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Die Medien für die Massen

Hat eine Regierung die Mehrheit, hat sie in der Regel auch die Medien auf ihrer
S
eite
die Massenmedien. Dass letztere damit auch dem Massengeschmack zu entsprechen
haben, ist logisch, aber nicht unbedingt schlecht. Nur hat das nichts, aber auch gar nichts mit
dem Selbstverständnis zumindest einiger weniger Medien zu tun, die sich in erster Linie
als demokratische Kontrollinstanz, das heißt, als "Vierte Gewalt" verstehen.

Von Hans Durrer
(28. 03. 2005)



Hans Durrer
geboren 1953 in Grabs (Schweiz), studierte Rechtswissenschaften (Basel), Journalistik (Cardiff) und angewandte Linguistik (Darwin); schreibt vorwiegend über Medien und Fotografie.

Homepage

www.hansdurrer.com

 

 

 

     Am Sonntagabend, dem 7. Dezember 2003, sieben Uhr mittel-europäischer Zeit, geschah unter anderem dies: Der Fernsehmoderator Wolf Blitzer kündigt auf CNN ein Gespräch mit Andrew Card, dem Stabschef von George W. Bush an. Gefragt soll der Mann werden, ob die Präsidentschaft seines Chefs bisher erfolgreich gewesen sei. Schwer vorstellbar, dass der Herr Card darauf eine negative Antwort geben wird.

Massenvernichtungswaffen seien bisher ja keine gefunden worden, ob es denn da Fortschritte gebe?, beginnt Herr Blitzer das Stichwortgeben, worauf Herr Card ausführt, dass dieser Saddam Hussein ein ganz schlimmer Diktator ... das Übliche also. Vor ein paar Wochen noch hätte ich wohl weitergeguckt, mich in Rage versetzen lassen, heute drehe ich den Fernseher ab.

    Als bei den vorletzten amerikanischen Präsidentschaftswahlen der Unternehmer Ross Perot sich zur Wahl stellte, wurde er auch vom amerikanischen Biolek (der einmal im ORF mit "Prof. Dr. Alfred Biolek, Kochbuch-Autor" – so die Einblendung – vorgestellt wurde), Larry King, befragt. Larry stellte Ross die üblichen Fragen, auf die Ross alles andere als gemeinhin üblich antwortete. Ich meine hier nicht, was er sagte, sondern wie (und dies ist schließlich medial entscheidend) er das tat: bei jeder Antwort drehte er sich von Larry weg und zur Kamera hin und sprach direkt in diese hinein. Der Mann war nicht zu einem dieser Pseudo-Gespräche ins Studio gekommen, er war gekommen, um eine Ansprache zu halten. Und das tat er auch. Mit einzigartiger Unverfrorenheit wurde das Medium auf seinen Platz verwiesen.

 

 

 

Der Irak-Krieg, meinte John Le Carré, sei von einer Clique kriegshungriger jüdisch-christlicher geopolitischer Fantasten angezettelt worden "who hijacked the media" ... Wirklich?

Am Tag nun, an dem Herr Card dem Herrn Blitzer auf keine seiner Fragen eine Antwort gibt (und der Herr Blitzer sich das gefallen lässt, weil er sonst nie mehr einem Politiker Stichworte geben darf), wird der Schriftsteller John Le Carré im Londoner Guardian zitiert: Der Irak-Krieg sei von einer Clique kriegshungriger jüdisch-christlicher geopolitischer Fantasten angezettelt worden "who hijacked the media" ... Wirklich? Das war doch gar nicht nötig. Die Medien haben da völlig freiwillig mitgemacht. Gemeint sind die amerikanischen. Doch auch in Europa haben die nationalen Medien ihre jeweiligen Regierungen unterstützt.

     Wer in dem politischen System, das man Demokratie zu nennen sich angewöhnt hat (und wo sich die Herrschaft des Volkes, trotz des Anspruchs, dem Laien nicht recht erschließen mag) regieren will, braucht Mehrheiten. Wahlbetrug, das hat sich so eingebürgert, muss sich in vertretbaren Grenzen halten (und er tut es, so vermuten wir, wohl auch). Hat eine Regierung die Mehrheit, hat sie in der Regel auch die Medien auf ihrer Seite. Es versteht sich: gemeint sind die Medien für die Massen, die Massenmedien.

 

 

 

 

 

"Ich habe den Satz von Peter Turrini 'Man kann nur etwas über die Welt erfahren, wenn man wenig Zeitung liest' in der Zeitung gelesen und werde also auch weiterhin Zeitung lesen müssen..."

Nicht dass sich die Vertreter dieser Medien als typische und ausgesprochen durchschnittliche Repräsentanten des allgemeinen Volksempfindens verstehen würden, doch je stärker sie dies sind, desto mehr Konsumenten werden sich mit ihren Ansichten und Meinungen identifizieren können. Anders gesagt: Massenmedien richten sich an die Massen und haben, logischerweise, dem Geschmack dieser Massen, dem Massengeschmack, zu entsprechen. Und genau das tun sie auch.

Ist das schlecht? Ist es nicht, natürlich nicht, wieso sollte es auch? Nur hat es nichts, aber auch gar nichts mit dem Selbstverständnis der Medien (zumindest einiger) zu tun, die sich da als "Vierte Gewalt" verstehen.

     Und Ausnahmen, gibt es die nicht? Klar doch. Und zwischen den Zeilen, da findet man sie auch immer wieder. Schliesslich habe ich den Satz von Peter Turrini "Man kann nur etwas über die Welt erfahren, wenn man wenig Zeitung liest" in der Zeitung gelesen und werde also auch weiterhin Zeitung lesen müssen, weil mir sonst solche Sätze entgehen. Aber auch, weil ich sonst zu erfahren verpasse, auf was für einem Niveau die Welt regiert wird: Als der spanische Ministerpräsident Zapatero telefonisch dem Herrn Bush zur gewonnenen Wahl gratulieren wollte/musste, wurde er nicht durchgestellt. Dafür wurde Herr Aznar, Zapateros Vorgänger, der sich in Washington mit der Unterstützung des Irak-Kriegs beliebt gemacht hat und deshalb jetzt dort unterrichten darf, von Bush zu einem vierzigminütigen Gespräch empfangen, wie in der Zeit online zu lesen war. Ob vierzig Minuten bei Bush wirklich so toll sind, ist natürlich eine andere Frage.

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