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Hoffnung rast ins Leere
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Auf "Demolition" macht Country-Rocker Ryan Adams trotz des Molls der Verlorenheit
und stimmlicher Intimität seine Rastlosigkeit spürbar
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The truth is I miss you", singt Ryan Adams in "Cry on Demand". Prägnanter lässt sich Einsamkeit nicht beschreiben. Das Leben als aufgehender Rockstern auf einer in Geschäftszeiten wie diesen nur in Höchstgeschwindigkeit zu bewältigenden Erfolgsstraße lässt sich schwer bremsen. Doch Ryan Adams beklagt sich nicht. Er stellt rastlos fest, dass die Einsamkeit und der Verlust eben dazugehören. Zum Leben eines Rockstars. Zum Leben überhaupt. Ihm war aus Depression gewachsene (Song-) Schönheit schon als Sänger von Whiskeytown vertrauter.

Dass es ausgerechnet eines der flacheren Stücke, eine zartbittere Popballade, ist, in dem diese Zeile auftaucht, weist auf die einzige Schwäche von Adams' neuem Album Demolition hin. Während er sich auf seinen bisherigen Soloalben, dem rauen, desperaten Heartbreaker (2000) und dem in klassischer Rock-Haltung eingespielten Gold (2001), jeweils für eine seiner Musikseelen entschied, müssen nun wir entscheiden, welche uns lieber ist. Das ist unfair und unmöglich.

     Im vergangenen Jahr wurde Adams wegen Gold umjubelt. Der 27-Jährige war schon damals dabei, an einigen anderen Alben zu arbeiten. Von fünf, unter anderem mit den Titeln 48 Hours und The Suicide Handbook, sprach er in Interviews. Über einen Zeitraum von zehn Monaten war er dafür fünf Mal in Studios zwischen Stockholm und Nashville: solo, mit seiner famosen Vorjahres-Liveband Pinkhearts (manchmal auch als The Sweetheart Revolution vorgestellt), mit diversen Gästen. Rastlosigkeit trieb ihn - und es drängte ihn, emotionale Höhen und Tiefen in Liedern auszuloten. Überlegt hatte er, alle Aufnahmen als Box-Set zu veröffentlichen. "Das schien dann selbst mir zu selbstgefällig", sagt Adams.

Also gibt's jetzt ein Album. 13 Songs. Rumpelnder Country-Rock. Schlingernder Alternative-Rock. Sehnsüchtige Balladen mit Pop-Appeal. Adams betritt musikalisch kein Neuland. Demolition wird demnach auch nicht als "offizielles Nachfolgealbum" von Gold veröffentlicht. Wir halten an einer Zwischenstation, schauen auf die bisherige Wegstrecke zurück und hören ganz hinten, dort wo alles begann, Gram Parsons.

     Der bereitete als non-konformistischer Solokünstler mit der International Submarine Band und The Flying Burrito Brothers traditionelle Country-Musik für ein Rock-Publikum auf. Im Spannungsfeld zwischen existenzialistischen Themen des Country und der nach vorne gerichteten Kraft des Rock bewegt sich auch Adams. Noch mehr aber verbindet die beiden die Lust, den Bleifuß ganz fest auf das Gaspedal des Lebens zu drücken. Die Hochschaubahn der Gefühle gebiert aber keine Lieder über erfüllte Liebe und lächelnden Sonnenschein. Immer bliebt Verlorenheit.

Demolition profitiert von der Intimität der Aufnahmen. Wie Demo-Tapes, die als Vorlage für die eigentliche Studioarbeit dienen, klingen sie. Adams raunzte stimmlich nie herzerfüllter. Eine Quasi-Vermenschlichung findet statt. Rau ist das Leben - zumal als Superstar. Die Glitzerwelt mag an der Oberfläche schillern, aber innen drin reißt sie dir schwarze Löcher ungeahnten Ausmaßes. Demolition stellt - wenn auch geboren aus Ruhelosigkeit – ein Verschnaufpause dar. Die uns übrigens zu einem Zeitpunkt erreicht, da er schon wieder auf Tournee ist und nebenbei am "offiziellen Nachfolger" von Gold werkelt. Parsons legte niemals ein Demolition ein. Er verabschiedete sich - viel zu früh - mit einem Morphium-Tequila-Mix im November 1973.

     Auch Adams gilt nicht als Kostverächter der süßen Verlockungen des Rockgeschäfts. Und auch er beherrscht das Posing. Weil er es aber immer mit drückenden Moll-Akkorden versieht, unterstreicht er seinen Ruf als frustriertester Rockstar Amerikas (mindestens seit Kurt Cobain). Das macht ihn zu einem hoffnungslosen Romantiker. "Desperate Ain't Lonley", ließ er uns schon zu Whiskeytown-Zeiten wissen.

 

Bernhard Flieher
(Bernhard Flieher ist Redakteur
bei den Salzburger Nachrichten)


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