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Stille schmerzt wundervoll
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Beck Hansen wirft auf seinem neuen Album "Sea Change" die Ironie über Bord, entblößt seine Seele und triumphiert mit leiser Nachdenklichkeit
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     V
orgestellt hat sich Beck als "Loser". Das war 1994. In zerrissenen Jeans und kariertem Hemd vereinnahmte ihn, den schmächtigen Ober-Slacker, die Generation X als Helden. Während Grunge-Gott Kurt Cobain im selben Jahr der erdrückenden Ernsthaftigkeit, mit der er als Sprachrohr herhalten sollte, den finalen Schuss versetzte, transformierte Beck die Verlorenheit der frühen 1990er Jahre in Ironie. Im Grunge, zu dem Beck fälschlicherweise gern gezählt wird, bäumte sich der Rock auf. Beck tat das Gegenteil: er dekonstruierte. Im Anbetracht seines weiteren Schaffens muss das erste Album "Mellow Gold", diese herrliche Mischung aus Low-Fi-Hipbeats und Folk, als hintergründig verschmitztes Lächeln gelesen werden.

Wie kein anderer erkor der Enkel von Al Hansen, eines Fluxus-Künstlers, und Sohn einer Schauspielerin aus dem Warhol-Umfeld, fortan die Collage zu seinem Ausdrucksmittel. Aus historischen Versatzstücken bastelte er eine eigene Handschrift, verwehrte sich gegen jede Vereinnahmung und Erwartungshaltung. Er tat das ausgerechnet mit jenen Mitteln, die Hip-Hop und Techno, die angesagten Genres der Zeit, ausmachten. Das Zitat schien ihm auf all diesen Alben der einzig richtige Weg in einer Welt überbordender Event-Kultur.

    Nach dem rauen "Mellow Gold" mischte er auf "Odelay" (1996) Rock, Folk, Rap und Funk. Dann schwenkte er mit "Mutations" (1998) deutlich Richtung Singer-Songwriter. Schließlich präsentierte sich der Kalifornier auf "Midnight Vultures" (1999) als Soul-Funk-Prinz. Die Bläser luden zur ausgelassenen Party. Die ist vorbei. Überall – und damit in der ureigenen Heimat des musikalischen Nomaden. Von der Melancholie und der tiefen, schmerzenden Emotion, mit der sein neues Album "Sea Change" besticht, war bisher nichts zu merken. Nun aber hören wir den 32-Jährigen mit einer Stimme den Blues singen, die weit älter klingt als er ist. Er verzichtet auf Stilbrüche, greift nicht in den Farbtopf der Popgeschichte, sondern in ihren Urnebel.

Da ließe sich schnell auf die aktuelle, von Terror und Krieg gedrückten Stimmung schließen. Weit gefehlt. Beck, sonst einer, dessen Werke eher gesellschaftspolitisch zu deuten waren und der sich bestens darauf verstand, universelle Befindlichkeiten einzufangen, bekennt sich dieses Mal zum "Ich".

    Dunkel und düster bereitet er seine eigenen Ängste, seinen Verlust und seine Trauer auf. Den Gestus des Albums bestimmt das Ende der Beziehung mit Langzeitfreundin Leigh Limon. Viele Zeilen verweisen auf die Trennung, den persönlichen Schmerz, eine Lebensverzweiflung, die einen gern befällt, wenn man die 30er erreicht.

Es wäre aber nicht Beck, könnte man nicht doch einen doppelten Boden spüren. Sein persönliches Vorwärts bewältigt er mit Klängen, die ganz am Anfang des Pop-Universiums stehen. Folk und Country – und deshalb die akustische Gitarre - leiten ihn. Aus dem Genre des Death Country, jener dunkelgrauen Sicht aufs Leben, schöpft er musikalisch ohnehin von jeher. Nun tut er es auch thematisch. Gleich das erste Lied "The Golden Age" greift die von Hank Williams oder Johnny Cash verarbeitete Metapher vom verlorenen Paradies auf. Beck findet zwölf Songs lang keine Zuflucht. Aber er findet eine adäquate Form, Tod, Trauer und Verfall zu verhandeln. Das ist von zeitloser Schönheit -und deshalb von leiser Mächtigkeit und Eindringlichkeit.

    In einem Interview erklärte Beck, er hätte in den vergangenen Jahren viel darüber nachgedacht, wo er eigentlich hinwolle. Seine rasante Kurvenfahrt durch die Popgeschichte tauschte er gegen eine Rast auf dem Lost Highway, an dessen Ende der Sonnenuntergang wartet. "Sea Change" ist Ausdruck dieses Innehaltens, einer seelenvollen Nachdenklichkeit.

 

Bernhard Flieher
(Bernhard Flieher ist Redakteur
bei den Salzburger Nachrichten)


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