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Die Widerspur

Von Lothar Quinkenstein
(03. 12. 2006)
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(c) Wojciech Gajtkowski

Lothar Quinkenstein
(lquink@web.de),
geb. 1967 in Bayreuth, Studium der Germanistik und Ethnologie in Freiburg im Breisgau. Arbeit als Deutschlehrer, u.a. in St. Petersburg. Lebt seit 1994 in Polen, zur Zeit tätig am Institut für Germanische Philologie der Adam
Mickiewicz-Universität in Poznań.

2005 und 2006 Stipendiat der Kulturstiftung der Länder, Berlin (Villa Decius, Krakau).


Veröffentlichungen

"Nervenharfe"
Erzählungen
Gollenstein Verlag,
Blieskastel 1998.
ISBN: 3930008661

Lyrik
In mehreren Nummern
der Zeitschrift "Krautgarten"
(seit 1998)

Übersetzungen ins Polnische Kurzprosa und Lyrik - in der Zeitschrift AKANT (Bydgoszcz).

"Hofkonzert.
Gedichte für Kinder
"
Selbstverlag. Poznań 2005.

"Schnaps"
Schöner Lesen Nr. 50.
Hg. v. Marc Degens.
SuKuLTuR, Berlin 2006.

"Beim Stimmen der Saiten"
Gedichte – voraussichtlich
Frühjahr 2007. Geistkirch
Verlag, Saarbrücken.

Zwei Romane – "Tellurium" und "Das Gipfelbuch" – beschäftigen sich mit deutsch-polnischen Erfahrungen (beide bislang unveröffentlicht).

 Aller innere Sinn ist Sinn für Sinn.
(Novalis)

    Die beiden Männer, die auf dem in verschlungenen Mustern gepflasterten Hof dem schlammbespritzten Fiat entstiegen und im Laufschritt dem Eingang des herrschaftlichen Gebäudes zueilten, während jeder in der einen Hand eine kleine Reisetasche trug und versuchte, sich mit der anderen notdürftig gegen den Wolkenbruch zu schützen, mit einer Zeitung der eine, mit einer Windjacke der andere, dabei Haken um die Pfützen auf dem Kiesweg schlagend, schienen der Dame, die sie durch das Fenster ihres Büros im Parterre beobachtete, mehr als suspekt, und als sie die Tür aufschnappen hörte und wenig später die beiden Gestalten atemlos vor ihrem Schreibtisch erschienen, lag ihr, noch bevor es zu einer näheren Klärung des Ansinnens hätte kommen können, eine Zurechtweisung hinsichtlich der Lehmstriemen auf der Zunge, die die restlos verschmutzten Schuhe auf dem Teppich hinterlassen hatten, und sie schöpfte gerade Atem, den passenden Ton zu treffen, als der eine der beiden ein aufgeweichtes Schreiben aus der Hemdtasche zog und sich herausstellte, daß soeben Herr Dr. Leszek Cudowski und Herr Dr. Friedrich Günzelroth eingetroffen waren, die aus Lublin erwarteten Gäste der Linguistiktagung.

Hätten die beiden bei der Anreise nur mit der kleinen Ungenauigkeit in der Wegbeschreibung zu tun gehabt, die den Organisatoren der Tagung in ihrem Rundschreiben unterlaufen war, hätten sie vermutlich nur auf den Eröffnungsvortrag verzichten müssen, zu allem Unglück kam noch eine Autopanne hinzu, und allein der Hilfsbereitschaft eines Bauern, der sie mit seinem Traktor bis zum nächsten Dorf schleppte, wo sie das nötige Werkzeug leihen konnten, um den Schaden zu beheben, blieb es zu verdanken, daß sie die Fahrt überhaupt hatten fortsetzen können.

Nun war auch der Nachmittagskaffee schon wieder abgeräumt, und der dritte und letzte Vortrag für diesen Tag ging soeben in die offene Diskussion über. Angesichts dessen schien es nicht angeraten, zumal in diesem Aufzug, in den Tagungsraum hineinzuplatzen. So begaben sie sich in das für sie vorgesehene Doppelzimmer im zweiten Stock und verwendeten einige Mühe darauf, die Spuren ihrer mühevollen Fahrt zu beseitigen.

    Kurz nach 19 Uhr öffneten sich die Flügeltüren. Aus der Tiefe des Flures erspähte man in Hufeisenform angeordnete beigefarbene Tische und dunkelblaue Stühle, deren Rückenlehnen etwas stummelig zu kurz Geratenes anhaftete. Vor der weißen Tafel, auf der ein flüchtig hingeworfenes Schaubild zu sehen war, ordnete soeben der Referent seine Papiere, mechanisch nickend, da eine Dame ihn mit Fragen in Beschlag nahm, jetzt stieß er sacht an den Papierstapel auf dem Tisch, um die Kante zu glätten, nickte noch einmal und setzte eben zum Sprechen an, da verdeckten zwei Herren, ihrerseits in ein Gespräch vertieft, die Sicht; ihnen nach schoben sich weitere Personen aus der Tür, Gemurmel bewegte sich Richtung Speiseraum, gegliedert noch nach den Grüppchen, die den Herkunftsorten entsprachen, doch ebenso sichtbar schon im Begriff, Abspaltung und Anlagerung zuzulasssen – hier hatte besagter Nachmittagskaffee bereits Gelegenheit geboten – und indem man sich an die gedeckten Tische verteilte, begann Entspannung zu wirken, sei es in der Vorfreude auf die Stillung vegetativer Bedürfnisse, sei es aus Erleichterung über das Ende der Vorträge, und in diese Zwanglosigkeit – schon klirrt Besteck, Gelächter kullert – reihten sich auch die beiden Nachzügler ein, und das warme Küchenaroma, durchwoben von einer kräftigeren Note Pfefferminz, umfing alle Anwesenden mit dem Fluidum der Behaglichkeit.

Während die Herren Cudowski und Günzelroth mit ihren Matjesfilets beschäftigt waren, entnahmen sie einem Gespräch, das in gedämpftem Ton zu ihrer Linken geführt wurde, daß man für den nächsten Tag die Ankunft einer Professorin aus Leipzig erwarte, ihres Zeichens streitbare Vertreterin einer methodischen Avantgarde, deren jüngste Buchveröffentlichung in Fachkreisen Luthers Thesenanschlag in Erinnerung rief. Ein fulminanter Auftritt stand zu erwarten. Die Dame gegenüber wollte zwischen zwei Gabeln Geflügelsülze gehört haben, daß die „Gruppe aus Lublin" offensichtlich auf die Teilnahme an der Tagung verzichtet habe, bedauerlicherweise, denn so bliebe kaum jemand, der der streitbaren Leipzigerin die Stirn bieten könne. Weit davon entfernt, sich als Gruppe zu fühlen, zudem erstaunt angesichts derartiger Hoffnungen, die in sie gesetzt wurden, schoben die beiden einzigen Vertreter aus Lublin dezent ihre Stühle zurück und entzogen sich einer etwaigen Integration in dieses Gespräch durch einen weiteren Gang zum kalten Buffet.

Das Abendessen geriet in die Länge. Am Ende harrte noch eine Handvoll Personen aus, über den letzten Zwiebelringen in der Sahnetunke und einem übriggebliebenen Knust im Brotkorb konversierend, bis zwei rosabeschürzte Küchenhilfen auch diesen Zirkel mit ihrem ratternden Geschirrwagen auflösten. Man erhob sich, entdeckte auf einem Stuhl eine Aktenmappe, deren Besitzer nicht auszumachen war, und mit dieser Aktenmappe und dem zu Ende gehenden Tag überließ man sich dem Gefühl eines Daseins, das an fremdem Ort allen Alltagspflichten enthoben war, und, fürs erste in der Halle heimisch geworden, ohne schlechtes Gewissen, teils stehend, teils auf den ausladenden Ledergarnituren sitzend, plaudernd, rauchend oder schlicht dem Augenblick ergeben, sich selbst genügen durfte. Die Worte, die gewechselt wurden, fachsimpelnd hier, in behutsamen Würfen des Kennenlernens dort, ließen an Schaumgummibälle denken, die sportlichem Ehrgeiz zwar wenig bedeuten mögen, dafür umso beliebter sind, wenn es als Vorteil gilt, nicht jede Unaufmerksamkeit mit Blessuren bezahlen zu müssen.

Die Herren Cudowski und Günzelroth erörterten zuvörderst die Frage der Heimfahrt angesichts der Autopanne, die sie lediglich provisorisch behoben wußten, sprachen von einem Kollegen an ihrem Institut, der offenbar als Spaßvogel bekannt war, und wurden zufällige Zeugen, als die Aktenmappe ihren Besitzer wiederfand.

    Herr Günzelroth war es, dem im Folgenden eine Überraschung widerfuhr. Mitten im Satz das Standbein wechselnd und mit dem Unterarm Halt suchend, indem er selbigen nichtsahnend an die Wand stützte, hätte er um ein Haar das Gleichgewicht verloren, da sich mit leisem Schnappen eine Tapetentür öffnete, die er im Halbdunkel des Winkels nicht bemerkt hatte. Ein Blick durch den Spalt bot die unerwartete Perspektive in einen mit Rohrgestühl und Pflanzenarrangements eingerichteten Wintergarten. Veranlasst durch die Neugierde, einen Raum, der sich in Teilansicht bietet, in seiner ganzen Abmessung erfassen zu wollen, spähten sie durch die Tür. Hinter dem ersten Palmenkübel gewahrten sie einen Durchlaß, den ein Tisch versperrte, und als hinter selbigem wie aus dem Nichts ein Mann auftauchte, der sie freundlich fragte, was es denn sein dürfe, ordneten sich auch die umgedreht auf einem Tablett aufgereihten Gläser, der im Hintergrund summende Kühlschrank sowie die Kisten daneben zu einem logischen Ganzen, und freudig überrascht angesichts dieser Fügung, bestellten sie jeder ein Bier und 50 Gramm klaren Wodka.

Die Umstehenden hatten von Herrn Günzelroths Stolperschritt keine Notiz genommen, doch nun, da die Tür offen stand und ein Lichtschein, der durch dieselbe fiel, auf sich aufmerksam machte, indem er das Fliesenmuster der Halle diagonal durchschnitt, konnte es nicht ausbleiben, daß Blicke entdeckten, was dort zu sehen war: vor den Laternen einerseits, die den Hof erleuchteten und Regenschnüre glitzern ließen, und unter gefiederten Palmwedeln andererseits saßen unsere beiden Herren und prosteten sich zu. Und so dauerte es nicht lange, bis Scherzworte von Seiten der Betrachter verrieten, daß das Bild Anziehungskraft zu entwickeln begann.

    Als erstes regten die Stehenden vermittels rhetorischer Fragen bezüglich der Aussicht, die Unterhaltung im Sitzen fortspinnen zu können, zum Betreten des Wintergartens an, und nachdem sich unversehens eine kleine Schlange vor dem Tisch am Durchlaß gebildet hatte, setzten sich auch die in den Ledergarnituren Plaudernden grüppchenweise ab, bis in der Halle, ebenso rasch, wie sie in Beschlag genommen worden war, ihres Reizes schon wieder verlustig gegangen, nur noch eine nachlässig ausgedrückte Zigarettenkippe in einem der massiven Aschenbecher mit zitterndem Rauchfaden verglomm.

Die Verteilung des Rohrgestühls brachte es mit sich, daß zwei jüngere Damen die Gesellschaft der beiden, man möchte sagen Wintergartenpioniere teilten, und Leszek Cudowski, in solchen Angelegenheiten stets von einer Gewandtheit, die Friedrich Günzelroth in all den Jahren ihrer Freundschaft immer nur bewundern konnte, besorgte im Handumdrehen zwei Gläser halbtrockenen Rotweines und für sie selbst noch zweimal 50 Gramm.

Man stellte sich einander vor – Barbara und Anna, beide aus Warschau und seit Anfang des Jahres zu Stipendienaufenthalten in Berlin, wo sie ihre Dissertationen zum Abschluß zu bringen gedachten – versuchte sich halbherzig mit fachsachlichen Bemerkungen, die jedoch derart an mißglückte Felgaufschwünge erinnerten, daß dieses Terrain bald wieder verlassen wurde. Anna und Barbara schienen, ebenso wie die beiden Herren, von den Problemstellungen der Tagung nicht recht im Innersten ergriffen, sie gaben sogar zu, daß sie eigentlich nur die Gelegenheit greizt habe, für ein paar Tage wegfahren zu können. So kam endlich eine Art Gespräch zustande, besser gesagt, es fanden sich mehrere kleine Gespräche, an denen man sich, Salzstangen oder Erdnüssen vergleichbar, eine Weile schadlos halten konnte, und wenn auch dabei die Mundwerkzeuge allein über Atemluft in Bewegung waren, stellte sich dennoch vorübergehend die Illusion einer Sättigung ein.

Friedrich Günzelroth, der vergleichsweise wenig zur Unterhaltung beisteuerte und sich in der Hauptsache aufs Zuhören beschränkte, wobei er auch Fetzen vom Nebentisch auffing, an dem zunehmend lebhafter Problempunkte und Zündhölzer angerissen wurden, sah seinen Freund eifrig bemüht, die Konversationsknabberschalen nicht leer werden zu lassen. Doch waren Pausen zwischen denselben nicht gänzlich zu vermeiden, und eine solche ausnutzend, bedankten sich die Damen gegen 23 Uhr für den netten Abend, wünschten eine gute Nacht und zogen sich auf dezenten Absätzen zurück.

***

    In der Morgensonne dampfte der Park. Hellgrauer Wolkenflaum flog vor blauem Himmel mit dem Ostwind davon.

Leszek war bester Laune, geradezu aufgekratzt, schwadronierte von Auroras Privataudienz, und Friedrich, überrumpelt von diesem Schwung, fügten sich erst auf der Treppe die Stille des Hauses und eine wattige Mattigkeit zur Ahnung außerordentlicher Frühe. Mithilfe des innen steckenden Schlüssels öffnete Leszek die Eingangstür, und sie traten hinaus in die vom Regen gereinigte Luft.

Als sie das Tor passierten, wandte Friedrich sich um. Die ersten Sonnenstrahlen schmolzen über den First, und während er die Augen zusammenkniff vor der Helligkeit, schien ihm, als hätte er in ihrem Fenster einen Schemen wahrgenommen, doch indem das Flimmern der Blendung sich verlor, wurde er zu einer Spiegelung der Schattierungen im Laubwerk der Linde.

Leszek schritt tüchtig aus, und als sein Freund ihn nach der Uhrzeit fragte, um die Ahnung außerordentlicher Frühe präzisieren zu können, winkte dieser nur ab mit der Bemerkung, es sei noch alle Zeit der Welt, und er begann, im Takt seiner Schritte zu pfeifen.

Sie gelangten an die ersten Häuser des Dorfes. Auf dem Platz vor der Kirche war ein Markt im Entstehen begriffen, Gemüse wurde auf Holztischen ausgebreitet, jemand lud Kübel mit Chrysanthemen aus einem Lieferwagen. Leszek steuerte zielstrebig eine alte Frau an, die sich auf einem Segeltuchstuhl eingerichtet hatte, vor sich eine Bütte mit Fischen, ausgenommen und mit grobkörnigem Salz bestreut. Die alte Frau lachte kehlig, wies mit ihrer runzligen Hand auf die Fische, und Friedrich mußte zu seiner Verwunderung feststellen, daß er, nach all den Jahren mittlerweile doch recht sicher in der Landessprache, von diesem eigenartigen Dialekt kaum ein Wort verstand. Leszek wandte sich an seinen Freund, erklärte, daß es sich um eine Spezialität der Region handele und daß es unbedingt lohnend sei, einige dieser Fische zu erstehen, in der Küche der Tagungsstätte verstehe man sich gewiß auf die raffinierte Zubereitung nach jenem Rezept der hiesigen Gegend, das diese Fische zur unvergeßlichen Gaumenfreude mache. Die Alte, die diese deutsch gesprochenen Sätze vielleicht verstanden hatte, vielleicht auch nicht, nickte eifrig und angelte einen Eimer hinter ihrem Stuhl hervor, um Fisch um Fisch aus der Bütte hinein zu gabeln. Leszek zückte seine Geldbörse. Friedrichs Bedenken wegen der Menge wurden mit einer Handbewegung entkräftet.

    Auf dem Rückweg unternahm Friedrich mehrere Versuche, von seinem Freund eine Erklärung zu diesem merkwürdigen, wenn nicht schlicht närrischen Einkauf zu erhalten. Vergeblich. Zuletzt redete Leszek sich auf ein vorgezogenes Geburtstagsgeschenk heraus, und so ließ Friedrich, dem bis zu diesem Datum noch etliche Tage fehlten, die Sache als schrulligen Einfall auf sich beruhen.

In großen Lachen stand das Wasser auf den Wiesen. Die Sonne heizte die nasse Erde auf. Es wurde schwül. In den Bäumen rechts und links der Landstraße schnarrten Krähen. Friedrich trottete dahin, wechselte die Hand, wenn der Bügel des Eimers in die Finger zu schneiden begann, und als er den Kopf hob, die Tagungsstätte bereits in Rufweite wähnend, war er über die Maßen erstaunt, vor sich die Straße zu sehen, die in sanften Windungen und ohne auch die Spur nur einer Bebauung weithin durchs Land lief, und die Ratlosigkeit rührte um so empfindlicher an sein Nervengewebe, als er, sich umwendend, entdecken mußte, daß auch Leszek verschwunden war.

Mit klopfendem Herzen ließ er den Blick schweifen. In der Ferne schimmerte ein Schienenstrang, vielleicht auch eine Spiegelung der überfluteten Wiesen. Ein windschiefer Viehunterstand, ein Hochsitz in einer Gestrüppinsel. Friedrich beschirmte mit der Hand die Augen. Menschenleere.

Weitereilend, getrieben vom logischen Zwang der Erfahrung, der die Hoffnung nährte, hinter der nächsten Kehre möge das zersprungene Bild sich wieder fügen, Leszek hinter einem der Alleebäume hervortreten, grinsend über seinen gelungenen Scherz, spürte er den Eimer mit zunehmendem Gewicht, und ein Schrecken durchfuhr ihn, als er aus den Mäulern der Fische Blut sickern sah. Bis zur Hälfte schon hatte es den Eimer gefüllt – vermutlich des Salzes und der gestiegenen Temperatur wegen, durchfuhr ihn ein Gedanke, seltsam gefeit gegen die eigene Abwegigkeit – jetzt erreichte das Blut die zuoberst liegenden Fische, Blasen stiegen auf, er hielt den Eimer, als stünde er in Flammen, jetzt rann das Blut über den Rand, voller Entsetzen ließ er den Eimer fallen, die blitzenden Leiber glitschten in den Straßengraben, eine rote Lache glänzte im Gras, doch das Geräusch aufsteigender Blasen blieb, ein Schlürfen und Blubbern, Panik ergriff ihn, er begann zu laufen, und weiter sprudelte und näselte es, gleich einer Stimme unter Wasser, und er vermeinte, seinen Namen zu hören in diesem Röcheln und Gurgeln, schüttelte den Kopf, warf ihn im Laufen hin und her, schlug sich mit den Händen auf die Ohren, wieder und wieder, bis er keuchend erwachte.

Im Fenster schwamm ein tiefes Blau. Leszek schnarchte volles Werk.

***

    Bei den Morgenverrichtungen überließ Friedrich seinem Freund den Vortritt. So lag er noch einige Minuten da, dämmernd, in die Sonne blinzelnd, die eben über die Baumkronen des Parkes stieg, doch unter der Müdigkeit – er hatte nach dem Traum keinen Schlaf mehr gefunden – rumorte eine überwache Empfindlichkeit, und als Leszek im Badezimmer die Rasur mit fröhlichem Pfeifen untermalte, sprang er aus dem Bett, öffnete das Fenster und konzentrierte sich, in seiner Unruhe nicht wählerisch, auf das Tuckern eines Traktors, das von der Landstraße herüberdrang.

Sein Bedürfnis, den Traum zu erzählen, wich zunehmendem Mißmut, ausgelöst vor allem durch Leszeks Redseligkeit. Kaum war dieser nämlich in Unterhosen und einer Rasierwasserwolke aus dem Bad gekommen, pries er zunächst sein Wohlbefinden, das er darauf zurückführte, daß man am Abend zuvor nur mäßig getrunken hatte, um beim Ankleiden verschiedene Varianten auszuspinnen, wie man die bisher nur lose geknüpfte Damenbekanntschaft sozusagen zum Knoten schürzen könnte.

Hinsichtlich des letzteren Vorhabens bot das Frühstück keine Gelegenheit, da Barbara und Anna beschlossen hatten, zugunsten längerer Ruhe nur eine Tasse Kaffee zu sich zu nehmen. Währenddessen sammelte man sich bereits in der Halle und eine recht zahlreiche Gruppe – in ihrer Zusammensetzung Ergebnis des gestrigen Abends – warf, stehend, sitzend, rauchend, in unermüdlicher Schanzarbeit Fragen auf, denn noch vor dem Mittagessen stand der voller Spannung erwartete Vortrag der streitbaren Leipziger Professorin auf dem Programm. Daß sie bis jetzt noch nicht eingetroffen war, wußten zwei Posener Doktoren als präzise kalkulierten dramaturgischen Effekt zu deuten, und ihr vielsagendes Nicken wies sie als Eingeweihte aus. In diese spürbar elektrisierte Atmosphäre trat die Dame aus dem Büro im Parterre und verkündete allen Anwesenden in hart akzentuiertem Deutsch, man habe ihr soeben telefonisch aus Leipzig mitgeteilt, daß Frau Professor Blankenfels durch eine dringende Verpflichtung an der Abreise gehindert worden sei, es stünde – hier mußte sie rücksichts der vielstimmigen Enttäuschung, die sich in vokalischen Dehnungen Luft machte, neu ansetzen – es stünde aber zu erwarten, daß sie morgen käme, und man würde selbstverständlich durch eine Programmänderung ihrem Vortrag Platz einräumen. Sogleich begann ein allseitiges Entfalten von Zetteln, da jeder das eben Vernommene noch einmal auf dem Hintergrund der Namen, Uhrzeiten und Vortragstitel zur Geltung kommen lassen wollte, und Friedrich Günzelroth, der hier zum ersten Mal überhaupt einen Blick auf das Tagungsprogramm warf, erhaschte über die Schulter des jüngeren der beiden Posener Doktoren die Urheberin des kleinen Aufruhrs: Frau Prof. Dr. Julia Blankenfels, Leipzig. Bevor er den Titel ihres Vortrags hätte lesen können, hatten die kurzfingrigen Hände das Blatt mit pfötchenhafter Geschwindigkeit wieder zusammengefaltet und in der Innentasche eines Jacketts verschwinden lassen.

    Dem ersten Vortrag folgte Friedrich nur mit halbem Ohr. Eine unangenehme Fahrigkeit hatte sich seiner bemächtigt. Für Augenblicke fühlte er sich gar am Rande eines Beklemmungszustandes. Vielleicht der fehlende Schlaf, vielleicht die Nachwirkungen des Alkohols, (obwohl sie ihn wahrhaftig mäßig genossen hatten), oder am Ende der Kaffee, (auch wenn dieser beim Frühstück an mehreren Tischen zu schwach befunden worden war), gleichviel, die atmosphärischen Turbulenzen in seinem Inneren beschäftigten ihn weit mehr als die Analyse von Wittgensteins Trattenbacher Wörterbuchlisten auf dem Hintergrund neuerer Systemtheorie. Hin und wieder hörte er Geflüster, zu seiner Linken fachliche Kritik, zu seiner Rechten Leszek, der zwischen Anna und Barbara saß.

Für den ausgefallenen Vortrag sprang ein Herr aus Rostock ein, den später niemand mehr namentlich identifizieren konnte – dem Tagungsprogramm war er kurioserweise auch entgangen – und der ebenso plötzlich, wie er aufgetaucht und eingesprungen, auch wieder verschwunden war. Dessen ungeachtet hatte er eine große Anzahl Dias parat, mit denen er seinen Versuch einer Semiotik der Kultstätte auflockerte, und die Fragen, die er in den Raum stellte, glichen den luftigen Werken asiatischer Papierfaltkunst. Unter der Hand löste er überdies einige Heiterkeit aus, denn nicht genug damit, daß ohne seine Erklärungen niemand in den verschwommenen Schattenflächen der Dias, die offenbar unter denkbar ungünstigen Lichtverhältnissen entstanden waren, Details aus Stonehenge oder Luftaufnahmen von Kornkreisen erkannt hätte, ratterte auch noch infolge eines technischen Defektes der Fernbedienung plötzlich der Diaschlitten davon, und es erschienen in rascher Folge Bilder, die den Herrn im Kreise seiner Familie zeigten, auf der Veranda eines Holzhauses, Grillwürste wendend, am Ufer eines Sees, ein Schlauchboot aufpumpend, eine stolze Pilzausbeute präsentierend, von einem Steg in den See hechtend – und just auf diesem Hechtsprung verklemmte sich das Transporträhmchen derart, daß während der Viertelstunde, da zuletzt sieben Personen sich alle Mühe gaben, den Schaden zu beheben, die in annähernd ideal waagerechter Flugphase eingefangene Gestalt auf der Wand des Tagungsraumes schwebte, den Kopf zwischen den gestreckten Armen, unter azurblauem Himmel, über dem spiegelnden Türkis des Wassers, Inbegriff gleichsam jedweden Wunschbildes, das das erfrischende Eintauchen ins andere Element nicht einzulösen vermag.

***

    An diesem Abend nahmen nahezu alle, die den Speisesaal verließen, den direkten Weg in den Wintergarten, ohne Entreakt in der Halle, und während der jüngere der Posener Doktoren, in dem ein Säulenheiliger eine ulkige Liaison mit einem Dandy eingegangen war, wie ein verschämter Liebhaber unter Palmwedeln der Grundfrage nachging, zeigte sich Leszek von beherzterer Seite.

Friedrich, der den Tag über an seiner Indisponiertheit laboriert hatte und nach dem zweiten Bier den Schlafmangel heftig spürte, sah sich außerstande, Schritt zu halten und verabschiedete sich unter dem Vorwand quälender Kopfschmerzen.

Diesmal war es die Reihe an Leszek, dem Morgen noch ein paar Minuten des Halbschlafs abzutrotzen. Von seinem Wohlbefinden schwieg er, über den Ausgang des Abends äußerte er sich in kryptischen Andeutungen, die Friedrich nach all den Jahren ihrer Freundschaft einigermaßen zu entschlüsseln wußte.

Und nun endlich, nach einem Frühstück, bei dem man auf so manchem Gesicht Spuren des Wintergartens entdecken konnte, nach einem Vortrag, der schon nichts weiter mehr war als gefüllte Wartezeit, traf sie wahrhaftig ein.

    Kaum daß der Wagen auf dem in verschlungenen Mustern gepflasterten Hof vorgefahren war, verbreitete sich die Nachricht in Windeseile. Nur Friedrich Günzelroth entging sie. In einer Tasse Kaffee rührend, konzentrierte er sich darauf, Leszeks abermalige Andeutungen einerseits sowie Barbaras und Annas Verhalten andererseits zu einem Bild zusammenzufügen, das sich in die Leerstelle einpassen ließe, als die ihm der gestrige Abend verblieben war. Dann aber, als die Tür sich öffnete, fuhr ihm ein solcher Schreck durch die Glieder, daß er sich die halbe Tasse Kaffee über die Hose schwappte, und bevor Leszek eine Frage stellen konnte, war er in Richtung Herrentoilette entwichen.

Julia, flüsterte er vor dem Spiegel, und seine Unterlippe zitterte. Aber warum hieß sie jetzt Blankenfels? Diese Frage konnte er sich umgehend beantworten, ebenso einige andere, die in hellem Aufruhr durcheinander schwirrten.

Und weil es nicht sein konnte, wühlte sich die Frage, die ihm den Kaffee über die Hose gegossen hatte, noch einmal empor, die Grundfrage, (wie hämisch es sich fügte!), und eine zweite folgte ihr auf dem Fuß: wenn sie es wirklich war – was dann?

Die Türen zum Park standen offen, Licht flutete in den Saal, Zigarettenrauch schrieb filigrane Initialen, rückwärtig klirrten Kaffeetassen. Julia, auf der untersten Stufe der Freitreppe stehend, lachte. Friedrich Günzelroth befiel ein Drehschwindel.

Wo hast du so lange gesteckt, raunte Leszek, - und wie siehst du überhaupt aus?

Hilflos hob Friedrich die Hände. Der Kaffeefleck auf dem Hosenbein, durch die Wischerei mit dem nassen Papierhandtuch auf das Dreifache vergrößert, bot wahrhaftig einen zweifelhaften Anblick. Er klemmte sich hinter den Türflügel.

Keine Lust auf Sonne?

Anna trat über die Schwelle, bog den schlanken Hals den wärmenden Strahlen entgegen. Spitzte die Lippen.

Der Luftdruck..., flüsterte er und fächelte ins Leere.

Schwungvoll nahm Frau Professor Blankenfels die Stufen, trat in den Schatten, den das Gebäude warf, blieb zwischen den Portikus stehen. Wandte sich um.

Ach, ist das herrlich hier…

    Der Kreis der Eingeweihten hielt ehrfürchtig Abstand. Friedrich Günzelroth wußte nicht, wohin. Jemand schob ihn vorwärts. Hurtig, hurtig, noch sind die besten Plätze frei! Sie mußte sich wenige Schritte hinter ihm befinden. Die Posener Doktoren ließen letzte Fragen außen vor, als seien es nicht stubenreine Hunde, wagten kaum mehr zu tuscheln. Friedrich eilte ans andere Ende des Tagungsraums. Ob sie ihn gesehen hatte? Erkannt? Eine Gruppe war im Begriff, sich niederzulassen, man stand wieder auf, tauschte, schob einen Stuhl beiseite, dessen Rückenlehne lose war, und nach diesem Hin und Her saß endlich, gesenkten Kopfes, auch Friedrich. Man ermunterte ihn, näher zu rücken, angesichts der großzügig bemessenen Tische bestand wahrhaftig kein Grund, sich mit dem äußersten Winkeleck zu bescheiden, er tat, als höre er nicht, und als Frau Professor Blankenfels ihre Papiere ordnete, ruckelte er noch ein Stück zur Seite, den breiten Rücken eines Herrn als Deckung nutzend. Aus den Augenwinkeln sah er Leszek gestikulieren, neben ihm sei noch ein Stuhl frei. Wenn er nur nicht auf die Idee kam, zu rufen! Doch der Geräuschpegel war schon auf gespanntes Flüstern gesunken, alle Aufmerksamkeit richtete sich auf die große, bei Ansätzen zum Fülligen jugendlich wirkende Frau von etwa 35 Jahren. Das Flüstern zerfiel zum Wispern. Ein letztes Huscheln. Stille.

Die Widerspur. Jüngste Zweifel an der Arbitrarität der Zeichen. Meine sehr verehrten Damen und Herren, alte Fragestellungen, und insbesondere solche, die als Binsenweisheiten in Vorworten abgehandelt werden, verdienen stets aufs Neue kritische Prüfung. Meine jüngste Veröffentlichung möchte ich Ihnen heute nahe bringen, indem ich sie auf einen diachronen Leisten spanne, wobei ich den Begriff historisch bewusst vermeide, da er mir – gelinde gesagt – in diesem Zusammenhang abgeschmackt erscheint.

Das erste Dia bitte.

Das Schaubild erschließt sich leicht, wenn Sie von links nach rechts entschlüsseln. Der Buchstabe J. Wir sehen ihn in seiner Verdoppelung, die ihn als mit sich selbst identisch und zugleich als Bild außerhalb seiner selbst erkennbar macht. Ich oder Nicht-Ich? Die alte Scherzfrage, gestellt dem Spiegelbild, das dazu, wie wir ebenfalls wissen, wohlweislich schweigt.

Werfen wir nun einen Blick auf die Spalte daneben – wir befinden uns im hebräischen Alphabet, und als Bedeutung des zehnten Buchstabens lesen wir Hand, zu präzisieren als offene Hand. Im sakral konnotierten Paradigma, hier blau unterlegt, finden wir den ersten Buchstaben des Tetragrammaton. Im populärmystisch verballhornten Paradigma, gelbgrün unterlegt, sehen wir den Eremiten aus dem Tarot. Ihm zur Seite steht seine Entsprechung, die ihn ergänzt, indem sie ihn umkehrt: der Narr. Weitere Zuschreibungen in diesem Paradigma – Tastsinn, Jungfrau, Erotik – seien nur am Rande erwähnt.

Dieses Diagramm dürfen Sie sich nun keineswegs statisch denken, sondern müssen es als in einem dynamischen Prozeß befindlich betrachten. Seine Initialenergie erhält das Zeichensystem durch den „fluktuierenden Gradienten", von mir im Folgenden FG genannt. Zu einer genaueren Beschreibung dieses Faktors, der in meinem Gesamtkonzept eine Schlüsselfunktion einnimmt, verweise ich aus Zeitgründen auf meine jüngste Veröffentlichung. Über den FG nun speist sich in Interferenzzyklen Bedeutung ein, parallel dazu, wie Sie hier im unteren Teil sehen, multiplizieren sich die Bedeutungsebenen bei gleichzeitiger Verwischung ihrer Grenzen. Wenn die Autoreferenz die Interferenz zu überlagern beginnt, erreichen die Zeichen einen neuen Status, der unverkennbar ins Ikonische oszilliert. Das nächste Dia bitte. Wenn wir wiederum links oben beginnen...

    Von kaltem Schweiß übergossen, starrte Friedrich Günzelroth auf die Leinwand ...und uns vergegenwärtigen... auf der acht kleine schwarz-weiß Porträts zu sehen waren ...das 78. Athenäumsfragment aufgreifend... vor über zehn Jahren von einem Fotoautomaten auf dem Leipziger Hauptbahnhof aufgenommen ...daß das Nichtverstehen... vier mal Julia alleine ...nicht aus einem Mangel an Verstand resultiert... dann sie beide …sondern… umschlungen, Grimassen schneidend und noch am Kuß vorbei ins Objektiv schielend…

Und der beträchtliche Lärm, den er verursachte, als er besinnungslos vom Stuhl stürzte, wurde von allen, die gebannt dem Vortrag lauschten, als unerhört empfunden.

(Ausdrucken?)

......

 

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