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Was Nachdenkliches

Von Klaus Schwarz

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     Meine Eltern sind Hobbygärtner. Am Wochenende gehe ich sie immer in ihrem Garten besuchen. Sie haben da sehr viel zu tun, denn der Garten ist in Gosen und in Gosen wächst nichts. Außer Brennesseln - und die sind sehr unbeliebt.

Ein Garten der aussieht wie ein Stück Strand nur ohne Wasser, wird auf Dauer langweilig. Aber wenn man sich ein wenig Mühe gibt, kann man viele Pflanzen zwingen in Gegenden zu wachsen, in denen sie nie freiwillig sein würden, z.B. auch in Gosen.
Meine Eltern geben sich ein wenig Mühe. Mal schwatzt meine Mutter freundlich mit den Erdbeeren und streichelt über die frischen Ableger. Oder sie gibt den Kirschbäumen eine extra Portion Dünger und sprüht DDT auf die Blätter, damit keine bösen Maden kommen. Zum Dank geben die Erdbeeren dann im Frühjahr und die Kirschen im Sommer je einen Korb madenfreies Obst.

Bei den Pfirsichbäumen hat das alles nichts geholfen. Weder Herbizide und Pestizide noch ernste Ausprachen halfen. Der Baum mickerte nur vor sich hin und brachte keinen Ertrag.
Da mußte mein Vater ran. Der ist der Mann für's Grobe. Anfangs hat er nur böse geguckt, das hat damals bei den Rhababerbäumen geholfen, aber der Pfirsichbaum hat es einfach ignoriert, und keine Pfirsiche bekommen.
Da hat mein Vater ihn dann zur Schnecke gemacht. Immer wieder hat er den faulen Pfirsichbaum angeschrien und ihn nachts im Dunkeln erschreckt. Und, knorke, es hat geklappt! Schließlich gab es doch noch 5 Pfirsiche.

Bei den Bananenstauden war es genauso, nur noch viel schlimmer. Wie sehr mein Vater auch gebrüllt hat, die verstockten Stauden haben nichts gemacht. Zum Schluß hat die ganze Familie auf die Bananenstauden eingeschlagen, und an den Blättern gezerrt, aber umsonst. Erst die Drohung, das Plumpsklo neben die Stelle, wo die Bananenstauden stehen, zu verschieben, hat letztlich im wahrsten Sinne des Wortes gefruchtet. Die Stauden haben sofort büschelweise Bananen gemacht. Da haben die Nachbarn nicht schlecht geguckt, riesige goldgelbe Chicitabananen in Gosen!

Alle helfen mit im Garten. Wenn ich meine Eltern im Garten besuche muß ich immer umgraben. Das ist sehr anstrengend, aber dafür gibt es dann auch Kaffee und Kuchen. Fast nur Obstkuchen und mit Schlagsahne, ich darf so viel nehmen wie ich will, und ein Stück kostet nur dreißig Pfennig, der Kaffee 50. Das sind faire Preise.

Ja, so geht es immer zu im Garten, nur nicht im Winter.
Im Winter ist es langweilig in Gosen. Alle Pflanzen machen nichts und meine Eltern sind auch nicht da. Aus liebgewonnener Gewohnheit fahre ich aber weiter hin. Das Umgraben ist im Winter sehr anstrengend, weil der Boden gefroren ist. Kuchen gibt es auch nicht, aber Kaffee. Den bringe ich mir selber mit.
Sobald es dunkel wird, höre ich auf mit umgraben, setze mich vor die Laube und trinke gemütlich einen heißen Schluck Kaffee aus der Termoskanne. Manchmal sieht man dann den Marder. Der klettert immer auf das Dach der Datsche und springt von oben runter auf die Hollywoodschaukel. Scheint ihm einen Heidenspaß zu machen, werde ich auch mal probieren.
Wenn man so im Schnee im Garten sitzt, wird man oft nachdenklich und denkt zum Beispiel: "Stirbt der Gärtner Anfang Mai, ist der Mai für ihn vorbei." Na, selbst wenn, es ist ja erst Januar. Tote Gärtner machen trotzdem traurig und ich beschließe, schnell nach Hause zu fahren. Vielleicht komme ich nächste Woche wieder.


E-mail:
klaus.schwarz@sietec.de

 

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