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Ein Kavalier der alten Schule
Von Klaus Schwarz

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      Knalliger Hochsommer in Deutschland. ßammer in se ßiti. Juli. Der Bademonat. Kleckerburgen, Eisessen, Strandvolleyball. Toll.
Ich ziehe meinen Rollkragenpullover etwas höher und schließe die Regenjacke. Es nieselt ins Bier. Aber nicht mir, nur den fleißigen Bauarbeitern, ich trinke kein Bier. Ekelhaft, Bier, mit Alkoholbakterien drin. Da ist mir meine Gesundheit viel zu wichtig. Obwohl, nicht so wichtig wie gutgelaunt. Philosophen wissen ja: "Man kann auch mit Alkohol lustig sein!" Ist nur viel teurer als einfach so psychologisch.

Endlich Sommer. Ich freu mich. 40 Jahre hab ich darauf gewartet. Den ganzen Tag überall braun, auch am Po und so richtig schwitzen. Und dann in die Spree springen. Und im Monbijoupark am Strand lufttrocknen.
Und weiter hüpfe ich zwischen den Pfützen lang. In einem Straßencafé sitzt ein kleines Mädchen. Es niest in den Kaffee. 3 Mal. Das Mädchen ist doof. Oder krank. Oder es mag keinen Kaffee. Die Milch im Kaffee flockt aus. Vom Niesen. Wie Bariumchlorid. Aber ist ja nur Mamas Kaffee. Und die hat nix gemerkt, oder sie liebt ihr Kind so sehr... Mama nimmt einen kleinen Schluck Milchkaffee und ich schlender weiter und genieße den Hochsommertag in der Invalidenstraße. In Valid, heißt wertlos, hab ich gelesen.

Immer noch knalliger Hochsommer in Deutschland. Ziemlich langweilig. Ich bin ganz naß. Und Hunger. Ich werde jemand besuchen. Frau Schrägemann in der Invaliden 103 ist überrascht. Und wertlos, sie humpelt. Frau Schrägemann hat lange keinen Besuch mehr gehabt. Und schon gar nicht einen Kavalier wie mich. Ein Kavalier, der sie sogar beim Namen kennt. Keine Kunst, steht ja an der Klingel, aber das weiß sie nicht. Und außerdem, ich bin ein echter Kavalier. Ein Kavalier der ganz alten Schule. Ich habe immer ein Taschentuch dabei. Ein Zellstofftaschentuch. Während Frau Schrägemann die Schlagsahne schlägt, muß ich aufs Klo und lege das Tempo in die Waschmaschine.
Das gibt eine Überraschung. Weiße Flocken, überall weiße Flocken auf Frau Schrägemanns schwarzer Witwenkleidung! Aber, soll sie froh sein, als Kavalier der uralten Schule habe ich für eventuelle Besuche bei in weißes Leinen gekleideten Lehrerinnen immer auch ein Stück Teer getränkter Dachpappe dabei.

Aber nun zu Kaffee und Kuchen, viel billiger hier als unten in den Straßencafes. Und während wir Kuchen und Sahne schlabbern, erzähl' ich Frau Schrägemann Anekdoten von Bekannten mit Niveacremeschachteln und wie die alleinstehenden Damen beim Einkaufen helfen und wer jetzt in der Wohnung der alleinstehenden Damen wohnt. Aber ich bin nicht so, ich bin ein Kavalier. Ein Kavalier der alten Schule.


E-mail:
klaus.schwarz@sietec.de

 

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