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Fotos, Labels,
Wahrnehmung und Realität
Über Fotojournalismus
Bilder,
auf denen nicht zu erkennen ist, ob sie die Wirklichkeit
darstellen oder
nur gestellt sind, müssen erklärt werden. In der Praxis bedeutet das,
dass eine "credit line"
(die darüber Auskunft gibt, wer das Bild gemacht hat)
je nachdem "Fotografische
Darstellung von" oder "Fotografische Illustration von"
oder eben "Foto von", lauten
muss und damit dem Betrachter verstehen hilft, was er vor Augen hat.
Von Hans Durrer
Hans Durrer Homepage
The World of Henri
Migrations: Humanity in
Transition. Aperture, 2000.
Depth of Field: Essays on Photographs, Lens
Culture, and Mass Media. University of New Mexico Press,
1998. 186 S. ISBN: 0826318169
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Thomas de Zengotita. "Weil
Fotografien für sich genommen nicht klar Wirklichkeit und Schein trennen
können, ist es gut, soviel wie möglich über das Wie, Wann, Wo, Warum, und
für welchen Zweck sie gemacht wurden, dem Foto mitzugeben." |
Es gehört zu den Eigentümlichkeiten von Fotobüchern (von
Fotoreportern notabene), dass die Bildlegenden, die man darin findet (wenn
es denn überhaupt welche hat), nur selten zu einem besseren Verständnis der
abgebildeten Fotos beitragen. Ganz als ob man sagen wollte: traut euren
Augen, erkundet, was sie euch zeigen, macht euch euer eigenes Bild. Im Klassiker The World of Henri Cartier-Bresson stehen bei den Fotos Ziffern, zu denen Bildlegenden gehören, die sich auf den letzten Seiten des Bandes befinden und lauten "Paris 1932" oder "Mexiko 1934" oder "New York 1964" – das ist so wenig Information (und zudem nicht besonders hilfreich), dass man sie auch hätte weg lassen können. In dem Band finden sich auch Porträts, doch der Betrachter erfährt nicht, wer die Porträtierten sind, es sei denn es handle sich um Berühmtheiten wie Jean-Paul Sartre oder Alberto Giacometti, die man wohl auch so erkannt hätte. Auch der Kontext, in welchem diese Aufnahmen entstanden, wird einem nicht erklärt – für wen machte Cartier-Bresson diese Fotos? Für Reisemagazine? Tageszeitungen? Werbeagenturen? Oder waren es vielleicht Standbilder für einen Film? Wüsste man das, würde man die Fotos mit jeweils anderen Augen betrachten, hätte man die Möglichkeit, zu verstehen, was man wahrnimmt. Oder nehmen wir Sebastiao Salgados Migrations: man blättert den Band durch, guckt auf Bilder, bleibt manchmal hängen, doch da bei den Fotos keine Kommentare stehen, bleibt einem nur, sich vorzustellen, dass diese Abbildungen wohl etwas mit dem Thema des Bandes, der Migration also, zu tun haben müssen. Für diejenigen, denen das zu wenig ist, die mehr wissen wollen, hat der Verlag dem Band eine Broschüre beigegeben, die den Aufnahmen die ihnen zugehörige Geschichte mitliefert. Das ist verdienstvoll, doch weshalb die jeweiligen Erläuterungen zum Bild nicht beim Bild selbst (das sie doch ergänzen sollen), sondern davon separiert zu finden sind, ist schwer verständlich: soll man etwa zuerst rätseln, was man sieht und dann nachschauen, ob es auch stimmt? Die "Grundeinheit des Fotojournalismus", wie Wilson Hicks, der Fotoredaktor bei Life gewesen ist, festgehalten hat, ist "ein Bild mit Worten", denn schließlich geht es bei einem Zeitungsbild nicht in erster Linie um Ästhetik, sondern um Information. Das soll nicht heißen, dass die bildliche Informationsvermittlung nicht ästhetisch sein soll, das soll nur heißen, dass sie im Fotojournalismus nicht im Vordergrund steht. Doch wozu gehören zu einem Bild Worte? Damit man weiß, was das Bild zeigt.
Wir sehen nur, was wir wissen, hat Goethe gesagt.. Bildlegenden, es versteht sich,
können auch manipulierend eingesetzt werden. Ein besonders schönes, weil
harmloses, Beispiel lieferte vor einigen Jahren ein deutscher
Prominentenjäger, der es immer wieder schaffte, mit diversen Berühmtheiten,
abgelichtet zu werden. Eine seiner Bildunterschriften
lautete: Sollten Sie sich gewundert haben, wer der Herr neben mir ist – es
ist der Papst.
***
Doch nicht nur die Bildlegende ist für das Verstehen von
Pressefotos von Bedeutung, auch die sogenannte "credit
line", die darüber Auskunft gibt, wer das Bild gemacht hat und wie, wird
zunehmend wichtiger. Das hat damit zu tun, dass die moderne Technologie es
den Fotografen beziehungsweise den Bildbearbeitern immer leichter macht,
ihre Aufnahmen, und ohne dass dies nachher so ohne weiteres erkennbar wäre,
zu verändern. Anfang Juli dieses Jahres machte
Byron Calame, der "Public Editor" der New York
Times auf folgenden Fall aufmerksam: Im New York Times Magazine
vom 12. Juni war ein Beitrag über Folter erschienen, der mit Fotos
illustriert war; eines von diesen zeigte den Oberkörper eines Mannes von
hinten, seine Handgelenke waren umschlossen von Plastik-Handschellen; ein
roter Fleck rann vom einen Handgelenk über den Handballen zu den Fingern.
Die "credit line" sagte: "Fotografie
von Andres Serrano". Kein Wort davon, dass die Szene gestellt war. Doch war
das nicht offensichtlich? Nein, das war es nicht, und ist es auch weit
weniger oft als professionelle Fotobearbeiter annehmen mögen, denn wie immer
gilt: was dem einen klar, ist es dem andern noch lange nicht. Ein
hilfreiches Kriterium hat letzthin Thomas de Zengotita (in "Mediated:
How the Media Shapes Your World and the Way You Live in It") in diese Art
von Debatte eingeführt: entscheidend sei nicht, ob man, nach genauem
Hinsehen und einigem Nachdenken, imstande sei, Wirkliches von Gestelltem zu
unterscheiden, sondern ob man die Unterscheidung, im Alltag und ganz
automatisch, auch wirklich vornehme. Es kommt also nicht darauf an, ob man
die Unterscheidung machen könnte, sondern ob man sie auch
tatsächlich macht.
Um es mit den Worten von David Travis, dem Kurator für Fotografie am "Art Institute of Chicago" zu sagen: "Weil Fotografien für sich genommen nicht klar Wirklichkeit und Schein trennen können, ist es gut, soviel wie möglich über das Wie, Wann, Wo, Warum, und für welchen Zweck sie gemacht wurden, dem Foto mitzugeben." In der Tat. Schließlich wäre es an der Zeit, dass anerkannte journalistische Grundsätze auch im Fotojournalismus Anwendung fänden.
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Erstveröffentlichung unter dem
Titel "Fotojournalismus", |
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