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Memento mori
Von Christian H. Sötemann


    Ich befand mich in einer Phase meines Lebens, die vom Berufsstreß dominiert war. Es blieb mir in aller Regel recht wenig Zeit, mich um die Sauberhaltung meiner Dreizimmerwohnung zu kümmern, und so fiel ich, vom Büro spät abends zurückkehrend, nicht selten erschöpft in meinen Lieblingssessel.
Doch, mir fiel selbstverständlich auf, wie sich Staub in meiner Wohnung ansammelte, in den Regalen, auf den Schränken, auf der Stereoanlage, schlichtweg überall. Dann und wann, nicht häufiger als vielleicht einmal monatlich, versuchte ich, der Verstaubung Herr zu werden, doch aufgrund der anhaltenden Beanspruchung in meiner Firma trat selbst diese nur notdürftig verrichtete Reinigungsarbeit in meinem Heim bald hinter der Erschöpfung zurück.
Ich begann, den Staub in gewissem Maße als Gradmaß für die Verschüttung meines Lebens anzusehen. In dem Maße, wie mich meine Arbeitsstelle forderte, war ich nicht mehr imstande, in den Räumen, die mir ein wohnliches Zuhause bieten sollten, Verhältnisse zu schaffen, die sich an dem von mir angestrebten Lebensstil orientierten: sie wurden vom Staub überdeckt. Selbst diese Überlegungen resultierten schon aus etwas, das ich geradezu ein Übermaß an Muße nennen möchte - meistenteils kam ich kaum dazu, einen Schritt von der Unmittelbarkeit der Situation zurückzugehen, um meine derzeitige Lebenslage präziser einzuschätzen und zu reflektieren.

    Doch eines Abends, wenn auch in reichlich ausgelaugtem und, ich gestehe dies gerne zu, psychisch labilisierten Zustand, änderte sich meine Betrachtung des Staubes blitzartig. Leicht frustriert hatte ich den Staub, der auf meinem mehrbändigen Lexikon lag, in die Luft geblasen und zog schnell den Kopf zurück, um nicht niesen zu müssen. Zurückgelehnt sah ich die kleinen Materieteilchen, die durch die Luft schwebten, nur sehr langsam herabsinkend. Dagegen kann man gar nichts ausrichten, dachte ich, der legt sich überall hin. Dabei handelte es sich doch um...
Nun wurde mir offenbar - der Staub war vorhanden, ja, es mochte sich um kleine Teilchen handeln, die aufgrund der Auflösung oder des Verfalls vorangegangener Objekte entstanden sind. Aber was, was genau, als was bloß mochte ein jedes Staubteilchen vor diesem Sein als Staubteilchen existiert haben? Schlie§lich würde mir das auch eines Tages blühen!
Ich wurde etwas beunruhigt und sah mich, als sei die ganze zu verrichtende Arbeit unmittelbar beiseite gefegt, meinem Ende als Mensch ausgesetzt: sicher, mit achtunddreißig Jahren war noch nicht an ein natürliches Ableben zu denken, doch ich weiß nicht weshalb, ich konnte mir schlecht vorstellen, wie ich mit vielleicht siebzig Jahren leben mochte. Ja, ein Leben in der Zukunft, weit vom augenblicklichen Zeitpunkt, es schien mir gänzlich undenkbar. Der Staub um mich herum kam mir weit plausibler vor. Dieses wird meine zukünftige Existenzform sein! dachte ich. Keine Möglichkeit, dem zu entgehen. Die Realität des Gedanken erschütterte mich. Der in meiner Wohnung liegende Staub war gewissermaßen Evidenz, das Leben als Siebzigjähriger erschien mir nur hypothetisch! Vielleicht, so fragte ich mich beunruhigt, ist der hier vorhandene Staub früher teilweise menschliches oder auch tierisches Leben gewesen.
Als dann mein Blick auf die Asche im Aschenbecher auf meinem Schreibtisch fiel, glaubte ich, hierin die Alternative zu sehen. Ja, sollte ich sterben und mein Leichnam verbrannt werden, dann bliebe nur Asche übrig, ein kleines Häufchen Asche. Und woher wußte ich, daß die Asche, die mir allerorten begegnete - sicherlich nicht im selben Umfang wie der Staub, aber dennoch in ausreichendem Maße - nicht Überreste von organischem Leben darstellte?
Asche oder Staub, was für eine Zukunft, durchfuhr es mich, sarkastisch, ja, doch gleichzeitig befand ich mich in einem Zustand von Panik. Dieses nicht allein, weil mir in diesem Moment bewußt geworden wäre, daß meine Daseinsform in der Zukunft die Gestalt von Staub oder Asche annehmen könnte und gewiß würde, sondern, weil es mir so sehr viel gewisser, so viel bestimmter vorkam als ein Versuch, mich mir als alten, lebendigen Mann vorzustellen.

    Ich ging nervös in meiner Wohnung auf und ab. Als ich den gefüllten Aschenbecher in der Küche erblickte (schließlich kam ich selten dazu, ihn auszuleeren!), zuckte ich zusammen, und der schier überall liegende Staub entfaltete eine beunruhigende Präsenz, er war mir eine Mahnung. So würde ich aussehen, wenn ich nicht mehr ich sein würde, wenn es kein Ich mehr gäbe. Wie nah war dieser Moment? Vor allem: wie nah war dieser Moment, da ich im stuporhaften Habitus des Arbeitsfixierten durch mein Leben rannte? War es nicht nur allzu verständlich, daß da der Staub- oder Aschezustand näher lag als das siebzigjährige Ich? Ich sah keine Möglichkeit, dem zu entkommen. Doch ich bemühte mich, zu handeln. Zum nächstmöglichen Zeitpunkt nahm ich mir einen einwöchigen Urlaub, um in einer Art Auszeit zu versuchen, etwas Beruhigung zu finden. Doch auch die längeren Spaziergänge, die ich unternahm, verkamen zum Erblicken von Verfall. Sah ich Erde, so stellte ich mir vor, wie ein verwesender Leichnam darunter begraben sein könnte, sah ich den Himmel, so dachte ich an den herumfliegenden Staub, sah ich Blumen, so dachte ich an Rosenkränze auf meinem Grabstein. Wo war das siebzigjährige Ich?
Es fiel mir auch nach Ablauf der Woche Urlaub nicht leichter, mir mich selbst in diesem Alter vorzustellen. Wie, ja wie nur konnte es sein, daß ich, ein Mensch, mich Staub und Asche näher fühlte als einer in die Zukunft projizierten Version meiner selbst? Ich versuchte sogar, auf einem Paßphoto Falten in mein Gesicht einzuzeichnen, um den Alterungsprozeß ansatzweise zu simulieren - doch anstatt meiner Phantasie damit auf die Sprünge zu helfen, kam ich mir nur lächerlich vor und zerriß das Paßphoto, ja ich zerriß es in immer kleinere Stücke, bis meine Finger die Fetzen nicht weiter zerteilen konnten. Ich schnaubte verächtlich: ganz bis zum Staubteilchen war ich im Zerteilen also nicht gekommen. Nun, das würde sich schon von ganz allein einstellen.

   Reichlich desillusioniert zündete ich mir eine Zigarette an und starrte auf die glimmende Spitze. Anstatt an der Zigarette zu ziehen, sah ich zu, wie dieses Objekt sich langsam immer mehr in Asche verwandelte. Wie ironisch, dachte ich bei mir, daß man mich vielleicht später einmal nicht von dieser soeben entstandenen Asche würde unterscheiden können!
Doch was konnte ich ausrichten? Wenn ich in den Spiegel sah, so widerspiegelte sich das Bild eines zwar gestreßten und etwas ausgezehrten, aber dennoch lebendigen Mannes. Ich überlegte: sollte ich besser meine Arbeitsstelle verlassen und kündigen? Doch ich muß gestehen, es hat sich seitdem außer verzweifelten Überlegungen nichts mehr ergeben - ich weiß auch heute nach wie vor nicht, welche konkrete Handlung mir dazu verhelfen könnte, von dieser zwanghaften Beschäftigung mit meinen künftigen Verfallszuständen auch nur abzulenken. Ich verfluche den Tag, an dem ich den Staub in die Luft geblasen habe!
Seitdem hat sich mein Denken und Wahrnehmen zu einem einzigen "memento mori" gestaltet - nun, zumindest weiß ich, daß diese Besessenheit mit Staub und Asche spätestens dann zu einem Ende kommen wird, wenn ich selbst Staub oder Asche sein werde.

 

E-mail an Christian Sötemann:
soetemann@nord-com.net
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