Ein letzter Häuptling der Kanadier

Von Vasile V. Poenaru


Diesen Brief hat mein Onkel vorgestern in einem Wigwam im Norden gefunden. Ich leg ihn mal vollkommen unbearbeitet vor, weil ich nicht will, daß wieder mal irgendwas über mich gesagt wird.

An: Die Welt außerhalb des Reservats

     Mein Name ist Sir Mike, ich arbeite für eine kanadische Provinzregierung und bin vor allem für solche Dinge wie Streitaxtkultur und Bodenverteilung zuständig. Ich schreibe diesen Brief mit angesichts meines Amtes eher unwürdigen Mitteln. Jammerschade, aber immerhin…Kann nichts dafür. Ich glaube gar, mir wurde ein bloßes Stück Leder gegeben, und ich muß nun was draufkritzeln. Viel Zeit hab ich nicht. Will mich deswegen kurz fassen. Wie dem auch sei, dies ist mein Anfang:

Ich wollte mir also in aller Gemuetlichkeit das breite Vaterland  anschauen und hab nur ganz kurz gesagt: Hallo bitte, ich will was sehn.
Dann fahr ich Sie eben langsam, hat der liebe Mann geantwortet. Bitte steigen Sie ein, mein Name ist Caron. Ich bringe Sie behutsam und sicher an die andere Seite der Stadt. Haben Sie nur keine Angst, bald ist alles vorbei.

So war das. Woher bitteschön hätte ich denn wissen sollen, daß dieser Caron etwas im Schilde führt? Und dabei meine ich das Schild in seinem wörtlichen Sinne.

     Ich wurde sozusagen am 23. Juni 2002 bei uns in der Provinz Ontario gefangengenommen. Nur noch eine einzige Woche hätte ich gebraucht, um mit allem gebührenden Anstand Canada Day feiern zu dürfen. (Ich hab natürlich gleich beim lokalen Hauptling um Urlaub gebeten, aber er will ja nicht!) Inzwischen ist der 1. Juli vorbei. Ein liebes Dankeschön an alle, die mir hätten gratulieren wollen. Ich wurde also von diesen Personen gefangengenommen, die Großer Haufen und Kleiner Haufen genannt werden, glaube ich, jedenfalls haben sie mir keinen gültigen Identitätsnachweis vorgezeigt. Wer hätte an einem angenehmen sonnigen Junitag in unserem braven Norden etwas Böses geahnt!… Großer Haufen und Kleiner Haufen haben mir inzwischen erklärt, daß für sie persönlich Canada Day nicht so wichtig ist, aber ich bin damit auf keinen Fall einverstanden, der Nationalfeiertag ist natürlich für die gesamte Nation von größter Bedeutung. Die Haufen sind Bestandteile der kanadischen Nation, das steht sogar irgendwo in der Verfassung, glaube ich, nein, ich bin sicher, mehr noch, sie sind Bestandteile der Ersten Nation, wie wir uns so elegant ausdrücken, das heißt, auch für diese beiden Personen und für ihre gesamte Sippe, anderenorts Stamm genannt, muß der Nationalfeiertag seine Bedeutung als solche im weitesten Sinne folgerichtig und sinngemäß tadellos wahren. (Ich verschnaufe) So!…

Wenn ich rundherum blicke, sieht mein wohlgeschult wachsames Auge bloß Lederstrümpfe, Tomahawks, Biberfelle, Friedenspfeifen und sonstiges Zeug… Da an der Wand ein Haarbüschel, von dem ich sehr stark hoffe, das es nicht von einem Skalp stammt! Ich will also erstens meine Zahnbürste. Zweitens sagen sie bitte meinen Kollegen, daß die Indianer auf unseren Vorschlag nicht reingefallen sind. Sie wollen die 200.000 Flaschen nicht, ich für mein Teil hätte die, ganz ehrlich gesagt, ohne weiteres genommen. Daß wir ihre Leute nicht umgebracht haben, sondern daß diese sich selber… daß sie sich selber…also das wollen sie auch nicht glauben. Ermittlung oder sowas ähnliches haben die Alten verlangt: Unsinn! Weiß der Teufel, warum damals die Kugel losging, aber das ist es nun eben…Wir können auch nicht mehr tun, als unsere prinzipiell positive Haltung zu beteuern. Und das haben wir schließlich immer getan! Ach ja, was sie noch so meckern: Das Ding sei für sie heiliger Grund und Boden, dort seien ihre Urahnen begraben, sie wollen nicht weg, sie seien schon immer hier gewesen usw.usf…Ist uns bekannt: große Worte. Wir können aber nicht wie gewöhnlich die Einsatzkommandos raufschicken, denn dieses Mal sind die Kerle bewaffnet.

     Es wird spät. Ich warte immer noch auf unsere Leute. Mir wurden Speisen vorgeführt, von denen ich nicht weiß, woher sie stammen. Mir wurde ein Tanz vorgeführt, von dem ich nicht weiß, ob er für Frieden, Krieg, Hochzeit, Ernte oder sonst was steht. Es wird eng. Mir wurde bekanntgegeben, daß ich drei Empfehlungen von drei Indianern brauche, um ein eigenes Zelt zu bekommen. Und vorzugsweise von Indianern, bei denen ich bereits gewohnt habe. Ich habe noch nie bei einem Indianer gewohnt. Die Ecke, die ich vorerst einmal genießen darf, wird Reservat genannt. Alle Welt im Dorf blickt eher geringschätzig her. Jetzt haben sie mir auch noch eine alte Hexe beschert, die Psychotherapie mit mir treiben will, weil ich angeblich asozial sei. Ich bin nicht asozial. Aber diese Leute haben keine Ahnung von den geistigen und zugegebenermaßen auch materiellen Bedürfnissen einer wohlgebildeten Leitkultur. Ich verwende hier ganz absichtlich den Begriff Leitkultur, weil ich das meine, was das Wort meint, und nicht das, was die Leute meinen, die das Wort benutzen. Zwar habe ich per se nichts gegen mein von den Stammesbehörden vorgeschriebenes Reservat, doch…Mann! Das ist wohl ein Spaß! Den ganzen Tag angestarrt werden wie ein farbloser Teufel und dann noch mithören müssen, das sei relative Freiheit. Das ist keine Freiheit, das ist kein Respekt für kulturelle Identität, das ist einfach lächerlich!

Der Medizinmann hat mich nur ein einziges Mal ganz kurz angeschaut, das heißt, gemustert, und sieh einer an! …Schon war ich meine fünfzig Dollar los! Er meinte, mein Gesicht sei bleich. Was ich aber dagegen tun soll, hat er nicht gesagt. Die allgemeinen Arbeitsbedingungen für Neulinge im Dorf sind an sich weder gut noch schlecht. Ich muß Kartoffeln schälen. Dafür bekomme ich freilich überhaupt nichts, leider, denn ich wurde bloß als Volontär eingestellt. In diesem Stamm werden nämlich Volontäre sehr respektiert, hab ich mir sagen lassen. Und da man will, daß ich respektiert werde, hat man mir eben diesen Job als Kartoffelschäler verschafft. Vor allem mein Selbstbewußtsein soll davon irgendwie profitieren, was ich allerdings sehr stark bezweifle. Zum ersten ist mein Selbstbewußtsein auch ohne durchaus in Ordnung, und zweitens wüßte ich nicht, warum es anwachsen sollte, wenn ich Kartoffeln schäle. Doch genug damit! Es war die einzige Stelle, die ich hier kriegen konnte, weil ich keine "Stammeserfahrung" habe. Das heißt, ich hab innerhalb dieses Stammes noch nichts getan (wie hätte ich's auch?) und soll vorerst mal was Nützliches leisten. Wenn Sie mich fragen, ist das eine Diskriminierung wegen meiner Hautfarbe. Ofiziell heißt es Team Spirit.

     Was kann einer da noch sagen? Meine Verblüffung ist gewaltig, die Liebe zum Staat und seinen Organen jedoch ungemindert. Ich werde  ein paar ganz kleine Worte benutzen, die großen sind mir ausgegangen, ich meine, sie wurden verbraucht, bereits eingesetzt, das heißt, verwendet; zu anderen Anlässen, für andere Zwecke. Was ich nicht verstehe: Warum die das so persönlich nehmen! Für mich zum Beispiel waren derartige Angelegenheiten schon immer vor allem ein berufliches Ding. Sachlich. Pragmatisch. Es ging mir zunächst nicht um konkrete Personen, sondern in erster Linie um die Idee intermenschlicher Ausschreitungs- vorbeugungsstrategien, um es kurz zu halten. Und jetzt wollen sie sich rächen: Warum gerade an mir? So ein Mist!!…. Frag ich mich: Warum tun die Kerle das nicht in Saskatoon, wo es doch beim Polizeivolk eh Tradition ist, jeden Winter zum Spaß ein paar Indianer in die ewigen Jagdgründe zu befördern! Die machen sich dann immer über die armen Teufel lustig und sagen sogar: Einsteigen, bitte! Wir bringen Euch behutsam und sicher an die andere Seite der Stadt. Nur keine Angst, bald ist alles vorbei. Und dann fahren sie die im Winter aus der Stadt raus und lassen sie einfach erfrieren. Wir in Ontario halten es da immerhin ziemlich sauber…Wenn ich bloß mein Diplom mithätte, in dem ja in großen Lettern steht, daß ich Multikulturalismus und Toleranzwissenschaft studiert habe!… Wenn bloß jemand auf mich hören wollte!…Wenn ich bloß wissen würde, wie weit die gehen!… Wenn ich bloß einen Wagen rufen könnte… Hallo?!…Wenn ich bloß…Wenn ich bloß…Vielleicht hätten wir Häuptling Dudley George doch nicht umbringen sollen.


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