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LEDEN

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 ______________ Von Traude Veran _____________


     Leden ist tschechisch und heißt Januar, led ist das Eis. Eismonat, nicht Schneemonat nennt er sich, obwohl man Schneereichtum anpreist, hier in Luhacovice, dem Kurort am Fuß der Karpaten.

Viel hat es nicht geschneit im alten Jahr, doch bei diesem Frost hält sich das Wenige, nur an den steilen Sonnenhängen liegt nichts mehr. Es ist so kalt, dass der Schnee nicht schmilzt, sondern verschwindet. Er tritt aus der festen, körnigen Beschaffenheit übergangslos ins Nichts, hinterlässt keine Spuren. Gibt den Boden der Kälte preis, und was für einer Kälte! Nacht und Tag funkelt der Himmel.

Am 6. beginnt es abends zu regnen, Warmlufteinbruch aus dem Westen, lang angekündigt. Die solide Welt hält nichts vom Wankelmut der gasförmigen, er lässt sie kalt - im wörtlichen Sinne. Der Regen fällt auf die Erde und ist kein Regen mehr: Er erstarrt zu Glas; umhüllt die Äste der Obstbäume mit kristallenen Ärmeln; webt Glasfibergeflechte zwischen den Nadeln der Föhren.

Es regnet zwanzig Stunden. Der Boden hat keine Mühe, das Wasser in Eis zu verwandeln, er ist tief hinein gefroren, sein Kältevorrat unermesslich. Er braucht nur seine Zeit. Es regnet schneller, als der Boden einfrieren kann, Bäche und Teiche bilden sich, Wasser in Warteschlangen.

Als die schweren Herbstregen die Kanalgitter mit Erde und Laub bedeckten, hat niemand sie freigeschaufelt. Jetzt baut das Eis Brücken über Löcher und Ritzen, gefrierendes Wasser sickert Schmutzbärte hinunter und verwandelt sie in Gletscherbrüche. Nichts fließt ab. Immer mehr Wasser auf immer mehr Eis, das hält die Oberfläche frisch, glatt, klar. Wir ahnen es, wenn wir zusehen, wie der Hund durch den Garten torkelt, aber heute muss keiner von uns hinaus.

Am 7. gegen Abend klart es auf. Die Nacht wird nicht sehr kalt - da sind wir anderes gewöhnt -, aber doch kalt genug, um auch von oben her Frost beizusteuern. Die Natur weiß nichts von Relativität, ihr Gefrierpunkt bleibt immer derselbe, auch wenn er uns nach den vergangenen Wochen vergleichsweise lau erscheint. Über der glatten Eisschicht bildet sich eine zweite, dünnere, eine Eishaut.

Am Morgen des 8. silbernes Licht, blanker Himmel. Eine polierte Welt, Glanz und Edelsteine - die Stunde der Fotografen. Aber nicht heute. Ich mache die ersten Schritte und liege schon da. Man sagt: spiegelglatt. Heute ist der Spiegel kein Gleichnis. Aus dem Asphalt, dem wahrlich nicht sorgsam aufgetragenen, strahlt mir der Himmel entgegen. Ein sanfter Gletscher überzieht die Welt, ohne Kanten und Brüche, wellig und gerundet selbst auf Stufen.

Die Menschen müssen zur Schule, zur Arbeit, zum Bäcker. Wir wohnen ganz oben auf dem Berg. Das erste, steile Stück ist das schlimmste. Irgendwann kommt der Streuwagen. Menschen tragen Eimer mit Sand oder Asche vors Haus, immer eine Schaufel voll vor sich hinwerfend, damit sie sicheren Grund für den nächsten Schritt gewinnen. Das Leben normalisiert sich wieder, höre ich.

Ich muss nicht arbeiten, lernen, einkaufen, ich mache hier Urlaub. Ich schaue. Und sehe, dass sich nichts normalisiert. Alles ist anders geworden, alte Konventionen gelten nicht mehr, neue Zeichen geben rätselhafte Hinweise, Unsichtbares gewinnt Gestalt.

Das Eis ist so klar, dass die Sonnenstrahlen hindurchfallen und die Schicht darunter erwärmen: Ziegel, Straße, Blätter ... Led schmilzt von unten her an, kleine Wässerchen kochen in der Tiefe, dehnen sich, blasen Dampf durch das Eis. Landkarten der Wärme entstehen, völlig unähnlich diesen bedrohlichen fremdfarbigen Infrarotaufnahmen: Milch ist die Farbe der neuen Geografie. Die Dächer, gestern wie frisch gebürstet und gelackt, werden zu Flauschdecken für kleine Mädchen, milchiges Rosa oder rosiges Milchweiß, eine unerhörte Farbe für Dächer, so völlig abhold allem Ruß und Staub. Blieben sie so, man müsste sie jeden Morgen feucht wischen.

Auf den Wegen zeichnen sich spinnwebfarbene Muster ab, Stege, Gespinste wie Nervenzellen, werden deutlicher, zackige Platten, verzweigte Runzeln. Dann wieder einzeln brodelnde Bläschen, die sich unermüdlich blähen. Geheimnisvolle Muster, Runen, Hieroglyphen. Artefakte geben sich zu erkennen: Weißbehauptet ordnen sich die Katzenköpfe des kleinstöckeligen Granitpflasters zu bogigen Gliedern, dazwischen dunkelklare Rillen. Was hindert den Dreck in den Fugen daran, Wärme aufzusaugen, das pressende Eis wegzuschieben?

Wärmeleitung - diesen Begriff habe ich seit Ewigkeiten nicht mehr verwendet. Der Tatsache dahinter bin ich manchmal begegnet, sozusagen nonverbal, wenn die Finger am Autoschlüssel anfroren oder am heißen Henkel zischten. Nun schaue ich mit Augen, was ich vor Jahrzehnten als Formel gelernt habe. Der Blick über die Straße ist ein Blick über eine Gesellschaft von Wärmeindividuen. Ich wette mit mir selber, stelle eine Hierarchie der Schmelzvorgänge auf. Vom Balkongeländer tropft es - na klar, schwarzgestrichenes Eisen. Aber all die Zäune, Tore, Balustraden: Stein, Metalle, Kunststoffe; behauen, geschliffen, lackiert; wuchtig, zart, gegliedert. Was taut schneller ab, was braucht länger? Oder bin ich zu unsensibel in meinen Erwartungen? Gibt es hier wirklich nur die Dimension der Zeit? Kann Eis auch "anders" schmelzen? Oder sich zu "anderem" Eis umformen? Meine Bildung, diese meist unbeachtete, aber beruhigende Stütze, lässt mich im Stich. An ihre Stelle treten Hypothesen. Mühsam versuche ich Wissen auszugraben; Phantasie und, ja, Magie bauen Brücken über Abgründe von Vergessenem. Dabei pflegte ich Menschen, die sich die Natur so erklären, wie ich das jetzt eben versuche, immer naiv, ja primitiv zu heißen.

Offenbar habe ich gelebt, ohne meine Umwelt wirklich zu sehen. Wie viele Eiswinter liegen schon hinter mir? Immer hielt ich mich für eine, die bewusst in der Welt steht, achtsam, nahe, eingebettet. Und kann bis heute die Neigung eines Hanges besser aus den Höhenlinien der Karte als vom Augenschein her bestimmen. Die Sonne erzählt mir lange Geschichten von Einfallswinkel, Reflexion, Schichtdicke, Materialstruktur ... Sie braucht dazu weder Instrumente noch Lehrbuch, ja nicht einmal eine Malerpalette, nur die Verwandlung von Glas in Milchglas. Sie knabbert das Eis an, von hinten, das Weiße sind die Schürfspuren ihrer Zähne.

Meine Augen locken mich in die Irre: Auf dem steilen Wegstück warnt hellweiß die gefährlich dicke Eisdecke - ich will ausweichen und gerate auf dem recht flachen Umweg, den ich nehme, beinahe in Bergnot. Hier ist das Eis absolut hart, mein Schuh hackt keine einzige Schrunde hinein. Auf sanft erstarrten Wellen segle ich und kann nicht steuern. Gerade habe ich die Verwandlung studiert, habe mühsam physikalische Gesetze für die milchige Trübung verantwortlich gemacht, und doch ist der Eindruck der Durchsicht so zwingend, dass ich ihm folge, bevor ich denke. Eis ist weiß - ich nehme den dunklen Weg. Den Holzweg, leider.

Nachmittags, es ist noch immer der 8. Einmal müssen wir wieder etwas weiter hinaus, vor allem der Hund. Vorsichtig schlittern wir von einer gestreuten Stelle zur anderen. Und erleben led in immer neuen Bildern. Das heißt, ich erlebe. Der Hund ist mürrisch und ängstlich. Die Füße rutschen ihm unter dem Leib weg, krachend brechen die Pfoten durch das steife, dürre Laub, kein vertrautes Rascheln, kein federnder Boden. Wahrscheinlich sind alle Gerüche, all die gewohnten Signale, unter dem Eis verschwunden. Rasch erledigt er sein Geschäft und will wieder nach Hause.

Ich habe in den paar Minuten eine ganze Menge erschaut. Was geht auf dem Steig durch das Gebüsch vor sich? Nie habe ich davon wissen dürfen, dass ein Etwas sich dort geradlinig fortbewegt, zwei Striche milchig hell im Glasklaren, spannenlang, ästchenbreit. Haben Asseln, Insekten verzweifelt versucht, dem Eis zu entkommen, liegen die Kadaver noch am Ende des Tunnels? Oder verdeckt das alte Laub nur ein Stück Draht, das vergleichsweise glühend geworden ist an diesem Sonnentag? Nein, das muss etwas ganz anderes, Rätselhaftes sein. Ich will mich heute an Dinge gewöhnen, die ich nicht einordnen kann.

Neben dem Müllcontainer steht ein Baum. Mir ist er noch nie aufgefallen, zu sehr achte ich sonst darauf, dass der Hund nicht im Dreck wühlt. Ich kann meinen Schritt gerade noch einbremsen und den verlaufenden, dunklen Fächer bewundern, die wandernde Schattenspur des Stammes. Es ist kein Eis mehr an den Ästen. Bei den anderen Bäumen dasselbe, auch die Föhrenwedel haben ihren türkischen Honig schon abgeworfen. Wart ihr die ersten? Ich wehre mich gegen die vernünftige Erklärung, dass der leichte Wind mitgeholfen habe. Lieber phantasiere ich pulsenden Saft und Bewegung von innen: Reckt und streckt euch, schüttelt ab den Panzer!

Die Farbgeografie der Dächer verrät die Heizgewohnheiten der Bewohner, den Verlauf der Kamine - die machen aus den zarten, kinderwagendeckchenfarbenen Hüllen wieder schmutzige Ziegelflächen.

Die Eisschicht auf dem Boden ist nicht einen Millimeter dünner geworden. Wasser, das jetzt darüberfließt, kann nicht ablaufen. Über Nacht wird es festfrieren.

Das tut es. Am 9. hat die Eisdecke eine Überdecke bekommen. Darunter, gleich gelbem und schwarzem Gewölke, das Gestreute von gestern. Was die Menschen taten, um led zu überlisten, schlägt ins Gegenteil um: Zwar kann die Sonne zwischen Deckeis und Streu ihre kleinen Öfchen hineinzwängen, aber darunter liegt, nun nicht mehr im Durchblick, sondern im Schatten von Sand, Asche und Sägemehl, festverkrallt mit dem steinharten Boden, das Grundeis.

Und von neuem narrt mich mein Auge. Ich wandere, dem Hund zuliebe quer über die Wiese, zur Heilquelle. Das Gras ist ganz gut zu begehen, kracht nicht mehr. Eissplitter fahren auf Tropfenspuren die Halme hinab. Auf dem zimmergroßen (neuerdings Eislauf-)Platz rund um die Quelle habe ich Sägemehl ausgemacht. Ja schon, aber ... Fast wäre ich nicht nur mit blauen Flecken, sondern auch schmählich mit leerer Flasche umgekehrt.

Heute zieht sich die Sonne zurück, vereinzelt fallen Regentropfen, sogar einige Schneeflocken sind zu sehen. Angst: Nun kommt der Winter zurück, und das Eis ist noch da. Alles ist noch da, mehrere Zentimeter dick. Es wird drüberschneien, tückisch alles zudecken. Werden wir keine Spaziergänge mehr machen können? Die Aussicht, auf einer einsamen Forststraße mit gebrochenem Knöchel einer Januarnacht entgegenzuharren … Vielleicht traue ich mich nicht einmal mehr in den Ort hinunter. Macht mir leden einen strich durch meine Pläne? Soll ich heimfahren?

Ich sitze am Fenster und beobachte den Eisfall, der den Rauhputz der Veranda heruntergewachsen ist. Er sieht völlig unverändert aus, bereits den dritten Tag. Morgen rufe ich an, dass wir nach Hause kommen. Nachmittags ist der Eisfall fort. Einfach so. Keine Pfütze auf der Veranda, kein nasser Fleck an der Mauer. War da wirklich Eis? Vielleicht gibt es doch Hoffnung.

Die nächtlichen Wolken tun ihre Pflicht, es bleibt über Null. Der 10. wird noch etwas wärmer als der Vortag. Was der Sonne nicht gelungen ist, schafft das Wasser. Leichter Regen schwemmt Schmelze die Hänge hinunter, in den glattgeschliffenen Eisrinnen schießt das Wasser zu Tal. Rinnsale, selbst kaum über dem Schmelzpunkt, tauen sich Wege durch die verstopften Kanäle.

Staubecken entstehen in den Ecken der steilen Gärten, imposante dreieckige Teiche mit Treibeis, manchmal das Mäuerchen überspülend, weitergluckend bis zum nächsten Hindernis.

Und ich muss wieder einmal umlernen: Fürchte dich nicht vor den steilen Pfaden, auf ihnen rinnt das Wasser ab, legt die Streu frei, macht das Eis sulzig und griffig. Fürchte die Ebene! Ein See in einem Becken aus Eis, treibend darin Eisplatten, der eingeschlossene Sand lässt sie halb gekippt in der Tiefe schleifen. Alle Gruben füllen sich, alle Unebenheiten werden plan. Der Hund gerät unversehens in ein Loch, das Wasser geht ihm bis zum Bauch. Der Kurpark wäre jetzt ideal für Eisbären, eine flache Eiswüste, zwar überspült, aber die einzigen wirklichen Löcher sind im Eis des Flusses, zur Freude der Enten, die einander bei der Suche nach offenem Wasser in den letzten Wochen schon auf die Füße getreten waren.

So viel Nässe, und das Eis ist immer noch da! Vielleicht kommt ja all das Wasser nur aus dem Schnee, der in dünner Kruste oder in hartgefrorenen Haufen schon wochenlang daliegt, vergessen über den Sensationen der letzten Tage? Meine Skepsis ist nicht geringer geworden - ich besorge mir einen Fahrplan.

Der 11. Es hat sich nicht viel verändert. Das Wasser wird immer mehr, das Eis nicht weniger. Ich versuche, die Platten auf unserem Gartenweg zu lösen, sie sehen aus, als bräuchten sie nur mehr einen geringen Anstoß. Nein. Vielleicht hätte ich mit einer Spitzhacke Erfolg, die Schaufel beseitigt nur Krümel. Beim Nachbarn finde ich die Gehsteigkante entlang ein Gebirge aus scharfkantigen, funkelnden Splittern, aufgehackt von ich weiß schon welchem Athleten. Ich schaue in der Garage nach meinem Koffer, dann steige ich mit dem Hund in den Ort hinunter, vorsichtig; ich will nicht wieder den Fehlinformationen meiner Augen, dieser Gewohnheitstiere, zum Opfer fallen.

Rückweg nach drei Stunden. Auf einmal ist klar, dass das Eis verloren hat. Und ich habe den Wendepunkt versäumt! An den steilsten Stellen trocknet der Gehsteig schon ab. Daneben ein schauriges Gematsche von zermahlenem Splitt und zermalmtem Eis, die Fahrspuren bereits frei. Kinder kratzen vor den Häusern Eis weg - heute früh haben ihre Eltern noch alle Kraft dafür gebraucht.

Am Abend friert es wieder. Der Winter rettet, was zu retten ist. Das ist gar nicht so wenig. Immer noch kann man nur auf ordentlichen Gehsteigen weiterkommen, vor Häusern, deren Bewohner sich kümmern. Kein Park, kein Wald, keine Abschneider. Ich stelle mir die Landkarte vor. Wie lächerlich klein ist doch Luha?ovice, punktförmig liegt es in dem weiten, kaum besiedelten Gebiet. Und ich habe einen Augenblick geglaubt, es sei schon alles vorbei!

Spazieren gehen in den beiden Straßen eines kleinen Kurorts - nein, dazu bin ich nicht hierher gekommen. Schlammfontänen von Lastwagen, die einem den Atem nehmen; Schuhe ausziehen und Pfoten waschen, so oft man ein Haus betritt; immer dieselben drei Lokale und zwei Supermärkte. Ich fahre doch. Morgen, am 12., fahre ich heim.

Also heute, am 12. Nur - es könnte März sein, brezen, der Monat des Brütens, des ersten Hauchs von Grün. Die Forsythie hat deutlich prallere Knospen als vor einer Woche. Alles ist nass, weich, in Bewegung. Morgens sind wir zum erstenmal wieder in "unserem" Wald. Auf den Steigen beeilt sich zwar noch das Schmelzwasser in verdächtig blanken Rinnen zu Tal, aber das Laub raschelt wieder wie gewohnt, die letzten Eisplatten haben sich auf ferne Lichtungen zurückgezogen. Der Hund kann sein Glück kaum fassen.
Ich ziehe hübsche Schuhe an und gehe zum Friseur. Flanieren ohne Mütze, ohne Handschuhe - nein, nicht im Park, dort hat der warme Wind noch eine Menge zu tun; aber die Hoffnung wird immer stärker, wird zur Gewissheit: Ich bleibe. Sicher, der Winter hat erst angefangen, es wird noch schrecklich kalt sein, stürmen und schneien. Aber so ist eben der Winter, das habe ich ja erwartet. Und vielleicht kommt er auch nicht. Heute kann ich ihn mir nicht vorstellen. Gleich schaue ich nach, um wieviel der Tag schon länger ist.

Nachmittags ziehen dicke Regenwolken auf. Die werden led erst zusetzen! Der Koffer bleibt in der Garage, der Fahrplan ungelesen. Ich werde den ganzen Winter in Luhacovice verbringen. Kein Eis wird mich dabei stören. 


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