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Sonnenschirme
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Von Angelika Reitzer
(19. 06. 2005)


     Nun: ich trinke viel; ich schreibe viel: ich versuche, die Recherche für diesen Film hinzukriegen und morgen treffe ich mich mit irgendwem, der mich für irgendein Projekt als Assistentin haben will/vielleicht auch nicht. Der Unterschied schlägt sich nicht in Geld nieder. Der ist aber ein einigermaßen bekannter Regisseur oder so ein Szenetyp zumindest. Wenn ich mich einmal für eine richtige Stelle bewerben werde, wird der sicher ein gutes Wort für mich einlegen. Ich treff mich mit G. und weiß aber nicht genau, ob ich tatsächlich etwas von ihm will.

Ich treffe auf Hans, der spielt in S.’ letztem Film den Baby Bester und wir haben zusammen eine szenische Lesung gemacht und ich frage mich die ganze Zeit: was kann sein, was sein kann; ich bin eine Arbeitslose, die keine Existenzberechtigung hat/leider; und in meinem speziellen Fall nicht einmal die der potenziellen Genialität. Dabei ärgere ich mich über meine fehlende Radikalität und über meine Freundlichkeit beziehungsweise, so wie es ist, kann’s ja auch gut sein. Aber was ist es, das einen am Atmen hält außer deinem Körper, über den man schwer hinwegkommt. Was ist es, was dich außer Atem bringt - außer deinem Kopf, der ja auch ein höchst unzulängliches Teil ist?

    Ich seh das sich nähernde Sommerlicht und glaube wieder an irgendwas. Dass es weitergeht und so. (Was ist das also. Delirium. Eine Fata Morgana, weil ich seit vorgestern nicht geschlafen habe, weil ich gleichzeitig weine und lache, ich habe nicht geschlafen, ja, aber ich kann den Termin einhalten, die Geschichte ist nicht so gut wie sie sein könnte, weil ich nicht maximal gut sein kann unter diesem Druck/den haben wir doch alle, also bitte; noch einmal: ich bemühe mich, ich krieg das schon hin. Ich sollte ein wenig Rouge auflegen, mir ist so blass um die Lenden).

Ich spür das Licht, zart ist’s, schmerzt dabei. Einmal glaub ich wieder, dass es gut sein könnte. Ich hab seit Monaten mit keinem Mann mehr geschlafen. Du weißt ja: irgendwann geht’s dir nicht mehr so sehr ab. Ich seh die Menschen um mich herum anbrechen zerbrechen/nicht so sehr aufbrechen. Wenn du dich erinnerst an etwas, das mir weiter hilft/mich wegbringt: sag’s mir. Oder sag’s mir jetzt. Ich häng immer noch meinem eigenen Aufbruch nach. Aber wohin eigentlich.

    Damals hatte ich kein Ziel, ich hatte nur ein einziges großes Startfeld. Wie in einem Spiel, wo die ganze Spielfläche das Startfeld ist/dein Leben und du weißt. Du musst los. Das heißt dann eben: du würfelst; achtest wahrscheinlich nicht einmal auf die Augenzahl und trottest los oder. Beim Ankommen, beim Ziel sind wir ja noch lange nicht. Du. Bist halt losgegangen.

Dabei ist die Situation mit den Leuten hier eine, die mir gut tut wie lange keine mehr, ist alles so mittendrin, jeder macht was und draußen. Da lebt sich das Leben und wenn’s nur eine Straßenbahn ist, die das für uns alle besorgt. Na, die Eltern beteiligen sich an der Miete, Unterstützung gibt’s vom AMS, die nennen das Einsteigerhilfe - sind wir alle auch. Einsteiger, eins zwei drei. Der Jürgen hat die schicken Büromöbel von einer Insolvenz aus seinem alten Office mitgebracht, und wenn wir offizielle Termine haben, gehen wir natürlich nicht mehr ins Kaffeehaus; schinden Eindruck inmitten der Designermöbel. Manchmal kommen auch Leute direkt von der Straße rein. Bis jetzt gabs noch keinen Auftrag soviel ich weiß. Aber. Im Hinterhaus ist man ehestens noch mit Vogelgezwitscher beschäftigt, was ja nicht unnett ist und natürlich auch im weitesten Sinn mit Leben zu tun hat/so nach dem Motto: das Vogelgezwitscher ist schon das Leben; aber man ist immer ein bisschen abgeschnitten, von dem (Leben), was draußen eh nicht tobt. Und hier verbring ich zurzeit die meiste Zeit, ich gehe jetzt einfach mit einer grundsätzlichen Überheblichkeit und Selbstüberschätzung daran, meine Marrakeschgeschichte zu schreiben, das Thema ist jetzt wichtig, ich bin vielleicht knapp dran, was den Zeitgeist betrifft, hm. Aber ich tu jetzt so, als könnt ich ein halbes Jahr durchhalten und auf dieses Ziel zumindest zusteuern, durchhalten und auch einmal da ankommen. Ich kann immer wieder einen Job bei S. machen und der ist wirklich gut im Geschäft, die Miete ist bezahlt, man sollte darüber gar nicht sprechen, es ist auch alles lachhaft, aber. Wie du ja sagtest. Das Leben ist schon das Leben.

    Ich hätte gerne einmal, dass du das für mich, dass du mich damit so ernst nehmen könntest, dass ich das auch ein bisschen spüre. Vorhin, bevor du hier aufgetaucht bist in diesem schrägen Licht, sind mir so die Tränen über beide Wangen geronnen, als hätten wir hier etwas zu feiern. Und ich bin vor einer Stunde abgehauen, weil die wollten immer noch weitermachen. Sicher. Der Antrag muss heute vor Mitternacht rausgehen. Wir haben alles getan dafür. Irgendwann kannst du das nicht mehr überarbeiten. Ich selber bin mehrmals über der Tastatur eingeschlafen, während ich ein paar Posten addieren wollte. Immer wieder. Kennst du das. Du glaubst, diese Zahlen werden dafür sorgen, dass du in irgendeinem Purgatorium hängen bleibst. Für alle Ewigkeit diesen blöden Antrag stellen musst. Aber du kommst nie durch. Jedes Mal, wenn du zum Schluss, kurz vor dem Ende, die letzten Zahlen zusammenrechnen willst, sackst du zusammen. Die Höllenhunde wimmern hinten im Schädel, es ist heiß und du weißt, dass es nie mehr wieder kühler werden kann und du wirst die Ziffern nicht mehr in der richtigen Reihenfolge ablesen können. So sieht’s aus.

Ich bin jedenfalls gegangen. Die können mich. Egal, wenn sie mir das Honorar für den ganzen Job nicht geben. Ich bin so fertig. Ich meine. Es ist ein Job. Stell dir vor. Und dann treffe ich hier. Ich wollte wirklich nur einen Kaffee trinken und überlegen, wie das alles weitergeht. Ich sitze hier, und da kommt dieser Typ vorbei. Von der Aufführung. Was ist der? Journalist oder Philosoph oder was. Der tut, als wäre ich eine Dichterin, als würde „das was haben". Keine Ahnung, wovon der redet. Ich denke gleich, der hat meinen Laptop umgedreht und sich meine Gedichte reingezogen, die ich manchmal in so deprimierten Phasen schreibe/ eh nur manchmal. Und es fällt ihm nicht ein, woher er meine Schreibe schon kennen könnte und er sagt, es habe etwas mit Cage zu tun, das macht mich jedenfalls stutzig; ich wache wieder auf, als er erzählt/ich verstehs ja, ich verstehs! Dass er jetzt seine dreieinhalbjährige Tochter abholt, ein bisschen mit ihr spielen, Essen machen, sie ins Bett und gleichzeitig den Computer in die Küche schaffen wird, morgen bringt er sie wieder in den Kindergarten undsoweiter. Wahrscheinlich redete er endlos so weiter, aber er saß ja nur kurz an meinem Tisch und dann sinngemäß: da weiß ich wenigstens wofür. Das Leben ist schon das Leben, das ist doch eine Feststellung, die nur für einen Kopf von Bedeutung ist, ich kann mich auch nicht mit irgendwas, mit allem oder nichts abfinden; ich frag mich aber naturgemäß, wenn nicht abfinden: was dann.

    Weder zum Glücklichsein noch zum Unglücklichsein reichts – aber was waren das für friedliche/aufregende Nachmittage, mit Gustl und Gusti und den anderen, oder. Zuerst im Volkspark, dann mit Gusti schnell nachhause oder durch den Regen und später wieder alle versammelt zu einem Kaffee, was getrunken haben wir fast immer. Wo einer meistens geblieben ist und andere zufällig dazugestoßen sind. Und kennst du noch diese zarte minimale Vertrautheit für einen Moment/(wie) wenn dir jemand unerwartet und ohne dass zwingend etwas darauf folgt, über die Wange streicht, das wahrscheinlich ist etwas, das einen atmen macht, zumindest für die nächsten paar, meist nicht ganz so schönen Momente. So zu leben heißt, die ganze Zeit stückeln, und vielleicht ist das eh das Einzige, das ich haben kann. Du musst weiter. Ja, sicher. Du auch. Du wirst das sicher super machen. Wenn ich deine Hilfe brauche. Bin ja an mehreren Geschichten dran. Melde ich mich wieder.
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