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Ein großer Journalist

Nachruf auf Ernst Müller-Meiningen jr.
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M.-M.jr., wie seine Beiträge gezeichnet waren, arbeitete von 1946 bis 1979 in
der Redaktion der Süddeutschen Zeitung. In mehr als 4000 Leitartikeln, Glossen und
Kommentaren setzte er sich für einen humanen und liberalen Rechtsstaat ein.

Von Hans Durrer
(01. 08. 2006)


    Als im April dieses Jahres der Journalist und promovierte Jurist Ernst Müller-Meiningen jr., der in der NS-Zeit aus politischen Gründen nicht als Anwalt tätig sein durfte, im Alter von 97 Jahren in München starb, wurde sein Wirken vom Bundesvorsitzenden des Deutschen Journalisten Verbandes, Michael Konken, treffend so gewürdigt: "Unabhängigkeit, Engagement und journalistisches Gespür prägten seine Arbeit. Durchdacht, nicht selten unbequem und von hoher journalistischer Qualität waren seine zahlreichen Kommentare."

Ernst Müller-Meiningen, der "Junior", wie er von seinen Kollegen bis ins hohe Alter genannt wurde – sein Vater war Bayerischer Justizminister und Reichtagsabgeordneter gewesen – war in der Tat ein unabhängiger Geist, allergisch gegen Unrecht in jeder Gestalt, einer der, wie es Herbert Riehl-Heyse einmal auf den Punkt gebracht hat, "lieber die Schreibmaschine aus dem Fenster werfen als sich zum Hofsänger verbiegen lassen würde".

M.-M.jr., wie seine Beiträge gezeichnet waren, arbeitete von 1946 bis 1979 in der Redaktion der Süddeutschen Zeitung. In mehr als 4000 Leitartikeln, Glossen und Kommentaren setzte er sich für einen humanen und liberalen Rechtsstaat ein. Und das las sich dann so:

"Vaterlandsliebe: Liebe zum Land der Väter, das sollte der heute der Menschheit schier aus dem Bewusstsein geratene Sinn des Wortes sein. Welch inniger Gemütsaffekt liegt in den Worten 'Liebe' und 'Land der Väter’, aber auch welch konkrete Bezogenheit der Empfindung. Frage nun: Vermag überhaupt ein altbayerischer Bauer die märkische Heide oder ein friesischer Fischer das westfälische Industrierevier als 'Land der Väter’ wahrhaft zu lieben? (Die Frage ließe sich beliebig auf alle größeren modernen Nationen abwandeln!) Gewiss, man kann die Gegebenheit eines nationalen Zusammenschlusses, bedingt durch historische, geographische, sprachliche, wirtschaftliche und sonstige Umstände, bejahen, eine sehr positive Haltung zu ihr einnehmen und in ihrem Dienst ausgeprägtes staatsbürgerliches Zusammengehörigkeitsgefühl entwickeln, jedoch: Die Vaterländer und die Vaterlandsliebe sind heute nach ihrer ebenso folgerichtigen wie allgemeinen und heillosen Entartung in den mörderischen Abgründen eines barbarischen Nationalismus einer grundlegenden geistigen Revision und, das sei ausgesprochen: geistigen Abwertung bedürftig (...)
Wir Deutsche aber, denen der Nationalismus die bittersten Wunden geschlagen hat, wir, die wir bar jeglicher Macht geworden sind, könnten heute als Einzelwesen und Volk reif werden für einen entscheidenden Schritt. Wir konnten aus der Not der Wehrlosigkeit die Tugend der Friedfertigkeit werden lassen. Das Mittel hieße: Verweigerung jeglichen Kriegsdienstes. Auch für Amerika und Russland." (Gehorsam dem Vaterland?, 1947)

"Dem überzeugten Zivilisten läuft eine Gänsehaut über den ungedrillten Privatmanns-Buckel, wenn er in diesen Tagen die anschaulichen Wort- und Bildberichte über die ersten einrückenden bundesdeutschen Soldaten in Illustrierten, Zeitungen und Wochenschauen zur Kenntnis nimmt. Er empfindet nichts als Trauer, dass es schon wieder soweit ist. (...) Nehmen wir, bitte, das Soldatensein so ernst und sachlich, wie es ist: als einen Beruf, der von der National-Staatlichkeit offenbar immer noch nicht wegzudenken ist, ein Beruf, im Frieden glanzlos und im Kriege furchtbar." (Neue Soldaten in alten Kasernen, 1956)

"Sie sind wieder recht auf Draht, die Totenvögel. Sie spielen auf der Klaviatur des Rechtsstaats so, als ob für sie der Rechtsstaat seit eh und je eine Selbstverständlichkeit gewesen wäre. Adolf Eichmann will seine Richter und die Welt glauben machen, er sei nichts anderes gewesen als eine Art korrekter Bahnbeamter, der seine ebenso korrekten Ausschwitz-Fahrpläne gebastelt hat, und selbst das nur auf Befehl. Auf Befehl und in 'Befehlsnotstand’ wollen auch seine gestern in München abgeurteilten einstigen SS-Kollegen Bradfisch und Schulz Tausende unschuldiger Menschen hingemetzelt haben. 'Soldat und brav’.
...Die Unverschämtheit, mit der diese grössenwahnsinnigen Kleinbürger und Herrenmenschen uns heute weismachen wollen, sie hätten damals leider morden 'müssen’, ist nicht zu überbieten. In Wahrheit war eine Mordaktion solch ungeheuerlichen Ausmaßes nur möglich mit einer breiten Spitze willfähriger Durchführungs-Fanatiker. Von Eichmann bis Bradfisch." (Die große Ausrede, 1961).

    Ganz besonders am Herzen lag M.-M.jr. die Pressefreiheit. Zeugnis davon gibt nicht zuletzt sein Buch "Orden, Spießer, Pfeffersäcke", das 1989 im Schweizer Verlagshaus in Zürich erschienen ist und das besonders kritisch mit den Eignern der Süddeutschen Zeitung (SZ) ins Gericht geht, so kritisch jedenfalls, dass eine damals von der SZ-Redaktion beim Juristen und Zeit-Mitarbeiter Hanno Kühnert in Auftrag gegebene, positive Besprechung nicht gedruckt wurde.

Bei "Orden, Spießer, Pfeffersäcke" handelt es übrigens nicht um Memoiren – "Memoiren hab i fei net gschriebn, Memoiren schreibt ja heut jedes Rindvieh, und sollt i au a Rindvieh sein, dann auf jeden Fall keins, das Memoiren schreibt", so der Autor zu dem ihn befragenden Redakteur anlässlich eines Interviews beim Fernsehsender Tele 5 –, es handelt, einerseits, von der Lizenzen-Vergabe im Bereich der Presse nach Kriegsende und hat damit auch wesentlich die Nachkriegsjahre der Süddeutschen Zeitung zum Thema, und andrerseits von den persönlichen Reminiszenzen eines Mannes, der mit viel Verstand und Humor seine Zeit und einige seiner Zeitgenossen (von F.J. Strauss zu Richard Strauss) kommentierte:

"Man kann am Einzelfall der 'Süddeutschen Zeitung' illustrieren, welch kleinkarierter Gebrauch leider von jener schnellen Zufallsgründung vielfach gemacht wurde, die alsbald von den Begünstigten und ihren Erben als gleichsam gottgewollt empfunden und oft wenig gottgewollt genutzt wurde."
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Ursula von Kardorff wäre überhaupt ein Kapitel für sich. Lebensneugier, Beobachtungsgabe, glückliche Naivität. Kontakt- und Festfröhlichkeit, ein Herz für alle Mühseligen und Beladenen. Feindin allen Ungeists, das sind nur ein paar markante Wesenszüge. Wenige Tage vor ihrem Tod fragte sie mich am Telefon: "Glaubst du an Gott?" Als eine Art Agnostiker, der freilich keine Einwände gegen die christliche Ethik hat, antwortet ich schlicht: "Nein." Darauf ihre, da es immerhin um Gott ging, köstliche Antwort: "Gott sei Dank".

    Im Vorwort zu seinem ebenfalls in der Schweiz erschienenen Buch (bei Helbing & Lichtenhahn in Basel, vergriffen) "Das Jahr Tausendundeins", das hauptsächlich eine Auswahl von Artikeln zu Problemen der Justiz, der Presse "oder im weitesten Sinne von dem, was als 'Vergangenheitsbewältigung' teils moniert, teils diffamiert" darstellt, hält er fest: "Und es findet sich auch dieses oder jenes Kuriosum der Zeit, vom Autor eingefangen in seiner Neigung zu Scherz, Satire, Ironie und, wie er hofft, zu einem Quentchen Humor." Mehr als ein Quentchen, viel mehr. Um dies zu illustrieren, zitiert man ihn am besten selber.

Wen der Berg nicht ruft

"Die Bergsteiger sind zu 99 Prozent Scheuklappendenker." Dieses markige Wort stammt vom, wie es heißt, gegenwärtig weltbesten Bergsteiger Reinhold Messner. Und dem guten alten Luis Trenker sagt er auch gleich, was er, Messner, in gar keinem Fall sein will: "Vor allem kein Luis Trenker." Er weiß auch warum: "Mich ruft der Berg nicht, ich habe auch nie den Berg rufen hören." Was ruft den Messner dann? "Einfach allgemein das Abenteuer." Und: "Ich bin ein alpiner Anarchist." Ein Berg-Anarcherl.
Nun, die restlichen 99 Prozent Bergsteiger mögen schauen, wo sie bleiben mit ihren schlichten himalajafernen Antrieben, als da etwa sein könnten: Freude an der Natur, Freude aber auch an der Bewältigung von Schwierigkeiten und Gefahren, Tatendrang, Leistungswille, Selbstbestätigung. In Graz hat kürzlich ein Kongress getagt, der sich endlich Rechenschaft geben wollte, was es denn mit dem Bergsteigen und dem Alpinismus auf sich habe. "Das Bergsteigen als edelste Form der Leibesübungen", das extreme Klettern als die "Eroberung des Unnützen" – dies waren ein paar Stichworte. Die Hauptfrage blieb offen.
Reinhold Messner hat bei dieser Gelegenheit Neues propagiert: das "ökologische Klettern". Was will das heißen? Den Verzicht auf das übertechnisierte Sich-Hinaufnageln im extremen Klettersport, statt dessen Bezwingung etwa des Mount Everest ohne Sauerstoffapparat. Das klingt ganz sympathisch, sozusagen "zurück zur Natur" im Geiste von Jean-Jacques Rousseau. Ob darin freilich nicht auch ein kräftiger Schuss von neuem Alpin-Snobismus steckt, wer will das schon sagen? Und was den etwaigen stillen Vorwurf an den Luis Trenker betrifft, Auswertung des Alpin-Ruhms: Messner verkauft sich ja auch nicht schlecht. Der Berg ernährt seinen Mann, auch wenn er nicht ruft.
(1977)

Ferner stiegen ...

Rein alpinistisch gesehen war es eine tolle Leistung: Eine Schweizer Expedition bezwang vorige Woche den höchsten Berg der Welt, und zwar gleich in zwei verschiedenen Seilschaften an zwei aufeinanderfolgenden Tagen. Ganz nebenbei, sozusagen als Gipfel-Zuwaage, erklomm eine weitere Seilschaft, weil man gerade so schön am Gipfelstürmen war, den vierthöchsten Berg der Welt, den immerhin 8545 rechtschaffene Meter hohen Lhotse I (mit Worten: römisch eins).
Sollten freilich, was wir zu ihren Gunsten keineswegs annehmen, die eidgenössischen Recken neben sportlichem und bergsteigerischem Abenteuergeist auch noch einer Portion Ehrgeizes teilhaftig und der Publicity nicht abgeneigt sein, dann allerdings hätten sie ausgesprochen Pech gehabt. Prangte Anno 1953, als der Neuseeländer Hillary mit dem einheimischen Sherpa Tensing den Mount Everest bezwang, auf den Titelseiten der Weltpresse noch die Siegesnachricht, so verkrümelten sich – diese unsere treffliche Zeitung nicht ausgenommen – die Meldungen über jene gehäuften Glanzleistungen der Schweizer irgendwo im hinteren Teil des Blattes auf Seite sowieso unter "Vermischtes" mit 5 bis 19 kärglichen Zeilen. Gewissermassen unter dem Motto: Am Mount Everest nichts Neues.
Brav historisch betrachtet, hatte der gute, alte, dauerhafte Himalaja nur drei tagespublizistisch manierliche Tage: 1950, als der erste der, wenn richtig gezählt wurde, vierzehn Achttausender durch die Franzosen Hertzog und Lachenal bezwungen wurde, die mit teilweise schrecklichen Erfrierungen zurückkamen; 1953, der besagte Triumph von Hillary und Tensing über den dieserhalb nicht sonderlich gehobenen oder zerknirschten Mount Everest als dem höchsten Berg der Welt; und wenige Tage später noch des Deutschen Buhl somnambuler Alleingang über die letzten zwölfhundert Meter auf den Nanga Parbat. Inzwischen wurde die Hälfte jener Vierzehn von menschlichem Höhendrang bewältigt. Aber kein Hahn kräht mehr danach. (Dabei ist übrigens gar nicht einmal gewiss, ob der Mount Everest nicht schon 1924 bezwungen wurde; zuletzt hatte man die Engländer Mallory und Irvine nur wenige hundert Meter unter dem Gipfel gesehen. Dann schloss sich der Nebel, und niemals kamen sie wieder.)
Die Moral von der Geschicht? Sie ist alt und schon fast langweilig: nur die Sensation gilt. Hillary meinte nach vollbrachter Tat: "Interessant ist jetzt eigentlich nur noch der Mount Everest ohne Sauerstoffmaske" Nun, so möchten wir hinzufügen, nachdem auch das geschafft wäre, gäbe es, was Publizität betrifft, noch folgende Varianten: Mount Everest, nackt, auf den Knien, mit dem Hintern zum Berg. Das gäbe schon noch flotte Schlagzeilen.
So aber: Am Mount Everest nichts Neues. Nichts Neues auf dem Planeten. (1956)


 

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