Autostop

Von Reinhard Winkler


     Während meiner Sommerfrische waren mir die Briefkuverts ausgegangen, also auf nach Liezen, dort gibt es einen Libro. Mit dem Rad bis zur Wurzeralmtalstation geradelt, um Geld zu sparen. Bei der Wurzeralmtalstation, dort ist eine Bushaltestelle, die letzte vor dem Pyhrnpass, der so steil ist, daß er mir das Busgeld wert sein wollte, und dort habe ich gewartet, genau an dieser Bushaltestelle.
Gewartet und gewartet.
Es passierte nichts.
Sehr lange.
Nicht einmal das Erwartete passierte.

Ich stand nur da und wartete, daß die Handlung (Leben = Film) ihren Lauf nehmen würde, und zwar genau so, wie ich sie (die Handlung) erwartete, daß sie ihn (den Lauf) nehmen würde, also:
Busfahren, nach Liezen,
hinein in den Libro
Papier kaufen.
Und an der Bushaltestelle gings nicht weiter. Der Film war gerissen.
Nach einer Weile kannte ich alles rundherum, vom vielen Schauen. Zwei Berggipfel, eine Straße, ein Himmel (blau) und sehr viel Wald.

Fast wäre ich einfach wieder nach Hause gefahren, mit dem Rad.

Aber hin und wieder fuhren Autos vorbei. Das hielt mich bei Laune. Die Autos waren das einzig bewegliche in meinem Standbild. Wären die vorbeifahrenden Autos nicht gewesen, ich hätte glauben können, die Welt wäre zum Stillstand gekommen.
Filmriß.
Irgendwo hätte dann eine Tafel auftauchen müssen, mit der Aufschrift: Entschuldigen sie bitte die Störung. An der Behebung des Schadens wird gearbeitet. Oder so.
Aber Gottseidank waren da die Autos. Manchmal kam eines von links. Manchmal eines von dieser anderen Seite, deren Name mir jetzt nicht einfällt. Aber immer kam ein anderes. Manchmal kamen sogar zwei ganz knapp hintereinander.
Nur der Bus kam nie.
Und ich, wartend, konzentrierte mich auf die Gesichter in den Autos.
Die waren alle nicht besonders. Alle sahen sie aus wie allerwelts. Nase, Augen, Mund, Haare. Und mir ist aufgefallen, daß die Kombinationsmöglichkeiten von Nase, Augen, Mund und Haaren offenbar beschränkt sind. Zumindest beim flüchtigen Hinschauen. Es gibt Typen, mehr nicht. Und deshalb gibt es eine Typolgie. Ein Schubladensystem, und ein nicht zu kompliziertes Schubladensystem, schlicht genug, um unauffällig hinter dem Berg versteckt werden zu können. Dort zog der liebe Gott die einzelnen Typen aus den Schubladen und setzte sie in Autos, um sie an mir vorbeifahren zu lassen.
Zum Beispiel: Männer mit Hut habe ich einige gesehen. Alte Ehepaare, immer in VW Golfs. Mütter mit Kindern am Rücksitz. Lastwagenfahrer, die aussahen wie Lastwagenfahrer. Junge Frauen, die aussahen wie Friseusen. Junge Männer, die nach gar nichts aussahen, die aber taten (die Lenkräder so hielten), als seien sie dynamisch und erfolgreich.
Lauter Menschen also.

Und dann, eigentlich plötzlich, wollte ich mit einem von denen zu tun haben.
Ich fing an, die Straße entlang zu gehen. Richtung Liezen. Ich wollte....
Auf einmal wollte ich so viel.
Ich wollte versuchen, ob mich einer mitnimmt. Ich wollte wissen, wie weit ich gehen muß, bis mich einer dieser Menschen mitnimmt. (Konjunktiv!). Ich wollte wissen, falls mich denn einer mitnähme, wer mich denn mitnähme, wie der oder die aussähe, welcher Typ undsoweiter.

Und irgendwie wurde es auf einmal echt dramatisch. Geradezu plötzlich fand ich mich in einer ganz neuen Situation. Eben noch an der Bushaltestelle, wartend und wartend, und es passierte nichts, sieht man von dem Vorbeifahren der Autos einmal ab. Und jetzt, im Gehen, das Gefühl: Ich lasse mich da auf etwas ein. Falls mich jemand mitnähme, würde ich etwas tun müssen.

Z.B.: Sprechen. Höflich sein. Oder mich vielleicht sogar mit Händen und Füßen wehren, falls mir einer mein Geld wegnehmen wollte. Ja, das hätte auch passieren können.
Man weiß ja nie, nicht.
Jedenfalls - bei jedem Auto, das sich mir von hinten näherte (Motorengeräusch!), tat ich, was man als Autostopper tut. Diese Geste. Ich machte sie wirklich. Und sie machte mich verlegen. Weil die Frage quälte mich: Mache ich sie auch richtig, die Geste? Man kann ja immer etwas falsch machen. So war ich mir zum Beispiel unsicher, ob man den Arm mit dem ausgestreckten Daumen ruhig hält, oder ob man ihn rauf und runter bewegen soll (gar - je heftiger, umso besser?), oder ob man den Arm beim heftigen Rauf-und-Runter-Bewegen nicht vielleicht doch anwinkeln soll, damit aus der Bewegung ein Hin und Her wird, oder ein Vor und Zurück, je nachdem.

Man merkt wahrscheinlich auch beim Lesen: Ich bemühte mich. Ich wollte so echt wie möglich aussehen. Schließlich sollte keiner merken, daß ich gar kein Autostopper bin, sondern nur ausnahmsweise so tat, als sei ich einer. Und ausnahmsweise wollte ich ja auch wirklich einer sein, so ist das ja nicht.
Aber mein Daumen ist sich einfach so blöd vorgekommen.

Alle sahen mir ins Gesicht. Vorbeifahrend.
Und ich sah mir auf den Daumennagel. Der war nicht ganz sauber. Also blieb ich stehen und putzte mir den Daumennagel aus. (Mit dem Zeigefingernagel.) Derweil fuhren mindestens fünf Möglichkeiten an mir vorbei. Nachher war der Zeigefingernagel schmutzig. Aber der Daumennagel war sauber. Und auf den kam es ja an. Immerhin wurde der hochgehalten. Und ich wollte nichts präsentieren, das nicht sauber war.
Drei Frauen winkten mir zu. Eine lachte (lächelte?) mich sogar an. Aber auch die fuhr weiter.
Die vorbeifahrenden Ehepaare sahen mich an, als gäbe es mich gar nicht.

Dann band ich mir meine viel zu langen Haare zu einem Zopf zusammen. Auch wenn ich finde, daß mir das nicht steht. Ich finde, mit diesen streng zurückgebundenen Haaren sehe ich aus wie ein Zuhälter mit einer dicken Nase. Aber ich weiß, daß streng zurückgekämmtes Haar als gepflegt (= seriös) gilt, zumindest im Vergleich zu langen, offenen Haaren, die werweißwohin wachsen können. Den Zopf versteckte ich unter meiner Lederjacke. Jetzt hatte ich eine Kurzhaarfrisur und einen sauberen Daumennagel. Jetzt mußte mich doch jemand mitnehmen!

Die Lastwagenfahrer blieben wahrscheinlich deshalb nicht stehen, weil es so steil bergauf ging. Die fuhren wirklich langsam. Die Sattelschlepper quälten sich den Berg hinauf, als wäre Bewegung etwas, das endgültig vorbei ist, wenn man sie einmal verliert. So fuhren sie, immer langsamer werdend, als müßten sie durch einen Sumpf waten, und immer an mir vorbei.
Ich hab‘ mir kurz gedacht: ein paar Autos probiere ich noch, und dann hüpf' ich einfach auf das Trittbrett von einem LKW. So ein Lastwagenfahrer hätte sich da gar nicht helfen können. Nicht, solange es so steil bergauf ging.
Die vorbeifahrenden Frauen hingegen hatten alle Angst vor Vergewaltigung. So sahen sie mich an. Auch die, die lächelten.
Manchmal bin ich einfach unglaublich.

Ich meine... die vorbeifahrenden Frauen hätten mir wenigstens zutrauen können, daß ich zumindest höflich gefragt, ob sie nicht vielleicht mit mir... und so - wenn ich das denn gewollt hätte, wie gesagt. Und wenn ich das gewollt hätte, es hätte ja sein können, wenn nicht und aber, dann hätte ich natürlich gefragt, höflich! Und natürlich hätten dann die Frauen, oder eben die eine betreffende, geantwortet: Nein! Um Gottes Willen! Und ich hätte dann gesagt: Auch gut. Muß ja nicht sein. Und anschließend hätten wir nett plaudern können, wie zivilisierte, erwachsene Menschen.

Und wenn ich beim Daumenhochhalten gerufen hätte - Ich bin impotent! - ?, - ob sie mir geglaubt hätten?
Aber Vergewaltigung ist ja kein Spaß.
Impotenz übrigens auch nicht.
Vergewaltigung ist bekanntlich das schlimmste Verbrechen, das sich überleben läßt. Und es gibt Erinnerungen, mit denen ist das Überleben auch kein Gottseidank mehr. Dagegen ist Impotenz gar nichts. Aber das ist Impotenz sowieso - gar nichts. Oder?
Wahrscheinlich ist Impotenz die Harmlosigkeit, die wir uns manchmal wünschen, wenn wir Zib2 sehen, oder Shining mit Jack Nicholson, wenn der mit der Axt die Tür einschlägt, um seinem Kind und seiner Frau ungehindert weh tun zu können.
Dabei fiel mir ein (so im Bergaufschlendern), daß ich ja auch vergewaltigt werden könnte. Von einem schwulen, dicken Lastwagenfahrer, zum Beispiel. Und weil die Wahrscheinlichkeit, daß mich ein dicker, schwuler Lastwagenfahrer vergewaltigen würde, so viel kleiner war, als für die vorbeifahrenden Frauen die Wahrscheinlichkeit, daß dieser schmuddelige Lederjackentyp am Straßenrand...
...usw...
...blieb schließlich einer dieser jungen Männer stehen.
Der sah wirklich nach gar nichts aus und war, wie sich später beim Plaudern herausstellte, tatsächlich erfolgreich und dynamisch. Ich dachte zuerst nur (beim Öffnen der Tür): Gut, daß du kein schwuler Lastwagenfahrer bist.
Er sagte im selben Moment: Jetzt hast du aber Glück gehabt, daß ich vorbeigekommen bin. Eine Frau hätte dich sicher nicht mitgenommen. Die haben ja alle Angst vor Vergewaltigung.
Und dann fragte er: Student?
...aber das war eigentlich schon wieder fad.


=== Zurück zur Übersicht ===