<=== RÜCKWÄRTS
SERIE


Herbst
Von Klaus Schwarz

VORWÄRTS ===>
SERIE


      Es ist Herbst. Draußen regnet es in Strömen und Sturm ist auch. Vom Fenster aus könnte man die armen Menschen beobachten, die jetzt draußen rumlaufen müssen. Viele sind es nicht und die wenigen sehen kläglich aus. Ich sehe aber nicht aus dem Fenster. Auch laufe ich nicht draußen rum, ich fahre Fahrrad. Dabei kann man auch naß werden, vielleicht noch nasser. Außerdem kühlt der Fahrtwind. Es ist fast eine Spur zu kalt.

Es ist immer noch Herbst. Draußen regnet es noch und ich fahre mit dem Fahrrad. An den Regen und den Wind kann man sich nur schwer gewöhnen. Dafür sind die Radwege aber schön frei und ich kann so schnell fahren, wie ich kann. Bei dem Gegenwind ist das nicht sehr schnell. Eine windschlüpfrige Nacktschnecke überholt mich. Ich trete in die Pedale und überfahre sie. Aas das, überholt mich nicht noch mal.
Immer noch Herbst. Der Regen wird stärker, aber das macht nichts. Es wird nämlich dunkel. Da sieht man den Regen nicht mehr. Aber das ist Augenwischerei. Hilft keinem weiter. Besonders nicht mir. Meine Sandalen quietschen bei jedem Tritt. Sie sind voll Wasser gelaufen. Obwohl sie große Löcher haben, kann das Regenwasser nicht schnell genug ablaufen. Das einzige, was noch trocken ist, ist meine Zunge. Ich streck sie raus und sie saugt sich voll Regen. Ich ziehe die Zunge wieder ein und zutsche sie aus. Der Regen ist sauer.
Der Herbst scheint nicht enden zu wollen. Wissenschaftler werden bald ermitteln, daß der Herbst nach dem Winter die mit Abstand längste Jahreszeit ist. Vor mir taucht eine Radfahrerin auf. Ich strenge mich an und sie verschwindet hinter mir im Dunkeln. Mhm. Neugierig halte ich an und öle die Kette, bis sie wieder auftaucht. Dann folge ich ihr eine Weile.
Es bleibt noch ein bißchen Herbst. Die Frau dreht sich um und fragt mich, warum ich ihr hinterherfahre. Jetzt, wo sie sich umdreht, weiß ich das auch nicht mehr und überhole sie. Ihr Fahrrad hat Ralleystreifen, aber nur gebrauchte. Der Wind frischt auf. Das Wasser wird tiefer, da tritt es sich schwerer. Tolle Brandung, zum Glück bin ich schon in der Joachimstraße. Die verrückte Frau Parterre angelt, ich frage, ob sie beißen. Wenn sie sprechen könnte, würde sie sagen: "Nein, sie können sie ruhig streicheln", so sagt sie nur "lall brubbel lall".
Ich stelle mich in den Hausflur, tropfe ab und warte, daß der Herbst vorbei ist.
Schon bald gebe ich auf, es bleibt Herbst. In der Wohnung ist auch Herbst. Der Affenbrotbaum hat alle seine Blätter abgeworfen. Ich fege einen Weg zum Bett laubfrei und lege mich ins Bett. Ich stehe noch einmal auf, ziehe die nassen Sandalen und Hosen aus und lege mich wieder ins Bett. Ich habe Hunger.
Es ist wirklich Herbst, sonst hätte ich nicht solchen Hunger. Im Sommer habe ich immer keinen Hunger. Nicht so im Herbst. Ich beschließe, in die Küche zu gehen und in den Kühlschrank zu sehen. Dumm, rund um das Bett ist es sehr kalt. Was geht schneller, erfrieren oder verhungern? Zum Glück klingelt das Telefon. Der Pizza Lieferservice ist dran und fragt, ob ich was bestellen will. Oja, was trockenes Warmes.
Es bleibt noch ein paar Minuten Herbst, dann steht der Pizzalieferant am Bett und bringt mit zwei aufgewärmte Zwiebacke. Ich esse keinen Zwieback, binde ihn mir aber unter die Füße und gehe in die Küche. Im Kühlschrank sind einige Flaschen Mineralwasser, ein Erfrischungstuch und ein Topf. Der Topf ist leer. Enttäuscht gehe ich wieder ins Bett. Die Zwiebacke sind inzwischen kalt geworden. Ich schnalle sie ab und beobachte den Herbst, das Verhungern und das Erfrieren.
Da klingelt ein Wecker und noch zwei Wecker. Ich springe aus dem Bett und mache schnell die Wecker aus. Statt wieder ins Bett zu gehen, mache ich das Fenster zu.

    

(Juli 2000)                                          E-mail:  Klaus Schwarz

 

=== Zurück zur Übersicht ===