Der Weggucker
Von Jens Richter


     Die meisten Menschen können nicht weggucken. Sie starren auf einen Punkt direkt neben dem Behinderten und deprimieren ihn, oder sehen sich schöne Mädchen aus den Augenwinkeln an, schauen dann sofort in die Auslage mit den Bettbezügen und glauben, die eingehängten Ehefrauen hätten es nicht bemerkt. Natürlich haben sie alles bemerkt und werden jede Nichtigkeit zum Anlass nehmen, eine Szene zu machen.

Hermann Pekeles hat das Weggucken in der Familie gelernt.
Sein Vater litt unter plötzlichen, heftigen Hustenattacken, die regelmäßig in Erstickungsanfälle und schließlich in ein erlösendes Erbrechen übergingen. Es verstand sich von selbst, dass der Leidende nicht während eines Anfalls beobachtet werden wollte, zumal sich die Anfälle bevorzugt einstellten, wenn er am Tisch saß und sich im Gespräch ereiferte. Das respektierten zwar alle, vermochten jedoch nicht, richtig wegzugucken. Entweder sie sahen viel zu spät auf den Kuchenteller, oder sie guckten in der falschen Annahme, Pekeles würde gleich husten, viel zu früh.

Der kleine Hermann saß damals noch nicht am Tisch der Erwachsenen, sondern beobachtete seinen Vater vom Nebentisch aus. Während die anderen Kinder sich mühsam das Lachen verbissen, wenn Pekeles seinen Anfall erlitt, entdeckte Hermann bestimmte Zeichen, die dem Husten vorausgingen. So sah er, dass die Gesichtsrose seines Vaters sich rötete und bemerkte das leichte Anschwellen der rechten Wange. Wenn Hermann dann bis vier zählte, fing das Husten an. Er überlegte, dass der richtige Zeitpunkt des Wegguckens etwa eine Sekunde vor dem Beginn der Hustenattacke gekommen ist.

Bald würde er endlich am Tisch der Großen sitzen und die Probe machen dürfen. Im Kinderzimmer übte er das Weggucken mit der kleinen Schwester, die den Vater am besten nachmachen konnte. Es kam ihm auch darauf an, zum richtigen Zeitpunkt wieder hinzugucken, denn so oft hatte er die Tischgäste mit abgewandten Gesichtern gesehen, wenn der Vater längst wieder unter dem Tisch hervorgekommen war und seinen Platz eingenommen hatte. Auch das abrupte Wegdrehen war zu vermeiden. Statt dessen musste der Kopf mit einer leichten Drehung nach unten schwingen, während die Hände langsam über dem Zwerchfell gefaltet oder die Fingernägel betrachtet werden.

Nach einigen Monaten durfte er zum ersten Mal sein Weggucken zeigen. Nicht nur war er der Einzige, der zum richtigen Zeitpunkt wegguckte; durch eine Gebärde erreichte er, dass alle anderen den Vater anstarrten und nie wieder eingeladen wurden. Hermann weiß bis heute nicht, welche Gebärde es genau war, und seine Schwester, die alles vom Nebentisch aus beobachtet hatte, gibt vor, es nicht zu wissen.


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