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Symposion
Von Reinhard Winkler


"Aber durch das Aufrichten hat man doch den Hintern aus dem Gesichtskreis verloren. Sogar die Fähigkeit, ihn mit dem Mund zu erreichen, ist beim Teufel! Wo denn sonst! Nur die des Sehens und Riechens unfähigen Hände erreichen ihn noch. Dadurch wächst und wächst eine Distanz. Du kannst dich nicht mehr riechen. Und dieser Kopf, der nichts mehr mit seinem Gegenpol zu tun haben will, wird, je höher er getragen wird, immer schwerer."
(M.Walser. Seelenarbeit)


    B
eim Betreten des Saals hatte ich das Gefühl des störenden Hineinplatzens in eine geschlossene Gesellschaft. Der Vortrag war schon einige Minuten in Gang. Ich bemühte mich leise zu sein - und schon krachte die Tür ins Schloss.

In der hintersten Ecke des Raumes saß Manuel, ein Studienkollege, den ich seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Er rückte um einen Sitzplatz weiter, als hätte er hier auf mich gewartet; diese Geste kam bei mir als herzliche Aufforderung an, auf seinem angewärmten Stuhl Platz zu nehmen. Bei alledem sprachen wir kein Wort, sondern verständigten uns ausschließlich durch Schluckgeräusche.

Vorne im Saal saß die germanistische Elite in einer U-förmigen Sitzordnung. Am tiefsten Punkt des Us stand ein Vortragender auf seinem Podest, gegen den alle Köpfe in diesem Raum gerichtet waren. Nur Prof.Schmolmüller saß direkt neben dem Vortragenden. Als Teil des Publikums, das wie die anderen Aufmerksamkeit durch Blickkontakt mit dem Vortragenden signalisieren wollte, mußte er seinen Kopf scharf nach links drehen und gleichzeitig nach oben richten; in dieser Position harrte Prof.Schmollmüller mit der Regungslosigkeit einer römische Statue.

Nach ein paar Minuten war ich zumindest soweit gefaßt, um der Veranstaltung als ordentliches Symposionmitglied zu entsprechen; ich wollte meine Aufmerksamkeit auf das Hören beschränken, fand aber aus dem Schauen nicht heraus. Vom Lesen meiner Unterlagen im Zug auf dem Weg nach Salzburg wußte ich, daß der Name des Vortragenden "Heidelberger" sein mußte. Mich irritierte, daß er nicht im geringsten so aussah, wie ich ihn mir noch im Zug vorgestellt hatte. Vor allem trug Prof.Heidelberger keinen Bart. Ich hätte ihn lieber mit Bart gesehen. Dafür stach mir sein Seitenscheitel ins Auge: ein gerader Strich heller Kopfhaut. Das Revers seines grauen Anzugs bildete eine Symmetrie aus mehreren 45 Grad Winkeln, gespiegelt an einer weinrotkrawattigen Achse, deren spitz zulaufendes Ende geradewegs nach unten zeigte, wie ein Wegweiser in die Zerstreutheit.

So sehr ich mich auch bemühte - die Wörter, die aus dieser optischen Korrektheit von dort vorne zu mir nach hinten flogen, passten so ganz und gar nicht zu dem Menschen, den ich da vor mir sah. Ich hörte "Selbstauflösung", "Ich-Zerstörung", "Zerfall". Nein. Wer so korrekt aussieht und "Ich-Zerfall" sagt, dem ist nicht zu trauen. In diesem Anachronismus spürte ich wieder einmal diese Enttäuschung über die Kluft zwischen Kunst und Wirklichkeit, und ich hätte gerne den Autor H.H. Jahnn, über den hier referiert wurde, neben Prof.Heidelberger am Podest stehen sehen, als Sinnbild für die Kluft zwischen der Literatur und ihrer Wissenschaft, der Philologie.

In dieser pathetischen Stimmung gab ich wieder einmal meine Hoffnung auf, daß die Literatur die Welt jemals aus den Angeln heben werde, und begann mit Manuel zu schwätzen. Auf meine geflüsterte Frage ("Wie geht's denn immer so?") antwortete er: "Ich bin konservativ."
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Ich war nicht nur verdutzt, ich war auch amüsiert. Im Verlauf unserer Murmelei kamen wir bald auf unseren gemeinsamen Freund und Studienkollegen Ingmar zu sprechen, der von Manuel schon den ganzen Tag erwartet und mittlerweile sogar vermißt wurde. Ich meinerseits wußte, daß Ingmar ganz sicher nicht mehr auf dem Symposion erscheinen würde. Manuel reagierte auf meine Mitteilung aber keineswegs enttäuscht, sondern nahm die Abwesenheit seines Freundes als willkommenen Anlaß, nun umso ausgiebiger über ihn zu reden. Im Verlauf unserer Schwätzerei flüsterte mir Manuel den Satz: Ingmar redet oft von Dir.
Was für ein Kompliment! Ich freute mich und wurde ein klein wenig verlegen. Und weil man Liebeserklärungen nicht unerwidert im Raum stehen läßt, bedankte ich mich artig und viel zu lapidar: Ja. Ingmar ist schon o.k. - woraufhin Manuel postwendend zurückflüsterte: Das kannst Du laut sagen.
In den folgenden Minuten, in denen wir dem Geschwätzten nichts mehr hinzuzufügen hatten und Zeit gewesen wäre, unsere Aufmerksamkeit wieder auf den Vortrag zu lenken, war ich damit beschäftigt, meine aufkeimende Lust, einfach aufzustehen und laut in das Symposion hineinzubrüllen: Ingmar ist schon o.k!, zu unterdrücken.

Natürlich habe ich diesen Satz nicht in das Symposion hineingebrüllt. Im Grunde weiß ich doch, was sich gehört und wie man sich einer Situation entsprechend benimmt. Und zweitens liegt mir nichts daran, Menschen vor den Kopf zu stoßen, einen Herrn Heidelberger mit einer unpassenden Wortmeldung aus seinem Vortragskonzept zu bringen, oder - falls ich mich mit diesem verqueren Anspruch nicht ohnehin überschätze - mich selbst vor einer Gruppe von Menschen einfach nur zum Idioten zu machen.

So verbrachte ich den restlichen Teil des Vortrags damit, mir vorzustellen, was passierte, wenn ich meiner Lust aufzustehen, um laut zu sagen, Ingmar sei schon okay, nachgäbe. Unterbräche Herr Heidelberger seine Rede? Wendete sich das Publikum im Saal von Herrn Heidelberger ab, um sich mit lärmendem Sesselrücken zu mir zu drehen? Und wenn mich dann all diese Gesichter im Raum fragend mit einem Was-soll-das-?-Blick anstarrten... ...entschuldigte ich mich - plötzlich ernüchtert - und setzte ich mich schnell wieder hin, um so zu tun, als wäre nichts? Oder fände ich den Mut, all die fragenden und auf mich gerichteten Blicke mit der Gegenfrage "Finden sie nicht?" gänzlich aus der Fassung zu bringen?

In der Pause stand ich mit Kollegen und Kolleginnen am Gang herum. Wir aßen belegte Brötchen, rauchten Zigaretten, tranken Saft, Kaffee oder Bier. Wir sprachen kaum einen Satz über Literatur. Die Stimmung war heiter. Ich entkrampfte mich ein bißchen und fand so neue Kraft, um nach einer Stunde, wieder mit besten Vorsätzen gewappnet, den Hörsaal für den nächsten Vortrag zu betreten.

Dieses Mal setzte ich mich auf einen Platz abseits meiner Studienkollegen und Studienkolleginnen, um nicht wieder der Versuchung des Schwätzens zu erliegen. Frau Dagmar Lausecker referierte über "Generation, Geschlecht und Erzähltradition im autobiographischen Schreiben jüdischer Autoren." Interessant fand ich den Umstand, daß Frau Lausecker ihrem Vorgänger, Herrn Heidelberger, gar nicht unähnlich sah. Sogar ihr Scheitel war auf der selben Seite gezogen wie jener des Herrn Heidelberger. Nur der graue Anzug war dieses Mal ein graues Kostüm, die Hose ein Rock und die Krawatte ein weinrotes Mascherl, dessen Schlaufenenden ähnlich konsequent nach unten hingen wie zuvor die Krawatte bei ihrem Kollegen.

Der streng einsetzende Ton Frau Lauseckers mahnte mich zur Konzentration. Ich ließ mich auf weitere optische Aufmerksamkeiten nicht mehr ein, fixierte meinen Blick auf das leere Blatt Papier, das ich mir
zurechtgelegt hatte, hörte zu und versuchte, den Vortrag in Stichworten festzuhalten.
Ich als Subjekt. Ichbericht. Mythos des autonomen Ich. Beziehungsebene. Lit. bzw. Nichtliterarische Texte: Grenze unscharf. Kommunikation: funktioniert pragmatisch. Kant: Ich = Quelle der Selbsterkenntnis. Frau: passiv, Mann: aktiv. Hat die Eindeutigkeit der Geschlechterrollen das autobiographische Schreiben gefördert? Jüdische Autoren schreiben in christlich geprägter Sprache. Jüdische Denkmäler suggerieren: d. jüdische Volk war alt (und verstaubt?)...usw.
Diese Notizen lese ich heute auf meinem Zettel. Offensichtlich war es schwierig, den Sätzen Frau Lauseckers zu folgen. Noch während ich einen Gedanken in einem fragmentarischen Satz niederschrieb, war Frau Lausecker schon beim übernächsten Gedanken. Das machte die Erstellung eines Gedankenkontextes, selbst bei äußerster Konzentration, mühsam.
Nach etwa zehn Minuten begann ich mich zu ärgern.

Frau Lausecker referierte nämlich nicht, sie las vor. Und sie las sehr schnell vor. Was von jedem Gymnasiasten in der Unterstufe nicht nur erwartet, sondern verlangt wird, nämlich: Ein Referat frei zu halten, ist für eine Literaturwissenschaftlerin keine Selbstverständlichkeit. Erschwerend noch der Umstand, daß es sich bei dem Vorgelesenen um einen komplizierten und präzise ausformulierten wissenschaftlichen Text handelte, den ich im Selbststudium wahrscheinlich zwei, wenn nicht gar dreimal lesen hätte müssen, um ihn zu verstehen. Nur die langen englischen Zitate, die Frau Lausecker in ihr Referat eingeflochten hatte, verschafften mir kurze Atempausen; an ein Verstehen-Wollen war nicht im Traum zu denken. Und so saß ich während dieses Vortrags wiederholt für ein paar Sekunden regungslos da, englische Vokabel lauschend: völlig ahnungslos.

Ich dachte nur: Eine Englisch sprechende Germanistin hat einen seltsamen Klang. Und just in diesem Moment sagte Frau Lausecker das Wort "strange", mit einem astreinen "e".

(E-mail des Autors: winkler.hawelka@aon.at)


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