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Zur Lösung des Weltkugelschreiberproblems
Von Christian H. Sötemann


...  Niemand hatte mir gesagt, daß man sich als Weltpräsident um alle Kugelschreiber kümmern müsse. Sicher, den einen oder auch den anderen - aber alle? Sie kennen das: zunächst wird einem Honig ums Maul geschmiert, das Jobprofil in warmen Pastellfarben geschildert, und hat man erst einmal angefangen, kommen auch schon die bösen Überraschungen. Wie das mit den Kugelschreibern eben. Aber das scheint der Gang der Dinge zu sein, und ich schätze, hier werde ich etwas verändern müssen als Weltpräsident.

Dabei streite ich nicht ab, daß diese Veränderungen Zeit brauchen. Ich habe nie behauptet: "Sofort nach meinem Amtsantritt wird das mit den Kugelschreibern auf der ganzen Welt geritzt sein!" Das hätte ich nie so geäußert, zumal diese Angelegenheit mich jetzt ja in gewissem Sinne überrollt hat. Außerdem verspüre ich jetzt wenig Lust, das Weltkugelschreiberproblem zu lösen. Es gibt eine ganze Menge Kugelschreiber, das bin ich gerne bereit zu bestätigen, und ich würde keineswegs zögern, mir als Weltpräsident die Hände schmutzig zu machen und die eine oder andere Mine eigenhändig auszuwechseln. Ich sage Ihnen, das habe ich schon getan! Ich war schließlich nicht von Geburt an Weltpräsident, nein, um so einen verantwortungsvollen Posten zu erreichen, braucht es seine Zeit.

     Zunächst gilt es, sich einen Ruf zu schaffen. Ich gestehe gern zu, daß mir da meine schon seit früher Kindheit erkennbare Disposition, jeden Schwächeren zu unterjochen, und die Stärkeren für mich zu gewinnen, damit sie diejenigen, die stärker waren als ich, in meinem Namen unterjochten, daß mir dieses einen nicht zu unterschätzenden Vorteil verschaffte. Selbstverständlich habe ich nicht von Anfang an gewußt, daß ich Weltpräsident werden würde, undemokratisch, illegitim, und durch Unterdrückung wie aus dem Lehrbuch, ja Unterdrückung, die in den letzten Jahrzehnten kaum jemand so perfektioniert hatte wie ich. In dieser Illegitimität offenbart sich die Legitimität meiner Weltpräsidentschaft.

Sie werden verstehen, daß dann, so der höchste Weltposten endgültig erreicht ist, das Weltkugelschreiberproblem nicht den ersten Platz auf der abzuhandelnden Agenda einnehmen kann. Dazu muß ich ergänzen, daß es keine Agenda gibt, nur eben eine vorgetäuschte, und wenn Sie bereit sind, diese vorgetäuschte Agenda als reale Agenda zu akzeptieren, so ist mir das auch recht. Sind Sie nicht bereit, werde ich mal ein paar meiner Untergebenen bei Ihnen vorbeischicken lassen - die werden Ihren Fall (in diesem Fall sind Sie der Fall) "erledigen".

     Zurück zur Agenda, unterbrechen Sie mich nicht. Wissen Sie denn nicht, daß Ihnen das nicht gerade zur Gesundheit gereicht? Liegt Ihnen denn nichts an Ihrem kümmerlichen Leben? Also, also, es geht doch. Zurück zur Agenda, der vorgetäuschten, die ich zur realen mache.

Ich werde also im Zuge meiner Weltpräsidentschaft ohne Zweifel das Weltkugelschreiberproblem lösen. Natürlich wissen Sie, wenn Sie noch nicht ganz der Demenz anheimgefallen sind (was sich zum Aushalten meiner Herrschaft durchaus als angenehmerer Zustand erweisen könnte), daß ich diese Problem nicht wirklich lösen werde. Aber ich werde es ansprechen und sagen, daß ich es löse, und späterhin für auf immer und ewig gelöst erklären. Wenn ich das Weltkugelschreiberproblem also für gelöst erklärt haben werde, so wird dieses per Diktat das Äquivalent zu einer wahrhaften Lösung sein.

     Niemand soll mir vorwerfen können, ich hätte bezüglich dieser die Weltbevölkerung beschäftigenden Frage nichts unternommen. Genauer gesagt, ein jeder Mann soll und wird es mir nur ein einziges Mal vorwerfen können, danach werden Vorwurf und Vorwerfender ausgeräumt sein. Ja, Sie verstehen richtig. Glauben Sie, man könne die Weltpräsidentschaft anders führen als mit harter Hand?

Ich werde ein Video drehen lassen, in dem ich selbst in meiner Eigenschaft als Weltpräsident auftrete und der Erdbevölkerung (und wer auch immer sonst noch zuschauen mag) Mut vermitteln werde, daß das Kugelschreiberproblem keine wirkliche Mißlage für unseren seit meinem Amtsantritt so schönen Planeten darstellt. Um meine Volksverbundenheit zu illustrieren und meine Beliebtheit noch weiter zu steigern, werde ich eigenhändig den auf meinem Schreibtisch direkt vor mir liegenden Kugelschreiber fachmännisch ergreifen, ihn auseinandermontieren, nur um dann die Mine wieder einzusetzen und den Kugelschreiber zusammenzuschrauben, worauf ich als Beweis für die einwandfreie Funktionsfähigkeit dieses Schreibgerätes den Kugelschreiberdruckknopf drücken werde. Als Konsequenz dieser Handlung wird die Schreibspitze der Mine aus dem Kugelschreiber hinaustreten und dieser schreibbereit sein. Dann werden die Menschen denken: "Das ist aber ein feiner Präsident der Welt. Nicht etwa, daß er abgehoben wäre und sich so gar nicht um die Dinge kümmert, die uns niederträchtiges Fußvolk den ganzen lieben Tag beschäftigen, nein, der ist einer, der auch selbst noch einen Kugelschreiber auseinandernehmen und wieder zusammensetzen und schreibbereit machen kann."

     Natürlich wird das nicht der genaue Wortlaut des inneren Dialoges der jeweiligen Personen sein, die sich zu meiner tadellosen Demonstration etwas denken werden, aber so ähnlich wird es aussehen. Sie bemerken, zu meinen eindrucksvollen Fähigkeiten, die mich für dieses Amt der Ämter qualifizieren, geöšrt auch eine Fähigkeit, mich in die Psyche anderer Menschen zu versetzen und ihre Gedanken fehlerfrei zu antizipieren. Aus diesem Grunde weiß ich auch immer sofort, wen ich als nächstes aus dem Weg räumen lassen werde.

Und doch gelingt es mir, mich als treusorgender, liebevoller Weltvater zu präsentieren, denn wenn ich jemanden eliminieren lasse, so geschieht dieses klarerweise im Zuge eines bedauerlichen "Unfalls" oder Ähnlichem. Gleichzeitig verstärke ich mein fürsorgliches Image durch überzeugend zur Schau gestellte Erdvolksnähe, die natürlich nicht aufrichtig ist, aber so aufrichtig erscheint, daß sie mir offenbar abgenommen wird. Kritische Stimmen lasse ich lässigerweise auch hier ersticken, ich vertrete nämlich meine persönliche Redefreiheit, in deren Zuge ich mir die Freiheit nehme, verbal zu äußern, welche kritische Stimme als nächstes verstummen soll. Also, meine Erdvolksnähe, die habe ich zum Beispiel vor kurzem dadurch gezeigt, daß ich der Welt mittels einer Fernsehübertragung brauchbare Ratschläge gab, die das Alltagsleben eines jeden betrafen. Ich sagte da unter anderem, daß man, wenn man sich die Genitalien wäscht, nicht zu heißes, aber auch nicht zu kaltes Wasser benutzen soll, weil das beides nicht so gut wäre. Diese Behauptung ist natürlich eine Banalität, aber eine zutreffende, und deswegen haben sich die Menschen gedacht "Ja, da hat unser Weltpräsident wie immer mal wieder recht. Der weiß wirklich, was so im Leben zu tun ist." Ich kann Ihnen nicht sagen, ob dieses der exakte Wortlaut eines jeden inneren Dialoges gewesen ist, aber so in etwa muß es gewesen sein. Exemplarisch und für die Weltbevölkerung wahrnehmbar habe ich einige, von denen ich mal ganz willkürlich geglaubt habe, die hätten das bestimmt nicht so gedacht, wie ich es beabsichtigt habe, aus dem Weg räumen lassen. Sie erraten richtig, wenn Sie nun vermuten, daß von hier an alle von der Relevanz und Korrektheit meiner unverzichtbaren Ratschläge, besser gesagt Diktate restlos überzeugt waren und dieses bei repräsentativen Stichprobenermittlungen auch gerne kundtaten. Das sind doch Resultate, die man gerne hört, und ihr tadelloses Zustandekommen lä§t mich gerne über ihr tatsächliches Zustandekommen hinwegsehen. Denn was für das Volk zählt, ja, das sind die Resultate, die der Weltpräsident vorzuweisen hat - und ich habe Ihnen bereits angedeutet, daß sich meine Bilanz sehen lassen kann. Ich wäre, Mensch, der ich bin, der Allerletzte, der behauptete, auf alles und jedes eine Lösung zu haben. Auch aus diesem Grunde spreche ich das Kugelschreiberproblem an. Aber ich wage zu behaupten, daß ich für alles, was sich mir in den Weg stellt und womöglich stellen könnte, eine Lösung habe, nämlich die Auflösung des Hindernisses. Da habe ich kein noch so klitzekleines Problem. Macht läßt wenig Zeit für Romantik.

     Und, bedenken Sie, wenn ich mich um wichtige Fragen wie das Kugelschreiberproblem kümmern muß, um Fragen also, die ich selbst gar nicht für relevant erachte, die sich mir aber im Zuge meines Amtes als Weltpräsident aufdrängen, ja, dann gibt es doch rein objektiv gar keine Zeit für Skrupel. Die dränge ich allesamt aus meinem Bewußtsein. Es ist mir zumindest bis dato vortrefflich gelungen; sonst stünde ich nicht dort, wo ich jetzt stehe.

An meinem Fenster in meinem Weltpräsidentenbüro nämlich. Ich überblicke halb genüßlich, halb sinnierend die Welt, meinen Herrschaftsbereich, und stelle weitere Überlegungen an, wie das Weltkugelschreiberproblem anzugehen sein könnte. Zunächst wird es sich ohne Frage schicken, in den Nachrichten (die ich gnadenlos und gnadenlos erfolgreich manipuliere) den Besorgten zu mimen und den Menschen mitzuteilen, ja, ja, das mit dem Weltkugelschreiberproblem, das ist schon eine harte Nuß für Euren Weltpräsidenten, aber er arbeitet dran. Er wird sich schon was einfallen lassen. Er hat Euch nie enttäuscht. Er ist schon eine Type. Er hat sein Amt zu Recht inne. Er wird auch das Weltkugelschreiberproblem lösen. Er hat doch bisher alle Probleme gelöst, dieser ungemein attraktive, begabte, scharfsinnige, gutmütige, wahrheitsliebende Weltpräsident.

     Womit das Wichtigste bereits erreicht wäre: die weitere Stärkung meiner Reputation. Wenn die Weltbevölkerung die (trügerische, aber das wissen sie ja nicht) Gewißheit hat, der Weltpräsident kümmert sich schon ums Weltkugelschreiberproblem, werde ich die ganze Angelegenheit für eine Weile auf sich beruhen lassen, um den Eindruck zu erwecken, es würde mit Hochdruck an einer Lösungsstrategie gearbeitet. Natürlich wird es das nicht, ich sagte doch schon, daß ich, hätte ich gewußt, als Weltpräsident mit solch dämlichem Dreck zu schaffen zu haben, vielleicht gar nicht Weltpräsident hätte werden wollen. Obwohl, meine Herangehensweise spricht zweifellos für mich: vorzutäuschen, dem Weltkugelschreiberproblem käme in meiner Amtsführung ein großes Maß an Wichtigkeit zu, und in Wirklichkeit nach wie vor zu denken, so ein dämlicher Dreck das alles.

Wie auch immer, nach einiger Zeit werde ich also die Aufnahmen an die Öffentlichkeit bringen lassen, die mich als fürsorgenden, bodenständigen Weltpräsidenten zeigen, der auch selbst mit Kugelschreibern zu hantieren weiß. Ich habe Ihnen das bereits skizziert, also fragen Sie nicht nach Detaillierungen, es sei denn, Sie wollen zum letzten Mal etwas gefragt haben. Dieses Video wird den Eindruck verschärfen, der Weltpräsident ist schwer am Arbeiten und wird das Weltkugelschreiberproblem lösen. Ergänzend werde ich mich häufig mit sorgenvoller Miene zeigen, wenn ich unter das Volk gehe, oder auch auf der Gangway eines Flugzeuges: grüßend winken, aber mit einer Spur von ernsthafter Besorgnis im Weltpräsidentengesicht. Damit werde ich etwaige Vorwürfe, ich nähme mein Amt nicht ernst genug, von vornherein entkräften, auch wenn das gar nicht unbedingt nötig wäre, da ich ohnehin potentielle Störenfriede in eine andere Existenzform überführen lasse, und, glauben Sie mir, eine lebende Existenzform ist was anderes als das, was diese Ketzer dann sind! Hat immer exquisit gewirkt, dieses Mittel wird fraglos beibehalten.

     Diese Maßnahmen werden den untrüglichen Eindruck erwecken, der Weltpräsident habe alles im Griff und kümmere sich, doch das Problem brauche eben seine Zeit, bis die Lösung realisierbar sei, und ein Frevler, der die Integrität des Weltpräsidenten dabei auch nur ansatzweise in Frage stelle! Ich muß sagen, dieser Eindruck gefällt mir.

Wer nun allerdings glaubte, diese von mir zu utilisierenden Mittel hinsichtlich der (meiner) Außenwirkung seien nun alles, was sich für den Weltpräsidenten (mich) als Konsequenz des Weltkugelschreiberproblems ergebe, der geht fehl und verdient, wenn ich es recht überlege, allein schon aufgrund dieser Idiotie die Exekution.

     Nein, ganz ohne Zweifel werde ich das Weltkugelschreiberproblem noch nutzen, um noch ein paar gepfefferte Steuererhöhungen durchzusetzen, die ich natürlich nicht für Heuchelei wie Sozialgedünse einsetzen werde; stattdessen sehe ich mich in der Pflicht, meinen Machtunterhalt zu sichern. Schließlich lasse ich als Weltpräsident z. B. die kostbare Luft allen zugänglich! Ich bin da schon ein Guter - d. h., ich werde als ein solcher gesehen, so daß die Menschen sagen werden "Na, so eine Steuererhöhung ist jetzt nicht ganz so schön, klar. Aber wenn der Weltpräsident es sagt, dann muß es wohl sein. Weil, wir wollen doch alle, daß das Weltkugelschreiberproblem gelöst wird, oder was." Genau. So muß man das Ganze sehen, dieses ist in der Tat die einzige richtige Sichtweise, und da wir uns jetzt bereits in solch grandiosem Einvernehmen festlegen können, ist es nur nachvollziehbar, daß ich einen gut Teil meiner Kraft in die Eliminierung jedweder vermuteten abweichenden Meinung investieren werde. Selbst für den Fall, daß jetzt alle und jeder erbärmlich buckeln und winseln sollten, wie sehr sie doch mit mir übereinstimmten: ich werde per megawillkürlichem Zufallsverfahren dafür sorgen, daß einige dieser kriechenden Sacknüsse ihre widerliche Existenz aushauchen müssen. Ja! Und das ist erst der Anfang! Ich werde die Frage nach der Lösung des Weltkugelschreiberproblems zur SOZIALEN FRAGE erklären, und dem Weltvolk mitteilen, daß, wer sich der SOZIALEN FRAGE entgegenstellt, ein nichtswürdiger Haufen Dreck sei (aufgrund meiner objektiven Betrachtungsweise: ist) und die derzeitige Existenzform als menschliches Wesen unter meiner weltpräsidentschaftlichen Ägide nicht mehr verdient. Da werden die aber alle schön zittern, das wird mir einen großen Spaß machen. Und ohne Spaß ist das Amt des Weltpräsidenten kein so schönes Amt. Und ist das Amt des Weltpräsidenten kein schönes Amt, so wird der Weltpräsident seine Aufgaben nicht mit der nötigen Hingabe erfüllen können. Und kann der Weltpräsident seine Aufgaben nicht mit der nötigen Hingabe erfüllen, so wird das Weltkugelschreiberproblem weiterhin sein Dasein fristen. Und wird das Weltkugelschreiberproblem weiterhin sein Dasein fristen, so bleibt damit eine essentielle SOZIALE FRAGE ungelöst. Und bleibt eine essentielle SOZIALE FRAGE ungelöst, gibt es massig genug Elend, Leid und andere Sachen, die das Weltvolk größtenteils nicht so gut findet und vom väterlichen Weltpräsidenten gelöst wissen will.

Es hat demnach primäres Interesse des Weltvolks zu sein, daß der Weltpräsident zackig und schwungvoll zur Sache geht. Dieses gelingt mir am vortrefflichsten, wenn ich ohne Rücksicht auf Gerechtigkeit und mit genüßlicher Willkür handeln kann - wie es sich für dieses Amt gehört!

     Aber die Bewältigung des Weltkugelschreiberproblems ist nicht allein durch das Filmen von Weltpräsidentenvideos und Steuererhöhungen u.ä. zu vollbringen. Es darf nicht zu einfach erscheinen; ob die Ausgestaltung des Weltkugelschreiberproblems nun komplex oder recht simpel ist, möchte ich gar nicht beurteilen müssen, da es mir vor allem darum geht, dieses Problem zum Anlaß zu nehmen, um ordentlich für Aufruhr und Unruhe zu sorgen - solche selbstverständlich, die ich für mich gutheißen kann. Wie auch immer, es bedarf schon noch einiger anderer aufsehenerregender Schachzüge, die der Menschheit schön zusetzen.

Zunächst, nach der ersten Phase, die sich auf innenpolitische Maßnahmen konzentriert wie die eben genannten, werde ich einen Aggressor ausmachen. Der muß gar nichts verbrochen haben, ich als Weltpräsident werde ihm ordentlich was unterschieben und dick den Empörten mimen, bekunden, ich sei doch der Weltpräsident aller, und nun ob dieses Vertrauensbruches seitens des Aggressors ganz schön enttäuscht. So geht das nicht, werde ich laut und unnachgiebig mit aufgekratzt-kehliger Stimme in die Mikrophone der Fernseh- und Radiosender (die komplett meinem Befehl unterstehen, wie es sich für einen Weltpräsidenten gehört) bellen, dabei bestimmt und dennoch fahrig (man soll denken, daß mir diese Problematik keine Ruhe läßt, den Schlaf raubt, mich zutiefst beschäftigt, mit Sorge erfüllt, nachdenklich stimmt, rastlos zurückläßt, in permanentem Aktivitätsstatus hält) mit dem Finger fuchteln, so daß klar wird: Hier jetzt! Das ist der Weltpräsident und gut findet der das nicht, was der Herr Aggressor sich da so leistet. Der soll mal abwarten. Der wird noch sehen, was er davon hat. Der braucht nicht zu glauben, er könnte sich alles leisten. Der wird bereuen, daß er den Dicken rausgekehrt hat. Dem wird bald die Nuß brüchig werden. Der wird seine schandvolle Fresse so schnell nicht mehr aufreißen. Der kann schon mal sein Hab und Gut verscherbeln. Dem sollte man kein kesser Spruch mehr über die Lippen kommen.

     Warum? Weil, ICH, der Weltpräsident, einen fetten Krieg vom Zaun brechen werde, und alles, was den beschuldigten Aggressor, diesen Bösling, der das Weltkugelschreiberproblem verursacht hat, umgibt, mit einem bratzigen Arsenal von bolzigen Donnerbomben in den Zustand des Staubes befördern werde! Da bleibt kein Stein mehr auf dem anderen. Das wird mir einen weiteren großen Spaß bereiten, vor allem vor dem Hintergrund, daß ich, der Weltpräsident, den Aggressor ja ohne groß zu zögern als solchen bezeichnet habe, ihm sozusagen das Aggressor-Schild umgehängt habe, was für ihn einen gewaltvollen Megaarschtritt jenseits aller Rücksicht auf menschliches Leben zur Folge haben wird.

Natürlich werde ich auch hierbei, trotz aller emotionalen Ausbrüche, die dem Weltvolk den Weltpräsidenten als Menschen nahebringen sollen, den Stil wahren. Denn einer meiner liebsten (weil von mir selber geprägten) Leitspruche lautet: Haß? Ja. - Aber Haß mit Stil! Dieses zu befolgen, heißt nicht nur, eine gewisse Lässigkeit bei der Kriegserklärung zu wahren, sondern z. B. auch amüsante Antworten auf Fragen nach der Zerstörung des Lebensgebietes des Aggressors zu geben, wie "Nun, es ist ja nicht alles weg. Aber die Existenzformen haben sich verändert. Wo früher die Paläste des Aggressors standen, gibt es jetzt Schutt, Staub und Asche. Das ist doch auch was." Da ich den Presseapparat komplett unterjocht habe, sind diese Fragen nicht etwa Ausdruck eines vorwitzig-inquisitorischen Gebahrens (das gälte es unmittelbar zu ersticken, Sie kennen da meine Haltung) der Journalisten, sondern abgesprochene Vorlagen zur Illustration des Wortwitzes des Weltpräsidenten. So muß man das machen, anders geht es nicht.

     Dann werde ich mich in mein Weltpräsidentenbüro zurückziehen und mit dem Dartpfeil einen zunächst zu bebombenden Ort auf der Weltkarte auswerfen. Ist er mir nicht genehm, werfe ich solange, bis entweder die Weltkarte komplett zerfetzt ist (was auch eine schöne Art der symbolischen Abreaktion darstellt) oder bis ich einen Ort gefunden habe, den ich gerne zerbombt hätte. Auf Menschenleben kann ich dabei keine Rücksicht nehmen; auf die Weltkarte nehme ich schließlich ja auch keine Rücksicht, und da ist die ganze Welt drauf, nicht nur so ein paar Menschenleben.

Ich werde also in der nächsten Weltpräsidentenpressekonferenz bekanntgeben, der Aggressor, der das Weltkugelschreiberproblem ausgelöst hat, befinde sich in "X", und deswegen müsse "X" dem Erdboden gleichgemacht werden. Später könnte man ja wieder irgendwas anderes aufbauen. Aber zunächst einmal wird es um die komplette Zerstörung gehen. Diese Ankündigung werde ich mit einigen rhetorischen Fragen garnieren, auf die nur mit "Jawoll, da hat der große Weltpräsident mal wieder völlig recht. Der Gute. Der." geantwortet werden kann (zumindest, wenn man am Leben bleiben will).

     Da ich bereits ordentliche Sozialkürzungen durchgesetzt habe, wird es mir keinerlei finanzielle Probleme bereiten, den Aggressorort pulverisieren zu lassen. Zur Not lasse ich einfach neues Geld drucken. Da kenne ich nichts.

Da Sie Schlaumeier sicherlich schon mitbekommen haben, daß der Aggressor tatsächlich in keinen kausalen Zusammenhang mit dem Weltkugelschreiberproblem zu bringen ist außer durch die Order des gütigen, väterlichen Weltpräsidenten, erübrigt sich die Frage, ob durch das Bomben das Weltkugelschreiberproblem ansatzweise gelöst werde. Und sollte sie doch gestellt werden, würde ich innerlich antworten: "Wohl kaum. Es sei denn, man zerbombt zufällig auch die wahre Ursache, als Nebeneffekt." - und nach außen hin würde ich gar nichts sagen, sondern eine Handbewegung machen und den Fragesteller exekutieren lassen, damit er solche kotzigen Fragen nicht erneut stellen kann.

     Das Weltkugelschreiberproblem bleibt freilich auch damit ungelöst. Es hat aber ein erfreuliches Maß an Zerstörung und Feindseligkeit gegeben, das mir den Tag versüßt. Die Permanenz des Weltkugelschreiberproblems nach den Angriffen werde ich mit weitverzweigten Seilschaften des Aggressors zu erklären wissen. Als Beweis lasse ich dann ein paar schmierige Zettel und verwackelte Videos mit schlechtem Ton fingieren und werde diese kurz einblenden lassen, aber so unscharf, das keiner etwas Signifikantes erkennen können wird. Und doch werden die Menschen sagen: "Ja, unser Weltpräsident, der redet nicht nur so rum. Der ist der Mann mit den harten Fakten. Das stimmt schon, was der so sagt." Und ich werde denken: "Ja, stimmt auch, was ich so sage." - obwohl es natürlich keineswegs stimmt; aber das ist ja gerade das Interessante an dieser Position. Sonst hätte ich auch Bürgermeister in stinkigen Kleinstädten werden können. Doch ist es nicht weitaus vergnügsamer, diese genüßlich zerstören zu lassen?

Zudem werde ich, nachdem das Weltkugelschreiberproblem immer noch nicht verschwunden ist, mich wieder als wahren Menschen präsentieren und seufzend gen Himmel blickend sagen: "Sehen Sie, auch der Weltpräsident hat nur einen beschränkten Einflußbereich. Die Sonne zum Beispiel ist weitaus größer und mächtiger als wir, und sie versorgt uns alle mit Licht. Und auch hier sind letztendlich chemische Reaktionen Vater des irdischen Lebens." Das stimmt und klingt richtig perfide sülzig, so daß das Weltvolk denken wird: "Ja, unser toller Weltpräsident überschätzt sich jetzt nicht irgendwie. Er tut alles, was er kann, aber zaubern kann er nun auch nicht, das kann man nicht, weil geben tut’s Zauberer in Wahrheit doch nicht, nur so Leute, die Kartentricks und anderes können, aber eigentlich sind das keine Zauberer im wahrhaftigen Sinne, sondern trickreiche Menschen, und das ist ja wohl was anderes als wirklich zaubern zu können." Und ich werde nickend beipflichten und denken: "So ist es. Vielleicht etwas geschwätzig und niveauarm ausgedrückt, aber durchaus der Wahrheit entsprechend." Und sollte ich vermuten können, daß dieses nicht jedermanns Meinung sein wird, so werde ich diesen abscheulichen "Personen" schlicht und einfach eine Mitschuld am Weltkugelschreiberproblem zusprechen und sie vaporisieren lassen.

     In der Tat kann auch ich als Weltpräsident nicht immer sofort durchschlagende Maßnahmen ergreifen. Und diesbezüglich verhält es sich noch schwieriger, wenn mich das Problem nicht wirklich interessiert. Kugelschreiber sind Gegenstände. Sie sind da, und sie sind auch ganz nützlich, z. B., wenn man was aufschreiben will. Dann kann man einen Kugelschreiber nehmen, oder man nimmt einen Bleistift. Oder einen Füller. So sind Kugelschreiber einzuordnen, so benutzt sie der Weltpräsident. Soweit, so gut. Aber nun machen diese Kugelschreiber Probleme, oder werden Symbol eines problematischen Prozesses! Ja, hätte ich denn Weltpräsident werden wollen, wenn man sich um derartigen Gurkenwürg auch noch kümmern muß? Am liebsten tät ich sagen "Weltvolk! Kauft Euch Kugelschreiber und schreibt damit. Oder stopft sie Euch meinetwegen in Eure widerlich riechenden Ärsche, wenn Euch das aufgeilt, weiß ich doch nicht. Aber laßt mich damit in Ruhe, ich will auch meinen Spaß haben, also!"

Aber als Weltpräsident sage ich so etwas nicht. Womöglich könnte ich mir das erlauben, da ich mir ja alles und jeden unterworfen habe, eine gute Ausgangsposition, um so etwas zu sagen wie das, was ich soeben als Wunschaussage angegeben habe. Andererseits habe ich auch subjektive Weltpräsidentenstandards - somit objektive Weltstandards -, die mir zu verstehen geben, daß diese Aussage zwar klar und unmißverständlich sei, aber nicht gerade ein Meisterwerk untrüglichen Stils. Und, erinnern Sie sich an meine Maxime? Wenn nicht, so werde ich Sie daran erinnern, und beim folgenden Mal wird Sie der Subjektvaporisierer daran erinnern, daß es für Sie von Vorteil gewesen wäre, sich in Ihrem erbärmlichen Winzhirn wenigstens DARAN zu erinnern. Also, diese Maxime lautet natürlich: "Haß? Ja. - Aber Haß mit Stil." Und da ich weiterhin beabsichtige, dieser Richtlinie zu folgen, werde ich das oben Angedachte in dieser Form nicht äußern. Ich muß nicht extra erwähnen, daß ich dieses nicht aus etwaigen Befürchtungen, es könnten sich Aufstände gegen den Weltpräsidenten (MICH) losschlagen, unterlasse, sondern, weil ich so ein geiler Galan dieser Welt bin.

     Als Weltpräsident kann es dann und wann ganz reizvoll sein, ein bißchen servil den Diener der Welt zu geben. Nur um sofort darauf mit militärisch-unnachgiebigem Befehlston den nächsten Angriffsbefehl herauszuschreien. Das verleiht eine Aura von "Uhwi! Mit dem ist nicht zu spaßen." Stimmt, denn weichen die Späße von meinem Spaßverständnis ab, so werde ich dafür sorgen, daß die Urheber fortan einen weitaus stilleren Umgangston pflegen werden. Sie können sich ja vorstellen, was das heißt. Falls nicht, so melden Sie sich nur, ich werde es gerne an Ihrer eigenen Person demonstrieren.

All dies packt nicht an der Wurzel des Weltkugelschreiberproblems an. Ich habe doch auch nicht die geringste Ahnung, wo diese blöde Wurzel sich hinbequemt haben mag! Ich bin nur Weltpräsident, nicht Gott. Soll ich jetzt den Garten umgraben, auf der Suche nach der Wurzel? Da schlage ich doch lieber das Gittertor zu! Sie sehen, ich verstehe mich auf das Spiel mit Metaphern. Ich werde mir demnächst eine Auszeichnung verleihen lassen. Hierzu werde ich ein Kommittee einberufen lassen, das mich zu ehren haben wird, und dadurch dringt die Beharrlichkeit des Weltkugelschreiberproblems einen Augenblick lang in den Hintergrund, bevor ich dann den nächsten genialen Weltpräsidentenschachzug folgen lassen werde.

     Sie fragen sich, wie mag dieser nächste geniale Weltpräsidentenschachzug aussehen? Es geht Sie eigentlich nichts an, und Sie können von Glück sagen, daß ich Sie heute nicht exekutieren lasse (vielleicht aber morgen) und Ihnen gnädigerweise mitteile, wie ich als nächstes das Weltkugelschreiberproblem angehen werde.

Ich werde einen Experten einberufen, nämlich HELMUT SCHMIDT. Helmut Schmidt war zwar nie Weltpräsident (wie ich), aber immerhin Bundeskanzler eines Landes, das schon einmal (einige Zeit vorher) auf eine Weltherrschaft hinarbeitete und, wie Sie wissen, dabei kläglich versagte. Ich bin dagegen ein wohlwollender Weltpräsident, der sogar einen qualifizierten Mann aus dem Ruhestand holt, um ein Problem zu lösen, das den Weltpräsidenten nicht einmal ausreichend interessiert, um sich ihm mit aller Kraft zu widmen. Dann werde ich zu Helmut Schmidt sagen, daß es da so ein Weltkugelschreiberproblem gibt, und er es verdammt noch mal lösen soll. Helmut Schmidt kennt Kugelschreiber, der hat damit schon oft genug geschrieben, und nicht nur in den acht Jahren als Bundeskanzler, sondern auch vorher und nachher. In einer Pressekonferenz werde ich ihn dann als den Macher vorstellen, der sich des Kugelschreiberproblems annehmen wird. Und dann kann ich mich endlich wieder meinen Lieblingsbeschäftigungen als Weltpräsident widmen, wie z. B. eine Weltpräsidentencola schlürfend bei bestialischen Exekutionen zusehen oder die Weltkarte mit Dartpfeilen zu zerfetzen. Oder sonstwelche fiesen Sachen. Selbstverständlich werde ich mich auch weiterhin mit Kugelschreibern befassen, aber ganz tumb und unreflektiert. Mit Verve werde ich die Druckknöpfe drücken und, ohne weiter über das entnervende Weltkugelschreiberproblem zu konfrontieren, mit Kugelschreibern Käsekästchen zeichnen, Autogramme üben oder auch den einen oder anderen Notizzettel mit einem drastischen Ukas zieren!

 

E-mail des Autors:
soetemann@nord-com.net

 


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