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Kreisen um den Fels
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Wenn alles gesagt ist, wenn jedes Wort gedreht und gewendet und gedeutet ist,
wenn jeder Stein, auf den der Betrachtete getreten war, gehoben und darunter biografische
Details entdeckt worden sind, dann bleibt nur noch die persönliche Erinnerung, um sich
einem Monolith wie dem irischen Schriftsteller Samuel Beckett anzunähern.

Von Bernhard Flieher
 



James und Elizabeth
Knowlson (Hg.)
Beckett
Erinnerung.
Suhrkamp, 2006. 359 S.
ISBN: 3518417665

 

Anne Atik.
Wie es war. Erinnerungen
an Samuel Beckett.

Suhrkamp, 2006. 174 S.

ISBN: 3518417738

 

James Knowlson.
Samuel Beckett.
Eine Biografie.

Suhrkamp, 2003. 1114 S.

ISBN: 3518414828

 

Deirdre Bair.
Samuel Beckett.
Eine Biografie.

Rowohlt Taschenbuch,
1994. 894 S.

ISBN: 3499128500

    Schon zu Lebzeiten verwandelte sich Samuel Beckett zu einer Legende. Wie die Falten und Furchen in sein Gesicht, gruben sich seine Sätze in die Gegenwart, um Geschichte zu werden. Beckett entschwand ob seiner Übermacht, die er aus sparsamstem Umgang mit der Sprache schuf, in einer Aura aus Distanz.

Beigetragen hat dazu die immer tiefsinnige, ausufernde und keinen seiner Buchstaben unberührt lassende Deutungsarbeit. Nach langem Anlauf durch die 30er und 40er Jahre kam mit "Warten auf Godot", "Endspiel", "Wie es ist" oder "Texte um Nichts" in den 50ern der Durchbruch spät, aber gewaltig. Und gewaltig hallt, was Beckett geschrieben hat, bis heute nach.

    Als Ikone einer Wort gewordenen Endzeitstimmung lebte er und schrieb weiter. Nach Verleihung des Nobelpreises 1969 schrieb er weniger und tat es leiser, während rund um ihn an seinem Denkmal gearbeitet wurde. Der Fels wurde von allen Seiten umkreist (etwa in der beeindruckenden, fast ehrfürchtigen Annäherung Theodor W. Adornos an das "Endspiel"), um noch mächtiger dazustehen. Da wurde, und seine Literatur gab allen Anlass dazu, schon zu Lebzeiten einer heilig gesprochen.

Das bringt mit sich, dass ein Zeitpunkt eintritt, zu dem es scheint, als sei alles schon gesagt. Die Veröffentlichungsflut zu dem vor Kurzem begangenen 100. Geburtstag Samuel Becketts dürfte uns in dieser Hinsicht eines Besseren belehren. In der Masse von Büchern über Beckett findet sich allerdings viel Wiederholung.

    Zwei epochale Biografien erschienen bisher über den vielsprachigen Iren. Detailsüchtig und schon vom Umfang her das Monumentale ihres Objekts dokumentierend näherten sich Deirdre Bair (Samuel Beckett. Eine Biografie.) und James Knowlson (Samuel Beckett.) Was sollte nach diesen Exkursen noch folgen? Was bleibt noch übrig zu sagen?

Der weltweit anerkannte Experte Knowlson (er war mit Beckett eng befreundet und gründete 1971 an der englischen Uni Reading das Beckettarchiv, die bedeutendste Beckettforschungsstätte) zeigt gemeinsam mit seiner Frau Elisabeth, was es noch zu sagen gibt. Sie ergänzen tausende Fakten und historische Zusammenhänge, die ihre Biografie zum Standardwerk machten, durch persönliche Annäherungen an den Literatur-Monolith Beckett. In ihrem soeben erschienenen Band "Beckett Erinnerung" kommen Beckett selbst und viele Freunde und Verwandte zu Wort. Das macht es möglich, dass auch über die frühen Jahre, die Zeit vor der Legendenbildung erzählt wird.

    Daneben gibt es und das ist ein großes Verdienst dieses Buches nicht nur Huldigungen an ein Idol und literarisches Vorbild, sondern auch nüchterne, genau beobachtete Geschichten von Treffen privater oder gesellschaftlicher Natur mit einem schier Unfassbaren.

So entsteht mit Texten unter anderem von Paul Auster, J. M. Coetzee, dem deutschen Beckett-Verleger Siegfried Unseld, Eugène Ionesco oder Jay Levy ein Bild dieses Mannes, das ohne seine Literatur nicht entworfen worden wäre, das hier aber nicht vorrangig  aus seinen Texten gemalt wird, sondern aus kleinen Begegnungen, großen Zufällen oder ungeheurer Verehrung.

    Intimer als viele bei den Knowlsons vorkommende Zeitzeugen war Anne Atik dran. Mit ihrem Ehemann, dem israelischen Maler Avigdor Arikha, war sie mit Samuel Beckett die letzten drei Jahrzehnte bis zu dessen Tod 1989 eng befreundet. Sie hielt in diesen Jahren anekdotische Details fest. Sie schrieb Tagebücher voll mit Begebenheiten an Becketts Seite und notierte viele Aussagen aus intensiven Gesprächen über Kunst und die Welt. Atiks schon 2003 erschienenes Buch "Wie es war" nun als Sonderausgabe erschienen schafft eine ernorme Nähe zu einem scheinbar entrückten, großen Geist.

"Wie es war", das eine andächtige "Verbeugung" vor einem großen Geist ist, endet mit einer Beobachtung an Becketts Grab an seinem zehnten Todestag. Verwelkte Blumen liegen dort und eine Banane. Es muss die Banane sein, die Krapp kaut, während er sich Tonbänder anhört (in "Krapps Last Tapes"). Damit sind wir per Erinnerungsbuch wieder mittendrin im Werk.

(Ausdrucken?)

...Bernhard Flieher ist Redakteur bei den Salzburger Nachrichten.


 

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