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Christa T.

Von Gina Zapletal


...    Gestern habe ich versucht, Deinen Geburtstag zu feiern. Ich habe gefeiert, daß Du geboren worden bist und gelebt hast. Habe fein gegessen und getrunken, Blumen schwimmen lassen und eine selbstgedrehte Honigkerze auf Deinem hölzernen Kerzenständer angezündet. Gut ein halbes Jahr nach Deinem Begräbnis habe ich mir das erste Mal die Kassette angehört mit der Musik, habe Deine Worte laut gelesen. Doch irgendwie warst Du mir weit weg, es gibt solche Tage – und andere.

Manchmal erscheint mir alles nach wie vor wie ein Traum. Nachts habe ich dann das erste Mal geträumt, daß Du gesund geworden bist, überlebt hast. Beinahe wäre es so gekommen. Ist es nicht, Du bist gestorben. Deinen Tod träume ich manchmal, öfter zumindest als Dein (Über)Leben. Warum das so ist – vielleicht einfach, weil ich mehr Lebende kenne als Tote. Sicher, weil ich Dein Sterben mit-gelebt habe. Weil jeder Mensch auf seine Weise einzigartig ist, es aber nur sehr wenige Menschen gibt, mit denen mich eine solche Freundschaft verbinden kann.

    Gestern habe ich mich gefragt, "ob die Erinnerung reicht" – ich vergesse schnell, ich vergesse vieles, davor habe ich auch Angst. Du hast einmal gemeint, daß ich Dich sicher bald vergessen werde. Ich hab nur geantwortet, "so ein Blödsinn" oder ironisch "ja, ganz sicher" (auch das weiß ich nicht mehr). Doch tatsächlich habe ich sehr viel davon vergessen, was wir gemeinsam erlebt haben, was Du mir erzählt oder gesagt hast. Ich kann das nicht verändern, scheinbar besteht darin Erinnerung...

Ich wollte etwas schreiben über Dich, schon lange, auch wenn ich es mir eigentlich nicht zutraue. Doch ich wollte wahrscheinlich einfach nicht, oder ich konnte es wirklich nicht. Ich kann auch jetzt nicht über Dich schreiben – Dir will ich schreiben. Deinen Geburtstag habe ich voriges Jahr vergessen. Sehr viel habe ich verstanden nach Deinem Tod, durch Deine Art zu leben. "Das Leben ist ein Geschenk" – dieses Verständnis grabe ich tagtäglich aus meinem tiefen Inneren.

    Ich lese die Bücher, von denen Du gemeint hast, daß ich sie lesen soll, wobei ich nicht immer sofort verstehe, aus welchem Grund dieses oder jenes. Mehr und mehr wird mir klar, daß es vielleicht nicht so viel ist, was es zu verstehen gilt. Als ich das erste Mal an Deinem Grab gesessen bin, habe ich mich zugegebenermaßen über die fremden Frauen geärgert, die, obwohl sie Dich kaum gekannt haben und Du sie nicht, jetzt mehrmals wöchentlich an Dein Grab kommen, um Blumen hinzulegen.

Die Menschen erzählen anderen Menschen, daß Du sehr viel gelitten hast und jung gestorben bist. Sie wissen nicht, wie viel Du gelitten hast, ich weiß es auch nicht, niemand weiß es. Ja, Du hast viel gelitten und bist jung gestorben. Eine tragische Geschichte, die erzählt wird wie jede andere Geschichte, nur daß es Deine Geschichte ist, die wahrste, die Du je hättest erzählen können. Warum sollen sie dann nicht auch fremde Frauen lesen und weitererzählen, mitfühlen, wenn sie es ehrlich so meinen? Ich bin ungerecht, aber die Gerechtigkeit sehe ich längst in einem anderen Licht. Mit Toten kann man machen, was man will. Man kann sie zu Märtyrern erheben, ihnen einen Heiligenschein verpassen, den sie selbst keinem anderen Menschen zugemutet hätten, kann ihnen verzeihen, sie bezichtigen, sie sich zurechtrücken, nach Belieben.
Man kann Dinge über sie erzählen und andere verschweigen, auch vor sich selbst. Man kann nicht nur, man muß sogar. Irgendwann bleibt nur die Erinnerung, darin das Bild eines Menschen, der dies nicht mehr verändern wird.

    Ich habe "Christa T." gelesen, das Du auch auf meine Bücherliste gesetzt hattest. Habe Deine Anmerkungen wahrgenommen, als ob ich durch ein verschneites Feld ginge und Fußspuren entdecke: Denselben Weg bist Du gegangen, auf Deine Weise. Ich weiß nicht mehr genau, was Du mir über "Christa T." gesagt hast. Ich weiß auch nicht, warum ab der Hälfte des Buches Deine Bleistiftstriche sowie Deine Anmerkungen dazu auf der ersten Seite fehlen. Zuerst habe ich gezögert, vielleicht aus Ehrfurcht vor Deiner Lektüre, Deinem Denken und Empfinden. Dann habe ich die zweite Hälfte des Buches mit meinen Bleistiftstrichen, die letzte Seite mit meinen Anmerkungen versehen. Einfach nur da sein, so gegenwärtig wie möglich.


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