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Die Genesung einer Katze
...Von Vasile V. Poenaru


     Herr Schrödinger war abends immer sehr traurig. Seine Katze litt nämlich an einem ambivalenten Zustand. Das hatte mit Herrn Schrödingers Gepflogenheit zu tun, Dinge zu halbieren, besonders zeitlich und räumlich. Wenn etwa eine halbe Stunde halb vergangen war, blieb von der übriggebliebenen Viertelstunde immer noch die Hälfte übrig: frisches Material zum Halbieren. Das auseinanderfallende Ganze hörte strenggenommen nie auf, ein Ganzes zu sein, und die ineinanderfallenden Elementarteilchen strebten vergebens danach, elementar zu werden. Herr Schrödinger hatte sogar ein Bild davon gemalt. Einmal bewegte er sich mit ungewisser Geschwindigkeit irgendwo an der Küste entlang und beobachtete dabei, wie die Wellen kleinste Sandkörnchen durcheinanderwirbeln ließen. Und dann sah er eine Welle, doch es war ja gar keine Welle, es waren die Sandkörnchen, nur sahen sie plötzlich seltsamerweise ganz so aus wie eine Welle. Dann schloß Herr Schrödinger wieder die Augen. Er liebte solche Sachen.

Die Katze im Sack sollte einer, laut den vorsichtig, bedachtsam und zugleich sinngemäß streng formulierten Regeln lukrativer Marktgesellschaft, nie kaufen, aber eine metaphysische Katze ist ja sowieso in unserer gewöhnlich unmittelbar empfundenen Wirklichkeit nicht gerade sichtbar, jedenfalls nicht auf Anhieb, so daß es zur Zeit ihres Erwerbs nur recht und billig dünkte, sie mitsamt einem entsprechenden metaphysischen Sack zu kaufen, dessen meßbare Eigenschaften selbstverständlich ebenso umstritten waren wie die meßbaren Eigenschaften der Katze selbst.

     Im Sack war es nun leider recht dunkel, und da die Katze, von deren Existenz man sich bis auf weiteres auch in Abwesenheit eindeutiger Beweise immerhin ziemlich gewiß sein durfte, die Augen nie für eine empirisch oder sonstwie zufriendenstellend bestimmte und wissenschaftlich erkennbare Dauer offenhielt, konnte man sie folgerichtig nie sehen, um sich davon zu überzeugen, daß sie auch wirklich da sei. Denn diese schlaue metaphysische Katze hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, immer dann, wenn jemand den Sack öffnete, im schnellstmöglichen Augenblick die Augen zu schließen. Zuviel Licht schadete ihrem Sehvermögen, weswegen es ohnehin äußerst empfehlenswert dünkte, den Sack gar nicht erst öffnen zu wollen, weil sich ihr Erkenntnishorizont ja auf das beschränkte, was außerhalb, oder besser gesagt, innerhalb einer optischen Beobachtungsmethodologie erfolgte, die offensichtlich auf variierenden Wellenlängen beruhte und somit schon in ihren ersten Ansätzen bedauerlicherweise jedwelcher begrifflichen Absolutheit entbehren mußte. Übrigens war die Katze in Anbetracht dieser reduzierenden Umstände für nur den halben Preis feilgewesen, was ein recht gutes Geschäft ausmachte, soweit sich die Katze auch tatsächlich im Sack befand, wie der Händler allerdings mit großer Zuversicht zu meinen glaubte.

Augenscheinlich ging es hier um eine vorzüglich holistische Angelegenheit, und das war gut. Herr Schrödinger besaß nämlich eine sogenannte Maschine des Lebens, von der freilich mehrere seiner Kollegen behaupteten, es sei eine sogenannte Maschine des Sterbens. Weil Herr Schrödinger wollte, daß seine Katze lebe, hatte er sie vor fast einer halben Stunde in die Maschine gestellt und als Termin der wohltuenden Prozeßvollführung eine halbe Stunde vorgesehen. Allerdings überkamen ihn in bezug auf seine Maschine inzwischen ernsthafte Zweifel, von der ja mehrere seiner Kollegen behaupteten, es sei eine Maschine des Sterbens. Die Hälfte der Zeit war im Nu vergangen, bald war von der restlichen Hälfte bloß noch die Hälfte da. Und weil Herr Schrödinger auf einmal gar nicht mehr so genau wußte, ob seine sogenannte Maschine des Lebens nicht doch etwa eigentlich rein zufällig eine sogenannte Maschine des Sterbens sei, tat es ihm nun leid um die arme Katze, die möglicherweise wegen eines miesen Wahrscheinlichkeitsfaktors an sich durchaus kerniger maschineller Berechnungen ums Leben kommen sollte, was allerdings keinen eigentlichen Unterschied ausmachen würde, weil sie ja sonst sowieso vollkommen naturgemäß und möglicherweise sehr bald wegen ihrer grundlegenden Ambivalenz an einer freilich an sich unwahrscheinlichen Krankheit gestorben wäre, sofern es sich eben so gefügt hätte.

     Weil ein finiter Intervall aus infiniten Komponenten bestehen kann, muß und soll, war aber die Halbierung noch nicht (noch nie) zu Ende, als die volle halbe Stunde sich gerade daran machte, mit allen chronologischen Konsequenzen dem relativen Gebiet der Vergangenheit anzugehören. Die Katze wußte somit kaum mit ausreichender Genauigkeit, ob sie noch am Leben war oder, ganz im Gegenteil, bereits in jenseitigen Gefilden einer neuen, das heißt, einer ungefähr haargenau entstellten Halbzeit harrte, auf die sich etwaige seinslüsterne Betrachtungen einer quantischen Erkenntnis hätten berufen können, und zwar wußte sie das ebensowenig, wie der vor einigen knappen Jahrtausenden aus mildem Schlaf erwachene Chuang Tsu mit ausreichender Genauigkeit zu bestimmen vermochte, ob er ein Mensch sei, der gerade geträumt hatte, ein Schmetterling zu sein, oder vielmehr ein Schmetterling, der nun gerade träumte, ein Mensch zu sein. Von der einen Möglichkeit zur anderen war es nur ein Katzensprung, freilich ein so infinit geringer, daß ihn selbst die kleinstmögliche Katze unter kleinstmöglicher Veränderung ihrer räumlichen und/oder zeitlichen Koordinaten wohl kaum je zu vollbringen vermochte.

Herr Schrödinger schätzte es sehr, als rechtschaffene Person angesehen zu werden. Auch hatte er seine Katze lieb, fast so lieb wie das Halbieren. Fast so lieb wie seinen täglichen Rundgang um den metaphysischen, um den physischen Kern der Dinge. Fast so lieb wie die offensichtlich finite Summe aller Indefinitpronomen. Man mußte bloß die ewige Kluft überbrücken, die sich zwischen Anstand und Zustand einer im wörtlichen Sinne atemberaubenden Ästhetik der Partikel breit machte. Man mußte die Katze retten. Dies war ein Imperativ der Stunde, der halben Stunde.

     Herr Schrödinger sah ein geschmeidiges Wesen mit langem Schwanz von einem Ast zum anderen springen. Der Baum vor seinem Fenster erinnerte ihn an etwas Klassisches. Er hatte schon seit langem keinen Apfel mehr in die Hand genommen. Plöztlich fühlte sich Herr Schrödinger durch eine gleichsam universale Kraft an die Dinge herangezogen, im Großen wie im Kleinen. Er mußte an eine alte Geschichte denken. Es hieß, daß der Mensch (auch die Katze?) unmittlbar vor seinem Tod blitzschnell noch einmal in Gedanken durchs ganze Leben geht, daß er sich somit seine bewußte Existenz unwillkürlich, gleichsam aus einer Perspektive der Endzeit überlegt, an einer beinahe unbeweglichen Reihe von inneren Bildern veranschaulicht: an einer sehr langen Serie aufschlußreicher Sequenzen des Selbst.

Es bestanden hinreichende Gründe anzunehmen, daß diese Serie sogar unendlich sei, wohingegen der Zeitraum, in dem sich der Prozeß abspielt, durchaus endlich ist, oder besser gesagt, durchaus begrenzt, denn schließlich ist er ja eigentlich ebenfalls unendlich, nur eben unendlich klein. Der Trieb lag nahe, diesen ontologisch herausfordernden Sachverhalt der Gefühls- und Gedankenzerlegung sozusagen einmal mit echten und dazu noch ganz schnell blinkenden Katzenaugen zu ermitteln. Die Differentialrechnung des Sterbens mutete ihm dabei jedoch schon immer ein bißchen unheimlich an, deswegen hatte sich Herr Schrödinger bisher noch nie ausführlich damit befaßt. Weil er aber in der Differentialrechnung des Lebens ziemlich beflissen war, konnte er sich nun trotzdem gut vorstellen, auch für diese letzten, soeben in den Vordergrund seiner Überlegungen getretenen Partikel menschlicher Gesinnung eine schwungvolle Gleichung zu schreiben.

     Manchmal fällt nichts leichter, als den Bleistift in die Hand zu nehmen. Und befindet sich der Bleistift erst einmal wohlgespitzt in der Hand, so fällt manchmal nichts schwerer, als etwas zu schreiben. Herr Schrödinger brütete lange über seinen Partikeln und deren beiwohnenden Wellen. Es schien, als ob sich die ganze Welt um eine sehr kurze Achse drehen würde. Dichte Formeln schwebten durch ein umfassendes semantisches Feld, dessen Gewicht sich am Wort messen ließ.

Zweifelsohne handelte es sich hierin um ein sehr großes Problem. Wenn man es doch bloß verkleinern könnte! Herr Schrödinger machte sich daran, das Problem zu halbieren. Dekonstruktivismus wäre wohl kaum ein quantumphilosophisch angebrachter Begriff gewesen, um das unwahrscheinliche Dahinscheiden sequentieller Perspektivistik adäquat zu beschreiben, weswegen Herr Schrödinger auch überhaupt nicht erst daran denken wollte, ihn zu gebrauchen. Doch Schritt um Schritt schrumpfte das weite Gebiet seines kulturwissenschaftlichen Unbehagens zusammen, und das sogar in exponentieller Weise! Freilich war es am Ende seiner progressiven Betrachtungsserien nicht echt aus der Welt geschafft, doch wohl zumindest aus der Außenwelt. Und die Problematik des Inneren wuchert sowieso überall. Der Katze konnte es egal sein. Übrigens fühlte sie sich nun viel besser. Herr Schrödinger bildete sich ein, den Sack einmal ganz kurz geöffnet zu haben. Und er bildete sich ein, einmal ganz kurz in die offenen Katzenaugen geblickt zu haben. Und dann bildete er sich ein, den Blick auch richtig verstanden zu haben. Es war sehr anstrengend. Er öffnete wieder die Augen und schaute in sein Mikroskop, das zugleich sein Teleskop war. Die schlimmsten Schrecken der Ambivalenz waren vorbei.

     Es gibt in der Überlieferung keine Angaben in bezug auf eine mögliche Verewigung der Textmasse jenseits einer kritischen Reizschwelle, doch Herr Schrödinger hegte den Gedanken eines Abends. Deswegen eine vorletzte Überlegung: Diese Geschichte von Herrn Schrödingers Katze ist zugegebenerweise nicht nur äußerst relativ in ihrem katzenübergreifenden Wahrheitsgehalt und Aussagepotential, sondern zudem noch auf vielfacher Ebene durchaus unvollkommen, was jedoch vom großzügigen Blickpunkt der Statistik betrachtet keinen richtigen Fehler ausmacht, fügt sich doch aus Halb und Halb selbst jenseits der inwendigen Bilder allerkleinster Katzen- oder Gedankensprünge nur selten ein eigentliches Ganzes. Aber die Geschichte wurde ja natürlich strenggenommen noch gar nicht zu Ende gerollt. Das darf dabei keineswegs darauf zurückgeführt werden, daß sie ihrem zumutbaren Ende (ihren zumutbaren Enden) nicht in aller naturwissenschaftlicher Gesetzmäßigkeit entgegenstreben würde. Nur ist nun eine neue Halbzeit vorüber, und was folgt, wurde schon gesagt.

 

E-mail des Autors: bardaspoe@rogers.com

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