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Ein neuer Vati

...Von Stefan T. Pinternagel


   "Wann bekommen wir endlich einen neuen Vati?" Tatjana quengelte schon wieder. Und Tamara stand neben ihrer größeren Schwester und beschenkte Mutter mit ihrem berühmt-berüchtigten treudoofen Dackelblick.

Marija schaltete ihr Terminal in den Standby-Modus. Die Arbeit konnte warten – hier hatte sie eine viel schwierigere Aufgabe zu bewältigen. Zwei kleine Problemchen, die sich in Windeseile zu einem dicken Problemklumpen verwandeln konnten. Marija hasst die Ferien. Da kamen die Kinder auf die dümmsten Gedanken.

"Und wer von uns dreien kann sich mit einem neuen Vati wieder abärgern?" stellte sie als Gegenfrage. Es war das alte Spiel: Ihre Argumente gegen kindliche Naivität, Logik gegen Sturköpfigkeit.

"Wir" sagte Tamara selbstbewusst.

"Ja" seufzte Marija, "so wie beim letzten. Wie hieß er gleich noch ... Mischa?"

"Mischka" korrigierte sie Tatjana. "Och, der Mischka war doof. Der wollte nie mit uns spielen und immer nur bei dir sein. Wir wollen aber einen Vati für uns, nicht für dich!"

"Na, ich bin ja auch genug mit meiner Arbeit beschäftigt, ich kann einen Vati gar nicht gebrauchen" wiegelte Marija ab. Nun gut, ab und zu war ein Mann im Bett auch nicht schlecht (zumindest wenn er seine Leistung brachte) aber für ihr tägliches Leben war er nur eine Belastung. Es war immer das gleiche: Am Anfang ging alles gut aber dann verliebten sich die Männer in sie und wollten mehr – mehr als sie zu geben bereit war.

"So ein Vati ist nicht billig" begann sie und versuchte an das finanzielle Gewissen der Kinder zu appellieren. Sie ahnte von der Nutzlosigkeit dieses Unterfangens.

"Aber auch nicht teuer" sagte Tatjana siebengescheit.

"Nicht in der Anschaffung, nein" gab Marija zu, "aber im Unterhalt. Und wenn wir dann wieder so eine Niete wie diesen Viktor bekommen ..."

"Viktor war Orange" warf Tamara ein und gab ihrer Mutter damit zu verstehen, dass sie ihn "cool" oder "abgefahren" oder "supergreen" gefunden hatte. So sagte man jedenfalls zu Marijas Jugendzeit dazu. Ach, die Kinder.

Marija ließ sich nicht aus dem Konzept bringen. "Ja, der war Orange! Der war so Orange dass er mein Terminal gecrashed hat und ich für fünf Stunden offline war. So Orange, dass er fast die ganze Kücheneinrichtung ruiniert und das Wohnzimmer beinahe abgefackelt hätte. Viktor war der schlimmste Vati den wir je hatten. Eine Null mit zwei linken Händen!"

     Marija konnte nicht verstehen, weshalb die Kinder gerade Viktor so nachtrauerten. Wenn sie an ihn dachte, stieg ihr Adrenalinspiegel rapide an und sie wünschte sich einen dieser neuen Boxsäcke mit Gefühlschip, der bei jedem Schlag vor Schmerz aufkreischte. Viktor war ein älterer Herr gewesen. Marija hatte ihn auserwählt, weil sie sich von ihm Ruhe, Intelligenz, Erfahrenheit, Mitgefühl und Ausgeglichenheit erhofft hatte. Stattdessen machte er mit den Kindern jeden Unsinn mit. Der ältere Herr mutierte zu einem Kindskopf. Dann wurde er auch noch senil. Schließlich warf sie ihn aus dem Haus als sie ihn dabei ertappte, wie er mit einer Harpune bewaffnet vor dem geöffneten Kühlschrank saß und darauf wartete, dass eine Robbe oder ein Eisbär vorbeikäme.

Natürlich hätte sie auch humaner reagieren und Viktor ins Heim bringen können. Aber sie war so stinksauer, dass sie ihn einfach mit einem abschließenden Arschtritt auf die Straße befördert hatte. Dort hatte er dann noch eine Weile dumm herumgestanden und Marija hatte gehofft, er würde verschwinden bis die Kinder von der Ganztagsschule nach Hause kämen. Als sie dann am Nachmittag hinausgeguckt hatte, war Viktor noch immer da. Saß da im Schneidersitz in ihrem Vorgarten und sah aus wie das Leiden Jesu. Marija musste handeln bevor die Kinder kamen. Also ging sie hinunter und zischte Viktor ins Ohr dass er sich verpissen solle und wenn er in einer halben Stunden noch hier wäre, würde sie bei den Bullen anrufen und behaupten, vor ihrer Türe sitze ein Obdachloser! Er sah sie mit großen ungläubigen Augen an. Augen, die zu sagen schienen: "Aber du hast mich doch in dein Haus geholt". Und dahinter ein Ausrufezeichen. Marija quittierte seinen Blick mit Gefühllosigkeit und Viktor begriff, dass er keine Chance gegen sie hatte. Er trollte sich aus ihrem Vorgarten, aus ihrem Viertel, und sie sah ihn nie wieder. Den Kindern erzählte sie, Viktor wäre weggelaufen.

"Aber wenn wir diesmal einen Vati mit zwei rechten Händen bekommen" stellte Tatjana in Aussicht.

"Ja" stimmte Tamara mit ein. "Einer der alles reparieren kann. Der Müll raus bringt und die Zeitung holt und Einkaufen geht und ..."

"Jetzt übertreibt mal nicht. Ein Mann der Einkaufen geht, dass möchte ich mal sehen! Der setzt sich doch lieber mit seinem Geld in eine Kneipe und säuft ein Bier nach dem anderen."

"Galina hat aber einen Vati der Einkaufen geht. Und nicht nur das. Er bringt Galina auch in die Schule und schläft bei ihrer Mutter im Bett. Die Mutter nennt ihn ihr Lustknüppelchen. Der kann sogar kochen! Das ist ein ganz ein Braver!"

     Marija seufzte. Wenn sie nur auch einmal so ein Glück hätte. Alle Kerle, die sie bis jetzt nach Hause gebracht hatte, waren in der einen oder in der anderen Hinsicht Versager. Minderbemittelt, starrköpfig, eigensinnig, kriecherisch. Und in der Küche waren sie so fehl am Platze wie ein Solarium in der Wüste.

"Wo hat Galinas Mutter denn den Vati abgestaubt?" fragte Marija sich laut.

"Klingel sie doch an!" schlugen Tamara und Tatjana wie aus einem Munde vor. Marija erkannte in ihren Augen das Funkeln eines Hoffnungsschimmers. Die kleinen Biester hatten es wieder einmal geschafft ihr Interesse zu wecken. Allein der Gedanke wieder einen Mann im Haus zu haben, einen der ständig ihre Aufmerksamkeit beanspruchte und sie von der Arbeit ablenken würde, der den Keller unter Wasser setzte und am Abend ausriss um sich mit anderen "Vatis" in der Kneipe an der Ecke zu besaufen, einer der den ganzen Tag faul auf der Couch rum lag und fern sah, furzte und rülpste als wäre er gerade aus dem Neandertal eingeflogen worden, der seine Socken und Unterhosen überall herumliegen ließ ... Allein bei dem Gedanken kam ihr das kalte Grausen.

Aber – konnte es sein? – falls es wirklich so ein Goldstück, beziehungsweise so ein Lustknüppelchen gab, dann bestand doch noch Hoffnung. Hoffnung auf einen Vati der auch ein guter Mann war, ein ganzer Kerl.

"Okay, ich rufe Galinas Mutter an" erklärte Marija. Ihre Töchter jubilierten. "Freut euch nicht zu früh" versuchte Marija den überschwänglichen Enthusiasmus der Kinder zu bremsen, stieß damit jedoch auf taube Ohren.

"Wir kriegen einen neuen Vati, wir kriegen einen neuen Vati" sangen die beiden und rannten ins Wohnzimmer, wo sie um die Couchgarnitur tanzten.

Marija suchte sich die Nummer aus der Anlage, wählte und wartete auf die Verbindung.

"Natascha Sakhojewa." meldete sich Galinas Mutter am Picfon

"Hallo Natascha" antwortete Marija. Sie kannte Natascha flüchtig, wusste, dass sie ein unkomplizierter Mensch war. Sie konnte sich also die Begrüßungs- und Siehst-du-aber-gut-aus-Floskeln sparen. "Hier ist Marija. Unsere Kinder gehen in dieselbe Schule, du weißt? Tatjana und ..."

"Tamara!" fiel ihr Natascha ins Wort. "Natürlich kenne ich dich. Wie geht es dir? Du siehst gut aus."

"Um ehrlich zu sein: Mir geht es nicht so besonders" sagte Marija und machte ein zerknirschtes Gesicht. "Die Kinder wollen unbedingt wieder einen Vati und ich habe im Laufe der Zeit so schlechte Erfahrungen gemacht, dass ich jede Freude an einen dieser Parasiten verloren habe ..."

"... und da haben dir deine Töchter erzählt wie glücklich wir mit unserem Sascha sind." Natascha schien einen Hang dazu zu haben, anderer Leute Sätze abzuschneiden und sie dann für den Gesprächspartner zu vervollständigen. Das machte sie nicht gerade sympathisch.

"Im Großen und Ganzen ist es so gelaufen, ja" meinte Marija und verkniff sich, dass sie wusste, dass Sascha von ihr Lustknüppelchen gerufen wurde.

"Und jetzt möchtest du gerne wissen, wo ich dieses Prachtstück gefunden habe, nicht wahr?"

"Du hast es erfasst, liebste Natascha" säuselte Marija bitter ins Bildtelefon.

"Sascha ist eine europäische Kreuzung: Akkurat wie ein Engländer, ein Gourmet wie ein Franzose, feurig wie ein Spanier, anspruchslos wie ein Portugiese, warmherzig wie eine italienische Mama und treu bis zum letzten Blutstropfen – wie ein deutscher Landser. Und er ist sensibel kann ich dir sagen. Du glaubst gar nicht wie er mit den Kindern umgeht. So etwas habe ich noch nie gesehen! Da wird einem ganz warm ums Herz. Apropos warm: Im Bett ist er wie eine Rakete, gewaltig, feurig, schnell – und er kommt immer ans Ziel, wenn du verstehst was ich meine."

Marija verstand.

"Aber, er ist doch ..."

"Sterilisiert? Natürlich, wo denkst du hin. Das tut dem Ganzen aber keinen Abbruch. Oh Gott, ich weiß, ich höre mich an als wolle ich dir etwas verkaufen, aber ich bin einfach so begeistert" fuhr sie mit ihrem Loblied fort. "Du wirst es nicht glauben: Er lässt sogar meine Schuhe in Ruhe."

Das war nun wirklich bemerkenswert. Anscheinend sahen Männer in Frauenschuhen ihren natürlichen Feind, was natürlich unsinnig war. Vielleicht war es die Vielzahl der Schuhpaare die sie ängstigte, oder irgendein anderer Trieb. Jedenfalls kam es immer wieder vor, das die Vatis die Schuhe zerfetzten oder einfach in die Mülltonne warfen.

Marija klappte der Kiefer herunter.

"Nun rück schon mit der Sprache raus" sagte sie aufgeregt und derb. Sie konnte es nicht mehr aushalten, sie musste so ein Prachtstück besitzen! "Wo hast du Lustknü... äh, Sascha her?"

"Bestellt. Aus dem Katalog. In den Vatiheimen brauchst du gar nicht erst zu gucken, die haben da nur Schrott. Ausgeleierte, verzogene, verlauste Vatis. Die Vatis aus dem Ausland sind viel besser; die sind froh wenn sie ein warmes Plätzchen finden und ab und zu eine warme Mahlzeit bekommen. Die sind noch nicht so verzogen wie unsere Exemplare. Und nicht so schlapp." Sie lachte obszön ins Picfon. "Wenn du willst schicke ich dir den Katalog und das Bestellformular rüber."

"Gerne" antwortete Marija. Sie plauderten noch eine Weile über dies und das, über die Schule, die Kinder, die Politik und den Wirtschaftsaufschwung. Dann beendeten sie die Verbindung und als Marija sich umdrehte, sah sie in vier leuchtende glückliche Kinderaugen.

...



Bisherige Veröffentlichungen:


"AcidHead - Visionen im Dunkeln"
(ISBN 3-932325-28-1)

"Türen" - Gedichte
(ISBN 3-934852-06-8)

"Fragmente" - Roman
(ISBN 3-936742-28-6)

"CyberJunk" - SF-Noir
(demnächst im Atlantis-Verlag)

"... und morgen der ganze Weltenraum"
(TrashFiction, Edition Solar-X)
...

...
(c) Geest-Verlag

Buchbestellung:
http://www.geest-verlag.de/

pinternag.html

E-mail an Stefan Pinternagel:
der_skribent@yahoo.de
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