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Der Sitzenbleiber

...Von Stefan T. Pinternagel


    Er ist jeden Morgen eine viertel Stunde zu früh dran; Sommer wie Winter. Sitzt in seinem Wagen auf der Zubringerstraße, gleich bei der Einfahrt zum Firmengelände. Die Angestellten-Parkplätze im Hof hat man vor kurzem wegrationalisiert, dort werden jetzt die LKW-Container gestapelt. Andere Mitarbeiter haben sich darüber in Rage geredet – ihr geliebter, ihr angestammter Parkplatz! – aber Heinz ist es egal wo sein Wagen stand.

Vor ihm parkt ein roter Passat aus dem Tietze aussteigt und näher kommt. Heinz hebt seine Alibizeitung ein Stückchen höher, gibt sich vertieft. Kaum ist Kollege Tietze am Wagen vorbei, lässt Heinz das Tagblatt wieder sinken und atmet erleichtert aus. Tietze hat er noch nie leiden können, der immer mit seiner ungemütlichen Art. Alles schnell schnell. Alles sofort. Stechender Blick und spitze Finger.

Heinz blickt auf die Uhr im Cockpit seines Wagens. Noch elf Minuten bis Arbeitsbeginn. Elf Minuten Friede. Kein Telefon, keine dämlichen Anfragen, Beschwerden. Kein Fax, kein Blätterwald auf dem Schreibtisch. Keine Kollegen, die aufgeregt ihr fades Leben schildern.

'Nicht dran denken, du hast noch Zeit' sagt er sich, starrt leer auf die Überschriften im Innenteil der Zeitung. Mit den Gedanken ist er morgens immer wo anders. Das Weltgeschehen, was geht es ihn an? Es muss sich bis zum Mittagstisch gedulden. Erst dann liest er Zeitung, das hält die Kollegen davon ab sich mit ihm zu unterhalten. Meistens. Es gibt aber auch hartnäckige, unsensible Zeitgenossen. Er ignoriert sie so gut er kann.

Am Morgen ist er darum lieber immer ein bisschen früher da und hat seine Ruhe. Sitzt dann im Auto, und träumt von fernen Südseeinseln oder von einer Sportlerkarriere. Oder er ist Playboy aus Passion; manchmal auch alles zusammen. Heute macht er, er hätte nicht sagen können wieso – aber er konnte nie sagen wie er zu seinen Visionen kam, vielleicht kamen sie ja auch zu ihm – am heutigen Morgen jedenfalls macht er einen Besuch in einem noblen Restaurant.

     In seiner Imagination entstehen Kellner in Livreen, die funkelnden Wein in Kristallgläser gießen, die duftende Speisen servieren, die emsig und ergeben den Gästen jeden Wunsch von den Lippen ablesen. Ohne dabei schleimig zu wirken. Er sitzt an einem kleinen, kreisrunden Tisch, ein guter Platz. Nicht zu nah bei den Toiletten. Nicht zu nah an der Küche. Nicht in der Zugluft. Nicht an der Tür. Und mit an seinem Tisch eine schöne Frau. Vielleicht eine Künstlerin? Eine Schriftstellerin – nein, zu verkopft. Malerin? Ach, immer Farbe unter den Nägeln und ein Hauch von Terpentin. Eine Malerin kommt also auch nicht in Frage. Schauspielerin?

Eine Schauspielerin!

Stadttheater. Blond, charmant, eine lokale Berühmtheit.

Mit der ist er beim Essen. Auch er ist natürlich kein Unbekannter im öffentlichen Leben. Weshalb auch immer. Mit der Schauspielerin liiert oder nicht, selbst das spielt keine Rolle. Vorrangig ist jetzt das Restaurant, die anderen Gäste, die ihnen hin und wieder diebische Blicke zuwerfen. Eine alternde Diva am Nebentisch mit spitzeren Fingern als die Gabel, die sie in den Klauen hält, führt sich das Dessert in den Mund. Ihre Kamelwimpern zucken nervös. Noch mehr, sonst wirkt das Lokal ausgestorben: Der Vizepräsident einer großen Bank, nebst Gattin. Ein Generalkonsul, etwas schnodderig und deshalb allein. Überbezahlte Abteilungsleiter, Künstler mit ihren Mentoren, Erben. Ein großer Tisch voller honoriger Industrieller, Geschäftsessen. Laut und fordernd und unsympathisch. Solche muss es auch geben. Der Rest als ein paar gesichtslose Kreaturen. Noch etwas Homosexuelles: Ein schwules Pärchen, aber weiter hinten, in der verschwiegenen Ecke. Turteltauben. Heinz kann sich ein Lächeln nicht verkneifen. Er ist stolz auf seine Kreation.

"Was findest du so amüsant?" erkundigt sich die Schauspielerin.

Nein, so weit sind wir noch nicht.

"Was finden Sie so amüsant?" erkundigt sich die Schauspielerin.

"Ich dachte nur gerade daran, was für ein Glück ich habe, dass ich mit einer so reizenden Person wie Ihnen die Zeit verbringen darf" gibt er charmant zurück.

'Mir ergeht es ebenso' hätte die Schauspielerin jetzt gerne gesagt, aber das kann sie natürlich nicht; es hätte sich nicht geziemt. Also blinzelt sie ihn an; gespielt verlegen oder vielleicht auch wirklich entzückt?

Der Ober kommt mit einer Flasche Rotwein. Man kennt das Bild und das Prozedere des Einschenkens, des Probierens. Ein trockenes, geschmeidiges Tröpfchen. Barbaresco. Heinz nickt dem Ober zu, der schenkt beiden ein.

"Zum Wohle."

Sie prosten sich zu; ein Moment zum Verlieben. Heinz sieht in ihre wunderschönen Augen, in denen sich der Wein spiegelt. Blaue Edelsteine, die über einem rubinroten Meer schweben. Er starrt sich an diesem Blick fest. Minutenlang. Dann schüttelt er ihn ab.

Eine Duftwoge erfüllt den Raum als das Essen für die Industriellen aufgetragen wird. Fisch und Rindersteaks und Geflügel. Dazu leckere Saucen. Salatkreationen. Kroketten und Kartoffelecken. Spargelspitzen.

     Sie blicken beide dem Essen hinterher, serviert auf silbernen Tabletts. Ein herrlicher Anblick. Sie selbst haben auch schon bestellt. Als Vorspeise marinierte Jakobsmuscheln mit Waldpilzen für ihn; für sie nur ein Chicoreesalat mit Krabben. Wegen der Figur. Hauptspeise: Perlhuhnbrüstchen auf Wirz mit Getreide-Risotto und Lammkarree mit Berghonig und gefüllten Äpfeln. Um das Dessert kümmern sie sich später.

"In welcher Rolle dürfen wir Sie denn demnächst bewundern?" fragt er, ehrlich daran interessiert. Immerhin ist sie eine gute Schauspielerin, schön zu betrachten. Und überzeugend. Spielt, als würde sie die Rolle leben.

"Ich bin für das Gretchen in Faust vorgesehen ..." antwortet sie. Wickelt dabei eine Strähne mit ihren Fingern auf. Neckisch. "... in einer Inszenierung von Walter Paschke."

'Ah, Paschke' denkt sich Heinz und sagt es auch, vielleicht etwas abfällig:

"Ah, Paschke".

Das ist ein ganz bekannter, ein bunter Hund. Weiberheld. Hat schon das halbe Ensemble vernascht, hat es auch auf die Schauspielerin abgesehen (Jetzt braucht sie dann aber bald einen Namen; wie wäre es mit Barbara oder Brigitte? Erika? Oder Manuela – nein alles unzureichend. Karin, Monika, Miriam. Allerweltsnamen. Sarah. Ja, guter Name. Nicht außergewöhnlich, aber gut.), auf Sarah also hat er es abgesehen, der Herr Intendant. Aber sie: Standhaft. Für Heinz ein Zeichen von Charakter; und von Begabung – wäre sie nicht so gut, hätte sie der verschmähte Paschke schon längst gefeuert.

"Was meinen Sie mit: Ah, Paschke?" frägt Sarah. Eine Mischung aus Spott, Skepsis und Schmollen auf dem Gesicht.

"Wie man weiß hat er ein Faible für seine Schauspielerinnen" deutet Heinz an.

"Das ist nicht außergewöhnlich" fällt ihm Sarah ins Wort. Nicht böse; sie hat nur das Gefühl sich zu verteidigen, kennt die schmutzigen Gerüchte, die falschen Geschichten über sie und ihn. "Wahrscheinlich war das der Grund, warum er Intendant geworden ist: Seine Liebe zum Theater und zum Schönen Geschlecht. Warum nicht beides miteinander verbinden?"

"Es spricht für Sie, dass Sie ihn verteidigen" sagt Heinz und will ihr gerade erklären, dass er über Paschke und sie Bescheid weiß, dass er von ihrer Standhaftigkeit weiß (woher auch immer), aber da fällt sein Blick auf die Uhr.

     Drei Minuten vor Acht. Er muss raus. Ohne Auf-Wiedersehen verdampft das Restaurant und all die Gäste und schließlich auch, ganz zum Schluss, Sarah, die Schauspielerin. Da ist er schon im Bürogebäude, steigt die Treppen hoch, grüßt automatisch.

Frau Katharina Quast mit ihren blonden Haaren begegnet ihm im Flur und hinter ihr her, bereits so früh am Morgen: Paschke. Abteilungsleiter Paschke.

Heinz durchquert das Großraumbüro, zieht die Jacke aus, setzt sich an seinen Platz. Da klingelt das Telefon. Der erste Kunde des Tages.

Er geht ran.

...



Bisherige Veröffentlichungen:


"AcidHead - Visionen im Dunkeln"
(ISBN 3-932325-28-1)

"Türen" - Gedichte
(ISBN 3-934852-06-8)

"Fragmente" - Roman
(ISBN 3-936742-28-6)

"CyberJunk" - SF-Noir
(demnächst im Atlantis-Verlag)

"... und morgen der ganze Weltenraum"
(TrashFiction, Edition Solar-X)
...

...
(c) Geest-Verlag

Buchbestellung:
http://www.geest-verlag.de/

pinternag.html

E-mail an Stefan Pinternagel:
der_skribent@yahoo.de
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