<=== RÜCKWÄRTS
SERIE


Eine Liebesgeschichte
Von Klaus Schwarz

VORWÄRTS ===>
SERIE


   Freitag Nacht, Mitte April. Die Luft ist eisig klar und klirrt vor Kälte. Der Mond steht bananengelb und riesig am Firmament. Sterne glitzern und jetzt schon weit weg verblaßt ein freundlicher Komet mit kastrierten Sektenmitgliedern drauf. Aber unsichtbar, denn sie sind alle tot und haben keine Körper, nur Seelen dabei.
Wenn man genau hinsieht, gibt es nicht nur einen, sondern sechs Monde. Und sie sind alle eckig, mit Hoch-Tief Werbung drauf.
Freitag Nacht, Mitte April unter sechs gelbeckigen Monden, am Potsdamer Platz. Wo tagsüber ameisenemsige Arbeiter gigantische Kleckerburgen bauen, könnte nachts Hale-Bopp einschlagen, ohne daß es jemand merkt. So kalt ist es.
Und einsam, so einsam, daß man nicht schlafen kann, Freitag Nacht, Mitte April in den Wohncontainern auf dem Potsdamer Platz.
Zwei liebeshungrige Bauarbeiter treibt die Einsamkeit aus der seidenen Bettwäsche. Beide ziehen warme Wattejacken über ihre Damenunterwäsche und klettern auf je einen Kran. Einsam setzen sie sich auf die Spitze des Auslegers und lassen die Beine baumeln. Blondes Haar glitzert im bleichen
Licht der Mondquadrate. Die beiden sind so einsam, daß sie anfangen, verschiedene Moll-Akkorde zu singen, Terzen, Quinten und auch Nonen quellen silbrig aus ihren Kehlen. So schön heulen sonst nur Werwölfe, die Kräne wiegen sich andächtig zu den Tönen. Zwischen Bauarbeiter und Bauarbeiter
liegen 600 m², 20 Meter weit und 30 hoch. Zu viel Luft für das aufkeimende Gefühl, zu winzig die noch jungen Flügel der Liebe.
Jede Nacht hören die Kräne das Klagelied der Bauarbeiter, jede Nacht wiegen sie ihre Ausleger im Takt der Dreiklänge. Man sagt, Kräne haben Herzen von Stahl, kalt und grausam, unbarmherzig und hart. Doch heute nacht weinen auch Kräne und füllen Baugrube um Baugrube mit dem salzigen Naß von Myriaden rostiger Tränen.
In diesem Klima der Kälte, unter den sechs Monden singen die Bauarbeiter schöner als je zuvor. Aus Quarten werden Quinten, die Kräne wiegen sich wie ein einziger Kran im Kranballett. Wilde Pirouetten und Dreifachsprünge, die Rotationskraft streckt die Ausleger der Kräne. Nur noch Zentimeter zwischen den hungrigen roten Lippen der Bauarbeiter. Nichts kann sie jetzt mehr halten, sie stürzen aufeinander und vereinigen sich in der Luft. Gierige Küsse und Umarmungen wechseln sich mit scheuen Berührungen ab. Beim rasend schnellen Sturz in die Tiefe, hin zum superharten Betonfundament mit den steil in die Luft ragenden Stahlarmierungen vergessen sie alles um sich herum, schneller stürzen sie und immer schneller.
Unten sieht ein alter Wachschutz dem jungen Glück andächtig zu und räumt einen harten Stein aus dem Weg. Doch den Bauarbeitern im Liebesglück sind Beton und Steine egal, wer denkt schon im Angesicht der Liebe an den Tod? Was bedeutet harter Beton, wenn zwei liebende Herzen zueinander
finden? Die Sekunden genießend denken sie nicht an das Morgen. Fallen, fallen, Sekunden wie Ewigkeiten, auch der Wachschutz staunt über diesen endlosen Fall.
Am Morgen hat sich Auflauf gebildet. Das Fernsehen ist da und beobachtet den freien Fall des Liebespaares. Ein Wunder ist geschehen, mitten im Herzen der Stadt. Sich bis eben noch fremde Zuschauer fallen sich in die Arme und beobachten die Bauarbeiter beim freien Fall ins Glück, wo die Liebe ist.
Amen
  

(September 2000)                                          E-mail:  Klaus Schwarz

 

=== Zurück zur Übersicht ===