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Vergessene Zeiten

Einige Bemerkungen zu Siegfried Lenz'
"Lehmanns Erzählungen"


Von Maria E. Dorninger


      General Arnold-Strasse, General Keyes- Strasse, General [...] Strasse. Viele Namen in deutschsprachigen Städten erinnern noch an die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als alles ganz anders war.

Friedenszeit. Währungsverluste, mangelnde Güter, Trümmer, immer wieder Trümmer, nicht nur äußerliche, gab es zu beseitigen und wieder nutzbar zu machen. Aufbauarbeiten mussten geleistet werden, aus deren Samen der heutige Wohlstand kräftig keimte.

Steht man vor den vollen Regalen im Supermarkt, dann kann man sich trotz Teuerung die so andere Dimension dieser Nachkriegszeit nicht vorstellen, in der viele Güter nicht vorhanden waren und daher nur auf Schleichwegen besorgt werden konnten. Zu diesen Schleichwegen gehörte auch die Institution des Schwarzmarktes, die durch ihre Illegalität recht kräftig erblühte.



Siegfried Lenz.
Lehmanns Erzählungen
oder So schön war mein Markt.
München: Deutscher Taschenbuch
Verlag, 1998.

     Von dem bekannten 1926 geborenen Schriftsteller Siegfried Lenz ist das kleine Werk "Lehmanns Erzählungen. Aus den Bekenntnissen eines Schwarzhändlers" (1964) nur wenig bekannt. Das Thema scheint nicht gerade aktuell, kann doch unser gegenwärtiger weißer und in gewissem Sinne global geprägter Markt fast alle unsere Bedürfnisse befriedigen, ja will sogar noch mehr erwecken. Amerikanische Autos, chinesische Möbel oder neuseeländische Kiwis sind geradezu gleich um die Ecke legal zu erhalten.

Das Buch von Siegfried Lenz dagegen erzählt von einer Zeit des Mangels, in der es zuerst primär einmal darum ging, existentielle Bedürfnisse zu stillen. Es geht um eine Zeit, in der mangels Fett die Entdeckung von Bedeutung ist, Kartoffeln auch in Kaffeesatz braten zu können (S. 47), und auch Kartoffeln muss man erst einmal haben. Erzählt wird aus der Perspektive des Schwarzhändlers Holger-Heinz Lehmann, der nach erfolgreicher Karriere als Schwarzhändler bei dem Versuch, Sahne für das Frühstück auf dem Schwarzmarkt zu erstehen, bei einer Razzia ertappt und ins Gefängnis gesteckt wird. Von dort gelingt es ihm jedoch, seine vorhandenen Verbindungen zu nutzen und seine Geschäfte weiterzuführen, ja nicht nur dies, sogar "Ehren-Insasse des Untersuchungsgefängnisses auf Lebenszeit" zu werden (S. 98) und in weiterer Folge eine Anerkennung seiner Verhaftung als Irrtum zu erhalten.

     In der Erzählung gelingt es Siegfried Lenz mit Humor und Ironie den Schwarzmarkt in schelmenhafter Manier als attraktive Institution der Vergangenheit zu beschreiben. Schattenseiten der Gefährdung werden, der Intention der Erzählung nach, eher außer Acht gelassen. Wurden etwa Studenten, die sich ihr Überleben auch mit Schwarzhandel zu sichern suchten, bei einer Razzia mit Alliiertengut (z. B. Zigaretten) erwischt, so verloren sie in der Folge ihren Studienplatz. Dennoch vermittelt die rosige Beschreibung durch die Brille Lehmanns aus sicherer zeitlicher Distanz die Atmosphäre einer Zeit, die wohl nur im Nachhinein als romantisch erlebt werden kann, aber dem Leser in humorvoll leichter wie auch spannender und vergnüglicher Form die alltäglichen Probleme der Nachkriegszeit nahe bringt. Dabei garniert der sich literarisch gebildet gebende Erzähler seine Biographie des Erfolgs auch mit den Zitaten von Dichtern und Literaten, die zum Erweis der Bildung des Erzählers dienen wie auch entsprechende Situationen auf den Punkt bringen.

Einprägsam sind auch die Beschreibungen der Beobachtungen des Erzählers, so die erste Begegnung Lehmanns mit dem schwarzen Markt:

"Die Straße war still, ohne Verkehr. Nirgendwo ein Stand, eine Marktbude; nur Männer und Frauen, die – und das mutete einen Fremden zunächst rätselhaft an – auf und ab schlenderten, gelassen nach außen hin, wenn auch eine versteckte Wachsamkeit in ihren Gesichtern lag. Sie gingen vorbei, ohne einander anzusehen, mit vorgegebener Gleichgültigkeit. Niemand ging in Eile. [...] Und wie erfolgte der Handel? Aufmerksam ging ich weiter, und dann, ja, dann merkte ich es: ich hörte die Vorübergehenden leise sprechen, es klang wie Selbstgespräche, so dass ich an Kinder denken mußte, die, wenn man sie zum Einkaufen schickt, unaufhörlich wiederholen, was sie mitbringen sollen: einen Liter Milch, einen Liter Milch [...]" (S.18f.)

Die Lust am Schwarzhandel führt den Erzähler zwar nicht in galante Abenteuer, jedoch in komische Situationen. So bringt die Besorgung von ausreichendem Schnaps für eine Siegesfeier der Alliierten den begabten Schwarzhändler Lehmann in eine delikate Situation. Wohl gelingt es ihm die 500 Flaschen des erwünschten Getränkes zu liefern, das kreativ aus dem Naturkundemuseum besorgt wird, wo Tiere wie Reptilien und Frösche von ihrer konservierenden Alkoholumhüllung befreit werden, die vergnüglicheren Zwecken zugeführt werden soll. Als man bei der Feier Lehmann zu seiner Glanzleistung gratuliert, diese Menge an Alkohol zustandegebracht zu haben, bietet man auch ihm von seinem vortrefflichen Schnaps an: "ich sah schaudernd in mein Glas, in dem eine braune, flockige Flüssigkeit schwappte. Was sollte, was konnte ich tun? Ich trank, trank mit geschlossenen Augen. Und der Schnaps [...] schmeckte wirklich vortrefflich." (S.36f.)

     Das kleine vergnügliche Büchlein, das manche ernste Dinge mit Heiterkeit sichtbar macht, hat wohl Siegfried Lenz nicht zufällig in den 60er Jahren in die Öffentlichkeit gebracht, in eine Zeit, in der schon die ersten Anzeichen einer Wohlstandsgesellschaft zu bemerken waren und in der sich eine Saturiertheit, Langweile und ein allzu großes Gefühl der Sicherheit noch vor dem Schrecken der späteren Jahre dieses Jahrzehnts breit machten.

Dem entgegen setzt Siegfried Lenz den Titelhelden, der in Unsicherheit und Ungewissheit die größte Kreativität, Phantasie und damit sein Künstlertum entfaltet, worin er selbst zum Bild für den Dichter werden kann. Doch nicht nur dies. Im Spiegel der Erzählung dieses Schwarzmarktkünstlers zeigt sich der Gegensatz von Einst und Jetzt. Es bedarf – so dürfen wir wohl dankbar denken – im Normalfall keiner Gedankenakrobatik, zeitraubender Suche und Ängste vor der Polizei mehr, um an bestimmte Nahrungsmittel etc. zu gelangen. Gleichzeitig ist es jedoch auch möglich, dass eben dieses Überangebot an Nahrung und Gütern nicht Kreativität in uns stimuliert, sondern im Gegenteil diese auch ersticken und lähmen kann und die Besinnung auf wirklich existentielle Dinge und Bedürfnisse verloren geht. Wohlstand kann somit auch Verarmung bedeuten.

     Die Erzählung ist jedoch zugleich auch ein Lobgesang auf den Menschen schlechthin und die Möglichkeiten seiner Kreativität, der in bedrängten Situationen ungeahnte Potentiale entwickeln kann, wie auch Lehmann bewusst wird:

"Die schöpferische Initiative im kleinen war nie größer als damals, und wie oft wurde aus einem gemeinhin lethargischen Menschen ein regelrechter Beschaffungskünstler – was sich eigentlich nur mit Sophokles erklären läßt, der ja festgestellt hat: 'Das Unheimlichste aber ist der Mensch' " (S.47)

 


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