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Die Frau die du kennst
...Von Angelika Reitzer


...   Die Scheibe ist kaputt, sah ich, nachdem ich meine schwere Tasche vier Etagen hoch geschleppt hatte, der Blick über die Dächer beeindruckend, nur die Tür lässt sich nicht abschlieszen und dieses Salle de Bains ist ein Loch, unter freiem Himmel beinahe. Durch das kaputte Fenster weht kühle Luft herein, kein warmer Hauch vom Mittelmeer dringt durch dieses kleine Loch, nur die kühle, die so mitteleuropäische Winterluft. Ich will die Fensterläden nicht zumachen, weil ich dann nur mehr in diesem Zimmer wäre mit seinen Geräuschen aus dem Treppenhaus, das mir nicht mehr geheuer ist, seit ich den kleinen Mann in der ersten Etage gesehen habe. Er stand am Geländer, aus seinem abgedunkelten Zimmer drängte schwerer warmer Dunst. Nachmittag, strahlender Sonnenschein : in dem Zimmer brannte Licht, eine Nachttischlampe brannte, er stand da in Unterhemd & Unterhose, unterhielt sich mit den jungen Männern, die ein Stockwerk tiefer an der Rezeption standen und kratzte sich die Eier.

Seit ich in diesem Zimmer bin, trinke ich. Abends der Gang zum Hotel war ein Spieszrutenlauf und das einzige, das ich im Vorbeihuschen verstand, war die Frage eines vielleicht Zwölfjährigen, ob ich die Neue hier im Quartier sei.

Rotwein: weil ich friere weil ich die Geräusche, die die Schlägerei auf dem Platz vor dem Gymnasium begleiten nicht hören will weil ich weisz dass ich vor dem Morgen hier nicht mehr hinaus kann & weil ich nicht weisz, warum sie mich hierher bestellt hat.


1) langer Sommer

     2 Aale bewegten sich den Tag über in der Wanne in dem gekachelten weiszen Badezimmer. Ein paar Nächte zuvor am Strand, da weckte uns : die Sonne Gelsen die Gewissheit dessen, der einen Ausflug macht. Wir hatten unsere Schlafsäcke in den Kofferraum geworfen, die Allee nach Norden eingeschlagen, wollten Richtung Grenze, unter die Sonne ans Meer. Morgens, kurz nach fünf waren unsere Schulfreunde losmarschiert, als wären sie kleine Buben, die ihren Weltkrieg II in Bildern gut in Erinnerung hatten. Einer der beiden kam mit einer männlichen Barbiepuppe vom Streifzug zurück, wir wollten Fische mit nachhause nehmen, die wir in einer Kleinstadt auf dem Rückweg kauften und die sehr lebendig in einem Eimer auf dem Rücksitz mitfuhren. Nach einem Gemetzel an den viel zu fetten Aalen, Blut am weiszen Arbeitsmantel, nach dem Essen, kiloweise Salz auf dem Tischtuch, bist du jung, ich glaube : sehr schön, immer breiter der Schleier auf deiner Stimme und am liebsten würdest du zusammen mit blauem Dunst dein kurzes Leben aushauchen. Das finden auch ein paar der jungen Männer, die mit uns am Tisch sitzen, ganz schön erotisch.

Wir brechen auf, zu zweit, wir haben genug Platz für den Moment, der sich prompt mit Musik anfüllt, mit Klirren, mit ewig sich wiederholenden Scherben : weil immer, immer wenn wir eine Flasche öffnen, schmeiszt eine von uns ein Glas an die Wand. Wir treffen auf Menschen, die äuszerlich wenig Ähnlichkeit haben mit dem verfallenen Haus, in dem ein zwei alte Sofas stehen Kisten mit Bier Kerzenstumpen herumliegen & ein paar Augenblicke ganz schön betrunken an der selbst gezimmerten Bar lehnen. Weiterhin knistert deine Stimme, schleift an Herzwänden, spiegelt sich dein Funkeln zwischen meinen Augenbrauen, du übst ein herbes Lachen, während einer nach Tönen greift, die er dir bestimmt gerne schenken möchte.

Wir ziehen weiter, wir kehren ein : an manchem Abend bist du mir abhanden gekommen, hast dich zurückbringen lassen. Ich habe Verständnis in meinem Schauen untergebracht, weitergetanzt und getan als wartete ich auf dich.

Im Altweibersommer werden unsere Nächte lauter, der Lärm rührt her von meinen Händen, die vorgeben, dich streicheln zu wollen, die so tun, als halten sie mein Herz ans künstliche Licht, rührt her von der Traurigkeit, die du über deine Stimme legst, sobald einer die Augen schlieszt und dich nicht sieht. Ich habe mir ein Ausgangslächeln umgehängt, werfe Sätze mitten in den Raum, manchmal in Ecken. Deine Worte versuche ich unauffällig an ihren Platz zurückzustellen, was zumeist gelingt, aber alles Benannte stellt sich vor mir auf, lehnt oder liegt, sitzt auf Decken, die zwanglos im Raum verteilt wurden. Oft ist Gesagtes so straff durch den Raum gespannt, über zwei Meter vielleicht und ich weisz, ich bin keine Seiltänzerin.

Wir treffen uns nach Weihnachten im Hotel des Platanes.

In dieser Stadt wird unentwegt aufgeräumt, Müllautos fahren vormittags abends noch einmal in der Nacht & ihre Ladeflächen sind immer voll. Zwei Ecken weiter, in der Rue Repos habe ich die fetteste Nutte meines Lebens gesehen und eine hübschere, junge hat mich ebenso gemustert wie der Zwölfjährige mit seiner Frage. Ich habe das Zimmer verriegelt, was mir lachhaft erscheint, bestimmt kann mit einem Stosz sie jeder öffnen. Ich habe einige Stunden versucht, diesem direkten Hämmern auf die Nerven etwas abzugewinnen. Ich habe mir vorgestellt, es ist besonders aufregend, sich hier zu treffen und man weisz nicht, ob die andere heil ankommt. Dass die Liebe dann gröszer würde, weil alles so unsicher ist und mich zwischendurch immer wieder gefragt, warum tut sie mir das an, nicht einmal, warum lasse ich dies zu.


2) lange Morgen

     Mit den Kellnern einer Szenekneipe trinken wir bis weit nach Morgengrauen. Du willst partout nicht einsehen, dass Konrad, der Kellner mit den langen lockigen Haaren, dich nicht küssen will, bleibst hartnäckig. Er bringt uns trotzdem in dein Haus zurück. Die Nächte davor haben wir auf der Ladefläche meines Autos verbracht, zuerst sind unsere linken Schuhe verschwunden, später habe ich in einem Café meine Brille liegen gelassen. Ein Dutzend leergetrunkener Flaschen auf dem Wohnzimmertisch dein kleiner Sohn der Vater deines Kindes warten auf dich & mich : deine Aufpasserin. Das hast du gut gemacht. Die Schaukel im Garten Möbel auf dem Gehsteig ein Gartenzwerg mit kaputter steinerner Mütze & ein Paar Rollschuhe : warten auf dich. Ich komme mit dir, deine Freundin. Jetzt dürfen wir nicht in das Haus, weil drinnen zu viele Flaschen zu früh ausgetrunken worden sind, weil drauszen ein hübscher Mann aus dem Auto steigt und der ist, natürlich, dein neuer Fang. Das gefällt deinem Sohn genauso wenig wie deinem Mann. Mir gefällt es auch nicht. Dein Mann bringt uns Kaffee in den Garten, dein Sohn besetzt die Schaukel und schaut angestrengt drein. Ihr seid betrunken, sagt er und starrt in die Luft, lässt die Augen funkeln, viel böser als kleine Kinder das können dürfen. Es ist ja klar, dass Papa euch nicht ins Haus lässt. Er schaukelt so schnell er kann.

Mir gefällt dieser Morgen, wir haben Sonne, wir haben einen Garten, wir haben einen jungen hübschen Mann, trinken Kaffee und der Rausch der letzten Stunden liegt im Gras, streckt den Bauch in die Sonne. Man könnte die Wartezeit des Trampolins abkürzen, aber es ist noch immer zu früh, den Tag seiner Bestimmung zu übergeben.

In der Nacht davor wie in vielen Nächten kamst du aus einer kleinen Wohnung, der Miniaturwohnung deines Geliebten (Arthur) zwei Häuserecken weiter in mein Auto, als wäre das dein Zuhause für ein paar Stunden. Dein Geliebter baut Puppen mit Gesichtszügen, die deinen zu ähnlich sind, oder : fast jede hat so grosze Augen wie du, einen schmalen Körper, du bist zwar gröszer als seine Puppen, aber um zwei Köpfe kleiner als ihr Erbauer. Er bemalt diese vornehmen Erscheinungen in übergroszen Gewändern mit feinen Haarpinseln, die auch du verwenden könntest, zartes Lila für die Augen, dosiertes Rot für die Lippen. Arthur spielt mit ihnen vor Kindern, die zu jung sind für seine ausführlichen Geschichten über das Unglück, das einen stören kann. Er führt vor, wie man damit lebt oder gar froh ist mit dem, was einem fehlt. Wenn eine Mutter ihn über falsche Altersangaben aufklärt, schmunzelt er meistens, er spricht nicht so viel, der Künstler. Dieser Geliebte adelt dich, sagen deine groszen Puppenaugen, wenn du dich in mein Auto fallen lässt, das ist wirklich elegant & ich würde keinesfalls gegen ihn einwenden : die Puppen sind zu klein für euer groszes Theater. Jetzt möchtest du gerne bei ihm sein, drückst dich im Garten herum. Überlegst. Stimmst deinen Sonnengesang an, wendest dich ab, von deinem Mann, deinem Sohn, von einem Kellner, der dich gar nicht interessiert, von mir : deiner Verführerin.

Nachdem der Sohn seiner Mutter einen dicken Kuss auf die Lippen gedrückt und mir über den Kopf getätschelt hat, nehmen Vater und Sohn einander bei der Hand, den Kellner ignoriert der Kleine ebenso wie der Grosze, der mir nahe legt, auf der Stelle mit dem Lockenkopf zu verschwinden, jedenfalls: wenn er zurückkommt, will er uns hier nicht mehr sehen. Konrad zieht seine Schuhe aus, zieht sie gleich wieder an.

Die Polizei hat die schlagenden Männer auf dem Platz auseinander gezerrt, auch die meisten Herumstehenden hatten zuvor diesen Versuch gemacht. Jetzt ist es ruhiger. Wenn sie hier eintrifft, werde ich gänzlich betrunken sein, ihr endlich alles Mögliche an den Kopf werfen können, sie wird weinen, die Wimperntusche wird sich über ihr Gesicht verteilen sie wird aus meinem Glas trinken immer schneller noch einen Schluck sie wird sich eine Zigarette anzünden, obwohl die alte noch im Aschenbecher glüht sie wird mein Gesicht in die Arme nehmen Entschuldigungen murmeln, die sie selber wahrscheinlich gar nicht hört. Warum glaube ich nur, dass sie heute noch kommt, ich sehe mich hier ausharren, tagelang, die Dusche werde ich kein einziges Mal benutzen, früh am Abend werde ich im Zimmer sitzen, ausgerüstet mit Rotwein & Zigaretten, mit Büchern, in denen ich kaum lesen kann, weil jedes Geräusch mich aufschreckt, ich werde immer früher auf die Strasze gehen und froh sein über den Morgen, obwohl mein Kopf brummt nach schlaffreier Nacht, ständig auf jeden Schritt, das Versperren von Türen, die Klospülung hörend und in der völlig aberwitzigen Annahme, dass das Telefon über dem Kopfende des Bettes je läuten könne und jemand von der Rezeption mir sagt, da sei eine Frau für mich.

Ich mokiere mich über Menschen, die stundenlang auf Plätzen grölen oder streiten & ich rege mich darüber auf, dass jeder Zweite mich fragt, wie viel ich koste. Ich kann Blutergüsse unter den Augen, blaue & gelbe Flecken hinter dem Herzen nicht ertragen : wie zimperlich dem Leben wie empfindlich der Strasze gegenüber ich bin. Dass ich immer noch nicht eingesehen habe, dass wo die Sonne & das Meer ist, das Leben ist & man ja immer morgens frischen Fisch holen kann für uns alle, geht mir durch den Kopf. Ich zwinge mich, an all die Hotelzimmer zu denken, in denen ich auf sie gewartet habe, weisz, wir haben einen Nullpunkt noch nicht erreicht.


3) früh:

     Im Radio die Übertragung eines Gottesdienstes, es regnet Blüten, der Vogel im Käfig singt, Meer rauscht so leicht wie eben die Brise. An einem Sonntag sitze ich beim Frühstück, aufgewacht aus einem Verstümmelungstraum, in dem ich Tätowierungen am ganzen Körper trage, auszer am linken Unterarm, wenigstens kann ich hin und wieder den Ärmel hinaufkrempeln. Das Bambusdach quietscht. Ich warte, weil meine Sehnsucht nach innen nicht stark genug ist, weil ich meinen Ichplatz nicht räumen kann und sie willkommen heisze für immer : der Augenblick, hat er ihr nicht stets genügt?


4) mittags:

     Ich habe auf einer kleinen Anhöhe auf dem Vorplatz einer Kapelle Mittagsschlaf gehalten, mit einem Schauspieler, den sie auf der Fähre kennen gelernt hatte, da hatte ich mit ihm kein Wort gewechselt. Nach ein paar launigen Stunden auf der Terrasse des Hotels haben wir beschlossen, uns die Wartezeit mit einem Spaziergang zu vertreiben. Jetzt ist diese Begegnung für die Erinnerung kaum tauglich, längst nicht mehr wahr : sollte einem nicht, wenn man wild am Vögeln ist, die Liebe im Kopf herumschwirren?


5) später Abend:

     Sie existiert blosz in meinem Denken, dem gefällt es, sich zu gebärden, Narben Schürfwunden & andere Sprechmuster zu erfinden. Ich kann doch jederzeit auf mein Moped steigen, mir eine gute Stelle zum Baden & eine gute Stelle zum Schlafen suchen. Früh einschlafen und vielleicht aufs Aufwachen vergessen.

Ich habe längst bemerkt, dass die Heizung nicht funktioniert, wozu auch bei kaputten Fensterscheiben, das Husten eines alten Mannes aus dem Nebenzimmer hört seit Tagen nicht mehr auf, aber das konnte sie jedenfalls nicht wissen, als sie dieses Hotel ausgesucht hat.

Hotel des Platanes. Hört sich doch gut an, fast freundlich, 13. Arrondissement, Einwandererviertel, nahe am Hafen, Möwen am Himmel, manchmal hört man das Meer, ich bin ja ganz oben, sehe ein Stück Plattenbau, Himmel und habe Sonne seit der Frühe, da quartiere ich mich ein, warte auf dich, aber ich warte in Ruhe diesmal. Ich höre die Stadt mehr als dass ich sie rieche ich freue mich auf frühe Morgen werde den kleinen Berg hinaufsteigen durch die Straszen wandern. Es gibt viel zu sehen & zu schauen die ganze Zeit, Schaudern den ganzen Rücken hinunter wenn du so willst. Alles angefüllt mit zarter Lust mit jenem guten Gefühl, das die Angst leise & schnell weggeblasen hat. Dann wieder die Möwen immer die Möwen einmal waren es Sirenen Hunde zwischendurch und spielende Kinder. Fensterläden schlagen hier wie da der Wind, einmal der Mistral & jetzt wieder vom Meer : ganz stark, nie völlig ruhig. Die Tage einteilen, sich der Normalität hingeben, gleich zu einer Tagesordnung hinschwenken, keine Ereignisse suchen, um die Stunden zu sortieren und plötzlich, einfach so, ist es ein Fest wieder, dieses Gefühl, das gut tut und nicht betäubt.

Du suchst den Platz, auf dem zu irgendeiner Zeit ein paar Platanen gepflanzt wurden, mit dem kleinen Lebensmittelgeschäft und einem heruntergekommenen Hotel am Eck. Du gehst Richtung Zentrum hinter einem Paar, das dir kurz unter der Bergbasilika schon auffiel, ohne Spektakel, so ernsthaft verliebt. Doch nie so verliebt wie wir, das siehst du nicht, das denke ich mir. Vorbei an den kleinen Häusern, wo man früher ein kleines Freilufttheater fand und heute junge Männer in Liegestühlen auf einer gut ausgeleuchteten Naturbühne.

Man hört nur noch die Sirenen, Motorräder & Autos, die versuchen zu starten und den fernen Lärm vom Boulevard, die Stadt bereitet sich darauf vor, ein bisschen ruhiger zu werden, sie wird nie ruhig, sie wird nie dunkel, es gibt immer etwas, das ziemlich viel ist. Eine weitere Flasche, ich kann schon bald ein wenig schlummern und daran denken, wie das sein wird, wenn sie 1 mal 2 mal an die Türe klopft, meinen Namen flüstert, wahrscheinlich kommt sie kurz vor dem ersten Tageslicht ohne zu klopfen, um die Zeit als sie nachhause ging, im Juli.

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E-mail an Angelika Reitzer:

a.reitzer@mur.at

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http://angelikaexpress.twoday.net
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