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Otto der Karpatenhund
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Von Vasile V. Poenaru
(12. 10. 2005)


     Er bellte nicht immer, doch wenn er es tat, merkte man, wie sehr sich Otto vorher gleichsam jede einzelne Silbe in seinem wohlgeraten fließenden Belltext genau überlegte. Er hatte starke Zähne und wedelte gerne mit dem Schwanz. In seinen jüngeren Jahren war Otto ein professioneller Schafetreiber gewesen: droben auf dem grasigen Hügelland im westlichen Teil der Karpaten. Er hatte damals viel Kontakt mit vierbeinigen Kollegen und Menschen. Sonne, Regen, Sturm, Lagerfeuer, vorbeilaufende Wanderer, Liebeslieder, Kampflieder, Grüße, Flüche, Bruchstücke einst fremdartig klingender Laute und Umlaute waren ihm mit der Zeit irgendwie vertraut geworden. Er tat immer so viel mehr als bloß seine Pflicht und verstand sich auch wie kein anderer auf den rechten Umgang mit Wölfen und Bären.

Weil er ein deutscher Schäferhund war, dünkte es nur recht und billig, ihm auch einen deutschen Namen zu geben, schon rein aus Respekt für seine Vorfahren, die sich einst im Tumult der Geschichte aus dunklen Wäldern hierher bemühten, um den Menschen nördlich der blauen Donau treu zu sein. Otto hatte nichts dagegen, zumal er ja eigentlich früher einmal in Kronstadt wohnte. Aber das lag freilich schon eine Weile zurück.

Ein richtiger Stadthund war er strenggenommen nie gewesen, obwohl ihn das Schicksal oder seine Hundeleine durch so manches mehr oder weniger angesehene Stadtviertel zerrte – diejenigen im Zentrum mit inbegriffen. Streunende wie angekettete Hunde gehörten zum Alltag. Machmal ertönte abends ein fernes Gebell, das sich wie eine Ode der Freiheit anhörte – nicht unähnlich derjenigen im Konzertsaal, die Otto als musikalisch veranlagtes Geschöpf auch recht gut kannte. Doch manchmal braucht der Hund Ruhe. Als er in die Jahre kam, verschlug es Otto wieder aufs Land, um seine goldenen Hundejahre zu genießen. Den Blick auf die weiten Kornfelder, rundherum die Karpaten, oben der sternbedeckte Himmel: das kann sich ein pensionierter Schafetreiber durchaus gefallen lassen. Otto hatte zwar keine Angst vor andauernder Hektik und bewegtem Durcheinender, aber müde war er schon nach all den vielen Raufereien und all dem Rennen und Heulen und Bellen und Beißen und Reißen. Er sah, wie die Menschen einander mit Hilfe geflügelter Phrasen kleinkriegen wollten, die sie aus dem Fernsehen hatten und die offensichtlich kaum mehr ausmachten als ein schlichtes, brutales Kampfmittel. Er merkte, wie das Futter immer schlechter wurde. Der Schluss lag auf der Hand: es mochte kein Hund so länger leben. Und schon gar nicht Otto.

     Schon an die zehn Jahre zog es den Karpatenhund quer und krumm durchs Vaterland. Im Laufe seiner vielbewegten Karriere war ihm dabei manches Geheimnis kund geworden, das so auf den Gassen verborgen lag. Die frische Luft sollte ihm nun einmal auch wieder bekommen. In der Hauptstadt war das Hundeleben in diesen wirren Jahren des Umbruchs auf Dauer eben nicht auszuhalten. Bei Tag wurde einer von Zweibeinern gejagt, bei Nacht lauerten Seinesgleichen an jeder Staßenecke. Zwar gab es auf dem Arbeitsmarkt viele attraktive Stellen, etwa als Schutzexperte oder so – meistens war das aber alles schwarz. Und somit äußerst gefährlich. Hauswächter zum Beispiel schien am Anfang an sich schon ein lukratives Amt zu sein, aber da musste nicht nur gebellt, sondern auch gleich gebissen werden, falls ein Fremder nahte, was eine brenzlige Lage ausmachte, denn sobald es dann von seiten des Angebissenen Ermitteln und Rachenehmen hieß, wollten die zweibeinigen Auftraggeber auf einmal nichts mehr von ihrem gesetzwidrig angeheuerten Vierbeiner wissen. "Der ist wohl tollwütig, Sie können ihn abholen." Und am nächsten Tag stand ein anderer Hund in ungeregeltem Arbeitsverhältnis vor der Tür, um zuerst vorschriftsgemäß zu bellen und zu beißen und dann für tollwütig erklärt und "abgeholt" zu werden, was das Ende vom Lied war. Die menschlichen Arbeitgeber lassen ihre hündischen Angestellten eben gerne fallen, wenn es sich so fügt, was dann Opportunismus oder einfach Geschäftssinn oder auch Project Management heißt. Bukarest ist nicht der einzige Ort, in dem das so vor sich geht.

Nein, die Hauptstadt war nichts für Otto. Nichts für seine müden Knochen, nichts für sein bestes Hundealter. Zwar hatte er ein recht starkes Organ und viel Eigeninitiative, doch er hasste es, wenn einer sich allein durch das verursachte Lärmvolumen behaupten konnte. Auf! Hinaus ins weite Feld! meinte Otto irgendeine Innenstimme von weit her zu vernehmen. Eine Weile lang hielt er sich noch so in den Bergen auf: ohne irgendeine weitere Bestimmung. Dann ging er wieder zurück nach Kronstadt. Die Häuser, in denen er einst gewohnt hatte, sahen verlassen und gar nicht mehr so freundlich aus. Darin hatten sich übrigens schon andere streunende Hunde eingenistet. Keine Schäferhunde. Keine Karpatenhunde. Es fiel schwer, sie genauer zu beschreiben. Fast dachte Otto an das Wort Straßenköter. Aber eben doch nur fast, denn Otto hatte einen sehr starken Willen, und eines seiner Prinzipien war, von beleidigenden Ausdrücken abzulassen. Allerdings wurde er selber von den anderen Hunden Straßenköter genannt.

     Er fand einen Bauer, der zu alt gewesen war, um wegzugehen. Der Bauer hatte auch einen deutschen Namen, und weil seine Nachbarn ebenfalls alle deutsche Namen hatten, waren seine Nachbarn weg. Der Bauer hörte gerne Radio, da war oft von Integration die Rede. Da sich der Bauer dann zu freuen schien, freute sich Otto ebenfalls. Er konnte sich nämlich immer gut einfühlen. Dann und wann bekam der Bauer Geschenke aus der alten Heimat seiner Urahnen. Einmal bequemte sich sogar ein Minister her, der dem Bauer sagte, dass er zwar „quasi jederzeit" gerne zurück kann, aber doch eigentlich am besten gleich mal brav zu Hause bleiben soll. (Zurück? Zu Hause?) Und dann kriege er jede Woche eine Schachtel Zigaretten von seiten der deutschen Regierung. Der Bauer rauchte nicht. Dem Minister machte das aber herzlich wenig aus. Um so besser: Dann würde er eines Tages sehr, sehr viele Zigaretten haben!

Otto rauchte auch nicht. Aber er schnüffelte gerne herum und dachte an ferne überregionale Menschenzeiten und nahe pfotenfeste Hundebegriffe, etwa an den Begriff der Treue. Er kaute seinen Knochen und spitzte die Ohren. Über allen Gipfeln war Ruh. Er schnüffelte an den Zigarettenschachteln, die sich wie versprochen pünktlichst anhäuften. Bei den Nachbarn, die nicht mehr da waren, häuften sich keine Zigarettenschachteln an. Otto bewachte das Haus. Er tat es von sich selbst, aus eigenen Stücken, aus einem Gefühl der Verantwortung heraus, ohne dass ihm der Bauer etwas gesagt hätte. Und natürlich bewachte er die neuen Reserven, die zwar unnötig waren, dabei jedoch nichtsdestoweniger einen gewissen Wohlstand an den Tag legten, der freilich nur vorgetäuscht war. Otto ging wie immer sehr gewissenhaft vor, wenngleich die unerwünschten wie die erwünschten Gäste auf sich warten ließen. Einmal spazierte sein jüngerer Freund Max vorbei, der gerade Urlaub in Europa machte und Wuff-Wuff sagen wollte. Max war vor wenigen Jahren nach Amerika ausgewandert und hatte jetzt einen guten Job an einer kanadischen Universität, wo er den deutschen Lehrstuhl bewachte, weil er dank seiner linguistischen Gewandtheit in Sachen deutscher Phonetik auf Befehle in Goethes Sprache am besten reagierte, besonders wenn darin die Umlaute ü oder ö vorkamen.

     Und einmal spazierte ein halbwegs integrierter Fuchs vorbei. Er brachte frische Nachrichten vom Hügelland. Alles sei in Ordnung. Die Schäferhunde hüteten die Schafe. Die Schäfer verkauften ihren Käse in der Stadt. Das Hundefutter ethielt nun etwas mehr Vitamin B. Es gab mittlerweile neue Maulkörber, dieses Mal so ganz nach westlichem Prinzip. Es gab auch neue Leinen, die mehr Freiheit gewährten. In Hinblick auf die nahe Zukunft sei allerdings eine nüchterne Euphorie angebracht. Der Winter war wieder einmal hart gewesen. Aber vielleicht kämen bald bessere Tage für den Karpatenmenschen und seinen Freund.
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(c) privat

Vasile V. Poenaru
(bardaspoe@rogers.com)
Germanist und Autor (geb. 1969),
mehrjährige Tätigkeit als Journalist
für kanadische Zeitungen, derzeit
Doktorand an der Universität Toronto.

Veröffentlichungen:

Literaturwissenschaftliche Abhandlungen,
Essays, Kurzgeschichten, Kurztheater,
Lyrik, Theaterkritiken, Buchrezensionen
und Übersetzungen in Rumänien,
Deutschland, Österreich,
Kanada und USA.
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