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Vom Gefühl

Bilder, und ganz besonders Fernsehbilder, haben es so an sich, dass sie an uns
vorbeiflitzen und uns nur selten einmal nachhaltig berühren. Ganz anders Fotos, die uns
zwingen, innezuhalten. Oder eben bewegte Bilder, wenn sie so endlos wiederholt
werden, dass auch sie Empfindungen in uns auslösen.

Von Hans Durrer
(19. 07. 2005)


     Und dieses Buch gefällt Dir wirklich? Chris klingt ungläubig, insistierend, ja aggressiv. Ich wundere mich darüber, doch da ist kein Zweifel, mir hat das Buch gefallen.

Ich beginne zu erklären, dass die Geschichte, die das Buch erzählt, viel mit mir, meinem Leben, meinen Sehnsüchten, zu tun habe, führe aus, dass mir diese Lektüre – zum ersten Mal, nach unzähligen Büchern über diesen Krieg – habe nachvollziehbar machen können, was damals in den Herzen und Köpfen von Vietnamesen vorgegangen sei, und dann füge ich noch hinzu, dass ich in dem Buch auf eine Bemerkung gestoßen sei (und es sind solche Bemerkungen, die mir das Lesen wertvoll machen, und die mir meist bleiben), die Bangkok, wo ich ein paar Jahre gelebt hatte, prägnanter charakterisierten als fast alles, was ich bis dahin gelesen habe – "a city notorious for selling sex as tourism" heißt es da (die deutsche Übersetzung ist um einiges weniger prägnant: "in einer Stadt, die für ihren Sex-Tourismus berüchtigt ist").

    Chris guckt mich fassungslos an. Er findet es unverständlich, wird ungehalten, will nicht glauben, dass ich dieses Buch gut finde, wo wir uns doch bis dahin immer so gut verstanden, uns über die Schule und die anderen Lehrer hier in Chinas Süden einig gewesen waren, und jetzt dies. Endlich sagt er: Denise hat das Buch geschrieben, meine ältere Schwester. Gerade einmal drei Wochen war sie in Vietnam. Und jetzt sagst Du, sie habe Dir die Vietnamesen nachvollziehbar gemacht. Der Hohn in seiner Stimme ist mit Händen zu greifen.

Ja, hat sie, erwidere ich. Die Menschen eines Landes zu erfassen, hat nichts mit der Länge eines Aufenthalts im Land zu tun. Das meiste, was ich, zum Beispiel, in meinen Jahren in Thailand begriffen habe, habe ich in meiner ersten Zeit kapiert. Weil mir da, trunken vor Begeisterung, noch das Banalste (eigentlich vor allem dieses) eine Offenbarung war. Wenn Dich Land und Leute nicht gleich am Anfang packen, den Ärmel reinziehen, kannst Du’s vergessen, denn nie ist die Neugier, die Bereitschaft sich auf Neues einzulassen größer, als wenn alles noch frisch ist.

    Einmal bin ich ein paar Wochen mit einem Amerikaner, einem aufgestellten, lebensfrohen, sympathischen Mann, von Phuket nach Krabi und dann nach Bangkok gereist. Wo auch immer wir hinkamen, hatten wir sofort Kontakt mit Einheimischen. Das lag an Tom, an seiner unkomplizierten und offenen Art. Die Thais haben gerne Spaß, Tom genauso. Die Thais spürten das sofort, sie sprachen auf ihn an, es war die reinste Freude. Tom, da bin ich mir sicher, verstand die Thais instinktiv besser als viele, die Jahre zugebracht haben, um sie zu studieren. Er spürte sie. Und vielleicht spürte ja Deine Schwester die Vietnamesen genauso. Jedenfalls hat sie mir sie spürbar gemacht.

Denise Chongs "The Girl in the Picture" habe ich mir in Bangkok erstanden. Es handelt vom Schicksal Kim Phucs, des kleinen, nackten, vor dem Napalm fliehenden Mädchens, dessen Bild um die Welt gegangen ist. Festgehalten wurde der Anblick des schreienden Mädchens von Nick Ut, einem Fotografen von AP. Auf der Straße nach Thay Ninh ist es gewesen, und Nick Ut hat das Mädchen anschließend ins Spital gebracht.

    Für mich ist dieses Foto immer für den Vietnamkrieg gestanden. Vor Jahren habe ich es aus der Zeitung ausgeschnitten, unter Glas, in einen Rahmen gestellt. Auch heute noch löst es in mir Mitleid, Traurigkeit und das Bedürfnis, dieses Mädchen beschützen zu wollen, aus. Jahre später bin ich selber auf der Straße nach Thay Ninh gestanden, mir schien dies bedeutsam, ein Gefühl war’s, nein, nicht nur, vor allem.

Als ich jetzt über das Leben an dieser Straße las, davon, wie die Familie von Kim Phuc da gelebt, ein Restaurant betrieben hat, ward mir plötzlich ein Alltag lebendig, von dem ich vorher nichts gewusst, der so weit weg war, dass er mich bis dahin gar nie erreicht hatte: doch dieses Mal war er mir nahe, spürte ich ihn.

***

    Bücher, die sich mit der Welt der Fotos auseinandersetzen, gibt es wenige. Ich rede hier nicht von Bildbänden, technischen Anleitungen und dergleichen, ich rede hier von Texten, die Fotos, sollen sie denn verstanden werden, befragen, sie kontextualisieren. Sicher, da gibt es Adams, Barthes, Benjamin, Burgin, Sontag, Szarkowski und andere mehr, doch dass die Bilderwelt, in der wir heutzutage fast ersaufen, kaum ein Nachdenken darüber hervorgebracht hat, müsste eigentlich erstaunen. Dass es das nicht tut, hat damit zu tun, dass uns nicht bewusst ist, dass es getan werden sollte – weil Bilder unser Bewusstsein in weit stärkerem Maße prägen als wir merken.

In der Online-Ausgabe des Spiegel vom 22. Dezember 2003, ließ uns Henryk M. Broder unter dem Titel "Ein Herz für Saddam" an seinem sattsam bekannten (kein Autor, der vorhersehbarer sich äußert) Widerwillen gegen "Gutmenschen" teilhaben:

"Es war eine absurde Vorstellung, die schon wenige Stunden nach der Festnahme Saddams begann. Ulrich Wickert stellte in einem ARD-Spezial die Frage, 'ob diese Bilder die Würde des Menschen verletzen', um sie dann gewunden zu verneinen. Marietta Slomka klagte etwas später in heute über die 'erniedrigende Art der Vorführung', die Saddam zuteil wurde. In der Kulturzeit auf 3sat philosophierte der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter über die Macht der Bilder, die dazu führte, dass viele Zuschauer plötzlich Mitleid mit Saddam fühlten. Mit jeder Stellungnahme verschwand der brutale Massenmörder immer weiter in der Ferne, während der gequälte Mensch immer näher heran rückte, einer, der zuletzt wie eine Ratte in einem Loch leben musste, der erniedrigt und gedemütigt wurde und für den dieselbe Unschuldsvermutung gelten sollte, wie für jeden Ladendieb, dem ein Verfahren droht. Man hätte meinen können, Mutter Teresa wäre beim Schwarzfahren erwischt worden und müsste nun mit einem Schauprozess rechnen, dessen Ausgang in keinem Verhältnis zu Schwere ihrer Tat stehen würde."

     Es ist unvermeidlich, dass ein jeder die Welt auf seine eigene Art und Weise interpretiert. Und diese hängt bekanntlich von den Genen, der Erziehung, der Kultur, den Interessen, den Vorlieben, den Stimmungen etc. ab.

Was ich sah, war dies: wie einem Mann mit dem Aussehen eines Clochards die Haare (suchte man nach Läusen?) und der Mund (litt er an Zahn -, Hals - oder einem andern Weh? Wurde ihm einfach eine Speichelprobe entnommen?) untersucht wurde. Und habe, je öfter ich diese Bilder mir ansah, desto mehr einfach nur noch einen gedemütigten Mann wahrge-nommen – Mitgefühl begann sich (ansatzweise, schließlich habe ich von einigen seiner Greueltaten gehört) einzustellen. Und Wut auf Bush und Konsorten, die mich zwingen wollten, ihre Triumphgefühle (die ich nicht habe) zu teilen.

Herr Broder hat recht: Es "verschwand der brutale Massenmörder immer weiter in der Ferne, während der gequälte Mensch immer näher heran rückte", nur dass dies überhaupt nichts mit den Stellungnahmen von Wickert et al., sondern einzig allein mit diesem ad infinitum wiederholten Ausstrahlen dieser Bilder zu tun hatte.

    Bilder, und ganz besonders Fernsehbilder, haben es nämlich so an sich, dass sie an uns vorbeiflitzen und uns nur selten einmal nachhaltig berühren. Ganz anders Fotos, die uns zwingen, innezuhalten. Oder eben bewegte Bilder, wenn sie so endlos wiederholt werden, dass auch sie Empfindungen in uns auslösen – ob diese nun dem Herrn Broder gefallen oder nicht. Diese Bilder zu zeigen – aufgenommen wurden sie vom amerikanischen Verteidigungsministerium (Verteidigung? Kriegsminis-terium) – war nichts anderes als Propaganda, und die Medien, dessen williger, verlängerter Arm. Erniedrigt man einen Kriegsgefangenen vor der Kamera, und wird einem dieser Vorgang fast ohne Unterbrechung gezeigt, schleichen sich unweigerlich auch Gedanken ein. Unter anderem auch dieser: Ein Sieger, der seinen Gegner öffentlich demütigt, hat weder Stil noch Größe.

Doch noch einmal Broder:

"Wo der eigene moralische Anspruch dermaßen relativiert wird, da ist auch ein 'Diktator wie Saddam Hussein' nur ein relativer Schurke. Während Exiliraker wie der Schriftsteller Hussain Al-Mozany von einer 'Katastrophe apokalyptischen Ausmaßes' sprechen, die eine 'aktive, multifunktionale Mordmaschinerie' im Irak hinterlassen hat, spricht der Kanzler nur von einem Regenten 'der mit anderen in übelster Weise umgegangen ist', als würde es sich um einen Familienvater handeln, der im Suff seine Familie schikaniert hat. Und während die Iraker ihre Toten ausgraben, um sich von ihnen zu verabschieden, gilt das Mitgefühl der Guten einem Massenmörder, der nicht mehr morden darf. Was sind schon die Leiden der Getöteten und Gefolterten gegen die Demütigung Saddams, der eine Speichelprobe abgeben musste und dabei gefilmt wurde?"

Dass es gilt, die Proportionen zu wahren, klar, damit hat der Mann recht. Nur tut er es selber nicht. Um bei den Bildern zu bleiben. Die Macht der Bilder hat, wie der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter meinte, tatsächlich dazu geführt, dass viele Zuschauer plötzlich Mitleid mit Saddam fühlten – mir selber ist es ja auch so ergangen. Es hat mich irritiert, doch es war so. Doch ich empfand noch andere Gefühle. Ich spürte auch, dass ich zu einem Propaganda-Objekt gemacht werden sollte, und in mir regte sich Widerstand.

***

"Wir müssen wieder dahin zurückkehren, einfache Erfahrung zu sortieren, wie ein guter Hausvater dies tut" sagte Alexander Kluge kürzlich in der Zeit, die zurückfragte: "Geben wir also ein neues Motto aus, einen neuen Richtungssinn: Sentire Aude?" Darauf Kluge:

"Wage es, dich einzufühlen. Wage die Empathie. Ja, das ist der Kernpunkt. Und man könnte jetzt statt wagen auch sagen, beobachte, merke, dass du sie längst hast. Denn eine Grundströmung in den Menschen ist dieses unbestechliche Empfinden, dass Elend in der Welt in Wirklichkeit in unserem emotionalen Grundwasserspiegel vorkommt. Darin sind wir ahnungsvolle Wesen."

Nicht dass wir etwa deswegen das Sapere Aude, das wir überhaupt erst noch zu lernen hätten, vernachlässigen sollten. Doch ohne das Sentire Aude fehlt das Wesentliche, fehlt die Grundlage. Denn wo kein intelligentes Fühlen, da gibt es auch kein intelligentes Denken, vom entsprechenden Handeln ganz zu schweigen.
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