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Sonnentheoretiker

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Von Christian H. Sötemann
(20. 01. 2005)


     Ein weiterer Sonnentheoretiker, der meinen Weg kreuzte, sprach mich nicht an, und doch wußte ich, daß er dem Wahnsinn verfallen war. Den Kopf immer und immer wieder schräg nach oben drehend, mit zusammengekniffenen Augenlidern, die sowohl vor dem einfallenden Sonnenlicht schützten als auch Argwohn vermuten ließen, stapfte er seines Weges, wie einer, der einem geraden Wege niemals mit voller Konzentration zu folgen vermocht hätte; wie einer, der jeden Augenblick erwartete, das Gestirn würde seinen Fixpunkt verlassen und ein neues Zeitalter einläuten, das nun wahrhaft das letzte der Menschheit sei; wie einer, der sich gut und gerne die augenblickliche Umwandlung der Sonne in ein schwarzes Loch vorstellen konnte und mit Abscheu auf die anderen herabsah, die ihr Leben in einer alltäglichen Sicherheit zu verbringen schienen.

Der Sonnentheoretiker wollte gewappnet sein, wollte dem Ende zumindest mit dem Gesichtsausdruck eines in seinen schlimmsten Erwartungen Bestätigten entgegensehen; der Sonnentheoretiker wollte derjenige sein, der, wenn er auch stürbe, nicht einem Ahnungslosen, einem gänzlich Unbekümmerten gleich als einer von vielen unterginge - ja! noch im letzten Momente wollte er schreien, daß alle Berechnungen der Astronomen von einem unglaublichen Heliummengenoptimismus verblendet gewesen seien, und doch würde ihn sowieso keiner verstehen:

1. Da ja alle vom Untergang des Sonnensystems sehr überrascht und durcheinander sein würden.

2. Da die meisten Menschen Welchen, die versuchen, Andren etwas über ein Substantiv wie "Heliummengenoptimismus" zu kommunizieren, sehr, sehr mißtrauisch gegenüberstehen dürften.
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E-mail an Christian Sötemann:
soetemann@nord-com.net

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