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Wo Liebe fehlt, da hilft ein Lied

Der größte unbekannte Songschreiber der Gegenwart heißt Will Oldham. Sein aktuelles
Album "The Letting Go" nahm der Eigenbrötler aus Kentucky im Studio von Björk
in Island auf. Es schmolzen die Gletscher!

Von Bernhard Flieher
(02.12.2006)



Bernhard Flieher

ist Redakteur bei den
Salzburger Nachrichten


Bonnie "Prince" Billy
The Letting Go
(ASIN: B000FS9LM0, 2006)

 

Frühere Alben
(Auswahl)

Bonnie "Prince" Billy
Master and Everyone
(
ASIN: B00007GZF9, 2003)
 

Bonnie "Prince" Billy
Ease Down the Road
(
ASIN: B000056Q2M, 2001)


Bonnie "Prince" Billy
I See a Darkness
(ASIN: B00000JAD4, 1999)

    Vor drei Jahren sang Oldham in einem Song: "The monster will get you, 'cause love does no good." So schlimm? Ja! Ja! Und nochmals ja, möchte man schreiben. Aber schreien ist hier unangebracht. Jeder übermäßig laute Ton würde die Macht der Reduktion zunichte machen, mit der Will Oldham erscheint. Auf dem aktuellen Werk "The Letting Go" (Domino/Edel) wird die Härte des Daseins so beschrieben: "When the numbers get too high/Of Those dead flying through the sky/Oh I don’t know why love comes to me." Wir aber ahnen es! Die Liebe zum Werk dieses Mannes kommt, weil er uns in jedem Ton klar macht, dass sich dieses Leben trotz aller Härten lohnt, wenn man die richtigen Lieder hört. Die Kraft dieses Albums, dessen Sehnsüchtigkeit Gletscher zum Schmelzen bringt, wächst aus einer Stille, die in solcher Intensität in einer plärrenden Welt wie der unseren kaum noch zu hören ist.

Sanft gestrichene Geigen, eine kaum gezupfte Gitarrensaite, ein mit dem Beserl bearbeitetes Schlagzeug, dessen erste Silbe in Oldhams Fall definitiv eine schwere Übertreibung ist. Dazu eine näselnde, fast tonlose Kopfstimme. Wie federleichte Bleistiftskizzen klingt das. Wenn man aber genau hinhört, wenn man sich hineintreiben lässt in die scheinbar harmlosen Oldham’schen Geschichten, verschwindet das Unauffällige im grauen Schleier der Weisheiten, die das Leben schreibt. Und die sind eben selten lustig.

    Über Jahre hat er sich fast ausschließlich der Themen Verlust, Schmerz und Leid angenommen – und zwar hauptsächlich am Beispiel auswegloser Zustände wie körperlicher Liebe und Tod. Nun nähert er sich beharrlich dem Thema "Hehre Minne".

Freilich wäre diese Liebe nichts, wenn es da als Gegenwelt nicht Verzweiflung und Einsamkeit, von einer bösen Welt herbeigeführte Entfremdung, aber auch selbst gewählte Isolation gäbe. Hier entspricht, wie und was der 36-jährige Oldham erzählt, einer Haltung, wie sie aus Südstaaten-Krimis oder aus existenzialistischen Country-Werken eines Johnny Cash bekannt ist.

Grundklang allen Schaffens ist der Glaube an eine Kraft, die uns leitet. Nur: Wo die gerade jetzt ist, während wieder einmal alles den Bach runtergeht, das wissen wir leider nicht. Trost spendet (vielleicht) das Lied.

Viele dieser Täler der Emotionen durchschritt Oldham musikalisch allein. Seit den frühen 90er Jahren fällt der Name immer wieder auf. Es ist allerdings schwer ihn zu orten, denn Oldham lieferte seine Alben unter anderem mit den Pseudonymen Palace Brothers, Palace oder Superwolf ab. Als Bonnie "Prince" Billy scheint er sich wohl zu fühlen. "The Letting Go" (Domino/Edel) ist schon das vierte Soloalbum, das er unter diesem Namen herausgibt.

    Für das vorliegende Werk hat er eine kleine erlesene Truppe zusammengeholt. Aufgenommen wurden die Songs auf Island mit Jim White (Schlagzeuger von Nick Cave), der Sängerin Dawn McCartney, seinem Bruder und Langzeitbegleiter Paul Oldham und einem Streicherensemble. Entstanden sind zerbrechliche Songs, die ihre Wurzel im Folk, im Blues und manchmal auch in leisem Rock haben. Und was auf dem Album im Song "Loves Comes To Me" mit der Frage beginnt, warum denn ausgerechnet er die Liebe erfahren sollte, endet – durchaus überraschend beim Blick aufs bisherige Werk – mit einem Schimmer von Hoffnung. Wo früher desolate Grundstimmung den Ton angab, liegt nun plötzlich wahre Liebe in der Luft. Sie wird auch nicht mit einem makaberen Friedhofswitzchen weggewischt, sondern darf bleiben – zumindest bis zum nächsten Album.

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