Ihr Brecht – Unser Brecht!

Von Aram Baktia


      Ihr Brecht trug teure Lederjacken, rauchte Havanna Zigarren, wollte Arzt werden, hatte ein Sparkonto in der Schweiz, liebte Oldtimer und belesene Frauen, hatte nichts gegen Tawarisch Stalin, trank Tee mit Genosse Ulbricht, hatte ein Haus am See, am Rande von Berlin, durfte in den Westen reisen und sich ihn leisten wann er wollte, trank Whisky, schrieb seine Stücke manchmal mit Hilfe seiner Geliebten, bekam vom großen Bruder SU Preise, kam aus Augsburg in Bavaria, wo auch Dachau liegt, war am "BE" tätig, war parteiisch, schrieb ideologische Texte, ist relativ jung, wie Heiner Müller mit 58 und nicht wie Ernst Jünger mit 101 Jahren gestorben, wurde nicht von der Staasi schikaniert, flüchtete vor den Nazis in die USA und nicht in den Arbeiter- und Bauernstaat SU. Das alles sagen jetzt, nach dem Kalten Krieg, Ami-Germanisten in den dicken Büchern, die im Lande der Dichter und Denker, wo solche Bücher sogar als Bestseller in Medien empfohlen werden.


Bertolt Brecht
(1926)

       Unser Brecht war ein großer Literat, kritischer Dichter, revolutionärer Stückeschreiber, dialektischer Denker, humanistischer Weltbürger mit politisch-prophetischen Ansichten. Er schrieb für Gerechtigkeit, Freiheit und Sozialismus. Er war ein bescheidener Mann, lebte arm und zurückgezogen in Plattensiedlungen, fuhr Trabbi, las Marx, Engels, Lenin, Mao, vielleicht auch Hegel, schätzte und achtete Menschen und schrieb manche Stücke in Gruppen und nicht mit Hilfe seiner schönen Mitarbeiterinnen! Haßte Amerika wie die Pest, wo er als Kommunist angeklagt wurde, war für Weltrevolution, gegen Ausbeutung und Kolonialismus, war für Wahrheit, Kunst, Freiheit und Wohlstand der Menschheit, verehrte große Schriftsteller wie Gorki, Puschkin, Tschechow, Heine, Ibsen und Balzac. Und für uns war er wie Homer, Sokrates und sogar manchmal auch wie Buddah. Statt in Ihrem "BE" wollten wir Brecht bei uns in Fabriken, Schulen und auf der Straße spielen.

     Wir lebten in einem despotischen, orientalischen Land, zwischen Kaspischem Meer und Persischem Golf. Es war die Zeit des Kalten Krieges und die Amerikaner und die Sowjets standen sich, bis zum Hals bewaffnet, gegenüber.
Marx war verboten, aber Brecht war einigermaßen erlaubt. Wir fanden ihn gut, besonders, weil er trotz der Zensur des Landes durchkam und uns erreichen konnte. Wir sahen manche seiner Werke wie: Die Mutter, Das Leben des Galilei, Die Tage der Commune, Furcht und Elend des Dritten Reiches und Geschichten von Herrn Keuner, bei Freunden oder in Buchläden. Man brauchte für eine Demokratie in einer Diktatur Volksaufklärung und für Volksaufklärung brauchten wir den "armen" Brecht! Anderes gab es nicht, Gutes war verboten und Schlechtes las keiner. In einem Land, in dem mehr als die Hälfte der Bevölkerung Analphabeten und Bauern waren, war Brecht für Intellektuelle und Studenten erreichbar. Armut und Unwissenheit hatten überall Überhand und wir waren große Utopisten und Populisten. Wir brauchten eine Ideologie, die uns zeigen sollte, wo es lang geht! Aber wir fanden keine, weil alles verboten war und die Interessierten wurden erbarmungslos verfolgt und bestraft.

      Wir suchten in der Literatur Hilfe und Rettung. Literaturkritik und Literatursoziologie sollten uns mindestens sprachlich und mental wach und munter halten. Die engagierte Literatur war für uns, "Die Helden unserer Zeit!", wie eine Religion, beruhigend und manchmal sogar auch heilig!
Die Kunstrichtungen wie Existenzialismus und Trivialliteratur oder die Parole wie "Kunst nur für Kunst"! waren verpönt. Die Literatur sollte uns, "Die Avantgarden"! reinigen, entrosten und individualistische, egoistische Eigenschaften beseitigen. Alles sollte im Dienst des Kampfes für Befreiung sein! Ich glaube, Sie hatten es hier besser. Sie aßen italienisches Eis, gingen abends mit Mädchen in die Disko, lasen Handke, Wallraff, Böll, Grass und riefen: "Ho, Ho, Ho-tschi-Minh"! Wir schrieben auf Flugblättern heiße funkelnde Parolen wie: "Nieder mit der Bourgeoisie"! "Nieder mit der Diktatur"! "Es lebe die Freiheit"! "Es lebe die Volksrepublik"! "Freiheit für DAS WORT"! "Yankee go home! Yankee raus"! usw.

     Wir mussten leider Literatur politisieren. Wir wollten mit Brechts Worten den Druck der nackten Gewalt verträglicher machen. Andere haben Religion politisiert und kamen auch später mit ihrer Hilfe an die Macht, und jetzt herrscht eine andere Art von Diktatur. Wir üben mittlerweile hier bei Ihnen Pluralismus und Demokratie aus. Wir müssen die "Libéralité" richtig verstehen und verdauen. Vielleicht klappt es irgendwann mit der Freiheit. Dann werden wir nur Gutes über Brecht und die Literatur denken. Wir werden ihm ein Denkmal in der Hauptstadt errichten!


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