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Ewig laut sei
das Leben
Im Herbst sind AC/DC auf Tournee. "Stiff Upper Lip" heißt ihr
aktuelles Album.
Es klingt so gut wie alle vorangegangen. Die Frage ist: Darf man das überhaupt
sagen?
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Der Zweifel: Muss man erwachsen werden? Bedeutet Älterwerden unabdingbar die Loslösung aus dem Sumpf politischer Inkorrektheit? Besteht ein unmittelbarer Zusammenhang aus Adoleszenz und der Verleugnung alter Leidenschaften? Wird man je seinen ersten Kuss(versuch), Sex(versuch), seine erste, einzige, wahre grosse Liebe vergessen? Bewegt sich das Leben in geschlossenen Kreisen oder in einer immer weiter werdenden Spirale? Muss es gelingen, die Kindheit in der Vorstadt einer Kleinstadt irgendwo am Rand der Welt irgendwann aufzuarbeiten? Muss sich die Lieblingsmusik im Laufe der Jahre verändern? Und schließlich daraus resultierend jene Frage, die alle anderen zusammenfasst: Darf man mit 30 Jahren (und darüber) immer noch sagen:
"Ich steh auf AC/DC!"?
Für alle, die nicht wissen, wovon die Rede ist: Erlösung durch Hard-Rock!
Befreiung durch drei Akkorde! Pubertät immer in höchster Gefahr, das Hörvermögen einzubüßen. Beutel-Rock. Schweine-Rock. Männlichkeit. Geradlinigkeit nicht nur aus Prinzip, sondern auch aus Mangel an anderen Möglichkeiten. 20 Alben (diverse Live-Mitschnitte und Boxes mitgerechnet) seit 1974. Ein Brüderpaar als Gründer. Ein toter Sänger. Rohe Kraft. Für alle die nicht wissen, wie das klingt:
Es klingt hervorragend laut, aufregend einfach. Spitze. Geil.
Die Gewissheit: AC/DC. Ein Kürzel - von vielen, die diverse Schulstufen im Doppelpack absolvierten, gerne als elektrifizierende Materie mit Wechselstrom/Gleichstrom übersetzt - für eine der erfolgreichsten Rockbands überhaupt.
Viervierteltakt als tragende Dauereinrichtung. Die Kunst, aus zwei Akkorden, wenigen Worten und mit noch weniger Klang, den man schwer als Gesang bezeichnen kann (soll?), ganze Alben zu machen.
Gitarrenriffs, die auf ewig gleich bleiben werden (müssen!). Angus und Malcolm Young, Phil Rudd, Cliff Williams und Bon Scott (1980 ersetzt durch den immer noch als neu zu bezeichnenden Sänger Brian Johnson) retteten den Rock'n'Roll vor den Akademikern. Diese hatten in den 70er Jahren begonnen, endgültig das Leben aus den Lenden zu saugen.
Aber die Retter waren da: Die Urahnen Led Zeppelin oder Black Sabbath, die nur zum Ärgern der Eltern nötigen Kiss, die ewig bleibenden Punkpartien. Und AC/DC als einfachster, gemeinsamer Nenner. Genial erhabene Simplizität!
Was hier Musik genannt wird, besteht aus einem Minimum an Ingredienzen. Das barg von jeher die Gefahr, dass das Schaffen, begründet 1974 im australischen Sydney vom schottischstämmigen Brüderpaar Young (ein Nachname wie eine Verpflichtung!), zum Aggressionsabbau verwendet wurde. Egal ob im Auto eines befreundeten Zeitungskollegen oder in der Hölle des nördlichen Innviertels - anders kann die auf Heavy Metal, Hard Rock, Hippie-Zeugs und Alternative spezialisierte Landdisco in Zwickledt nicht bezeichnet werden.Headbanging bis die vom Bier in Wallung gebrachten Gehirnzellen endlich aneinandergestossen sind. Mit der Luftgitarre zwei Songs lang Held im eigenen Hirn zu sein. Tanzbewegung, getarnt als Aneinanderreihung von Ausfallschritten und Knie-Hochziehen im Chuck-Berry-Stil.
Das Minimum an musikalischem Aufwand macht - mit der Distanz von Jahren - aber auch klar, warum das so perfekt funktionierte. Warum AC/DC so unvermeidlich wie unverzichtbar waren. Warum sie genau trafen - und zwar in eine Körpergegend, die es für Mitte/Späte-60er-Jahr-Geborene gerade in der Zeit zu entdecken galt, als AC/DC hierzulande durchbrachen. Nur ein Minimum an Ablenkung durfte sein, um das Finden zu ermöglichen. Weniger ist halt mehr ist einfach, ist zu verstehen. Weil innen drin spielt es ohnehin einen gefühlsmäßigen Napalm-Angriff nach dem anderen. Frühlingserwachen der mittleren Körperregionen, beginnender Jagdtrieb, keine Beute, Peinlichkeit - Sie verstehen! Und was es bei AC/ DC zu verstehen galt, war die geballte Ladung aus Emotion und Körperlichkeit. Nicht mehr.
Das war auch genug, jedenfalls für Burschen, Jungs, werdende Männer.
Die Suche: Sie schrieben die besten Lebensratgeber - für werdende Männer (oder was die Betroffenen darunter verstehen wollten). Als hätten sie unsere geheimen Tagebücher abgeschrieben.
I've got big balls...dirty big balls. Traum(a) vom Mannsein/werden/wollen.
Sin City! Gelobtes, fernes Land.
I'm a Rocker! Jajaja. ... a touch too much... Wird mir nie wieder passieren!
Cause I'm a Problem Child. Im Vorstadt-Dasein schwer, aber möglich.
But most important of all...my lady's got balls. Zumindest die, von der in den Träumen die Rede war.
Dirty Deads Done Dirt Cheap. Eh klar. Trau' dich nur her in unseren Kretzl. Dann wirst schon erleben, wer hier daheim ist: Vorstadt rules!Erfüllung: "No stop signs, speed Limit", heißt es auf immer in "Highway To Hell" (1979). Die AC/DC-Autobahn hat immer noch keine Schlaglöcher. Das neue Album - nach vier Jahren Pause - schenkt uns wieder eine Haltung, die beim Erwachsenwerden ohnehin immer öfter zu kurz kommt. Die AC/DC-Karriere ist ein Weg, auf dem man ewig in einer Richtung dahindonnert. Keine Abzweigung. Die Anzahl der Rasenden bleibt immer gleich. Nur die dabei zusehen, werden mehr, weil immer neue Junge lernen wollen und dazu stoßen und die Altgedienten nicht weggehen wollen. Nur nicht erwachsen werden! So bleiben. Nur noch
diese zwölf Songs lang!
Bernhard Flieher
(Bernhard Flieher ist Redakteur
bei den Salzburger Nachrichten)
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