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Die Beerdigung des P. Laurenzio

Eine Erzählung in 36 Kurzprosaschnipseln

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_____________________Von Olaf Reins ______________________

    
1

Guten Morgen!

oder

Wieder mal da

"Ja, ja", stöhnte Ferdinand seinem Computer beim Einschalten ins Ohr, während er sich an diesem strahlend blauen Morgen mit einem Pott heißen Kaffees vor seinen Monitor setzte. "Und wieder einmal gipfelt die Verleugnung der Armut in Arbeit!"

Der Computer fuhr hoch und Ferdinand ließ die Finger knacken.


2

"Homme de Apercu"

Ferdinand Junkers war Journalist. Freiberuflich. Er arbeitete vom heimischen PC aus für die Internet-Ausgabe einer, wie es so schön heißt, "bedeutenden deutschen Tageszeitung". Im Grunde eine Notlösung, für ihn, denn eigendlich war Ferdinand Schriftsteller. Doch bedauerlicherweise auch ambitioniert. Und damit war eher Geld zu verlieren, denn zu verdienen. Also hatte etwas anderes, etwas zumindest dem äußeren Anschein nach ähnliches her gemußt. Journalismus hieß die Alternative, die selbstverständlich ebensowenig eine Alternative darstellte wie der Besuch eines Bordells im Vergleich zum Besuch einer Geliebten. Doch was das Finanzielle anging, hatte Ferdinand keinerlei Grund sich zu beklagen.

Schließlich ist das Geld der beste Freund der Lügner.


3

Philosophie einer Metaphysik der Entfremdung

oder

"Scheiße!"

"Ich hasse diese Arbeit!", rief Ferdinand frustriert aus. Er krampfte seine Hände krallig über dem Keyboard zusammen und zwang sich, nicht dreinzuschlagen. "Nicht zu können oder zu dürfen, was ich will, damit kann ich mich zur Not ja noch abfinden. Aber das nicht zu mögen, was ich kann - das ist die Hölle!"


4

Worum es (vorgeblich) geht

P. Laurenzio, einer der größten Künstler der Stadt, ein Literat und Poet von höchstem Rang, ein Mann dessen Arbeit weit in die Welt hinein gewirkt und sich die ehrerbietige Anerkennung und Bewunderung ihrer bedeutendsten Köpfe zugezogen hatte, hat Selbstmord begehen müssen. Klaffende Platzwunden übersäten seinen Oppositionsgeist. Zustimmung lähmt; sie ist schlimmer als Ignoranz: Mehltau der Avantgarde.


5

Der erste Preis - die Erste Reminiszenz

Mit stirnfaltenschlagendem, hochzuckendem Blick hatte Ferdinand zur Rednertribüne hinauf gewiesen und einen Herrn zu seiner Linken gefragt, der aussah, als müsse er es wissen: "Wie kann es sein, daß die Massen einem solchen Vollidioten wie diesem P. Laurenzio zujubeln?"

Darauf hatte der Herr, der es wissen mußte, mit verzeihender Güte gelächelt und gesagt: "Sehr einfach. Wir alle bejubeln mit der größten Überzeugung und dem größten Enthusiasmus, was wir am besten kennen: Inkompetenz, Dummheit und Ignoranz!"


6

Der erste Preis - die zweite Reminiszenz

Eine Dame zu Ferdinands Rechten hatte sich über die Köpfe der Menge empor gereckt, um den auf der Tribüne stehenden, von der Tribüne redenden P. Laurenzio besser sehen zu können, derweil sie, wie sich selbst fragend, vor sich hinmurmelte: "Ist der nun einfach nur nichtssagend oder hat er doch etwas zu verbergen?"


7

Der erste Preis - die dritte Reminiszenz

oder

Der Abschluß einer denkwürdigen Rede

Anläßlich einer renommierten Preisverleihung hatte ein junger Mann - eben unser P. Laurenzio - im Kreise seiner an ihm gescheiterten Mitbewerber mit einem Gestus, der dem Großen Alexander bei seinem kampflosen Einmarsch in Athen in nichts nachgestanden haben dürfte, die Champagner-Flûte ins fulminierende Blitzen der kristallenen Deckenlüster erhoben und sogleich mit folgemdem Toast den Grundstein seiner ins pathetisch-triumphierend funkelnde Auge gefassten Karriere gelegt: "Sollte ich jemals, meine lieben, lieben Freunde, an meinem Glück oder gar an meinem Talent auch nur den allergeringsten Zweifel haben, so werde ich mich eures Hasses erinnern, der mir an diesem Abend, in diesem Moment aus euren Seelen entgegen schlägt, und - bei Gott! - alle Zweifel an meiner Überlegenheit werden von mir genommen sein für die nächsten zwanzig Jahre!"


8

Der erste Preis - die vierte Reminiszenz

oder

"Morgen wär´s schöner geworden

et

Wahrhaft Bestand hat nur der Mangel

Nach der Preisverleihung hatte P. Laurenzio allein an einem Tisch gesessen und sichtlich betrübt auf das kunsthandwerklich recht ordentlich, wiewohl reichlich grotesk ausgeformte Symbol des ersten Preises gestarrt, der ihm soeben verliehen worden war.

Ferdinand trat an ihn heran.

"Na, mein Lieber?" Fast hätte er dem Impuls, ihm auf die Schulter zu klopfen nicht widerstehen können. "Was ist los mit Ihnen?" Er lachte. "Sie blasen doch nicht etwa Trübsal ausgerechnet angesichts dieses bedeutenden Preises?"

Ferdinand zog sich einen Stuhl heran und setzte sich zu ihm.

"Ach wissen Sie", seufzte P. Laurenzio untröstlich, "letzten Endes bedeutet, etwas zu bekommen, doch, daß man auf etwas anderes verzichten muß!" Er blickte auf. "Und das wäre mit Sicherheit wertvoller gewesen!"


9

Auf dem Weg

Ferdinand kam in der Stadt, nachdem er die Vorarbeiten für seinen Nachruf auf P. Laurenzio abgeschlossen hatte und sich nunmehr zu Fuß auf dem Weg zu dessen feierlicher Beisetzung befand, an einem Bettler vorbei, der auf einer fleckigen Decke auf dem Boden vor einem Geschäft saß.

Auch an diesem Bettler wäre Ferdinand sicher ohne weiteren Blick vorüber gegangen, wie an all den anderen, die gleich ihm hier in der City ihren passiven Beiträgen zum pekuniären Überlebenskampf nachgingen. Doch dieser hier trug auf seinem bärtigen Gesicht und in seinen strahlenden, hellklaren, blauen Augen eine derart leuchtende, ja geradezu anmaßende innere Zufriedenheit zur Schau, daß Ferdinand, als er sein Portemonnaie zückte um ihm ein paar Münzen in die Konservendose klirren zu lassen, ihn fragte, welchen Grund es für sein so heiteres Aussehen gäbe.

Da lächelte der Bettler ihn an und sagte: "Ach wissen Sie, zu den schwer verständlichen Paradoxien des Lebens gehört es, daß derjenige, der den Weg zum wahren Glück kennt, nur deswegen um ihn weiß, weil er ihn verfehlte!"


10

Auf dem Friedhof

Ferdinand stand, unverdient durch den Zufall friedhöflicher Drängelei, eingereiht in die Phalanx der Honoratioren am Grab P. Laurenzios, eines der größten aller verdienstreichen Literaten und Poeten der Stadt. - Nun gut.

Die Beisetzung fand im engsten Medienkreis statt, auflockernd gestört von nur wenigen Freunden. Anschließend halbprivate, inoffizielle Abschiedsparty im sogenannten "Werkstatt"-Café, dem Multi-Kulti-Labor und psychologischer Beratungsstelle der Stadt, dem Ambulantorium der Bekloppten par exellance. - Naja.

Doch einstweilen dies: Die Stille des Gebets fing sich im gedankenleisen Rascheln des Roßkastanienlaubes zu ihren Häuptern. - Schön.

Da hörte Ferdinand einen vor ihm stehenden Mann dessen Nachbarn neidvoll zuraunen: "Alles hat er gehabt! Alles! Den Orkan des Auftritts! Die grandiose Geste! Die Grandezza! Sogar, wie ich zugeben muß, die Stärke, der Huldigungen nicht zu erliegen!"

"Ja", griente sein Nachbar zurück. "Ein richtiges Arschloch. Er hat wirklich alles gehabt. Und nach allem was man so hört auch Ihre Frau!"

Schweigen.

Ein dritter kicherte: "Selbst der Platz fürs Monument war schon ausgesucht." Er kicherte erneut; es klang, wie Ferdinand fand, ziemlich beunruhigend. "Angesichts dessen macht es kaum etwasaus, daß ihm am Ende nur eine Kleinigkeit fehlte: Die Leistung!"

Von links hörte Ferdinand: "Mit Herzblut geschrieben? Dann scheint ihm das Herz des öfteren in die Hose gerutscht zu sein!"

Von rechts: "Moderne deutsche Schriftsteller - um Gottes Willen! Die bringen doch nur dann was zu Papier, wenn sie sicher sind, daß hinter ihren Worten keine nachvollziehbare Idee auch nur schwächlich glimmend aufschimmert! - Na, und der Rest, der ist mir nicht artifiziell genug..."

und schließlich von hinten: "Naja, der P. Laurenzio ist tot, schön und gut. Aber was wird aus uns? Ich meine, wir müssen schließlich mit seiner Unsterblichkeit leben!"


11

Ein moderner Epimenides

oder

Der Kreter in uns allen

Sozusagen "a"

"Es gibt nur eine Gesellschaft", hörte Ferdinand beim Schlendern durch die obskurantistisch bildergeschmückte Schankraum-Stube des "Werkstatt"-Cafés mit ihren Caféhaus-Stühlen und -Tischen einen blasierten jungen Mann im schwarzen Smoking ("overdressed" - eine Frage mehr der Gesellschaft, denn des Anlasses), der für seine mangelnde Berühmtheit als Maler bekannt war, zu einer ebensolchen Dame im damastblauen Abendkleid sagen, "es gibt nur eine Gesellschaft in der ich die Wahrheit, so wie ich sie authentisch wahrnehme und empfinde, mit einem Höchstmaß an innerer Freiheit sagen kann."

"Interessant..." Die junge Dame nippte an ihrem Glas. "Und die wäre?"

Der blasierte junge Mann prostete ihr zu, bevor er den Inhalt seines Glases hinunterstürzte und mit gebleckten Tigerzähnen entgegnete: "In der Gesellschaft von Lügnern!"


12

sozusagen "b"

"Ein guter Lügner", sagte ein geölter Herr mit grinsender Hakennase zu einer Dame mit unentschlossenen Augen, "ein guter, also ein professioneller Lügner wird die Dinge immer so hinzubiegen verstehen, daß er, zur Schaffung der für ihn so wichtigen Authentizität dessen was er sagt oder wie er sich gibt, ausschließlich die Wahrheit sagen darf, ja sogar muß, um sich in Bereichen lauterster Ehrlichkeit bewegen zu können. Er verhält sich im Ergebnis also genau so, wie ich es soeben getan habe!"

Damit verabschiedete er sich an die Bar - und ließ die Dame - und nicht nur sie - mit ihrem Dilemma allein.


13

sozusagen "c"

"Ehrlichkeit! Wahrheit!" rief ein aus dem Leim gehender Filmproduzent aus, der Zeuge dieses kleinen aphoristischen Geplänkels geworden war. "Wahrheit! Ehrlichkeit! - Wir haben Designer!"


14

Eine Art Auf-Fassungsvermögensangelegenheit

"Florian ist ja sooo süüüß!" seufzte eine vielleicht 20-jährige Dame zu eine anderen, deren Quantität an vertanen Jahren die ihrer Gesprächspartnerin gewiss um den Faktor 4 übertreffen mochte. Und: "Er ist ja sooo romantisch!"

Woraufhin jene andere nicht mehr ganz so junge Dame mitfühlend ausrief: "Aber das ist ja fürchterlich!"

"Wieso denn?" fragte die erste verwundert.

"Weil echte Romantik", erklärte die zweite, "sich in ihren wesentlichen Teilen in Sehnsucht erschöpft und nur in ihren unwesentlichen im Tatsächlichen."

Darauf starrte die erste Dame die zweite an und sagte: "Sie scheinen mich mißverstanden zu haben. Ich rede von farbigen Kondomen. Mit Geschmack! Fünf Stück! Täglich! Seit drei Monaten!"


15

"Noch kaum einer hat sich von seinem Unverständnis für einen Gegenstand davon abhalten lassen, sein uneingeschränktes Einverständnis mit diesem zu erklären, falls die Situation dies erforderte - vor allem dann nicht, wenn er von nichts wußte!"

"Bildung, Geschmack und Erfahrung", widersprach ein junger Fernsehjournalist einem älteren, längst berenteten Kollegen, "das sind doch alles höchst relative Dinge, antiquierte Qualitäten, die in der heutigen Medienwelt längst keinen Platz mehr haben. Schnelligkeit und Flexibilität, darauf kommt es an."

"Wenn es tatsächlich nur darauf ankommt, wie Sie sagen", erwiderte der ältere Herr, "dann unterminieren die drei erstgenannten, wie Sie sagen ´antiquierten Qualitäten´, in der Tat in beträchtlichem Maß die Sicherheit eines Urteils."

"Schön", sagte der junge Mann, "daß wir darin übereinstimmen!"


16

bzw. I

"Haste schon gehört?"

Die längst aus den Jahren gekommene Nachwuchslyrikerin mit dem Hang zu religiöser Ödnis faltete ihren Schildkrötenhals aus dem Spitzendekolletée, um ein von schwerem Gestein austariertes, glansartiges Köpfchen vorzustrecken.

"Melanie und Rüdiger haben sich getrennt!"

"Was sagst du da?", erstaunte sich eine multiversale Entsprechung der ersten.

"Ich dachte, sie hätten ihre Streitigkeiten beigelegt?"

"Ja, aber genau das ist doch der Grund für ihre Trennung!"

Sie faltete die knochigen Hände, die klatschend zusammenzuführen sie ihrer Brüchigkeit wegen nicht wagen konnte.

"Nachdem sie ihre Differenzen beigelegt hatten - gab es keine Gemeinsamkeiten mehr!"


17

bzw. II

"Stimmen Sie mit der Aussage überein", fragte ein spitznasiges, allzu junges Mädchen im Blümchen-Kleidchen und mit Pastellfarbenschleierchen auf den schlecht manikürten Fingernägelchen einen gelangweilt dreinblickenden jungen Mann mit Baseball-Cap, Skater-Hosen und möhrenfarbenem Wollpullover, der dem Vernehmen nach als bester Freund der Musen und Pinselwäscher der ihren Inspirationen teilhaftig werdenden Künstler fungierte, "stimmen Sie mit der Aussage überein, derzufolge Wahrheitsliebe nichts weiter ist als Phantasielosigkeit?"

"... - Äh... - - - Pfff... - - Ja?... - - "


18

bzw. III

"Kannst du dich noch an Jutta erinnern?", stirnhöhlte ein rothaariger, hohlwangiger Knabe seinem Begleiter in die durch delikate Schmiedearbeiten verzierte linke Ohrmuschel. Der machte eine schlenkernd wegwerfende Handbewegung.

"Meinst du etwa die Jutta Siebert?"

"Ja, genau die!"

"Nein! An die nun ganz bestimmt nicht!"


19

Morgendlicher Erkenntnismoment

"Als ich heute morgen am Frühstückstisch in das Gesicht meiner Frau sah..." Bertram Hogun, altersweiser Juniorchef des Preßler-Verlages, brach mit leisem Kopfschütteln ab. "Es war als würde ich ihr Gesicht nach langer, langer Zeit zum ersten Mal wieder sehen. Ich meine richtig sehen! Und da wurde mir schlagartig klar, daß das Plötzliche nichts anderes ist als die Explosion des übersehenen Allmälichen!"


20

"Liebe und Hass - beides entsteht aus Unkenntnis"

"Wenn ich diese Typen hier sehe", raunte Pfarrer Dennis Werner Ferdinand zu, weil der gerade neben ihm stand und er es loswerden mußte, "dann bestätigt mir das nur noch einmal mehr, daß nur eines geht: Menschenkenntnis oder Menschenliebe!"

Darauf trat Ferdinand zwei Schritte zurück, hob die Brauen und entgegnete: "Ich bin bestürzt das sagen zu müssen, aber: Da könnten Sie in der Tat recht haben!"


21

Ein Cocktail zuviel

oder

Das Domino-Paradox

"Das Geheimnis meines Erfolgs?" Der dicke Herr Wagner im schwarze Dreiteiler - wie man so hört lediglich unter anderem - Direktor eines ortsansässigen Bankinstituts und ahnungsloser Experte in puncto preissteigerungsträchtiger Staffage, lachte. "Sehr einfach: Wer es versteht seine Versprechungen in Chancen münden zu lassen, die derjenige, dem diese Versprechungen gemacht worden sind nicht nutzen kann, wird immer Erfolg haben - namentlich bei jenen, die sich für geschickter halten als die zuvor gescheiterten." Er breitete grinsend die feisten Ärmchen. "Und wer würde das nicht?"


22

Zwei Cocktails zuviel

oder

"Ausgerechnet die eigene Ignoranz bleibt uns unbemerkt..."

("Das ist nicht wahr!")

"Es mag sein, daß... Ja, es ist offenkundig und demzufolge wahr... - bemerken Sie die ironische Unterscheidung? Nein? - ...wie auch immer... - Ja, es ist natürlich zutreffend, daß ich Verbrechen begangen habe, um mir mein Vermögen zu schaffen", räumte ein sich unnötig bis an die Grenze zur Peinlichkeit zierender, rattengesichtier Herr mit Überbiß und langen Pferdekoteletten ein. "Was mich dabei verblüfft, ist die Empörung darüber! Menschen meines Schlages, die Vermögen meiner Bedeutsamkeit gemacht haben - wir stellen schließlich die letzte Hoffnung der Armen auf irdische Erlösung ihrer materiellen Leiden dar!"

"Das kann ich unmöglich so stehenlassen!" echauffierte sich einer der umstehenden Zuhörer - und hätte seinem erbosten Einwurf sicher eine wortreiche Rede folgen lassen, hätte der Rattengesichtige sie nicht mit einer nonchalanten Geste abgeschnitten: "Es ist mir herzlich gleichgültig von wem und mit welchen Mitteln ich innerhalb welchen Forums mit welchen Argumenten auch immer widerlegt werde. Entscheidend für mich ist nur dies: Im Zentrum des Widerspruchs zu überzeugen!"


23

"Alles was mir nützt ist folgerichtig!"

"Aber Sie können doch unmöglich die Logik ablehnen!" Sie schüttelte sich ihr grau gesträhntes braunes Haar aus dem sezierenden Laserlicht ihrer glasblauen Augen.

"Ich lehne die Logik keineswegs ab", entgegnete ihre Gesprächspartner und kniff sich angestrengt in die Nasenwurzel. "Alles was ich sage ist nur", fuhr er fort, "daß ausgerechnet der Wahrheitsgehalt einer Lüge Schritt für Schritt bis ins letzte Detail nachvollziehbar ist!"


24

"Oft enden Bemühungen zur Tilgung eines Mangels in dessen Verdopplung."

Als Conrad Grau, ein vor einem halben Jahr verwitweter Feinkosthändler, seinen Freund Ludwig Rainer unter den Gästen erspähte, löste er sich aus der Umklammerung seiner Begleiterin. Er winkte Ludwig kurz zu, und nachdem er ihn erreicht hatte, zwinkerte der ihm auch schon fröhlich zu: "Na, du? Alles klar, mein Alter?" Seine Brauen sprangen zu Conrads Begleiterin hinüber. "Ihr beiden scheint euch ja bestens zu verstehen!"

"Der Einfachheit halber", erwiderte Conrad Rainer unterkühlt, "der Einfachheit halber unterstelle ich dir mal nur die besten Absichten als du uns miteinander verkuppelt hast. Aber weißt du..." Er senkte die Stimme noch ein wenig mehr. "Nicht immer und in jedem Fall ist eine Frau eine Alternative für das Fehlen einer Frau!"


25

Skylla & Charybdis

"Sicher, ich weiß, daß Nathalie mich betrügt..." Norbert Hamler betrachtete gelassen die wachsende Asche seiner gemächlich zwischen seinen Fingern qualmenden Cohiba. "Aber mir deswegen eine andere suchen?" Er lächelte halb ohne aufzusehen. "Nein, weshalb sollte ich eine bekannte Hölle gegen eine unbekannte eintauschen?"


26

Das läßliche Geheimnis Nr. X

(Demnächst als Erfolgsmeldung der Tagespresse zu entnehmen)

"Unseren eigenen Erfolg bewundern wir am meisten", hatte der gewiefte Geschäftsmann dem funkelnden Sherry in seiner Hand, nachdem ein (ehemaliger) Geschäftspartner mit gebrochenem Finanzgenick sein Büro verlassen hatte, wie einer Geliebten zugewispert, "unseren eigenen Erfolg bewundern wir am meisten im scheiternden Bemühen der anderen, unser Niveau zu erreichen!"


27

"Welche vorgeblichen Gründe unsere Beunruhigung auch immer haben mag - im Kern rührt sie aus der nur halb verdrängten (verdrängbaren) Kenntnis unserer eigenen Seele."

"Also ich verstehe beim besten Willen nicht", bemerkte der Direktor eines bekannten Gymnasiums en passant zu den Einlassungen seines Freundes und Mitgliedes des ihm unterstellten Lehrkörpers, "weshalb du dich von deinen Kolleginnen und Kollegen immer so mies behandeln läßt!"

"Ach weißt du", sagte der Angesprochene, "mag man mich nur schlecht behandeln." Er zwinkerte seinem Freund zu. "So lange die Wahrheit nicht heraus kommt!"


28

Kurzer Seitenblick auf die Ödnis eines rein kommerziellen Erfolges

Herr Petersen war auch zu Gast. Herr Petersen war Architekt. Keines der Projekte des Herrn Petersen wurde jemals in die Realität umgesetzt. Dennoch war Herr Petersen berühmt. Herr Petersen war berühmt für seine Planungen, die dermaßen kühn waren, daß ein nicht unbeträchtlicher Anteil dieser Kühnheit auf seine Kunden überging, die für seine atemberaubenden Pläne die höchsten Honorare zahlten., von denen Herr Petersen das sorgenvolle Leben eines (womöglich mehrfachen!) Multi-Millionärs führen konnte, stets nach dem Motto: Wenn die Planung perfekt ist - weshalb sich der Mühen einer dadurch überflüssig gewordenen Durchführung unterziehen?

(Selbst einbezüglich dieser Maxime würde er auch in Zukunft vollkommen uninteressant bleiben...)


29

Direkteste Verbindung - (?)

"Ach, entschuldigen Sie bitte..."

"Ja?"

"Ich brauche dringend Ihre Hilfe, und da wollte ich mal fragen..." Er wechselte, sich befangen räuspernd, das Standbein. "Kann ich vieleicht irgend etwas für Sie tun?"


30

Antiquiert? - Nur Gefühle altern nicht

oder

Kommt drauf an...

"Wieso ich unterm Pantoffel stehe?" Der stadtbekannte Rezensent blickte betrübt auf seine Schuhspitzen. Dann aber blickte er mit grimmig gefletschten Zähnen auf und knurrte: "Verdammt nochmal, gerade deswegen bin ich ja so gut!" Dann sank er endgültig in sich zusammen. Er konnte nur noch flüstern: "Nichts ist demütigender und mit nichts kann ein Mann mehr erpresst werden als mit der Verzeihung einer Frau!"


31

Weshalb der Collagist Konstantin Zänker vor einer Woche ein rotes, vor fünf Tagen ein blaues und noch vor drei Tagen ein grüngelbes Auge hatte

oder

Schlagendes Beispiel für eine durch unangebrachte Ehrlichkeit mißlungene Liebeserklärung

"Ich liebe dich, weil deine schlechten Zähne, dein schiefer Mund, dein ausgestellter, watschelnder Entengang und dein viel zu kleiner Arsch, zusammen mit all den weiteren Makeln, die dein Körper - und übrigens nicht nur der, sondern auch dein Charakter! - aufzuweisen hat, und die aufzuzählen mir selbst die Ewigkeit nicht genügend Zeit ließe, eine Einheit bilden, deren ganz besonderer Charme und deren unvergleichliches Zusammenspiel mich so sehr verzücken und mich mit ihrer überwältigenden Anmut verzaubern!"

Nur eine halbe Sekunde der Verblüffung später - und die inkriminierte Woche fand ihren Anfang.


32

Nachmitternächtliches Gedankensplittern I

"Angst vor dem Mißlingen! Angst vor dem Mißlingen!", rief der besoffene Jungautor zu vorgerückter Stunde bierglasschwenkend aus. "Letzten Endes hat die Angst vor dem Mißlingen nie das Mißlingen selbst verhindert!" Er wirbelte herum mit der unwuchtigen Verve eines schlecht ausbalancierten Kreisels. "Warum also die Angst?"


33

Nachmitternächtliches Gedankensplittern II

"Was sagen Sie da? Rücksicht?" Fast hätte der fettschlaffe Meta-Alt-68er-Greis ausgespuckt - "Rücksicht!" -, so angeekelt hatte er dies Wort ausgesprochen. "Wissen Sie, was ich auf die Rücksicht tue? Scheißen tue ich auf die gottverdammte Rücksicht!" Er lachte erbittert-güllig auf, daß es sich anhörte wie ein schwarzer Tümpelpfuhl, in dem gärend faulige Gase emporstiegen. "Rücksicht - glauben Sie mir! - Rücksicht ist nur eine umso perfidere Form der passiven Erpressung, als sie dich mit Wohlwollen besudelt! Bleiben Sie mir also bloß vom Leib mit Rücksicht!"


34

Nachmitternächtliches Gedankensplittern III

"Und sollte ich auch alle anderen Entscheidungen in die Hände anderer gelegt haben", brüllte der gute Junge im Fischgrätmusterjackett, sich die schweineteure rotgepunktete Seidenkrawatte vom Hals und durch den Hemdkragen zerrend, "diese beiden niemals: Nach wessen Mund ich rede und in wessen Arsch ich krieche!"


35

Nachmitternächtliches Gedankensplittern IV

Gegen Ende der so langsam aus dem Ruder zu laufen drohenden Trauerveranstaltung rempelte ein Betrunkener Ferdinand an. Er wies mit seinem halbvollen Whiskyglas zu einer Dame, die bei einer Gruppe in ein Gespräch vertieft stand, und lallte schwankend und immer wieder in den Knien wegknickend: "Jetzt sieh dir nur mal diese alte Schlampe dahinten an! Also, daß die mir unsympathisch is´ is´ klar!" Einen Rülpser mit der Unterlippe auffangend, blickte er zu Ferdinand auf. Ein Speichelfaden glitzerte auf seinem Kinn und wies dem Blick den Weg auf das Oberhemd, dessen Karos durch Flecke von Erbrochenem einiges an Auflockerung erfahren hatten. "Aber ich versteh nich´, wieso sie mich nich´ mag...!"


36

Das Ende eines langen Tages harter Arbeit

Irgendwo zwischen Tag und Nacht.

Ferdinand saß nach der Trauerfete in einem der Caféhaus-Stühle inmitten röchelnd und schnarchend ihren Rausch ausschlafender Gäste.

"Ja, ja, so ist das..." murmelte er ein wenig altväterlich, indem er sich selbst - nicht ohne eine gewisse Wehmut - mit einem Glas Mineralwasser zuprostete: "Den Exzess wahrhaft loben kann nur der, der seinen Agonien entkommen ist, sich aber noch immer nach seinen Verheißungen sehnt!"

Er leerte das Glas und machte sich auf den Heimweg.


EPILOG

Guten Morgen!

oder

Wieder mal da

resp.

Gedanken beim Anblick eines frisch, wenn auch nicht ganz allzu aufgeräumten Arbeitszimmers

"Es scheint in der menschlichen Natur des Lebens zu liegen, daß wir heute das bekommen, was wir gestern haben wollten, und das so zu spät Erhaltene zornig fortwerfen, das wir morgen dringend brauchen!"

 

E-mail: Olaf_Reins@web.de

(Ausdrucken?)                                                              

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