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I’m every woman
Und das auch noch gleichzeitig?

Eine komplett verrückte, geradezu durchgeknallte Variante von Mehrfachanforderung.
Jede Frau sein zu wollen. Hier befällt mich leider die Idee, dass dieses jede-Frau-sein-wollen
nicht einer freien Wahl der Identitätsfindung oder dem Ausdruck eines ozeanischen Gefühls
entspricht als vielmehr dem Zwang, jede Frau sein zu müssen, um von jedem begehrt
zu werden und letztendlich nicht betrogen werden zu können.

Von Tanja Brandmayr
(01. 08. 2006)


    Ich möchte mit einem Zitat, das ich nicht mehr imstande bin, vollständig zu zitieren, einen riskanten Einstieg wagen (Meine Entschuldigung ist die, dass es sich eigentlich nur um einen idiotischen Spruch handelt, den, wie ich glaube, ohnehin jeder schon gehört hat): Sinngemäß beginnt er mit der Frage "Was ist das?" und geht ungefähr weiter mit "attraktiv wie ein junges Mädchen, denkt wie ein Mann, arbeitet wie ein Pferd, usw." und endet mit der Antwort, dass das eine Frau sein muss.

Diesen lustigen Spruch habe ich das erste Mal an der Zimmertür der älteren Schwester meines Jugendfreundes wahrgenommen und trotz theoretischer Unbedarftheit im Feminismus (ist heute noch weitgehend so, mein feministisches Wissen ist eher ein punktum) sofort gehasst.

Nicht nur, dass die Schwester auf für mich nicht nachvollziehbaren psychischen Wegen die Aufmerksamkeit der Eltern und der Umwelt zu erlangen suchte, sie genoss es auch, in Gesellschaft derartiges zum Besten zu geben oder gerade als Frau frauenfeindliche Witze zu erzählen. In der gutbürgerlichen Kulisse der elterlichen Feste trug ihr das tatsächlich Aufmerksamkeit ein, Schulterklopfen und amüsiertes Kopfschütteln mit kokett gespitzten Mündern.
In den Gesichtern der rundum stehenden Personen erkannte ich deren augenblickliche augenzwinkernde Erkenntnis: "Das muss Emanzipation sein, wie sie richtig verstanden wird, nämlich mit Humor!"

Derselben Logik zu Folge können ja wirklich emanzipierte Frauen auch über Witze lachen, die eindeutig auf ihre Kosten gehen.
Humor kann ja viele Eigenschaften annehmen – befreiend, subversiv, zersetzend usw. – aber er kann auch, wie in oben beschriebener Szenerie in demütigender Weise quasi als Trostpflaster oder Einverständniserklärung die bestehenden Verhältnisse untermauern.
Und das, um auf die Familie meines ersten Freundes zurückzukommen, sicher nicht unbeabsichtigt, denn aus dieser ist noch keiner emanzipiert herausgetreten, weder als Männer und Frauen, noch als von den Eltern emanzipierte Kinder.

    Wieder ins Hirn gekrochen – und über einige Gedankensprünge – ist mir diese private Szenerie beim Ansehen eines Werbespots, den ich beschreiben möchte:

Es handelt sich dabei um einen Energydrink aus Bioweizenkeimen.
Darin kämpft sich eine adrett gestylte Frau im Kostüm durch den knallharten Dschungel des Alltags der Großstadt. Sie läuft los und erledigt während des Laufens die Angelegenheiten des alltäglichen Lebens. Während sie durch die überfüllten Straßen läuft, über Autos hechtet, in U-Bahnschächte hinunterläuft, isst sie, putzt die Zähne, liest Zeitung, läuft mit drei Kindern weiter um im nächsten Moment von mindestens drei keifenden Personen mit Papieren und Rechnungen in der Hand eingeholt zu werden. Hier befindet sie sich bereits in einem Erschöpfungszustand und ist keuchend zum Stehen gekommen.
Über diese Bildsequenz wird folgender Text gesprochen (ich zitiere wieder unvollständig, da ich den Spot nicht zur genauen Analyse auf Video habe): "Jede Stunde (!) Alltag kostet Lebenskraft". Dieses Thema wird variiert um auf die Frage zu kommen, wie diese Lebenskraft zurückerlangt werden könne.
Die Lösung ist ein Bioweizenkern (der im Bild kurz aufkeimt) und in dem "Lebenskraft pulsiert". Die vorher blaugrau getönte Bildfärbung hellt sich nun zu Gunsten einer sonnigen gelben Färbung auf, das Produkt "Alphapan", ein Saft aus Bioweizenkeimen wird am unteren Bildrand eingeblendet und die Frau kann energetisiert weiterlaufen.
Gesprochene Botschaft und Bilduntertext ist: "Alphapan. Start a new life". Auch die vorher enervierend schrillen Alltagsgeräusche wurden abgelöst durch einen Popsong der siebziger Jahre, der leise den Untergrund bildet. Der Refrain lautet: "If you want to live high, live high, if you want to live low, live low".

    Hier kann einerseits keine Rede von einem neuen Leben ("Start a new life") sein, wenn man darunter nicht verstehen möchte, noch besser zu funktionieren. Tatsächlich läuft die Frau aber weiter.
Andererseits wird die im Popsong angekündigte Wahlfreiheit des eigenen Lebensentwurfs ("if you want to live high, live high, if you want to live low, live low") untergraben. Denn es ist vielmehr so, dass die Botschaft und der Kontext keine Wahl erlaubt: Die Frau kann nur weiterlaufen und ihre Wahl besteht lediglich darin, sich dabei wohlzufühlen oder nicht.

Die Methode, sich hier einen Mann an Stelle der Frau vorzustellen, offenbart weiteres:
Hier würde das humoristische Element der Überzeichnung nicht funktionieren. Einem Mann, der sich im Alltag bereits schon so aufreiben lassen würde, würde jede Fähigkeit fehlen, "Höheres" anzustreben und zu meistern, was von Frauen offenbar weiterhin nicht abverlangt wird, da sich laut Bildmaterial deren Aufgabe lediglich in reproduktiven Aufgaben des Lebens beschränkt (Essen, Rechnungen, Kinder, Alltagsbewältigung).
Von Doppelbelastung kann hier keine Rede mehr sein. Vielmehr ist es ein Aufreiben zwischen unzähligen Mehrfachbelastungen. Und das geht wiederum in die Richtung des Eingangsbeispiels: sich die diffusen Anforderung als Frau am besten mit (Galgen-)Humor einzuverleiben, damit bestehende Verhältnisse aufrecht zu erhalten und am Limit herumzulaborieren.

    Das Eingangsbeispiel der Schwester meines Jugendfreundes (ich komme ein letztes Mal auf sie zurück) passt insofern ganz gut, als dass ich glaube, dass diese überaus anfällig für Produkte und Botschaften dieser Art wäre: Sie gefällt sich aus irgendeinem Grund in der Rolle der überlasteten Frau, die sich erst in dieser bis zum Explodieren aufgeladenen ruhelosen Überlastung zu spüren beginnt; die erst in dieser Überlastung eine Selbstwahrnehmung und eine Selbstwertschätzung (ein Selbstbewusstsein?) entwickeln kann. Und auch insofern, dass diese Überlastung durch das Bildmaterial augenzwinkernd humoristisch übersteigert präsentiert wird und keine Änderung bestehender gesellschaftlicher Bedingungen fordert, sondern nur noch mehr Leistung. Quasi das Leiden unterstützt.
Eine Frau muss mehrere Rollen und Funktionen ausfüllen: Sich abfinden oder versagen.
Nicht akzeptiert werden. Nicht als Frau angenommen zu werden. Nicht geliebt werden. (Nicht. Werden: Streeruwitz lässt grüssen).

Hier befällt mich Mitleid, so fern ich mich in meine Konstruktion des Innenlebens solcher Frauen hineinlasse, die bereits fertig genug sind, von derartigen Botschaften eingeholt zu werden; und denen ich ganz salopp ein uneingestandenes unstillbares Liebesbedürfnis unterstelle.

Ähnlich ging es mir, als ich einen Coversong von Whitney Houston hörte: I´m every woman. Dieses Beispiel ist eine komplett verrückte, geradezu durchgeknallte Variante von Mehrfachanforderung. Jede Frau sein zu wollen. Auch hier befällt mich leider die Idee, dass dieses jede-Frau-sein-wollen nicht einer freien Wahl der Identitätsfindung oder dem Ausdruck eines ozeanischen Gefühls entspricht als vielmehr dem Zwang, jede Frau sein zu müssen, um von jedem begehrt zu werden und letztendlich nicht betrogen werden zu können. Zumal Whitney zu dieser Zeit ja von ihrem Ehemann laut Medien nach Strich und Faden betrogen wurde. Whitney Houston ist übrigens die Frau, deren Unterkiefer beim Singen so entzückend hin- und herwackelt.

    Was mich aber letztendlich zu solchen Überlegungen veranlasst hat, ist nicht das Beklagen von Mehrfachbelastungen, die ja hinlänglich bekannt sind und mit denen zum Beispiel in der Werbung operiert wird; gegen diese können ob ihrer Bekanntheit Gegenstrategien entwickelt werden (Optimismus!).
Veranlasst hat mich eine, wie ich finde, neue Qualität von gleichzeitigen Anforderungen an Frauen, die sich mir durch eine andere Werbung eröffnet hat (Pessimismus!):

Vor einigen Wochen ist mir das neue Palmers-Plakat aufgefallen, die übliche dreifache Sequenz von Darstellungen, von Hin- und Abwendungen, von Bildausschnitten und den damit erzeugten Bewegungseffekten von den Objekten (Frauen in Wäsche) und dem Betrachter.
Ich beziehe mich auf dasjenige mit der rauch-grün-grauen Wäsche und den roten Strümpfen. Von der ästhetischen Qualität, die diese Werbungen aufweisen abgesehen, haben die roten Strümpfe, und damit die roten Beine der Frau, irritierend auf mich gewirkt, da sie meiner Meinung, was die ästhetische Qualität anbelangt, von einer allzu gefälligen Rezeption abhalten. Der Blick wird eindeutig auf die roten Beine hin- und vom restlichen Fetisch Wäsche und Frau weggelenkt. Ich verstieg mich in meiner Irritation beinahe zu Respekt vor den Produzenten dieser Werbung, einerseits vor der im Kontext der Verkaufbarkeit des Produkts gewagten Ästhetik, andererseits, weil in einer symbolhaften Interpretationsweise die roten Beine eine Art Deutung einer im positiven Sinn aggressiven Selbständigkeit (auf eigenen Beinen stehen) zulassen würden.
Kurze Zeit später wurde ich eines Besseren belehrt: Über die Plakate wurde ein Zusatztext geklebt: Auf einer roten Fläche (als jetzt offensichtlicher Bezug zu den roten Beinen) war folgendes zu lesen: "Sehr schön. Aber wie sieht ihre Altersvorsorge aus? Woman plus. Jetzt vorsorgen. Palmers-Gutscheinmünzen warten! Ihre Sorgen möchten wir haben. Wiener Städtische".

    Ob der offensichtlichen Unverfrorenheit musste ich beinahe lachen, als ich am Morgen im Auto sitzend vor dem Plakat zum Stehen kam. Es reicht offenbar nicht, Frauen in Mehrfachbelastungen und gleichzeitigen, sich oft diametral auseinander laufenden Anforderungen darzustellen, jetzt müssen Frauen, während sie jung und sexy sind, auch gefälligst an ihre Altersvorsorge erinnert werden; und das nicht nur parallel, sondern gleichzeitig, geradezu in einem Moment. Darauf deutet sowohl die Textmontage hin, als auch die Verheißung, dass bei Abschluss oder zumindest Information über die Altersvorsorge der Versicherung im Gegenzug Palmers-Gutscheinmünzen versprochen werden und hier wieder ans Jung- und Sexysein erinnert wird.

Ich kann mir nicht helfen, ich empfinde das Plakat als unglaublich perfid:
Ich
sehe mir ein Plakat an, das mich soweit manipulieren will, dass ich es als für das Erstrebenswerteste halte, jung und begehrenswert zu sein, werde aber sofort darauf aufmerksam gemacht, dass ich, gelinde gesagt, naiv bin, wenn ich diese Botschaft glaube ("Sehr schön. Aber wie sieht ihre Altersvorsorge aus?"). Dann werde ich zur Versicherung dirigiert, die mich vor meiner Naivität beschützt. Und dort bekomme ich als Belohnung für meine Einsicht und Umsicht wieder Gutscheinmünzen (die bereits "warten!"), um das Klischee der begehrenswerten Frau erfüllen zu können, bin also wieder zurück am Start.

Meine Interpretation ist die, dass frau in ihrer Verunsicherung (da hilft nur mehr eine Versicherung) jetzt tatsächlich soweit gebracht werden soll, sich gleichzeitig jung und alt zu denken.

Interessant auch der Text "Woman plus. Jetzt vorsorgen." – Eine Überfrau hat eben für alle Eventualitäten vorzusorgen, für Sex und fürs Alter; und für Sex in jedem Alter.

Ein Freund meint übrigens, von mir auf die Wirkung der Werbung angesprochen, dass er diese als frech und gewagt empfunden hat, weil sie auf die Vergänglichkeit der Schönheit anspiele. Das wäre meiner Meinung allerdings das erste Mal, dass eine rein konsumorientierte Werbung in einem moralischen Sinn mit Vergänglichkeit droht.

    Aufgefallen ist mir auch eine zweite Plakatwerbung, die ich ergänzend anführen möchte.
Im Bild sind nur Beine und Arme einer auf einem Sofa sitzenden Frau zu sehen. Sie schließt die Riemchen ihrer neu gekauften roten (!) Schuhe. Darunter der Text "Die Geldanlage, die passt. Kepler Fonds. Für eine kalkulierbare Zukunft" (Raiffeisen).
Auch hier finde ich meine Annahme bestätigt, dass Beine und die Farbe rot ein Hinweis auf Selbständigkeit sind. Und auch hier scheint die Zukunft selbständiger Frauen besonders fragwürdig, da ohne der genannten Bank die Zukunft selbständiger Frauen zu einem unkalkulierbaren Glücksspiel mutiert ("Für eine kalkulierbare Zukunft"). Wo doch selbst eigenständige Frauen unendlich viel Ressourcen darauf zu verwenden haben, momentan hübsch und attraktiv zu sein.


 

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