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Manipulierte Bilder

Kriegsfotografen, die es verdienen, dass man ihnen traut, müssen unparteiisch und
der Wahrheit verpflichtet sein. Zumindest müssen sie sich darum bemühen.

Von Hans Durrer
(20. 09. 2006)




(c) Blazenka Kostolna

Hans Durrer
geboren 1953 in Grabs (Schweiz), studierte Rechtswissenschaften
(Basel), Journalistik (Cardiff) und
angewandte Linguistik (Darwin);
schreibt vorwiegend über
Medien und Fotografie.

Homepage

www.hansdurrer.com

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"Die Bilder auf unseren Seiten, die vorgeben die Wirklichkeit darzustellen, müssen in jeder Beziehung authentisch sein."

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In aller Regel lässt uns erst der Nachweis, dass wir getäuscht worden sind, die Echtheit eines Fotos anzweifeln.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Denn wir können nur er-kennen, was wir kennen, können nur 'sehen', was wir wissen, und sind deshalb in höchstem Maße darauf angewiesen, dass wir uns auf die Informationen, die uns vermittelt werden, verlassen können.

 

 

 

 

 

 

 

 

Ist faire Berichterstattung in einem Krieg überhaupt möglich?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wir interessieren uns für das, was gerade im Libanon und nicht für das, was im Kopf des Fotografen passiert. Zeigen soll er uns, was seine Augen gesehen haben.

    Beirut war gerade von israelischen Kampfflugzeugen bombardiert worden, Rauchwolken stiegen aus den Trümmern auf. Der Fotograf Adnan Hajj, ein freier Mitarbeiter der Agentur Reuters, hielt die Szene mit seiner Kamera fest. Da ihm das Foto nicht dramatisch genug wiedergab, was es seiner Meinung nach hätte tun sollen den Eindruck von einer brennenden Stadt zu vermitteln half er nach, mit Adobe Photoshop, und verdunkelte kurzerhand die aus den Trümmern aufsteigenden Rauchschwaden.

Kurz darauf kamen weitere Bilder desselben Fotografen zum Vorschein, von denen vermutet wurde, dass sie ebenfalls manipuliert worden waren. Diese Fotos, die er direkt an der Redaktion vorbei in die Reuters Datenbank hatte laden können, wurden von der Agentur weltweit angeboten. Dass es sich dabei um gefälschte Fotos handelte, wurde jedoch nicht von Foto-Redakteuren, sondern von Bloggern publik gemacht. Hatten also Foto-Redakteure die Fälschungen gar nicht erkannt oder fanden sie diese, wenn sie sie als solche wahrgenommen hatten, etwa nicht weiter bedenklich, weil ja an Fotos "herumzumachen" so recht eigentlich Teil ihrer Arbeit ist?

    Aufgabe der Pressefotografie ist, uns die Welt zu zeigen, wie sie sich dem Kameraauge präsentiert hat: unmittelbar und direkt. Dass dabei zehn Fotografen ein und dieselbe Szene wohl auf zehn verschiedene Arten darstellen werden, versteht sich, doch als Kriterium sollte gelten, ein wahrheitsgetreues und ungeschöntes Bild der Wirklichkeit zu vermitteln. "We work in terms of reality, not of fiction, and must therefore 'discover," not fabricate" hat Henri Cartier-Bresson, einer der Altmeister der dokumentarischen Fotografie, geschrieben. Und: "Die Bilder auf unseren Seiten, die vorgeben die Wirklichkeit darzustellen, müssen in jeder Beziehung authentisch sein", verlangen die Richtlinien der New York Times.

So weit, so gut, gegen idealisierende Absichtserklärungen mag man ja wirklich nicht anschreiben, doch wie steht es mit der Realität? Wir wissen, dass Fotos schon immer manipuliert worden sind, sei es, dass man im Nachhinein daran "herumgedoktert" hat, sei es, dass man die Szenerie vor der  Kamera "gestellt" hat. Der technologische Fortschritt hat es nun mit sich gebracht, dass man solche Manipulationen immer besser verstecken kann (und weil man es kann, es wohl auch gelegentlich tut) und es entbehrt nicht der Ironie, dass je mehr die Technologie voranschreitet, desto weniger wir ihr vertrauen können.
Eine horizontale Aufnahme in eine vertikale umwandeln, damit sie aufs Cover passt
welcher Foto-Redakteur hätte dies oder Ähnliches nicht schon mal gemacht? Und überhaupt: was soll denn da schon dabei sein?

    Nun ja, es kommt, wie immer, drauf an: im Bereich der Werbung spielt solches Tun sicher keine Rolle, denn von Werbung erwartet niemand, dass sie aufrichtig ist (es soll jedoch nicht ausgeschlossen werden, dass 'aufrichtiges Informieren' Bestandteil erfolgreichen Werbens sein kann), im Bereich der Nachrichten und der Dokumentation hingegen geht dies nicht an, denn da geht es um die Abbildung der Wirklichkeit: wir wollen darauf vertrauen können, dass die Fotos, die man uns vorlegt, zeigen, was der Fotograf vor Ort gesehen und mit seiner Kamera eingefangen hat. Unsere Erwartungshaltung ist denn auch so, dass wir grundsätzlich annehmen, dass das, was uns präsentiert wird, zum Zeitpunkt der Aufnahme sich so der Kamera dargeboten hat. In aller Regel lässt uns erst der Nachweis, dass wir getäuscht worden sind, die Echtheit eines Fotos anzweifeln.

Zudem: auch der Foto-Redakteur muss darauf vertrauen können, dass ihm der Fotograf vor Ort wahrhaftige Bilder liefert. Peter Howe, viele Jahre beim renommierten 'Life', hat es einmal so formuliert: "If you've got a photographer who is sending you a series of electronic impulses which as editor you bring up on the screen of your electronic workstation, and it is showing a massacre in Burma – there is absolutely no way you know whether that massacre took place."

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    Kriegsfotografen, die es verdienen, dass man ihnen traut, müssen unparteiisch und der Wahrheit verpflichtet sein. Zumindest müssen sie sich darum bemühen. Davon war Adnan Hajj offenbar weit entfernt. Doch nicht nur er.

Kaum war die Meldung über die gefälschten Bilder aus Beirut an die Öffentlichkeit gelangt, erhielten Verdachtsmomente, die bei der Bombardierung von Kana durch die israelische Luftwaffe laut geworden waren, neue Nahrung.  28 Zivilisten, die meisten davon Kinder, kamen damals ums Leben. Fotos, die zeigen, wie Helfer die toten Körper der Kleinen wegtrugen, waren um die Welt gegangen und hatten Mitgefühl hervorgerufen. Jetzt aber fragte man sich von Neuem, ob diese Aufnahmen gestellt worden sein könnten. Und wie das so ist: fängt man einmal an Fragen zu stellen, kommen immer neue dazu: da gab es doch dieses Bild (von Issam Kobeisi/Reuters) einer schwarz gekleideten Frau, die, wie uns die Bildlegende vom 22. Juli 2006 berichtet, die Zerstörung ihres Appartements im südlichen Beirut beklagt, und dann dieses andere Bild (von Hussein Malla/AP) derselben Frau, das, so die Bildlegende, eine Libanesin zeigt, die am 5. August, nach den nächtlichen Bombenangriffen der Israelischen Luftwaffe, ihr zerstörtes Haus in einem Beiruter Vorort besichtigt.

     Wohlverstanden: das ist nicht, was uns diese Fotos zeigen, das ist, was uns die Bildlegenden sagen, dass wir 'sehen' sollen. Was wir sehen, und zwar auf beiden Aufnahmen, ist dies: eine schwarz gekleidete, klagende Frau vor jeweils verschiedenen zertrümmerten Gebäuden. Würden diese Bildlegenden sagen, dass die Frau gerade vom Tod ihres Mannes erfahren hat, würden wir genau dies 'sehen' beziehungsweise uns vorstellen. Denn wir können nur er-kennen, was wir kennen, können nur 'sehen', was wir wissen, und sind deshalb in höchstem Maße darauf angewiesen, dass wir uns auf die Informationen, die uns vermittelt werden, verlassen können. Das weiß auch Reuters (als Agentur, die mit dem Zur-Verfügung-Stellen von Finanzinformationen, wo die Verlässlichkeit das A und O ist, begonnen hat, weiss sie das ganz besonders umso erstaunlicher, dass es hier offenbar überhaupt keine Kontrolle gab), weshalb sie auch den Fotografen Adnan Hajj fristlos entlassen und seine Fotos von ihrer Datenbank entfernt hat.

Zu meinen, damit sei das Problem gelöst, wäre jedoch verfehlt, denn hier geht es um weit mehr als um ein paar bearbeitete Bilder, hier es geht um die Frage, ob faire Berichterstattung in einem Krieg überhaupt möglich ist. Nicht umsonst sagt man, dass das erste Opfer in jedem Krieg die Wahrheit sei (obwohl, wäre das wirklich so wahr, wir wohl im zivilen Leben dezidiert wahrheitsfroher wären), denn nirgendwo geht es erbitterter um Leben und Tod als im Krieg, nirgendwo fällt einem Unparteilichkeit schwerer. Bemühen kann man sich gleichwohl. Wer das nicht mag, sollte wohl besser den Beruf wechseln.

Dass ein libanesischer Fotograf diesen Krieg wohl anders fotografieren wird (und will) als ein israelischer, kann man ohne weiteres nachvollziehen. Und dass arabische Sender (wie CNN berichtet hat) viel brutalere Bilder zeigen als westliche TV-Stationen, wissen wir mittlerweile auch. Das ist PRopaganda (d.h. die größtmögliche Verbreitung der eigenen Sichtweise mit allen Mitteln, also auch der Wahrheit) und die gehört zum Leben, und ganz speziell zum Krieg. Die arabische Seite hat sich bisher besonders im Bereich der Bilder hervorgetan, die israelische Seite praktiziert einen umfassenderen Ansatz (wie Spiegel online berichtete): "Ausgearbeitete Ideen für Reportagen, Busfahrt und Mittagessen inklusive, ausgewählte Experten zu Militärfragen all das kommt von ganz allein. Viele Journalisten nehmen das Angebot gerne an. Tagelang flimmerten die Bilder der Artillerie überall wohl auch, weil die PR-Krieger die Teams stets zum Sonnenuntergang in die Berge schafften. Das Licht am Abend lieben die Kameraleute und Fotografen."

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    Dass im Rahmen der Propaganda dem Krieg der Bilder eine besonders große Bedeutung zukommt, hat vor allem damit zu tun, dass, wenn wir uns erinnern, wir dies häufig mittels Fotos tun
es sind Bilder, die uns bleiben, es sind die mit diesen einhergehenden Emotionen, die uns prägen.

Sicher, digitale Kameras haben das Lügen mit Bildern leichter gemacht. Doch nicht jeder, der die Möglichkeit zu lügen hat, tut es deswegen auch. Entscheidend ist, dass wer im Nachrichtengeschäft die Kamera bedient, dass wer die Bildbearbeitung vornimmt, sich bemüht, uns das zu zeigen, was in der Welt vor sich geht. Wir interessieren uns nämlich für das, was gerade im Libanon und nicht für das, was im Kopf des Fotografen passiert. Zeigen soll er uns, was seine Augen gesehen haben; Gott zu spielen ist in seinem Jobbeschrieb nicht vorgesehen.
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...Die (leicht veränderte) Erstveröffentlichung dieses Artikels erschien in der Frankfurter Rundschau vom 15. August 2006 unter dem Titel "Wir erinnern uns mittels Bildern".


 

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