Grüner Plan für wüstes Land

Aus dem super-geheimen Tagebuch eines Kriegsgenossen

Von Vasile V. Poenaru


Über die mutmaßlich bald zu erwartende irakische Nachkriegsdemokratie wird in letzter Zeit auf einmal viel geredet, wo es früher doch immer nur wichtig war, Saddam zu "kriegen", folge, was wolle. Demokratie in der Wüste: Das klingt ansonsten recht gut und billig, denn schließlich wollen wir ja nicht gerne ein ganzes Land zerstören und uns sozusagen mit seinen Ölfeldern davonmachen, ohne irgendwie wenigstens von der geheimen Intention her der blutarmen Bevölkerung mit steinreicher Geschichte das frohe Einmaleins marktwirtschaftlicher Tugenden einer kanonisierten Freiheitsdoktrin beizubringen. In Washington und Texas hat man treffende Machtworte rollen lassen, die nun ungeniert ihrer eigenen spontan beklatschten Syntax folgen, ohne sich allzusehr um Sinn und Form der Paragraphen zu kehren. Denn die das Sagen haben, sagen was. Und der Rest der Welt hört was.

Fragen darf man aber nicht stellen. Es fällt nämlich ohnehin selbst ultrademokratischen Schmeichelstrategen recht schwer, den recht schwerwiegenden Rethorik-Helden dieser aufgeblasenen Viertelstunde der zivilisierten und unzivilisierten Menschheit Termine abzuhandeln. Deswegen haben wir uns nun in Abwesenheit eines zuverläßlichen Gesprächspartners wenigstens ein paar Seiten aus einem super-demokratischen super-geheimen Tagebuch angeschafft, das freilich strenggenommen niemand hätte sehen sollen. Darin stehen zum Glück viele hochinteressante und dazu noch hochpatriotische Ideen und Ideale aus säuberlich präfabrizierten Trommelphilosophien, unter anderem der Wille zur Macht und die neuere Phänomenologie der Sandstürme. Erhitzte Köpfe haben natürlich nicht auf sich warten lassen, man brennt sozusagen darauf zu erfahren, wer wen reinlegt, doch ganz konkrete Brennköpfe konnten in diesem mühsam korregierten Gelübdnis verschriebener Territorialinstinkte einer vertraulich intendierten Selbstbesinnung leider noch nicht vorgefunden werden. Das ist bekanntlich schade. Wie dem auch sei, neue Suchtruppen wackerer Sprachinspektoren dürfen jedes einzelne Wort demnächst neu umzingeln und belagern, um einem womöglich latenten Sinn zu einem womöglich latenten Sein zu verhelfen.

   
     W
ir werden gewinnen! Wenn ich was will, dann will ich was! Was ich will? Ja was will ich?

(Nachdenken. Einnicken. Essen. Proklamieren. Briefing. Debriefing. Powell sprechen. Zeichentrickfilm angucken: Altes Europa, Neues Europa. Deutschland, Kuba, Libyen. Schlafengehn. Siege träumen. Aufwachen. Die Poeten einladen. Die Poeten wegjagen. Nation hin. Nation her. Kampf der Kulturen. Bart rasieren. Nachdenken. Weiterschreiben)

Kotzbombenelement, werden wir’s ihm geben! Ich kann’s, ich kann’s, ich weiß, ich kann’s! Hoffentlich. Und übrigens wäre es nicht das erste Mal, daß uns sowas auch total gelingt. Nehmen wir zum Beispiel Afghanistan, das zerstört wurde, um aufgebaut zu werden. Unsere vielen bis an die Zähne bewaffneten Warlords schießen ja mittlerweile wirklich fast gut wie Billy the Kid, wir haben die auch perfekt ausgerüstet, schade eigentlich, daß sie nicht mehr auf uns hören wollen, die gottverdammten Schurkenstaaten- Dreckskerle und frevelhafte Umweltverschmutzer, wollte sagen diese hochnäsigen Personen mit Turban!...Doch nein, Moment, lieber nicht Afghanistan, da ist ja jüngst wieder die Hölle los, und die Marines werden alle zwei Meter beschossen, soweit sie es überhaupt wagen, Kabul zu verlassen, wobei es allerdings strenggenommen ja gar nicht die Warlords sind, die auf sie schießen, sondern diese ausgemerzten Tali-Bahli, das heißt...also nun gut...wie dem auch sei...

    Nein, nehmen wir lieber ein ganz anderes heruntergekommenes Land, sagen wir etwa den Irak, ja, den Irak, wo vor dreizehn Jahren ein grausamer Diktator herrschte, die Hände mit Blut und Öl befleckt, Gold und Weiber zu seinen Füßen. Ihm selbst konnten wir freilich kein Haar krümmen, doch der Bevölkerung haben wir’s gezeigt! Das entsprach nun irgendwie freilich nicht ganz dem Sinn der Sache, aber immerhin, ’s hat keiner was gemerkt, denke ich...For the people of Irak. For the people of Afghanistan. For the people of Whatever. Und so weiter. Mein Mitgefühl ist echt, oder ebensogut wie echt. Nicht daß es mein Ernst wäre, allein es hört sich immer politisch korrekt an, mal kurz großzügige Pläne für die Nachkriegszeit zu schmieden. Befreiung ist auf linguistischer Ebene mein Steckenpferd, ebenfalls weil es so gut klingt.

Die haben wir also allesamt so richtig ausgehungert, die Schleier-Lümmel mit tyrannischer Regierung, als Strafe dafür, daß ein so grausamer Diktator sie zu seinem Volk gewählt hat, Tschuldigung, wollte sagen als Vorbeugung gegen, gegen...Wo steckt denn mein Sprecher? Wir sind ziemlich präventiv vorgegangen und sagtem dem Diktator ganz klar, daß er gehen soll. Aber er wollte ja nicht. So ist er denn eben doch noch eine Weile lang geblieben, ein Jahrzehnt oder so. (Wir waren früher Freunde)

    Oder nehmen wir mal Nordkorea. Zwar haben wir den Kerlen damit gedroht, im Notfall ein sogenanntes unkonventionelles Ding auf sie hinüberzuschleudern, doch daß sie sich nun selber solche sogenannten unkonventionellen Dinge angeschafft haben wollen, ist eine so große Unverschämtheit, da würde es einer denen mal zeigen, wenn’s nicht so gefährlich wäre, ich meine, wenn sie das Ding schon haben, also, na ja., wie gesagt bin ich also heute mal strenggenommen nicht zu Hause...

Off the record: Zu schade, daß der verdammte Wüstenmensch sich nicht sputen wollte, als wir eine Anspielung in diese Richtung wagten. Vorspiel zum Krieg, was für eine blöde Idee mit blöden Regeln. Da haben wir die Bescherung! Angeblich soll er’s nicht richtig verstanden haben, weil unsere Drohexperten mein Zeug in die falsche Sprache übersetzt haben (und unsere Bombenexperten freilich meine Bomben ganz woanders abgeworfen haben, als ich es ursprünglich wünschte). Auch hat er gleich – gehen, ging, gegangen – mit dem Konjugieren begonnen, mein Gott, ist das nun ein starkes Verb oder ein schwaches? Und als Vati nicht mehr Präsident war, hat er Sekt getrunken, nein, gesoffen hat er, der Schuft, der Material-Breach-Sandkerl und elende Halunke mit überdimensionierten Palästen, wie ein bärtiges Kamel!... Hingefallen ist er, direkt auf die Nase! Dann ist er aber allerdings wieder aufgestanden. Und weiterhin Präsident geblieben. Es sieht hanz so aus, als sei unsere Außenpolitik damals nur so halb und halb an den Mann gekommen. Nicht so jetzt. Wir haben dem Diktator ganz klar gesagt, er soll gehen.

    Ich fühle mich zu großen Taten berufen, auch gefällt mir das ganze Ding mit der Präsidentschaft, das sollte man doch wiederholen. Ich bin nämlich ein sehr starker Mann, bei mir gibt es viele Facetten. Ich kann eine Sprache, genauer gesagt meine Muttersprache, und ich kann Geographie, und auch Geschichte, wenn ich will. (Am Anfang der Geschichte stand mein Dad, und am Ende der Geschichte stehe ich, um das mal so auszudrücken). Ich kann mir ganz allein die Zähne putzen oder sagen wir ruhig einen x-Beliebiegen aufs Korn nehmen, soweit dies angebracht dünkt. Wenn in der Quatschbude gequatscht wird, brauch ich gar nicht hinzuhören, denn es gibt niemanden, der höher fliegt als ich. Als mal neulich wieder zu Hause die Kühe an mir vorbeirannten, hab ich mir gedacht: Die Welt ist groß, ich will damit spielen. Aber natürlich war das nur ein Traum. Mit der ganzen Welt spielen wäre nämlich zwar toll, ist aber leider strikt verboten. Auf meiner Ranch müssen sich die Leute freilich von mir vieles gefallen lassen; denn ich bin eine multilaterale Persönlichkeit.

Zugegeben, Tapferkeit war kaum je mein Steckenpferd, na und, wer merkt das denn? Dafür hab ich Trompeten und Jungs, die darin blasen! Inzwischen kenne ich mich auch auf Sandburgen aus und weiß ziemlich genau, wie man sie zu Fall bringt, wenn sie dreckig werden. Leider beschimpfen mich dann die anderen Burschen als ungezogenen Lausejungen, als ob sie nicht allesamt genau dasselbe tun würden, wenn sie nur meine Wasserpistole hätten (Geb ich nicht her!). Wenn ich will, frag ich die anderen, was sie meinen, ich frag sogar nach ihrem Rat, sicherheitshalber sozusagen, der Form wegen, weil das immer so gut klingt. Aber nur, wenn ich will, und nur, wen ich will. Mein Spielfreund Toni zum Beispiel hat Sherlock Holmes studiert, der kann alles beweisen, mit Bildern aus dem All, mit echten Zitaten erschütternder Klassiker, glaube ich, jedenfalls hat er immer gleich einen stolzen Papierfetzen mit oder so was. Mann oh Mann, das mag ich! Sollte selber mal öfters in die Bibliothek! Mit den restlichen Leutchen hier rund um die Oase kann einer nicht viel anfangen, deswegen werden wir die Neugestaltung der Dinge allein vorwegnehmen müssen. Ich und mein Toni, wir leisten schon was, denn wir ziehen schnell. The will for a coalition of the willing (Verdammt, da wiederholt sich schon wieder was!). Was hat der Kerl gesagt? A new game? Action figures sold separately? O du liebe Welt, das ist ja soo...o! exciting. Wenn’s wieder mal brenzlig wird, hau ich einfach ab, aber nur, bis sich der Sturm legt. Und wenn keiner was tut, dann tu ich was. Wer fürchtet sich vor dem schwarzen Mann? Niemand! (Werden die aber staunen! Lausejungen.)

    Ach, Herr Präsident! hat mal einer gesagt, bei Ihnen geht es ja zu wie in einem Taubenschlag! Und hatte dabei recht. Viele merken, wie dynamisch sich bei mir die Dinge tun, wie viele Kniebogen ich nach den besten Regeln und Rezepten und Prinzipien und Idealen des heimatlichen Determinismus vollführen kann, ohne mich – wohlgemerkt! make no mistake! - je auf die Knien zwingen zu lassen. Viele merken, daß bei mir ganz echt was los ist. (Schon meinem Paps ist das aufgefallen, sonst hätte er mir ja nicht in den Sattel geholfen – Wie steigt man übrigens wieder ab?)

Als ich beim Zählen in Schwierigkeiten geriet, half mein Bruder nach, der ist sehr gut in solchen Sachen, ja fast würde einer sagen, er ist kolossal. Als ich beim Sprechen ins Stocken geriet, half mein Sprecher, der ist auch ganz kolossal. Und als ich beim Denken in diese miese und an sich eher unerhabene Sackgasse der Vernunft geriet, wo ich nun vermeintliche Strategien der Vorbeugung zum besten geben soll, half die entschlossene Art und Weise meiner schlichten Weltanschaung. Ja wie kann ich das mal kurz und bündig ausdrücken, ohne wieder mal was anzustellen? -
Meine Nase ist voll, der Benzintank leer. Ich bin krank und ich bin müde (bloß ein Ausdruck: ganz so meine Art, was?). Und deswegen sag ich’s ja immer wieder: Auf auf, du junger Wandersmann! Die Kerle muß man allesamt in eine korporatistische Ölfeld-Demokratie zwingen!

 


 === Zurück zur Übersicht ===