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Kleist & die Journalistik

"Die Journalistik ist die Kunst, das Volk glauben zu machen, was die Regierung für gut
findet", schrieb Heinrich von Kleist um das Jahr 1800. Sätze wie diese sind
auch heute noch von höchster Aktualität.

Von Hans Durrer
(07. 02. 2005)


    Hat man höhere Schulen besucht, weiß man für den Rest seines Lebens, dass unbedachte Äußerungen einen in Teufels Küche bringen können. Schließlich verbringt man in solchen Anstalten Jahre damit, zu lernen, nur Dinge zu behaupten, die man auch belegen kann und das tut man in der Regel, indem man Autoren zitiert, die das, was man sagen will, auch schon einmal gesagt haben.

Wenn ich nun also hier von einer Schrift von Heinrich von Kleist zu berichten mich anschicke, und zwar ohne die einschlägige Sekundärliteratur konsultiert zu haben, so gehe ich damit ein nicht geringes Risiko ein (dass zwei Kleist-Experten mich der Ignoranz zeihen!), denn weder habe ich Germanistik studiert (und bin so recht eigentlich schon deshalb sachlich disqualifiziert, mich über eine solch anerkannte Größe wie Kleist zu äußern), noch habe ich von Kleist mehr in Erinnerung als was man halt im Gymnasium so gehört hat.

Eines dieser Bücher aus dem Gymnasium (Über das Marionettentheater und andere Schriften) ist mir nun letzthin in die Hände gefallen (genauer: ich habe es aus dem Regal genommen). Beim Blättern darin stieß ich auch auf das 'Lehrbuch der französischen Journalistik' und las mich fest.

Unter dem Titel 'Einleitung' steht da unter dem § 1 zu lesen:

"Die Journalistik überhaupt ist die treuherzige und unverfängliche Kunst, das Volk von dem zu unterrichten, was in der Welt vorfällt. Sie ist eine gänzliche Privatsache, und alle Zwecke der Regierung, sie mögen heißen, wie man wolle, sei ihr fremd. ..."

Unter dem Titel 'Erklärung' folgt dann unter § 2 dies: "Die französische Journalistik ist die Kunst, das Volk glauben zu machen, was die Regierung für gut findet." Und unter § 4 dies:

"Ihr Zweck ist, die Regierung über allen Wechsel der Begebenheiten hinaus sicherzustellen, und die Gemüter, allen Lockungen des Augenblicks zum Trotz, in schweigender Unterwürfigkeit unter das Joch derselben niederzuhalten."

Der nächste Titel heißt dann 'Die zwei obersten Grundsätze', und diese besagen, gemäß § 5 "Was das Volk nicht weiss, macht das Volk nicht heiß", gemäss § 6 "Was man dem Volk dreimal sagt, hält das Volk für wahr."

    Mir scheinen Kleists Worte (doch, wie gesagt, ich bin kein Germanist) klar und eindeutig: die Journaille (heute würde man wohl sagen: die Medien – oder wäre dies etwa bereits ein nicht zulässiger Schluss, weil ich die Zeit und die Umstände, in denen der Autor dies zu Papier gebracht, unberücksichtigt gelassen?) ist nichts anderes als die Propaganda-Abteilung (also gut: die Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit – doch was ist der Unterschied?) der jeweiligen Regierung, ein Gedanke, denke ich an den Irak-Krieg, von größter Aktualität (wie sich da, allen voran, die amerikanischen Medien, die sich doch immer so viel auf ihre Unabhängigkeit einbilden, an die Seite ihrer Regierung stellten, war schon eindrücklich) und unbedingt wert, erinnert zu werden.

Doch darf man das, was ich hier gemacht? Also einfach die ersten Sätze (und nicht einmal alle) aus einer Schrift herausnehmen und als Belege für eine schon längst gefasste Meinung heranziehen?

Das tut jeder. Einverstanden, dies rechtfertigt mein Vorgehen noch lange nicht, doch es hat immerhin den Vorteil, dass ich offen lege, was ich tue. Und so gehe ich denn (ohne lange zu suchen, fast wie zufällig) zum § 23 des Kleist’schen Traktats, wo unter dem Titel 'Aufgabe' steht: "Dem Volk eine schlechte Nachricht überbringen" Die Lösung? "Man schweige davon, bis sich die Umstände geändert haben." Anders gesagt: für Kleist sind die Medien nichts als Propaganda-Instrumente der jeweiligen Regierungen.

    Bilder der Toten aus dem Irak-Krieg? Sieht man fast nirgendwo. Bilder von Särgen amerikanischer Toter, die nach Hause überführt werden? Sieht man fast nirgendwo. Bilder von George W. Bush, der den wegen ihm (und seiner Clique) Gefallenen die letzte Ehre erweist? Wir fragen ja nur ...

Bilder von für eine Regierung guten Nachrichten gibt es hingegen immer: Als Saddam Hussein gefasst wurde (genauer: als uns davon Mitteilung gemacht wurde), stellte das amerikanische Kriegsministerium (das, ganz im Sinne von Orwell, Ministerium für Verteidigung, genannt wird) ein Video her, das den Mann als Kriegstrophäe vorführte und das die elektronischen Medien fast rund um die Uhr ausstrahlten; auch die Bilder von Saddams toten Söhnen, auch hier handelte es sich um das Zurschausstellen von Kriegstrophäen (das gemäß den Genfer Konventionen untersagt ist), gingen um die Welt.

Solches läuft heutzutage unter Journalismus. Es ist nach wie vor, seit Kleists Schrift um 1800, häufig nicht viel mehr als Propaganda.
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