Versuchung

Von Susanne Sakel


     Der Tag hatte böse angefangen. Schon am frühen Morgen hatte nichts geklappt. Manchmal wird ein Tag, der schlecht begonnen hat, im Lauf der Stunden noch ganz erträglich. An diesem aber wurde es immer schlimmer. Der Abend schließlich versprach, alles in den Schatten zu stellen. Ich war fast am Ende. Meine Hände zitterten und ich fühlte, wie mir der eisige Schweiß langsam über mein bleiches Gesicht kroch, während ich mich in der U-Bahn-Station aufwärmte. Wenn ich nicht in den nächsten Stunden was bekam, konnte ich mich gleich vor die Bahn werfen. Wie praktisch. Scheiß Leben. Ein kleiner Junge in dunkler Jacke lief begeistert auf mich zu.
"Mama, schau mal, die Frau hat blaue Haare!"
Eiliges Tippeln auf dem kalten Steinboden. "Daniel, komm' bitte sofort zurück!" Eine warme Mamahand schloß sich energisch um die kleine Danielhand und zerrte ihn fort.
"Mama, warum sitzt'n die da auf dem Boden?"
Die Bahn fuhr ein und trug warmen Menschengestank mit. Die Türen öffneten sich und die Leute quollen heraus wie Würmer aus einem toten Körper. Es war erstaunlich. Jedesmal stiegen so viele Menschen ein und aus, und alle schienen ein ganz bestimmtes Ziel zu haben. Es mußte unendlich viele Ziele außerhalb dieses Bahnhofs geben, und ich war nicht mal in der Lage, mir auch nur ein einziges vorzustellen. Meine kalten Finger kramten aus meiner Parkatasche drei Mark siebzig hervor, das reichte noch nicht einmal für einen Joint. Entweder ich führte mich auf wie ein Scheißpenner und schnorrte die Leute nach "zwei Mark, ich hab' meine Fahrkarte verloren" an, oder ich konnte mit Kalle zusammen Kohle klauen. Nichts einfacher als das. Kalle schmierte sich vorher immer eine halbe Flasche Schaumfestiger ins Haar und setzte seinen Dackelblick auf. Dann eine Frau nach dem Weg gefragt und bevor die weiß, ob sie dämlich ist oder einfach nur bescheuert, liegt ihr Portemonnaie in der nächsten Mülltonne und wir sind mit ihrer Kohle über alle Berge. Aber Kalle ist jetzt im Knast und alleine klauen ist zu gefährlich. Obwohl es im Knast bestimmt wärmer ist als hier.
Ich merke, daß ich meine Zehen kaum noch spüre und stelle mich hin. Irgendwo finde ich noch eine halbe Zigarette und inhaliere das Gift tief in meine Lungen wie ein Geschenk. Plötzlich stehen zwei schwarzpolierte Lederhalbschuhe vor mir. Dann eine dunkelblaue Hose und ein dunkler Wollmantel und Krawatte über einem weißen Kragen mit eingestickten Goldinitialen. Ein Ausländer. Vielleicht ein Türke oder Italiener. Seine halblangen welligen Haare glänzen wie frisch poliert vor Pomade und sein falsches Lächeln entblößt einen Goldzahn.
"Was ist los, bin ich im Zoo oder was glotzt du so?"
Sein Lächeln wird noch eine Spur breiter.
"Ich hätte da einen Job für dich." erklärt er mir in akzentfreiem Deutsch. Alles klar. Zuhälter, sieht man auf den ersten Blick. Wenn ich die Kraft hätte, würde ich ihm sein Grinsen aus dem aalglatten Gesicht schlagen. "Danke, kein Interesse." Müde werfe ich mir meinen Rucksack über die Schulter und lasse ihn einfach stehen.
"Warte doch mal!" Er kommt mir nachgelaufen und legt seine widerliche Hand auf meine Schulter. Ich fahre herum.
"Hau ab, du Schwein, ich bin noch nicht mal achtzehn, verstehst du!"
Er läßt sich nicht abschütteln, läuft neben mir her. Ich rieche seinen warmen Kaugummiatem.
"Hör zu, ich sehe doch, daß du Geld brauchst und ich habe einen ganz einfachen Job für dich. Die Sache dauert nur eine Minute und ich zahle sehr gut."
"Laß' mich in Ruhe, klar?" Ich besteige die Rolltreppe und er bleibt unten stehen.
"Fünftausend!" ruft er mir nach.
Es ist eine lange Rolltreppe, aber nicht lang genug. Fünftausend Mark für eine Minute. Was ist soviel wert? Ich stehe oben und bleibe unschlüssig stehen. Ich merke, wie mein Körper nach Illusion schreit und meine Gedanken Träume werden wollen. Wenn er jetzt immer noch wartet, fahre ich wieder runter.
Ich drehe mich um, da steht er und ich könnte schwören, daß ich seinen Goldzahn sogar von hier oben aus aufblitzen sehen kann. Als ich unten bin, legt er seinen Arm um mich und sagt wohlwollend "Na also!" und führt mich in die Bahnhofskneipe, wo er mir alles erklären will.
Es ist wirklich ein einfacher Job. Auf dem Bahnsteig soll ich auf einen Mann warten, der mal ein Bulle war und Goldzahn angeblich unschuldig eingelocht hat. Die Geschichte kann er seiner toten Tante erzählen. Jedenfalls soll ich diesen Typ dann auf dem Bahnsteig aus Versehen anrempeln, und zwar so stark, daß er hinfällt. Und zwar auf die Schienen. So schnell, wie ich laufen kann, kriegt mich keiner. Und falls doch, war es eben ein Unfall und ich habe Schiß bekommen. Ganz einfach.
"Das mache ich nicht, du spinnst doch!" Ich drehe mich um.
"Siebentausend." sagt er ruhig. "Mein letztes Angebot. Die eine Hälfte sofort, die andere danach."
Wir gehen auf ein stinkendes Männerklo und er gibt mir ein Bündel Scheine, die ich in meine Taschen stopfe. Selbst wenn Goldzahn nach dem Job abhaut, habe ich soviel Geld, daß ich und Kalle uns im Vierjahreszeiten einen Superschuß leisten können.
Schweigend gehen wir auf den Bahnsteig und ich fühle die Scheine in meinen Taschen verführerisch knistern. In ein paar Minuten ist alles vorbei. Wir warten und warten, und die U-Bahn fährt ein und wieder heraus, und Goldzahn steht ganz ruhig neben mir und sieht sich um. Schließlich beobachtet er eine kranke Taube vor seinen Füßen und sagt leise "der Mann mit dem blauen Regenschirm neben dem Plakat rechts."
Ich schaue nach rechts und es gibt tatsächlich nur einen Mann mit blauem Regenschirm neben dem Plakat, und der sieht von weitem aus wie mein Opa, der seit zwei Jahren tot ist. Ich drehe mich um und will Goldzahn etwas fragen, aber er hat mir den Rücken zugedreht und schlendert langsam davon. Der alte Mann steht ganz vorne am Bahnsteig, und es fehlt wirklich nur ein kleiner Schubs - und mein Fluchtweg ist auch ganz frei. Langsam gehe ich auf den Mann zu und denke an Kalle und meinen Opa und an das Geld und fühle Hunger und Sehnsucht nach Unbekanntem und merke meine grenzenlose Angst. Angst vor dem Leben.
Ein Windhauch verrät mir, daß die Bahn gleich kommt und ich weiß, es dauert noch nicht einmal eine Minute, es geht eigentlich nur um Sekunden. Der alte Mann läßt seinen Regenschirm fallen, und als er sich beim Bücken halb zu mir herumdreht, glaube ich ein Lächeln zu erkennen, und ich denke 'eigentlich ist es wie eine Einladung'. Die Lichter der Bahn kommen näher und der alte Mann geht noch ein Stück nach vorne und ich folge ihm und ich denke 'es ist ganz einfach und in ein paar Sekunden bist du frei'.
Und der Wind fährt sanft durch sein lichtes Haar und ich stehe ganz vorne und denke noch 'wie eine Einladung' bevor ich springe.


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