrauchtwagen gekauft
und zu spät einen erheblichen Mangel daran
festgestellt. Daß zum Beispiel das Kassettendeck defekt ist. Sie reagierten stets mit Wut und Enttäuschung, sie bürdeten sich selbst eine Teilschuld auf, weil sie glaubten, daß sie den Mangel schon früher hätten entdecken müssen.
Aber mit Claudia war das nicht so, sie wußte
von vorneherein, daß ich ein hoffnungsloser
Fall war.
Vielleicht lag es auch daran, daß sie schon
seit einigen Jahren verheiratet war. Ich weiß
es nicht. Ich weiß nur, daß ich ihre Bemerkung
als Versprechen verstand, und, weil ich ein
hoffnungsloser Fall war, konnte ich gut damit
leben.
Außerdem war Claudia sowieso nicht mein
Typ - für mich war sie viel zu dürr, sie war
klug, trug gern schicke Klamotten. Und
außerdem: Frauen, die ihre Männer betrügen
waren mir ohnehin suspekt. Besonders, wenn sie es mit mir
taten.
Es hätte alles wunderbar und auf ewig so
dahin tröpfeln können, wäre mir nicht dieses
Malheur passiert. Denn nach einer Weile
war ausgerechnet ICH es, der sich
in sie verliebt hatte.


   Vielleicht, weil sie so gar nicht mein Typ war
oder weil ich wußte, daß sie einem anderen
gehört
oder weil ich mich an sie gewöhnt hatte
oder einfach, weil mir langweilig war.
Jedenfalls stank ich nach Liebe,
wie alte Männer in ausrangierten Hawaihemden stinken,
wie ergraute Brustbehaarung stinkt, wenn
es heiß ist. So stank ich.
Es dauerte nicht lange, und jeder roch meine
Liebe zu Claudia; am Anfang natürlich Claudia selbst, und das machte ihr Angst.
Ich sah wie ihr Blick mitleidig wurde,
wie ihre Ausreden fahler wurden, wie ihre Aktivitäten im Bett zu vorsichtigen Ficks
mutierten.
Es war, als würde sie es mit einem Mann aus Milchglas treiben, so fragil, verletzlich,
vernichtbar war ich geworden.
Unnötig zu erzählen, daß sie eines Tages
nicht mehr wieder kam, daß sie mich allein
ließ mit meinem selbstverschriebenen
Schmerz, daß sie zurückging zu ihrem Mann oder zu sonst einem Kerl und ich haßte sie dafür; obwohl ich ihre Reaktion nur zu gut verstehen konnte.
Und Jahre später hörte ich in meiner Stammkneipe zufällig von einen Gast, daß sich Claudias Mann von ihr hatte scheiden lassen, weil er im Laufe der Ehe gemerkt hätte, daß er nur sich selbst lieben kann.
Ich trank einen Schluck Bier auf all die verlorenen Herzen da draußen
und dachte dabei an Claudia
und fragte mich, ob sie sich wohl noch gelegentlich an mich erinnerte.

...



Bisherige Veröffentlichungen:


"AcidHead - Visionen im Dunkeln"
(ISBN 3-932325-28-1)

"Türen" - Gedichte
(ISBN 3-934852-06-8)

"Fragmente" - Roman
(ISBN 3-936742-28-6)

"CyberJunk" - SF-Noir
(demnächst im Atlantis-Verlag)

"... und morgen der ganze Weltenraum"
(TrashFiction, Edition Solar-X)
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(c) Geest-Verlag

Buchbestellung:
http://www.geest-verlag.de/

pinternag.html

E-mail an Stefan Pinternagel:
der_skribent@yahoo.de
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