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Tödliches Ende aller Alternativen
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Zehn Jahre nach dem Selbstmord von Kurt Cobain existiert jene Alternative im Musikgeschäft nicht mehr, die Cobains Band Nirvana zeitlos bedeutend machte. Die Nische, in der Nirvana
gediehen, ist längst eine gewinnbringend gefüllte Marktlücke
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     "S
mells Like Teen Spirit" krachte unvermittelt daher. Am 24. September 1991 war "Nevermind" als Nirvanas zweites Album erschienen. Ohne Vorwarnung schossen Gitarren und Schlagzeug daher, rollte das Video wie eine Dampfwalze
über die Welt. Die Titelseiten hatten ein neues Gesicht. Die Generation X hatte
ihren Helden, der Verzweiflung und Ausweglosigkeit ebenso verkörperte wie
den Willen, mit Rockmusik dem Tal der Tränen zu entkommen. Das Popgeschäft hatte eine neue Hoffnung: Kurt Cobain, unwilliger Coverboy und Anführer des
Grunge. Diese Rockform bediente sich bei den Beatles und AC/DC, bei
Surf-Rock ebenso wie bei Hardcore. Melodie und Mächtigkeit, Härte und Herzensbildung fanden in ein und demselben Song Platz - und das verkaufte sich auch noch.

Wie ein Donner war das, als "Nevermind" Michael Jackson von der Spitze der Albumcharts verjagte. Eine Überraschung war es nur für jene, die lediglich auf Hitparaden starren und MTV glotzen. Diese "jene" sind immer die überwältigende Mehrheit. Die Nirvana-Explosion aber hatte sich lange abgezeichnet.

     "Wir haben gewonnen!" Nur: Wer war "wir"? "Wir haben gewonnen", schrieb US-Musikjournalistin Gina Arnold damals. "Aber wer waren  wir  und warum waren  wir  so anders als die anderen?", fragt Michael Azerrad, Autor der Nirvana-Biografie "Come As You Are", am Beginn seines 2001 erschienenen Buches "Our Band Could Be Your Life". Und warum veränderte dieses wir den Lauf der Popmusik? Und vor allem: Auf welche Art und Weise veränderte dieses "wir", das Nirvana an die Spitze der Charts gebracht hatte, das millionenschwere Geschäft mit der Popmusik? Denn das passierte.

Nirvana waren das erste kommerziell erfolgreiche Ergebnis einer musikalischen Revolution, einer Revolte gegen Ausbeutung, die Macht einer ideenlosen Musikmarktdiktatur. Der Aufstand gedieh direkt unter der Nase des Reagan-Regimes in den letzten Zuckungen des Kalten Krieges. Eine politisch durchdrungene Rebellion spielte sich ab. Rockmusik bekam die Kraft der frühen Tage zurück. Künstlerpersönlichkeiten, angespornt von höchster Selbstachtung und
angeekelt von brutaler Geschäftstüchtigkeit im Pop, schufen einen geheimen Staat im Untergrund.

     Die Bands hießen Pixies, Hüsker Dü, Sonic Youth, The Minutemen, Black Flag oder Mission of Burma. Sie alle setzten - manchmal im Hard-Core, manchmal als hymnisch-heftige Melodiker, manchmal als verstörende Experimentalisten, aber immer auf Basis des Rock und geleitet von der Idee, in allen Fragen "independent" zu sein - auf das revolutionäre Credo des Punk: Do it yourself! Oder es tut niemand.

Ein Netzwerk aus Rebellion und Rockmusik Über den USA breitete sich ein weit verzweigtes Netzwerk von Ein-Mann-Plattenlabels, Vertriebsfirmen, Fanzines, kleinen Clubs, "Mom-and-Pop-Plattengeschäften" (Azarrad) und sogar Radiostationen aus. "Independent" war das Zauberwort - nicht nur in Bezug auf eine
träge und in künstlerischer Hinsicht oberflächlich agierende Musikindustrie, sondern auch im künstlerischen Ausdruck. Subversiv war das Vorgehen. Gering war die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Bedingungslos war die Gefolgschaft
der Eingeweihten. Diese Zutaten beförderten nicht nur den kreativen Output, sondern auch eine ungeheure Legendenbildung. Zum bisher letzten Mal entfaltete
Rockmusik vom Untergrund aus gesellschaftliche Sprengkraft. "Independent" meint also durchaus geistige Dimensionen. Vor allem aber war die brennende Frage
des Rock-Untergrunds, ob sich ein Plattenlabel beim Vertrieb seiner Aufnahmen der Giganten der Musikindustrie bedienen soll. Damals waren das noch die so genannten Großen sechs: Capitol, CBS, MCA, PolyGram, RCA und WEA. Der
Vorteil: Die Platten landeten in so gut wie allen Plattengeschäften. Der Nachteil:
Ein großer Verlust an eigener Kontrolle. SST, Dischord, Touch & Go und Sub Pop - die wichtigsten Labels dieser Jahre - verzichteten zu Gunsten kleiner, aber fein gestalteter Auflagen auf die Industriefalle. Bis Nirvana kamen und deren Label Sub Pop einen Vertrag mit Geffen aushandelte. Danach folgt von Seiten der Industrie ein üblicher Reflex. Der Erfolg von "Nevermind" ließ den Rest der Plattenindustrie keuchend hinterherlaufen. Damals schon war die Wirklichkeit schneller als die angeblichen Marktführer, die fantasielos ihre Nasen in Marktstudien stecken, statt den Duft der Realität zu atmen.

     Es passierte eine Aufrüstung in Sachen "Independent Rock" und "Alternative Rock", die dem NATO-Doppelbeschluss die Show stahl. Gut 100 Jahre, nachdem von Seattle aus die Trecks nach Klondike gezogen waren, herrschte wieder Goldgräberstimmung. Sie blieb nicht nur auf die Nirvana-Homebase Seattle beschränkt, sondern dehnte sich weltweit aus. Wenn die Globalisierung für die
Gewinnmaximierung irgendwo perfekt funktioniert, dann in der Unterhaltungsindustrie. Was nach Trend riecht, wird ausgebeutet. Immer schon und immer wieder. Die Ohnmacht der Musikproduktionsgiganten lässt sich seit Jahren auch in der Problematik um Internet-Downloads und Brennen von CDs beobachten.

Das Wort "Alternative" stand jedenfalls fortan nicht mehr als Attribut für Musik jenseits der Hitparade. Es wurde zum Genre. Jede Nische ist ja auch nur eine Marktlücke. "Independent" landete, als ging's um Beschreibungen wie "kuschelweich", "hitzebeständig" oder "mikrowellenfest", als Anpreisungsattribut auf Pressemitteilungen und auf Anzeigenseiten. Inhalt spielte keine Rolle, solange die Titelseiten nur den Slogan, das Schlagwort groß und breit transportieren. So unterteilt Universal, das aktuell größte Konglomerat aus Plattenlabels, seine wöchentlichen Newsletter mittlerweile nicht nur in Kapitel wie "Soundtracks" oder "Superstars", sondern bietet längst auch die Abteilung "Alternative". Mit der Alternative, die in den 80er Jahren in kleinen Klubs geboten wurde und die mit Nirvana den ersten, kommerziellen und massenhaft erdrückenden medialen Erfolg verbuchte, hat das freilich nichts zu tun. Auch das seit eineinhalb, zwei Jahren hochglänzend vermarktete "Rockrevival" um Bands wie The Strokes, The Vines, Blackrebel Motorcycle Club läuft unter dem Kennwort "Alternative". Das mag für die ästethische Qualität der neuen Lederjackenrocker in einer Britney-Welt schon stimmen. Die Musik dieser Bands hört sich auch gut an. Sie haben Kraft und Macht, für einen Taktwechsel die Welt aus den Angeln zu heben. All dem fehlt aber jeder Wille zur Unabhängigkeit von den Mechanismen des Marktes. Die Industrie domestizierte nach Nirvana auch den Untergrund.

     Nevermind: Glücksfall und Sündenfall zugleich Nirvanas "Nevermind" war also Glücksfall wie Sündenfall zugleich. Es war kein rasch verglühender Funke, sondern ein Dauerfeuer, das weiterhin an die Kraft der Rockmusik glauben lässt, das aber ebenso die Grauslichkeit des Musikgeschäftes herausforderte. An der Schwelle zwischen dem letzten Rest wahrhaftiger Unabhängigkeit in der Rockmusik und einer massenhaft produzierten Variante eines Verkaufsschlagers mit dem Titel "Independent" oder "Alternative" stieg Cobain zur letzten vornehmlich vom Herz und nicht vom Geschäftssinn getriebenen Symbolfigur des Pop auf. "Nevermind" stellt eine Zäsur in der Geschichte des Geschäftes mit Pop dar. Nicht nur wegen seiner musikalischen Qualität findet sich das Album in so gut wie allen "All-Time-Bestenlisten" des Pop unter den Top-Gereihten.

Cobain ertrug die in ihn projizierten Erwartungen nicht. Er wollte Musik machen. Dass seine Musik alle Nerven der Zeit traf, er womöglich der prototypische Mittzwanziger dieser Zeit war, dafür konnte er nichts. Wieder einmal war für die Manager in den Chefetagen der Entertainment-Multis die Zukunft des Rock gefunden. Zumindest bis sich Cobain eine Kugel in den Kopf jagte. Das war dreieinhalb Jahre nach "Nevermind" und einen guten Monat nach dem letzten Nirvana-Konzert im Terminal 1 auf dem alten Münchner Flughafen Riem. Ein müder
Cobain, erst wenige Tage zuvor war er beim Konzert in Rom kollabiert, stand auf der Bühne. Mit Mühe hielt die Band gut eineinhalb Stunden zusammen, geriet immer wieder aus den Fugen, ächzte ganz offensichtlich unter der Last, die Musikindustrie und Öffentlichkeit ihr auf die Schultern gelegt hatte. Es war nicht auszuhalten. Cobain war längst der Märtyrer einer gelangweilten und wütenden Jugend. Sein Selbstmord am 7. April (diesen Todestag bestätigt der Bericht der Polizei in Seattle; der 27-Jährige war schon zwei Tage zuvor untergetaucht) erlöste ihn von diesem überirdischen Druck. Der Schuss aus der Schrotflinte hallt gleichermaßen nach wie Gitarre, Bass und Schlagzeug seiner Band.

Neue Nirvana sind einige in Sicht. Ein neues "Nevermind" allerdings nicht.

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Bernhard Flieher

(Bernhard Flieher ist Redakteur
bei den Salzburger Nachrichten)


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