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Almträumen
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Von Walter Wagner
(22. 10. 2006)


    Wie soll ich über meine Alm reden, die in Wahrheit Faschinger gehört? fragte ich mich, als ich vom Kremsursprung kommend durch den Buchenwald hinaufwanderte, Stadler immer wenigstens zehn Schritte hinter mir, jeder schweigend, weil mit sich selbst beschäftigt (oder besser gesagt: mit dem genius loci, der uns im Gebirge immer und sogleich zur Hauptbeschäftigung wurde) und die unfassbare Stille unter den Laubdächern einsaugend – staunend und euphorisch wie immer, wenn es um die Alm ging.

In einer Seehöhe von 588 Metern, so die Hinweistafel unweit der Felsspalte, aus der die eiskalte Quelle der Krems hervorquoll, waren wir aufgebrochen, um jene Hochfläche oberhalb der Gradnalm-Hütte aufzusuchen, welche die Einheimischen den "Gamsplan" nennen und wo die auf einer Eingebung beruhende und schließlich zur Obsession gewordene Idee einer Kapelle umgesetzt werden sollte.

"Karawanen von Trägern", sagte Stadler überschwänglich, als er mich eingeholt hatte, "werden Baumaterial und Lebensmittel hinaufschaffen. Wir werden einige Tage, vielleicht sogar eine Woche in der Hütte Quartier nehmen. Schon nach Sonnenaufgang werden wir auf der Terrasse frühstücken und sogleich die Arbeit aufnehmen, den Bau dieser Kapelle, die nach meinen Plänen entstehen soll."

Natürlich unterbrach ich ihn nicht, ließ ihn in seinem Glauben, denn die Kapelle würde zumindest zu Faschingers Lebzeiten nicht erbaut werden, so viel stand fest. Ein leidenschaftlicher Jäger, darüber bestand nach unzähligen vergeblichen Anfragen kein Zweifel, würde sich nicht von ein paar dahergelaufenen Schwärmern ins Hand- und Weidwerk pfuschen lassen. Das Wild, als dessen Hüter er sich ausgab und aufspielte, war ihm in der Tat wichtiger als dieses unser kunstsinniges Vorhaben, dem in Wahrheit der viel größere Wunsch zugrunde lag, an diesem abgehobenen Ort ein Dasein in vorindustrieller Beschaulichkeit zu erproben. Man muss ja, sann ich, nicht unbedingt nach Kanada auswandern, um jene Ruhe zu finden, die im Alpenvorland, zumal im oberen Kremstal, längst zur Fiktion geworden ist.

Während ich diesen Gedanken weiterspann, ergoss sich Stadlers Kapellen-Suada wie ein warmer Regen über mich. Mindestens hundertmal hatte er mir bis in alle Einzelheiten die geplante Vorgehensweise auseinandergesetzt. Wenn Menschen derartig in Begeisterung geraten, darf man sie nicht stören, sagte ich mir, weil ich selbst genauso unheilbar an diesem Kunstidealismus erkrankt war, der nichts anderes als eine Form von Eskapismus darstellte. Wahrscheinlich sind wir alle Eskapisten. Das Herdentier genauso wie das Einzelwesen, der Künstler genauso wie der Wissenschaftler. Am liebsten würden wir uns überhaupt auf Dauer verabschieden und in diese Gegenwelt abtauchen, die nichts von Globalisierung und Quoten weiß. Am liebsten würden wir mit dem Kopf voran in die Natur, in die Kunst und in die Wissenschaft gehen. Immer mit dem Kopf voran und so tun, als ob die Wirklichkeit nur Fiktion wäre. Damit, bildete ich mir ein, ließe sich noch am ehesten auskommen.

Aber weil uns das Faktische einfach nicht loslässt und unermüdlich belästigt, müssen wir uns bisweilen taub und blind stellen. Wir müssen uns, wenigstens für Augenblicke, von der Umwelt abkoppeln, indem wir die Leitungen kappen. Am besten gelingt das (und ich höre Stadler noch von der Kapelle reden), indem man den Weg auf die Gradnalm geht, wobei ich zugebe, dass ich nie ohne ein Buch im Rucksack den Aufstieg antrete. "Nie ohne Literatur!" rief ich aus, inzwischen lautstark monologisierend, was im Flachland unangenehm aufgefallen wäre, zwischen Kremsursprung und Gradnalm hingegen ungehört verhallte.

Diese Kapelle, das wusste ich schon im Vorhinein, würde auch heuer wieder nicht entstehen. Aber die Hoffnung auf dieses Ereignis beschwingte Stadler. Er bedurfte ihrer, auch wenn er um ihre Irrationalität und Unhaltbarkeit wusste. Auf keinen Fall wollte er sich die Hoffnung ausreden lassen, ja er verabscheute jeden, der sie ihm "madig" machen wollte. Er verteidigte den Eros von Hollywood und las Ärzteromane, wenngleich er sich eingestehen musste, dass er dergestalt intellektuellen Suizid verübte. Aber von der Hoffnung lebten wir doch alle, das musste auch ich einräumen, um sie sogleich als verkappten Eskapismus zu entlarven.

Solcherart waren meine Gedanken, als wir auf 1000 Meter Seehöhe die Sattelhalde mit der stets versperrten Jagdhütte erreichten. Ich mindestens zehn Schritte vor Stadler, den ich wie immer abgehängt hatte.

Dieses schnelle Gehen und Voranschreiten, zumal bergauf, hatte mir zu Unrecht den Ruf einer Gehmaschine eingetragen, denn eigentlich wollte ich so schnell wie möglich die für mich magische 1000-Meter-Marke überschreiten, ab der nicht nur die Luft frischer und belebender wurde, sondern mein ganzes Wesen sich veränderte. "Auf dem Berg", bemerkte Stadler, "bist du wie ausgewechselt."

Ich bin mir nicht sicher, ob seine Beobachtung einer Überprüfung standhält, jedenfalls kann ich mich nicht erinnern, in der Höhe jemals unglücklich gewesen zu sein. Oben habe ich den Überblick, während unten nichts als Verwirrung herrscht. Oben ordne ich meine Gedanken, unten kommen sie mir in die Quere.

Schade, dass auf der Alm nicht immer die Stillsten anzutreffen sind. Wir halten sie für den idealen Treffpunkt von Naturverehrern und Vorteilscard-Besitzern und täuschen uns gewaltig. Oft habe ich meinen Optimismus revidieren müssen, weil vor der Gradnalm-Hütte Rülps- und Flatulenzkonzerte stattfanden, die Woodstock in den Schatten stellten. Es ist unglaublich, räsonnierte ich oft, dass die Vorlauten, die Neunmalklugen, d. h. die Polterer, ausgerechnet auf jene Alm gehen, die mir der liebste Ort auf der Welt ist und ihn sozusagen entweihen. Wochen- und monatelang kann ich die Hütte nicht betreten, weil die Einheimischen immer nur auf derbe Späße aus sind und keine Gelegenheit auslassen, mir die Geräusche ihrer Körperwelten aufzudrängen.

"Wenn alles gut geht", rief ich dem nachhinkenden Stadler zu, "sind wir heute die Ersten." In der Tat sahen wir niemanden vor dem Hütte. Die Tür stand weit offen, desgleichen das Stubenfenster, aus dem der Lauf eines Jagdgewehres ragte. Eine Begrüßung, wie sie wahrscheinlich unter Jägern üblich war, für die ich indessen kein Verständnis aufbringen konnte. Faschinger, dessen Jagdeifer Vorsicht gebot, reckte plötzlich seinen Hals durch das Fensterkreuz und winkte uns zu sich. Er musste uns näher kommen gesehen haben, denn in der Stube wartete schon ein Doppelliter Most, den irgendein Bauer aus den im Kremstal rar gewordenen Äpfeln und Birnen gepresst hatte. Daneben lagen ein unschuldiges Stück Speck und ein Laib Brot.

Diese herzliche Geste versöhnte mich mit dem Jagdgewehr. Wir nahmen die Jause, traten ins Freie und setzten uns zu einem der Holztische vor der Hütte. Über uns hatte der Himmel ein dunkles, ozeanisches Blau ausgebreitet, auf dem keine Wolke Platz hatte. Auf 1240 Meter Seehöhe und nicht 1400, wie über dem Eingang angegeben, jausneten wir und besprachen die abendländische Philosophie von den Vorsokratikern bis zu Sloterdijk, aus dessen Weltfremdheit Faschinger mit erstaunlicher Präzision zitierte. Gerade das Kapitel "Wozu Drogen?" hatte es ihm angetan, und seine Stimmung stieg mit zunehmender Vertiefung.

Auch wir hatten rote Wangen bekommen. Stadler gestikulierte wild, während ich eine Mostflasche in höchster Erregung umstieß und rücklings von der Bank kippte. Aber dieser Fauxpas spielte keine Rolle. Wir waren so richtig in Fahrt. Ein Zitat forderte das nächste heraus. Stadler, der sich in seinen Sedlmayr verrannt hatte und die Welt mit dem Verlust der Mitte aushebeln wollte; Faschinger, der, offenbar nicht mehr Herr seiner Sinne, Styliten mit Hypochondern verwechselte; und ich, der ich endlich mit den Hebräern auftrumpfte und triumphierend schrie: "Glaube aber ist: Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht."

Mit diesem Diktum hatte ich mir und Stadler sozusagen ein Stichwort geliefert, und da wir den Augenblick für günstig hielten, wagte es mein Wanderfreund abermals, das Thema Kapelle anzuschneiden. Eine Kapelle nur aus Natur und Liebe erbaut, suchte er Faschinger zu schmeicheln, der längst über das Unbehagen in der Kultur schwadronierte und nicht geneigt schien, unserem Anliegen auch nur die geringste Aufmerksamkeit zu schenken.

Das Jagdgewehr starrte uns noch immer an. Als ich schon etwas verschwommen in seinen Lauf blickte, kam mir die Idee, unserem Argument mit einem Warnschuss Nachdruck zu verleihen. Ein Schuss in die Luft bewirkte bisweilen Wunder. Ein Schuss vor den Bug sollte es sein, um unserem Disput eine neue Richtung zu geben.

Ich erhob mich, ging auf das Haus zu und trat ein. Auf dem Fensterbrett lag die Waffe, die mit einem ganz brauchbaren Zielfernrohr ausgestattet war. Ich kniff mein linkes Auge zu und erblickte im Fadenkreuz einen Gamsbart, der auf Faschingers Hut steckte. Als sich der Schuss löste und der Hut in weitem Bogen die Almwiese hinunterflog und das Echo von der Kremsmauer zurückprallte, war zunächst nur Stille. Doch dann sprangen Faschinger und Stadler auf, um das Weite zu suchen. Sie liefen davon, ließen die Gradnalm hinter sich und verschwanden hinter der Biegung, wo die Forststraße steil abfiel.

Ich saß beim Fenster und blickte selbstvergessen hinüber zur Kremsmauer. Draußen verschwendete ein strahlender Tag sein Blau. "Blau", sagte ich vor mich hin, und griff mir an den Kopf. Sloterdijk lag auf dem Sims. Ich schlug den Band auf, um ein Zitat nachzulesen. Dabei fiel mir ein, dass ich schon immer davon geträumt hatte, die Alm einmal für mich allein zu haben.

 

 



Walter Wagner,

geb. am 12. August 1961 in Linz an der Donau, unstet, Globetrotter, Literaturwissenschaftler, Grenzgänger mit Hang zum Toten Gebirge.

Studium Französisch und Englisch in Salzburg (Sponsion 1987), zwei Semester Übersetzer und Dolmetsch in Wien, Doktorat in französischer Literaturwissenschaft (1995), Studium der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft an der Sorbonne Nouvelle-Paris III (Diplôme d'études approfondies 1998), Lehrtätigkeit in England (1989/90) und Frankreich (1985/86), Forschungsaufenthalt in Paris (WS 1993/94) zuletzt Deutschlektor an der Université de Franche-Comté (1996-1998).

Publikationen

 Artikel, Übersetzungen, Monografien.
("Franzose wäre ich gern gewesen." Zur Rezeption französischer Literatur bei Thomas Bernhard. Peter Lang, 1999). Lyrik und Kurzprosa u. a. in Die Rampe, Facetten, sterz, Zeitriss, @cetera, Literatur aus Österreich.

Buchveröffentlichung

Westbahn. Skizzen.
Gunskirchen: Edition Pangloss 2001.
137 S. ISBN 3-901132-21-X

Kurzrezension des
Literaturhauses Salzburg

Walter Wagners erste Prosapublikation "WESTBAHN" (Edition Pangloss, Wels 2001) meint Oberösterreich und stellt einen auf den ersten Blick nicht deutbaren Versuch dar, Heimat zu bewältigen. Dass sich die genannten Örtlichkeiten bald mehr, bald weniger vom Schienenstrang entfernen, entspricht der Absicht des Autors. Sein aus literarischen Mosaiksteinen gefertigtes Bild vom "Land entlang der Westbahn" ist nämlich geprägt von Unrast und dem Verlust der Mitte. Die ständige Verstörung, die sich aus den teils poetischen, teils skurrilen Textminiaturen ergibt, steigert sich erst in der Zusammenschau zur monströsen Erkenntnis, dass unser Heimatbegriff nichts weiter als ein Konstrukt ist. So müssen wir uns schmerzlich eingestehen: Die Landschaft der Kindheit existiert nicht mehr.
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