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Sag Ja zum Nein
Auszug aus einem Großgedicht

"Sag Ja zum Nein, sag nur nicht Jein, wenn jedes Vielleicht schon zu
einem Nein geworden ist. Es gibt so viele Definitionen von Liebe, wie es Menschen
auf der Erde gibt, aber so wenige Definitionen darüber, was ein Mensch ist, wenn
wir ihn nicht in zwei Geschlechter zerlegen."

Von Clemens Schittko
(01. 03. 2007)



Clemens Schittko
(clemensschittko@yahoo.de), geboren 1978 in Berlin/DDR. Ausbildung zum Gebäudereiniger. Arbeitete als Fensterputzer. Abgebrochenes Studium der Literatur-, Musikwissenschaft und Philosophie. Zur Zeit Hilfsbuchhalter, Transportarbeiter und Lektor in einem kulturwissenschaftlichen Verlag. Lebt in Berlin(-Friedrichshain).

Publikationen

Seit 2002 erscheinen Beiträge in Zeitschriften (Ostragehege, Zeichen & Wunder, Dichtungsring, Wiecker Bote, lauter niemand u.a).

 

    Ein anderes Wort für Kapital ist Fleisch;
ein anderes Wort für Fleisch hingegen ist nicht Kapital.
Der Ursache allen Unglücks
können wir lediglich in der Erstarrung zugewandt sein.
Nicht wir, die Bilder selbst sind es, die sich löschen,
indem sie (als Erinnerung an das Vergessen)
unser Gedächtnis fluten.
Warum ist es nie die Einsamkeit,
die an ihrer Einsamkeit verrückt wird,
damit wir sie endgültig überwinden können
(und nicht länger überwintern)?
Es fällt über das, was ich bin,
immer wieder mein Körper her,
so als wollte er sich ohne mich behaupten – Unsterblichkeit.
Um einmal alles Sagen zu haben,
sagst du seit langem schon nichts mehr.
Immer glaubt ihr nur (an) das,
wovon ihr nichts wisst, nichts versteht.
Die Nacht verschwindet, wenn wir
in der Nacht nicht mehr verschwinden.
Wie Insassen eines Gefängnisses oder Tiere eines Zoos
schauen von den Gemälden aus die Personen –
so als gäbe es sie wirklich –
den Betrachter des Gemäldes an –
so als dürfte es ihn gar nicht geben – ...
Ich werde wahnsinnig bei dem Gedanken,
dass es im Universum mehr Sterne geben soll
als Zellen in meinem Körper,
in denen Fragmente meines Ichs
ihre Isolation dergestalt erfahren,
dass sie Gott als Wort
neben sich in einem Gen
zu Meditationszwecken ausgelegt finden.
Fleisch und Knochen, Haut und Blut ...
Wir sprechen, als sei es Sex,
und schweigen, als sei es Liebe.
Dass wir immer nur (als Ursache und Wirkung)
die physikalischen Gesetze des Lebens,
nie aber das Leben selber (erreichen und) bestehen,
ist unser eigentlicher Schmerz, den wir,
die wir Täter und Opfer zugleich sind,
über die Welt ausbreiten.
Denn jede Bewegung ist schon Verrat
an der Umarmung und am Kuss des Todes,
mit dem das Universum jegliche Bewusstheit abstößt.
Was die Erscheinungen des Tages erst unwirklich macht,
ist die Nacht, in der diese Erscheinungen verschwinden,
so dass nur noch ihre Begriffe bleiben:
die Sprache des Vakuums/im Vakuum der Realität,
in der wir so satt sind.
Und wenn es im Deutschen ein Wort für "nicht-durstig-sein" gäbe,
hieße es DICHT, VOLL, ZU oder auch ABGEFÜLLT.
Wir leben, weil wir uns allenfalls den Tod der anderen,
jedoch nie unseren eigenen Tod vorstellen können.
So trinken wir auf das elementare Zerwürfnis des Seins,
als wäre die Geschichte von Liebe und Sex
nicht die Geschichte einer einzigen Verwechslung,
die beide "Phänomene" zu den letzten Ideologien aufsteigen lässt,
an die wir uns wie Produkte verkaufen;
... und Ismen ziehen sich nach:
ein Li(e)beralismus als (Neo-)Sexismus.
Bevor jemandes Ausbeutung greift,
beute ich mich doch lieber selbst aus
und zensiere mein Werk, das ich bin
anstelle einer Biographie/den Kopf in der Schere.
Wie du das Innere des Todes
draußen IM LEBEN NICHT findest.
Atome strahlen, wenn uns das Denken blendet,
das wir als solches hinter den Handlungen
nicht erkennen (können)/wie einen Spiegel,
der in dem Moment mit uns zerbricht,
wenn wir ihn nur einmal
statt unserer selbst betrachten (würden).
Wo wir uns verlieren, gewinnen wir erst ... Träume,
wie sie die Wirklichkeit freisetzt und die Möglichkeit bindet.
Die einfachste aller Fragen,
die Frage nämlich "wie es einem geht",
lässt nur die schwierigste aller Antworten zu
bzw. offen – in einer Art des Schweigens,
indem man sich verspricht.
Eingeschlossen in meinem Körper,
kann ich mich selbst dann nicht verlassen,
wenn ich in dir bin (und blute).
Dieser Text ist es,
den wir als geistige Nahrung aufnehmen,
wollen wir unsere eigentliche Nahrung ausscheiden,
war "Scheiße" bislang doch immer mehr
als nur das bekannteste deutsche Wort,
wofür "Deutschland" in der Fremde steht ...
Ich kann alles für dich sein,
sofern ich für mich selbst nahezu nichts bin.
Wenn das Wort "Revolution"
aus der Öffentlichkeit verschwunden ist,
ist das die nächste Revolution!?
Je schöner die Nachrichtensprecherinnen,
desto unschöner die Nachrichten.
Liebe, an die wir uns gewöhnt haben,
ist nicht länger Liebe,
wie sie als Wahrnehmung zirkuliert,
als Bild in einem Kreislauf, dessen Abbild wir warten.
Sein UND Nicht-Sein ist die Antwort.
Wer eigentlich kontrolliert die Kontrolleure?
Mit Problemen, die niemand hat,
beschäftigt sich die Philosophie;
Bedürfnisse, von denen wir nichts wissen,
erzeugen in uns Wirtschaft, Medien und Politik;
Gedichte aber, die sich weder mit Tabus beschäftigen
noch solche außerhalb ihrer selbst erzeugen,
sind noch lange nicht tabu.
Dass wir anders sein wollen als alle anderen,
haben wir mit allen anderen gemein,
macht uns mit allen anderen gleich, oftmals sogar gleicher.
Ist Sex die (eine) Realität,
die den Tod in uns von Gott träumen lässt?
f
rüher machte man sich noch die Mühe,
Autoren umzubringen und ihre Bücher zu verbrennen;
heute ist es nur noch ein Ignorieren,
der freie Markt als moderne Form der Zensur –
für alles, was nicht unterhält.
Schreibe ich nicht mittelmäßig genug,
wird man mich nicht lesen,
ja noch nicht einmal verlegen.
Ich habe keinen Traum, ich träume ...
(und wache tot auf).
Die Erwärmung der Erde
kann kaum noch darüber hinwegtäuschen,
dass es (einmal mehr) kälter in uns geworden ist.
Nicht das Begehren, das Nicht-Begehren ist es,
wonach sich Schönheit sehnt, die nicht in Ästhetik aufgeht
wie die den Körper weitenden Vorstellungen
von der Wirklichkeit eines anderen Körpers,
der in dem einen Körper ein Asyl sucht und ein Exil findet.
Man kann sich nicht gegen etwas entscheiden;
man kann sich nur nicht entscheiden
(zwischen Alles-Haben(-Wollen) und Nichts-Sein(-Können)).
Mich beruhigt, dass du auch ohne mich nicht zurecht kommst.
Meine Schublade, in die ich passe, ist ein Sarg;
und jede Unterstellung, die den anderen bezichtigt,
einer Ideologie auf den Leim zu gehen,
ist selbst schon Ideologie, nicht mehr
und (oder: aber auch) nicht weniger.
Gib mir Namen, unzählig viele,
damit ich eins werde mit der Welt,
von der ich nichts verstehe, und verschwinde.
Sag Ja zum Nein, sag nur nicht Jein,
wenn jedes Vielleicht schon
zu einem Nein geworden ist.
Es gibt so viele Definitionen von Liebe,
wie es Menschen auf der Erde gibt,
aber so wenige Definitionen darüber, was ein Mensch ist,
wenn wir ihn nicht in zwei Geschlechter zerlegen.
Überhaupt nicht definiert sind die Begriffe in (den) Gedichten;
deshalb sind Gedichte jene sprachlichen Äußerungen,
denen am meisten misstraut wird.
Aus Dingen wurden Waren, aus Werten Preise.
Das System gehört zu den Toten und nicht,
wie von so manchem – für uns abstrakten – Funktionär angenommen,
die Toten zum System.
Schließlich stirbt die Sprache ja auch nicht in den Menschen,
sondern sterben die Menschen in der Sprache.
Wie poetisch die Welt doch geworden ist, seit wir lügen.

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