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Licht inmitten der Verdammnis
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Wenn aus Frust und Trauer eine gefühlsbetonte, mächtig rockende
Rettung der Welt wird: The Arcade Fire
(18. 06. 2005)
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     Hier geht’s um die Weltherrschaft. Nur diesen Schluss erlaubt die Kraft, mit der sich The Arcade Fire aus Montreal mit dem ersten Song "Wake Up" in den Abend stürzen. Hier geht’s um die Rettung der Verdammten in der Welt des Popkapitalismus. Hier wird nicht gespielt, um etwas zu verkaufen. Hier wird gerockt, um zu (über)leben. Hier werden für die nächsten 70 Minuten mit einem dynamischen Gegenspiel aus laut und leise, das so nur bei den Pixies ähnlich ergreifend zu hören war, und einer wahrhaftig erhabenen Mischung aus aufstachelnder Wildheit und melancholischer Einfühlsamkeit Gefangene gemacht.

Als Basis flimmert eine hypnotische Schlagwerksabteilung. Die Streicher und das Piano verstärken den Vorwärtsdrang durch Stakkato-Einsätze. Die Gitarren reißen – mal punkig hart, mal elegisch weit – einen Himmel auf, an dessen Existenz in einer Welt voller Popbanalität schon keiner mehr glauben mochte. Dann setzt Win Butlers Stimme ein. Brüchig klingt sie. Doch strahlt sie Gewissheit aus, dass die Erlösung da ist. Immer kanpp vor dem Absturz bewegt sich sein Organ. Es lässt uns in den Abgrund der Verdammnis blicken, stürzt aber nie hinein.

     Die Zeit, in der The Arcade Fire, die live als achtköpfiges Ensemble um das Songwriter-Ehepaar Regine Chassange und Win Butler auftauchen, ihr im September 2004 veröffentlichtes Debüt "Funeral" aufnahmen, war vom Tod zahlreicher Freunde und Verwandter geprägt. Der Schmerz, den sie von Friedhöfen (und aus einer Welt im emotionalen Chaos) zum Musizieren mitgenommen haben, prägt die Songs jedoch nie durch Miesmacherei. Vielmehr geht es – wie einer der Songs auch im Text klarmacht – um "Rebellion". Kein politischer Begriff ist damit gemeint, sondern jenes altersunabhängige Aufbegehren gegen die Umstände der Welt, jener Wunsch nach Befreiung, der Rockmusik erst ihren Sinn gibt, der sie bedeutend macht.

Schon "Funeral" bestach durch ungeheure Intensität. Die wahre Macht allerdings zeigt sich erst auf der Bühne. Die Band spielt wie aus einem Guss. Hier betört ein Kollektiv , das – bisweilen auch während der Songs – untereinander die Instrumente wechselt. Es bleibt der Eindruck einer verschworenen Truppe, die viel durchgemacht hat und sich gegen die Außenwelt zur Wehr setzt ohne deren Realitäten zu verweigern. Das wiederkehrende Motiv einer nicht näher erläuterten "Neighborhood" (gleichnamige Songs mit Untertiteln gibt es vier) deutet die unterstützenden, manchmal rettenden Bande von Familie und Gemeinschaft an. Gerade für das Live-Erlebnis muss das symbolisch auch für die Schicksalsgmeinschaft jener gelten, die hier eine immer seltener vorkommende Erlösung durch Rockmusik erfahren. Die exzellenten Kompositionen, dargeboten in rauer Emotion, wachsen zwar aus Leid und Verlorenheit, lassen aber beides hinter sich: "Then our skins gets thicker from / Living out in the snow."

     Der Umgang mit Frust, Trauer und Trostlosigkeit erzeugt Song für Song eine schwindelerregende Energie des Weiterlebens. Daraus entwickelt sich eine kathartische Wirkung, deren reine Schönheit von allem Übel der Welt freimacht. The Arcade Fire schalten innerhalb eines Songs so unvermittelt einen Gang höher, bremsen sich wieder ein, um dann nochmal Gas zu geben, dass es einem körperlich und seelisch den Schweiß heraustreibt. Es geht weiter. Immer, sagen The Arcade Fire. Keine Atempause, stattdessen die ebenso berührende wie erschütternde Atemlosigkeit eines immer währenden Aufbruchs in eine bessere Welt.

Eine selten gewordene Einigkeit aus Mundpropaganda und Kritikerlob, aus einem mehrere Generationen gleichermaßen berührenden Rockweltereignis köchelte in den vergangenen Monaten zu einer Suppe, die an diesem Abend überkocht und so eine Schlussfolgerung erlaubt: The Arcade Fire sind im Moment die die beste Band der Welt. Das zählt, weil im Pop immer nur der Moment zählt. Intensität und Wahrhaftigkeit des Vortrags verführen aber zu einem waghalsig anmutenden Blick in eine große Zukunft. Dieser Abend war einer jener seltenen Rockabende, von denen man irgendwann sagen wird können: "Ich war damals dabei, als…"

 

Bernhard Flieher
(Bernhard Flieher ist Redakteur
bei den Salzburger Nachrichten)


 

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