Annäherungen


violett (das Mosaik)
orange (das Prosaische)
lila (das Lyrische)

Von Reinhard Winkler


violett
(das Mosaik)


"half of what I say is meaningless
but I say it just to reach you
"

    Er saß bei ihr im Zimmer und redete. Oft wußte er gar nicht, wie er zu alledem kam, was ihm da nur so über die Lippen eilte. Während des Sprechens wunderte er sich, daß es so viel zu erzählen gab. Er kannte diesen Zustand, und er wußte nie genau, was das war. Später, wenn sich sein Reden erschöpft hatte, war die Sprache ganz weg. Er brauchte dann immer Tage, um den Willen für einen neuen Satz zu finden. Schon während des Redens ahnte er, was kommen würde: ein Sandloch erwartete ihn, in dem er geräuschlos versinken würde.

Aber neulich war er noch am reden. Und er war sich egal. Er fühlte sich zwanghaft konzentriert auf sie, er redete mit ihr, und er sprach Gedanken aus, die er nicht gesagt hätte, wenn es nicht sie gewesen wäre, die bei ihm gesessen hätte. Das war nicht nur mehr er, der da redete; seine Sprache war ein Reflex, er redete ohne Bewußtsein, er vergaß seine Zunge, seine Zähne, seinen Hals, alles war nur mehr willfähriges Werkzeug seiner Gedanken, und er fühlte die Zensur immer schwächer werden.

In solchen Zuständen, die ihn manchmal einholten, als würde er ihnen entkommen wollen, spricht er nicht mehr, dann redet er, seine Sprache wird zu einem Strom, unterbrochen nur durch Gedankensprünge, wo er plötzlich die Richtung ändert, der Sprachfluß wird dann für kurze Zeit dünner, die Gedanken tröpfeln aber umso schneller durch seinen Kopf, bis er den Faden wiederfindet, oder er wenigstens glauben kann, ihn wiedergefunden zu haben.

Er redete, um das Eine nicht sagen zu müssen.


"be so strange"

    Er saß ihr nicht gegenüber. So konnte er sie nicht sehen, ohne seinen Kopf in ihre Richtung zu drehen. Ihr Gesicht war ihm trotz der jahrealten Freundschaft noch immer nicht vertraut. Die vielen Begegnungen hatten den Blick darauf nur verfremdet. Auch diesmal dachte er mit jedem Hinsehen, daß er sich an ihr Gesicht nie gewöhnen würde; es sah mit jedem Mal anders aus, und wenn auch seiner Erinnerung immer ähnlich, hatte er noch nie in etwas so Vertrautes gesehen, das in der Wirklichkeit dermaßen von seiner Erinnerung abwich.


"surprise"

    Er mochte ihr Gesicht, weil es ihm nie selbstverständlich wurde. Immer, wenn er sie ansah, lernte er sie neu kennen. Wäre er Maler gewesen, er hätte jede Facette ihres Gesichts auf einen separaten, großen Bogen malen müssen. Er konnte sich all diese Flächen, Kanten und Rundungen in einem Bild nicht vorstellen. Kaum hatte er ihre Augen in Erinnerung, verlor er den Mund. War es der Mund und die beim Sprechen immer wieder aufblitzenden Zähne, die er sich durch konzentriertes Nachdenken in die Erinnerung zurückerobert hatte, war die Nase vergessen. Nicht nur einmal hatte er versucht, ihr Gesicht aus seiner Erinnerung aufzuschreiben, mit seinen Worten, aber entweder verwischten sich die unterschiedlichen Erinnerungsbilder an ihr Gesicht zu einem gänzlich unbekannten, oder aber das Aufgeschriebene las sich vom Charme eines Steckbriefs. Diese Versuche hatte er bald eingestellt. Er kam zum Schluß, daß ein Gesicht zu beschreiben genauso unergiebig sei, wie der Versuch, eine Landschaft zu beschreiben. (Nichts langweilte ihn mehr als Landschaftsbeschreibungen. Traf er in einem Buch auf eine beschriebene Landschaft, verwünschte er während des Überblätterns auch seine liebsten Schriftsteller. Eine beigelegte Ansichtskarte wäre ihm in jedem Fall lieber gewesen.) Bei seinen eigenen Versuchen, die sich immer nur mit Gesichtern, nie mit Landschaften auseinandersetzten, wünschte er nichts mehr, als Maler zu sein.

Als solcher hätte er sie darum bitten können, ihm Modell zu sitzen. Sein Wunsch, sie zu malen, war so groß, daß er sich sogar eine ganze Reihe von Projekten zu ihrem Gesicht ausdachte: Ihr Gesicht in Zügen, ihr Gesicht in Flächen, in abstrakten Eindrücken, usw., und jede Reihe wäre ein Kompendium an Einzelbildern, die zusammen das Mosaik eines Gesichtes ergeben würden.


"I can't look in your eyes"

    Eine malerische Begabung wäre eine schöne Gelegenheit gewesen, sie stundenlang betrachten zu dürfen. So aber hütete er sich vor allzu ausgiebigen Blicken, besonders seit sie ihn bei einer früheren Begegnung gebeten hatte, er solle sie doch bitte nicht so anstarren. Beim Wort "anstarren" war er zutiefst erschrocken. Sie hatte ihn dabei ertappt, wie er ihr Gesicht betrachtet hatte. Er war tatsächlich darin versunken.

"I said your name"

    Er sprach zu ihr, er redete sie an, er sprach mit ihr, er redete für sie. Sie ließ ihn sprechen. Er begann Sätze, von denen er nicht wußte, wie sie enden würden.
 

"close as near"

    Sie waren kein Liebespaar. Die Naivität, zu der er sich zwang, erlaubte ihm die Selbstverständlichkeit, mit der er sie immer wieder aufsuchte. Wären die Verhältnisse andere gewesen, es wäre ihm nicht schwer gefallen, sich besinnungslos in sie zu verlieben. Das wußte er. Aber den Gedanken daran hielt er für die gefährliche Schmeichelei einer ins Unwirkliche gehenden Vorstellung, eine verrückte Phantasie. Er verbat sich solche Gedanken einfach, so gut das eben ging. Anfangs versuchte er, ihre Weiblichkeit zu verdrängen. Aber dazu gefiel sie ihm bald zu gut. Und weil ihm ihre Weiblichkeit mit jeder Begegnung deutlicher wurde, ließ er sie irgendwann zu, indem er alles in den Bereich des Möglichen verschob. Sie hätte ihn betören können, aber solange alles nur im Vorstellbaren blieb, konnte er dabei unernst bleiben. So war sie für ihn, wenn er mit ihr zusammen war, Frau, während er seine Männlichkeit zurücknahm.


"I don't wanna disappoint you"

    Was sie über ihn dachte, konnte er sich dagegen überhaupt nicht vorstellen. Hätte er gewußt, was sie für ihn fühlte, er wäre für immer geblieben oder aber nie wiedergekommen. So blieb es beim Glauben an die Freundschaft, ein Mißverständnis, wenn auch ein schönes.


"Will you ever welcome me to show me something nobody has ever seen?"

    Was er an ihr fand, kannte er an sich selbst nur zu gut: Eine beständige Traurigkeit dem Leben gegenüber, als gäbe es zwischen ihnen und der Welt eine Barriere, durch die sie zwar hindurchsehen, die sie aber nicht überwinden konnten. Auch wenn die Gespräche zwischen ihm und ihr meistens um das jenseitige Leben und kaum über die diesseitige Gemeinsamkeit kreisten, spürte er in ihrer Stimme immer diese tiefe Trauer, die ihn und seine oftmalige Verzweiflung beschwichtigte. Das hatte sie ihm voraus: Der Ironie, die er in ihren Sätzen hörte, fehlte die Bitterkeit, und sie war vor allem nicht von jener Überheblichkeit, mit der verzweifelte Menschen wie er ihre Distanz zur Welt hinausposaunen.

"I can smell the sorrow in your breath, a taste like fear
and
I'll take you over
"

    Diese Gemeinsamkeit erlöste ihn zwar nicht aus seiner Einsamkeit, aber sie tröstete ihn. Er war gerne in ihrer Nähe, und wenn es ihm auch nie in den Sinn gekommen wäre, sie zu berühren, hätte er sich von ihr gerne an der Hand nehmen lassen.

 

orange
(das Prosaische)

    Einmal sah er sie von weitem auf sich zukommen. Die Mittagssonne war noch immer sehr warm, und sie trug ein ärmelloses T-Shirt mit Querstreifen. Während des Näherkommens begann er, die Querstreifen zu zählen. Bei den Streifen drei und vier hörte er damit auf. Da lag ihr Busen in leichten Schwingungen.

Schön war das.

Er konnte gar nicht aufhören, da hinzusehen. Als sie dann endlich beieinander angekommen waren, und sie ihn wie immer in freundschaftlicher Herzlichkeit begrüßte, fühlte er die Aufgeregtheit seines Geschlechts. Während ihn sein heimlich geliebter Mensch begrüßte, aktivierte sich in seiner Hose ein hydraulisches System. "Dieser Schwanz!", dachte er bei sich, und knöpfte sein Sakko zu. Er wurde rot wie ein kleiner, unanständiger Junge. Und auf ihre unvermeidliche Frage, ob es ihm denn auch gut ginge, meinte er verlegen, daß es ihm wirklich nicht so besonders... und er mußte stotternd sein Bedürfnis unterdrücken, sich bei ihr für seine Erektion zu entschuldigen. Möglicherweise hätte sie - als aufgeschlossene, junge Frau - sein Schamgefühl mit Argumenten aus der Natur beschwichtigt - das ist doch alles ganz natürlich! - aber er hätte diese tröstenden Beschwichtigungen nicht verstehen können, denn er fühlte sich in diesem Moment nicht recht bei Trost. Er verstand es nicht: Sie begrüßt ihn warm und herzlich und er und hat eine Erektion. Was soll das? Ist das ein Salutieren? Ein Hitlergruß mit dem Geschlecht? Warum, um Gottes Willen, schwillt alles so an? Dieses autoritäre Aufbäumen! Dieser Widerhaken! Dieses kleine Teufelchen! Eine Wünschelrute! Ein Einfaltspinsel! Dieses penetrante ICH WILL! Und sein restlicher Körper hing fassungslos an dieser stehenden Eitelkeit, als hätte ihm der Penis alles Blut entzogen.

Plötzlich fühlte er ihre Hand auf seiner Stirn. Sie standen sich gegenüber, er konnte sie ansehen und hörte dabei, wie ihr sorgenvoller Ton bei der Berührung ins Glucksen kam. Mit ihrer Hand auf seiner Stirn holte sie ihn aus seiner Entrückung. Als hätte sie ihn auf der Flucht aufgehalten.

    Aus ihrem unvorsichtigen, mütterlichen Reflex wurde mit den Sekunden eine lange Berührung. Ihre Hand blieb auf seiner Stirn liegen, viel zu lange, um eine erhöhte Temperatur zu messen. Offenbar wußte sie selbst mit den verstreichenden Sekunden immer weniger, wie sie diese Hand wieder von ihm lösen könnte, ohne nachher wie dumm dazustehen. Er sah in ihrem Gesicht, daß sie nach einem Satz suchte, der die immer eindeutiger werdende Situation verharmlosen könnte, denn die Hand jetzt einfach wieder wegzunehmen, dazu war es mittlerweile zu spät..

Ihre Hand fühlte sich an wie eine Aufforderung, etwas zu tun. Eindeutig zu werden. In jedem Film hätte der Mann die Frau jetzt an sich gezogen und lange geküßt. Er aber sah sie nur an und empfand es als störend, daß er soviel größer war als sie. Es wollte ihm gar nicht in den Sinn kommen, sie an sich zu ziehen und zu küssen. Stattdessen dachte er daran, ein wenig in die Knie zu gehen, um ihr nicht von oben in die Augen sehen zu müssen. Das wollte er: Einen Augenblick.

Aber ihre Augen fixierten nur ihre eigene Hand, die auf seiner Stirn lag und nicht mehr weiter wußte. Und er spürte nichts als ihre Hand auf seinem Kopf und suchte ihren Blick, der aber immer nur stur über seinen Blick hinwegzielte, auf diese Hand, mit der sie immer weniger zu tun haben wollte. Dann überlegte er kurz, sich auf die Zehen zu stellen, um ihren Blick zu treffen. Aber er tat gar nichts.

Mit seiner Passivität brachte er sie in große Verlegenheit. Davon bemerkte er nichts, er war viel zu sehr mit Schauen beschäftigt. Und weil sie wie versteinert vor ihm stand, wurde sie ihm zur Statue, die sich betrachten lassen mußte. Er verfolgte die Verbindung von ihm zu ihr: das also war ihr Arm. So hatte er noch keinen Arm gesehen. Der hing frei in der Luft, von seiner Stirn kommend, wie eine Brücke zu ihrem Körper. Und ihre Haut war glatt wie Porzellan. Nur dort, am anderen Ende der Brücke, konnte er eine Hautfalte sehen, wo der Arm endete und die
Schulter begann. Und genau darunter lag die Achselhöhle weit offen, und das sonst verborgene Haarbüschel brachte ihn schließlich auf die Idee, sie zu fragen, ob sie sich nicht jetzt und jetzt vorstellen möchte, mit ihm zu schlafen, sie mit ihm und er mit ihr, und in dieser gemeinsamen
Vorstellung hätten sie sich noch lange gegenüberstehen können, und nichts mehr sagen müssen.

    Schließlich begann sein Wille zur Anständigkeit rapide zu schwinden. Warum nicht banal werden, jetzt? Warum sie nicht einfach an sich ziehen und küssen? Ja. Und als er seine Arme endlich in Bewegung setzte, um nach ihren Hüften zu greifen, fühlten sich die Arme eingeschlafen an. Das ließ ihn noch einmal zur Besinnung kommen, zumindest soweit, daß er sich wieder einbildete, etwas sagen zu müssen, irgendetwas, bevor dieses mythische Liebesgefühl konkret werden würde.

Nur - was?

Mittlerweile war die Situation dermaßen gespannt, daß jede Bewegung von ihm als Tollpatschigkeit geendet hätte. Ihm ging es ja auch nicht anders als ihr: Er war in eine Bewegungsunfähigkeit verfallen. Er stand da wie versteinert. Und jede Bewegung auf sie zu blieb im Versuch stecken. Ihre Hand, die noch immer auf seiner Stirn lag, war jetzt wie eine Wand für ihn, gegen die er sich lehnte, und ihr ausgestreckter Arm hatte in den Sekunden dieser Ewigkeit die Funktion einer Krücke bekommen, über die sie sich gegenseitig stützten, und trotzdem auf sicherer Distanz zueinander blieben. Um diesen einen, letzten, notwendigen Schritt zu tun, hätte er die Krücke abschütteln müssen, um dann in sie hineinzustolpern.

Er fühlte Feuchtigkeit zwischen ihrer und seiner Haut. Das war bereits der Schweiß der Anstrengung. Als ihn schon die Befürchtung quälte, ihr Arm werde bei weiterem Ausharren in dieser unbequemen Stellung demnächst einem Ermüdungsbruch zum Opfer fallen, einfach abbrechen, und die Porzellanhaut unten am Boden in tausende Scherben zersplittern, da senkte sie endlich den Blick und schaute ihm direkt in die Augen. Und weil er auch nicht weiterwußte, begann er mit einem Lächeln, von dem sie sich dankbar erlösen ließ.


lila

(das Lyrische)


Einmal hatte sie ihm
eine angebissene
Schokolade
unter den Teppich geschummelt
er fand sie
hob sie auf
und legte seine Zähne
an das Muster
ihrer Zähne
und dann
wurde alles sehr weich
und warm
und wärmer
und er begann zu reden
im heißen Brei
fand endlich die Sprache
in der er zu weit gehen konnte

 


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