Bonvivant

Von Traude Veran


       Jeder kennt ihn, den großen schweren Herrn im erstaunlich gut sitzenden grauen Anzug, welcher sein Geheimnis, von Hosenträgern gehalten zu sein, schon nach dem ersten Bier preisgibt. Der ungeheure Bauch verliert durch die zelebrative Bedachtsamkeit, mit der ihn sein Besitzer ins rechte Licht rückt, jeglichen Krankheitswert.

Die Augen sind ständig bereit, angesichts einer weiblichen Person, bezüglich deren erotischer Qualitäten keine allzu hohen Ansprüche gestellt werden müssen, wenn sie nur über irgendeines jener Details verfügt, die dem Herrn als Anknüpfungspunkt für seine Fantasie geläufig sind, aus dem Kopfe zu quellen.

Seine Unterlippe hat die Gewohnheit angenommen, völlig entspannt in den umliegenden Querwülsten zu versinken, was im Betrachter die Illusion permanenter Bereitschaft zur Ekstase hervorruft. Ich meinerseits kippe, um die weiche Wellenlinie ihres unteren Mundabschlusses zu rechtfertigen, derartige Männer in meiner Vorstellung auf den Rücken und projiziere ihnen eine hurtig auf und ab hüpfende, sehr junge Frau in die Lendenfalten, die sich bei ihrer Tätigkeit am praktischerweise vor ihr hochragenden Wanst abstützt.

Mit wuchtigen Schritten und auswärts gesetzten Schuhspitzen wandelt der Herr durchs Lokal. Sein Lächeln verrät, dass er durchaus noch für männliches Interesse hält, was sich vermutlich bald schon als chronische Reizung auf Grund des Druckes einer vergrößerten Drüse herausstellen wird. Häufig enthüllt sich den ihn Umgebenden die Tragik seines Irrglaubens wesentlich früher als ihm selbst, wenn er nämlich die immer häufiger austretenden Tröpfchen, deren ja zweierlei Ursachen vorstellbar sind, missinterpretiert und unmerklich durch stete Intensitätssteigerung sein meist ebenfalls imposantes Riechorgan akkommodierend in völliger Ahnungslosigkeit mit Stolz hegt, was von seiner Umwelt schon längst als Anfang vom Ende genüsslich registriert wird.


=== Zurück zur Übersicht ===