SONNEN-AUF-GESANG

Der erste Tag in Prinzendorf


Von Elisabeth Schöffl-Pöll

Neben der orgiastischen Berauschung und Ausschweifung wird der Weinrausch zu einer schönen erlernbaren Disziplin, der Rausch wird gebändigt, beherrscht, das Maß des Rausches wird bestimmt.

Hermann Nitsch


Mit dem Orgien-Mysterien-Theater von Hermann Nitsch verhält es sich wie mit Geburt und Nachgeburt: Durch die neue Schöpfung wird unbarmherzig alles Tiefliegende hochgehoben und ausgeräumt.

Der unfreie Mensch verpufft jene Energie, die er zum Erfassen zeitgenössischer Kunst benötigen würde, zum Abwehren der Einflüsse derselben.

Innerlich und womöglich auch noch äußerlich unfrei, ist freie Kunst mitunter nur unter größten Qualen zu ertragen.


Elisabeth Schöffl-Pöll

______________________________________________________________________


SONNENAUFGANG  -  SONNENAUFGESANG


Das Orgien-Mysterien-Theater ist unter anderem Stier- und Sautanz zur Potenz: voll Kraft, voll Lust, voll Überfülle.

Wie Freud nur in Wien berühmt wurde, Grasel nur im Grenzland mystifiziert wird, kann Nitsch nur im Weinland künden.

Wie weit sind wir sprachlich gekommen, wenn vom Tiere-Morden anstatt von Tiere-Töten gesprochen wird.

Harmlos frage ich vor Sonnenaufgang nach dem Weg zum Schloß. Weniger harmlos werde ich unvermittelt von "Tierschützern" unflätig beschimpft: Ich möge mich schämen! Wofür? Fürs Gehen im Morgengrauen?

Ausländer dominieren das Fest: Italiener, Luxenburger, Norweger, Deutsche... Inländer hinken nach...

Die "Rem" wird herangeschleppt. Oft und oft Schlachten erlebt am Bauernhof, mit gemischten Gefühlen verfolgt...Katharsis.

Wer nicht künstlerschwarz oder akteureweiß gekleidet, trägt rot. Nur die Lederhose scheint in jedem Fall zu passen, spätestens, als die böhmische Polka erklingt.

Hunderte von Akteuren in Weiß zwischen Gänseherden und Musikkapellen. Im weiten Schloßhof verliert sich das Detail und erblüht zum polysinnlichen Gesamtkunstwerk. Nacktheit ist nicht Nacktheit des Volkes.

Gänsejagd am Morgen. Glockengeläut. Tierspital und Viehtransporter...

Der Hauspfau auf dem Dach triumphiert über den toten Stier im Hof.

Selbst der mächtigste Stier verliert sich im Schloßhof. Nun der Gong. Er übertönt die Proteststimmen der "Tierschützer".

Blutfinger halten noch lange das Schlachtmesser umspannt. Voluminöse Schlächter, den Geschlachteten nicht unähnlich.

Ästhetik weißer Tücher im Schein der Gaupenlampen. In den Gaupen die Bläser und der Hahn. Das Hühnervolk leckt Blut.

Paradoxie. Der Meister widersetzt sich dem Klang der eigenen Komposition und trägt - Ohrenschützer.

Hühnervolk legt gackernd Protest ein, während der Tierkadaver mittels Flaschenzug an der Schloßmauer hochgezogen wird.

Sirenengeheul. Zehntausend rote Rosen für den Stier. Enthäutung bringt erwünschten Schlachtgeruch.


Endlich teilt sich das Publikum in Beobachter und Sich-Fallen-Lasser.

Unter Musikgedröhne rinnt Blu auf quellende blaue Gedärme. Ästhetische Bilder.

Leber und Herz aus dem Leib gerissen. Es ist zum Herzzerreißen.

Kreuzmensch empfäng Blut, vom Meister hochgereicht.

Christian Ludwig Attersee & Co erscheinen, teils unerkannt. Und wieder Glockengeläut - als wär's ein Klang für sie.

Sowohl bei Akteuren als auch bei Teilnehmern werden auferlegte und selbst auferlegte Grenzen überschritten.

Wer ist der Mensch ohne Schranken? Nun erst vermag er willentlich Schranken zu errichten, die er nach eigenem Gutdünken zu öffenen und schließen vermag.

Wer hat uns seinerzeit das Grauen vor Blut eingeimpft?

Spannung: Unten im Hof unter Gedröhne die Karawanen der Gekreuzigten - und oben in der Kapelle Gregorianischer Choral und Schweigezone.

Orgien-Mysterien-Theater kann nicht verstanden, sondern muß erfaßt werden. Verstehen heißt beobachten, analysieren... Erfassen heißt schöpfen aus dem Vollen, lieben.

Die Kette des Flaschenzuges verheddert sich. Der Stier kommt lange nicht in die vorgesehene Höhe. Wieder einmal ist die Technik wider die Natur.

Tierschützer grölen, posaunen, miauen, trompeten um die Wette. Sie tragen Stierköpfe auf den Schultern und sind in jeder Weise behörnt. "Ein Tier ist auch nur ein Mensch. Es hätte noch Tage und Wochen leben können. Es hätte noch Gute-Nacht-Geschichten hören wollen." Und: "Das sind also ihre Kunstwerke", raunen sie entrüstet und zeigen allen Ernstes auf die Schweinehälften an den Haken im Tiertransporter. Wie "Stille Post" läuft die Kunde: "Das sind seine Kunstwerke. So eine Sauerei. So eine Frechheit. Pfui Teufel. Pfui." Ausspucken. "Wissen Sie nicht, daß Christus kein Fleisch gegessen hat? Daß es das Paschalamm nie gegeben hat? Demnach auch das Paschafest sich erübrigt hat?"... Weide meine Lämmer, weide meine Schafe. Es sind ihrer zu viele. Später verunstalten sie den Weinkeller von Hermann Nitsch mit Parolen in Rot "NITSCH=MÖRDER. SATAN IN PRINZENDORF. MÖRDER." Hermann Nitsch sitzt abends gelassen davor und lädt die gesamte Dorfgemeinde zum Umtrunk.

Das Schloß ist von der Weite eines kleinen Dorfes. Hier verlieren sich Details und geben einem großen Ganzen Raum. Mysterien kann man nicht auf Leinwand bannen. Daher der Zwiespalt. Daher die Zwietracht...

Schloßallee spendet Schatten. Die Sonne wird barmherzig und schlüpft hinter die Wolken.

Die Disziplin der Anwesenden läßt staunen. Kein Abfall, kein Papier, kein Glas zuviel. Fehlende Schranken können nicht überschritten werden.

Flinke Finger füllen Flaschen, Teller und Container. Blutbefleckte Kleidung flattert im Nu wieder schneeweiß auf der Leine.

Hautnah erlebt, gelingt die Verfremdung des Tierischen und wird wie selbstverständlich zu ästhetischer Kunst.

Um 23 Uhr hängen Teilnehmer und Künstler wie Trauben am TV-Gerät. Interview mit Nitsch. Sein Werk, für das Unglücksgebiet Lassing zur Versteigerung gespendet, erringt mit Abstand den höchsten Wert. Sein O. M. S. wird als "großes Passionspiel" bezeichnet. Ein Teilaspekt wurde anscheinend verstanden.

Friede liegt über dem Schloß. Friede, wie ihn die Welt nicht geben kann.

_______________________________________________________________


Ende des ersten Tages in Prinzendorf, 3. August 1998

Elisabeth Schöffl- Pöll

 

=== Zurück zur Übersicht ===