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Blaue Augen, die im Regen weinen
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Zum 70. Geburtstag des ewigen Outlaws Willie Nelson
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     "M
ammas don't let your babys grow up to be cowboys." Gut, dass Mutter Myrle diese Songzeile von Sohn Willie nicht wahr gemacht hat. Wunderbare Schlichtheit und kräftige Einfachheit wäre uns vorenthalten worden. Nelson ist die Verkörperung der guten Seite des geschundenen Genres Country.

Die archaische Grundform dieser Musik ist tief verwurzelt mit dem Boden, aus dem sie wächst. Wie Nelson. Aus armenVerhältnissen kommt er, wuchs bei den Großeltern und auf Baumwollfeldern auf. In Polka-Bands lernte er Gitarre spielen. Harte Zeiten haben ihre Spuren tief eingegraben.

      Wenn jemandem die Musik ins Gesicht geschrieben steht, dann ihm: knochentrocken, ausgemergelt, spröde. Wie das Land, aus dem beide kommen: Abbott, Texas. Hier gedeihen zu sparsamsten Akkoren mystische Geschichten von Liebe und Tod, von Rache und Eifersucht, Sehnsucht und Lebenslust. "Für mich hat es mit Werten zu tun, Heimatwerten hauptsächlich." Familie, Job, Haus - "all die Dinge, mit denen du dich täglich auseinanersetzen musst", sagt er im Gepräch mit den SN. Country beinhaltet gleichzeitig den Blick in die Vergangenheit auf die Mythen der Prärie, auf die Einsamkeit der Stadt, auf die Sehnsucht nach endloser Freiheit in einer sicheren Umgebung. "Freewheelin' " und doch immer wieder die Wegweiser entlang des Highways suchend. Der Blick zurück reicht bei Nelson über mehr als 100 Alben, die er seit 1962 aufgenommen hat. Auf denen in knappster Dosierung das Country-Genre verändert wurde. "Ich hab nie darüber nachgedacht. Ich tat, was ich wollte." Auch die Hinwendung jüngerer Künstler zu den Wurzeln (etwa in New Americana oder Alternative Country) sieht er nicht als "Revival". "Die Musik ist immer da. Es gab immer Wichtiges zu erzählen."

Niemand wollte ihn hören, als er in den frühen 60er Jahren ins Country-Mekka Nashville kam. Also schrieb er Nummer-1-Hits für andere. "Crazy" für Patsy Cline etwa. Musik macht er immer. Selbst als er wegen seiner Steuerschulden (rund 15 Mill. Euro) Schlagzeilen machte, griff er zur Gitarre. "The IRS Tapes/Who'll Buy My Memories" halfen ihm zu Beginn der 90er Jahre die Schulden abzubauen.

      Der (Solo-)Erfolg kam Mitte der 70er Jahre. Einerseits passierte das mit den Alben "Shotgun Willie" (1973) und "Red Headed Stranger" (1975), einem spröde instrumentierten Meisterwerk mit dem Song-Höhepunkt "Blue Eyes Crying In The Rain". Andererseits beteiligte sich Nelson, zurückgekehrt nach Texas, weil in Nashville sein Haus abgebrannt war, in Austin am Projekt seiner Freunde Waylon Jennings, Jessie Colter und Tompall Glaser. "Wanted: The Outlaws" hieß das Album. Sie beschwor die Legenden des Westens. Es war die eigene Legende vom Kampf gegen das Nashville-Establishment gegen das Diktat der Country-Entertainer im Paillettenkleid. Der Erfolg der Outlaws - das Album war das erste Country-Album, für das in den USA Platin gab - war überwältigend. Der Outlaw-Haltung ist Nelson treu geblieben. Immer wieder - zuletzt mit "Teatro" (1999) kreiierte er neue Spielarten des ewigen Country-Liedes.

Outlaw, sagt er, sei halt ein einfach auszusprechendes Wort. "Darum wird es oft verwendet. Es beunruhigt mich nicht." Eher erfüllt es ihn mit Stolz, aber das lässt sich einer wie Nelson bestenfalls durch ein Blitzen in den Augen anmerken.

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Bernhard Flieher
(Bernhard Flieher ist Redakteur
bei den Salzburger Nachrichten)


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