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Tolle Wolle. Eine Entstrickung
Von Reinhard Wessely


1.

Eine witwe hatte zwei töchter, davon war die eine schön und fleißig, die andere hässlich und faul. sie hatte aber die hässliche und faule, weil sie die rechte tochter war, viel lieber und die andere musste alle arbeit tun und das aschenputtel im haus sein.

Marie, so hieß die stieftochter, war also eine verdammt scharfe braut, die aber eben nicht nur scharf war, sondern auch vollkommen korrekte dialoge mit waschmaschine und backrohr führen konnte. nicht, dass hausarbeit ihr "ganzes" leben war, aber sie war schnell in allem was sie tat, so auch in der hausarbeit und das, was sie machte, tat sie mit einem lächeln, ganz lächelnde tatfrau eben.

Die andere hatte das lächeln nicht gerade erfunden. bedauerlicherweise war sie eben auch nur mit dürftigen weiblichen reizen ausgestattet, eine maid, der männer eher aus höflichkeit oder mitleid denn aus echter überzeugung einen blick schenkten. auch sie hieß originellerweise marie, was merkwürdigerweise kaum zu konfusionen führte.

Der witwe war es wichtig, arbeit von marie, dem gegenascheputtel, fernzuhalten. insgeheim dachte sie sich, warum mein eigen blut mit arbeit belasten, wenn es ohnedies schon so kotzhäßlich ist. da ist es mir lieber, wenn sie den ganzen tag in verdunkeltem zimmer auf dem sofa herumliegt und campari süffelt. es soll ja auch männer geben, die solche frauen mögen. so dachte die witwe.

Marie, die andere, sollte im operativen spulenbereich veraschenputtelt werden, das war fester wille der witwe. so wurde marie jeden tag auf den marktplatz geschickt. dort spulte sie die spule, dass die wolle nur so über den marktplatz wallte. marie war einfach schnell und schenkte der welt wollfäden, wollfäden die später auf armlänge gekürzt und Ohne Bekenntnis und ausnahme türkis eingefärbt werden sollten.

Productmanager sind manchmal eben ideenlos.

Doch davon konnte marie noch nichts wissen. sie tat einfach wie ihr geheißen, spulte und lächelte. doch zu flott offenbar, ihre zarten finger rieben sich am rauhen spulenholz , das ging einfach unter die haut. die dermis öffnete sich, sie blutete und dunkles rot tropfte auf den marktplatz. für einen kurzen moment gab marie nicht obacht, denn sie sah die stoppelbärtigkeit des schäfers, diese stoppelbärtigkeit kannte sie von zuhause nicht, ihr blick verfing sich in seiner stoppelbärtigkeit. diese unaufmerksamkeit hatte folgen, die spule glitschte ihr aus der hand und fiel in den brunnen, neben dem sie saß, während sie wolle wollte.

Nach hause, das war klar, das musste sie, den verlust der witwe beichten. diese war zu marie, der entspulten, herb und unerbittlich, die spule müsse aus dem tiefen brunnen geholt werden, hieß sie ihr, während sie der auf dem sofa herumliegenden marie campari nachschenkte. es hätte "unverzüglich" zu geschehen, auch gäbe es ohne spule kein hansaplast, so die witwe, die sich nun auch selbst einen campari einschenkte. die witwe überlegte kurz und ließ die cocktailkirsche im cocktailkirschenglase.

Marie war klar, dass das ihr anbefohlene zu tun sei. zurück zum marktplatz. "augen zu, einfach durch, hinein in die feuchte röhre, der spule entgegen" sie nahm mit elegantem hechtsprung den ziegelgefassten brunnenrand und verschwand in dem schlund.

Der schäfer, der gerade am marktplatz unter schattenspendender laube trinkmolke trank, kratzte sich seine bartstoppeln. was das wohl wird, dachte er sich, ein gar merkwürdiges handeln dieser jungen maid. so sann er und zündete sich irrtümlich einen bleistift an. marie sollte an diesem tag nicht mehr auftauchen, auch am nächsten nicht. am übernächsten tag tauchten beherzte männer nach der spule und marie. was sie fanden, war ein großer schwarzer vogel, er wurde aus dem brunnen gezogen. da er keine ausweispapiere bei sich hatte, vertraute man ihn der büttengretel an. büttengretel stammte aus einer der angesehensten tierkörperverwerterfamilien der stadt.

Niemand ging büttengretel an jenem tag nach, niemand hatte je erfahren, wie sie den vogel entsorgt hatte, den sie damals pflichtbewußt auf ihrem schmalen rücken weggetragen hatte.

2.

Marie fiel in einen tiefen traum, der sie aus dem kalten nass auf eine sommerliche wiese führte. auf dieser blütenwiese stand ein backofen mit einem laut schnarchenden graubrot, dessen sexuelle orientierung für marie sich auf den ersten blick nicht erschloß. marie ging auf den zehenspitzen vorbei, sie wollte es aus dem vermutlich verdienten schlaf nicht wecken.

Dann kam marie zu einem feigenbaum.

Platzendes fruchtfleisch, samenschwanger, rief ihr in geilem aubergine zu: "schüttle uns, wie du uns noch nie geschüttelt hast, wir sind überreif!" "geht in ordnung", so marie, "geht in ordnung, runter mit euch!" und gab dem baum einen festen tritt. runter flogen die feigen nun, zerplatzten am boden, doch weiter ging marie.

Der tag ging zur neige, wund und müde waren mariens füße. da, am waldrand ein haus. marie klopfte, sie hörte ein summen verstummen. schritte. dann öffnete sich die tür. ein lächeln, halb vorschuss, halb schon verführung, auf schlanken, beeindruckend langen beinen, fand das mariesche sehnsuchtszentrum. "holle mein name. ich bin bekennende offensivlesbe und wenn du mir nicht nur den haushalt besorgst, kannst du einige zeit bei mir wohnen. es soll dein schaden nicht sein."

"Das geht in ordnung, entgegnete marie, "bügeln und spülen kann ich! und die lesbische liebe soll ja nun wirklich kein stolperstein sein! "nun, so tritt ein" holle nahm sie sanft an der hand und führte sie ins haus. "diese famose begegnungskinetik macht mich ganz sprudelig!" bekannte marie freimütig, hauchte es hin. gebügelt und gespült wurde an jenem tag noch nicht, beider hunger war einfach zu groß.

3.

Marie hatte sich schnell eingelebt. die nächte waren voll der intimen bewegungen, der schwere duft massiver einlassungsbereitschaft wolkte aus offenen tabernakeln, nahm sich raum. es war deshalb vonnöten, des frühmorgens nicht nur die zähne zu putzen, sondern auch das bettzeug ordentlich zu schütteln. schließlich ist frischer geruch allemal besser als abgestandener, unheilvoll im bettzeug gefangener.

So sprach holle zu ihrer jungen geliebten.

Marie schüttelte das bettzeug, als hätte sie nie anderes gemacht. holle mochte ihr schütteln, machte es zum thema ihres gefälligen blickes, nahm sich dabei gerne auch schon morgens einen drink, zündete sich eine schlanke zigarette an, die sie sich auf einen wohlgeformten elfenbeinspitz zu stecken pflegte. indessen, holles bettzeug war löchrig. durch das morgendliche schütteln gingen daunenfedern ab, setzten sich in bewegung, ihrer bestimmung entgegen. allmorgendlich legte sich ein weißer schleier über die welt.

Die menschen nannten diesen schleier "schnee".

In jener zeit, wo holle und goldmarie ihrer liebe raum und die bettdaunen abfliegen ließen, erblickten schi und rodel das licht der wintersportwelt, die ersten schneemänner wurden gebaut. paznaun war schon in der luft, war zu "schnuppern".

Sie schienen einfach für einander bestimmt, die schüttelnde marie und holle, die offensivlesbe. doch es sollte zu wenig sein. des schäfers stoppelgrau begann in marie zu stechen. sie ging zu holle und bat um freigabe. "ich liebe dich und lass dich gehen" so holle, "aber gehe sofort und vergiss den wintersport nicht. wir hatten es schön, wunderschön." so sprach holle und ließ sie ziehen. in jenem augenblick aber, kurz bevor marie entschwand, schüttelte holle plattes blattgold auf marie. das war holle´s abschiedsgeschenk.

Blattgegoldet kehrte marie zurück.

4.

So war marie zurück und erstattete lächelnd bericht, der witwe und der anderen marie. der witwe dämmerte, dass da möglicherweise noch etwas mehr zu holen war als plattes gold, vielleicht sogar massives gold.

Marie, auf vom sofa, rief sie, ab in den brunnen.

5.

Marie, die sofaherumliegende war "totally camparisiert" und nicht wirklich gehfähig. die witwe brachte sie zum brunnen am marktplatz. marie, die nicht gehfähige, ward ins brunnenwasser gestossen, die witwe sah die goldbarren und keine notwendigkeit für blutendes. mariens eintauchen ins wasser war kein elegantes.

6.

Marie tat der wurf ins nass gut. die kühle löste sie aus ihrem nebel. sie war eine etwas andere, als sie auf jene blütenwiese trat. dort sah sie einen mann, der, den kopf auf seinen händen gestützt, aus einem backofen rief: "ich bin ein warmer, ausgebacken und möchte aus dem ofen raus. geht das?" "nö, geht nicht", entgegnete ihm marie, "ich habe ein rendevous mit dem nicht allzu platten gold, außerdem bin ich lady, die gerne auf dem sofa herumlümmelt und campari süffelt. weder sofa noch campari sehe ich bei dir!" "ist schon recht", seufzte das homosexuelle graubrot, "geh nur weiter!"

Marie wollte ohnedies nichts anderes.

Vom feigenbaum wußte sie. die feigen ließ sie hängen, trotz ihres geschreis. sie sagte bloß, wartet auf den regen, ihr solltet euch das wert sein. das verstanden die feigen und verstummten.

Sie kam zu dem haus, wo holle wohnte. sie schellte mit der glocke, müde füsse und goldhunger hatte sie. schritte waren zu hören, die türe öffnete sich, "ja bitte?" "also lesbisch bin ich nicht, ich kenne sofa und campari, interesse?" "naja, das fleischliche, campari und sofa interessieren mich seit langem nur mehr nüsse, wenn du mir die daunen schüttelst, ich habe ja schließlich verträge mit der fremdenverkehrsindustrie, dann können wir es uns...ach was soll´s!" "na gut, ich schüttle!"

Marie war aber nicht dumm, sie erkannte schnell das wichtige am zyklischen und an den schneekanonen. ihr tabernakel indessen blieb verschlossen. holle, die auch ihr tabernakel verschlossen hielt, sah das geschick von marie, sie mochte sie aber nicht, der geruch passte nicht. "du schüttelst keine daunen, setzt schneekanonen ein, entledigst dich intelligent der arbeit, das interessiert mich nicht. ich möchte geruch. geh." das tat marie. holle aber in ihrem schmerz, wieder nicht die richtige gefunden zu haben, schüttete ihr pech nach.

Marie aber schnupperte das pech...

...polymere kohlenwasserstoffe, was für ein prächtiger hinweis, damit lässt sich kohle machen!" so war sie, sie hatte das gespür für das richtige. dankend wollte sie holle zuwinken, diese war jedoch wieder ins haus getreten.

7.

Marie flutete sich auf schwarzem gold, erdöl, zurück in die stadt. sie wurde eine oil-tycooneuse, die schwarze gold-marie. der schäfer mochte sie, er hütete seine schafe auf ihren erdölfeldern. sie aber wechselte ihren friseur, ihr neuer haarschnitt war cool und machte sie richtiggehend hübsch.

Die witwe und die andere marie? von denen aber ward nichts mehr gehört.

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